"Bitte, die Gewehre!"
Der Dünne schob einen Ständer mit Schießeisen heran.
Die Hexe eilte herbei und blieb stocksteif stehen, als Mr. Dark ausrief:
"Und hier unsere todesmutige Mademoiselle Tarot. Sie fängt die Kugeln auf, sie setzt ihr Leben aufs Spiel!"
Die Hexe schüttelte den Kopf und erschrak, aber Mr. Dark packte sie und hob sie leicht wie ein Kind auf das Podium. Sie protestierte immer noch. Mr. Dark zögerte zwar, aber angesichts der Menge konnte er nicht mehr zurück und rief:
"Bitte, ein Freiwilliger, der das Gewehr abfeuert!"
Leises Raunen stieg aus der Menge auf. Man machte sich gegenseitig Mut.
Mr. Dark bewegte kaum die Lippen und fragte leise: "Ist die Uhr stehengeblieben?"
"Nein", wimmerte sie. "Nicht stehengeblieben."
"Nein?" Fast hätte er geschrien.
Er versengte sie mit seinem Blick, dann wandte er sich wieder den Zuschauern zu. Seine Lippen bewegten sich im gewohnten Rhythmus, seine Finger glitten über die Gewehre.
"Freiwillige vor!"
"Bitte, aufhören!" flehte die Hexe händeringend.
"Es geht weiter! Zur Hölle mit dir! Zweimal zur Hölle!" flüsterte er ihr mit wütendem Zischen zu.
Insgeheim zwickte sich Dark ins Handgelenk, an der Stelle, wo die Zeichnung einer stockblinden Frau eintätowiert war. Das Bild kniff er mit den Fingernägeln.
Die Hexe schnappte nach Luft, griff sich an die Brust und stöhnte. Sie knirschte mit den Zähnen. "Erbarmen!" jammerte sie halblaut.
Die Menge verharrte schweigend.
Ein rasches Nicken von Mr. Dark.
"Da sich keine Freiwilligen melden..." Er kratzte sich am tätowierten Handgelenk. Die Hexe erschauderte.
"Also streichen wir den letzten Akt der Vorstellung und..."
"Hier! Ich melde mich freiwillig."
Köpfe wandten sich.
Mr. Dark zuckte zurück, dann fragte er: "Wo?"
"Hier!"
Weit draußen am Rand der Menge hob sich eine Hand.
Die Menschen bildeten eine Gasse.
Mr. Dark konnte den Mann klar erkennen, der jetzt dort stand, allein, getrennt von den anderen.
Charles Halloway, Bürger, Vater, nach innen gekehrter Ehemann, Nachtwandler, Hausmeister der städtischen Bibliothek.
Siebenundvierzigstes Kapitel
Das beifällige Gemurmel der Menge legte sich.
Charles Halloway rührte sich nicht. Er wartete, bis die Gasse sich hin zur Bühne geöffnet hatte.
Er konnte den Gesichtsausdruck der Mißgeburten dort oben nicht sehen. Sein Blick schweifte über die Menge hin und blieb am Spiegelkabinett hängen, diesem leeren Vergessen, das mit zehnmal tausend Millionen Lichtjahren von Spiegelungen und Rückspiegelungen lockte, alles umdrehte und wieder umdrehte, in die Tiefe des Nichts führte, ins Leere stürzen ließ, sinken, bis der Magen revoltierte.
Aber war da nicht ein Echo zweier Jungen im Silberbelag einer jeden Spiegelscheibe? Spürte er es oder spürte er es nicht – vielleicht mit den Wimpern, wenn schon nicht mit den Augen –, ihr Hindurchschreiten, das Warten dahinter, warmes Wachs in der Kälte, das Warten, bis sie vom Entsetzen wie ein Spielzeug aufgezogen wurden, bis die Panik sich Bahn brach?
Nein, sagte sich Charles Halloway, nicht denken. Bring es hinter dich.
"Ich komme!" rief er...
"Gib's ihnen, Opa", sagte ein Mann.
"Ja", antwortete Charles Halloway, "das hab ich auch vor."
Dann schritt er durch die Menge.
Als der Freiwillige, der Nachtwanderer, näher kam, drehte sich die Hexe langsam um.
Ihre Lider zerrten an den schwarzen, wächsernen Fäden hinter der dunklen Brille.
Mr. Dark, dieses von Zeichnungen übersäte, übersättigte Sammelsurium von Seelen, beugte sich von der Bühne und leckte sich erwartungsvoll über die Lippen. Gedanken ließen in seinen Augen feurige Funkenräder wirbeln, rasch, rascher – was, was was?
Und der alte Hausmeister setzte ein Lächeln auf, das so starr war wie ein Zelluloidgebiß aus einer Wundertüte. Er ging weiter, und die Menge bahnte ihm eine Gasse, wie sich die See vor Moses öffnete und hinter ihm wieder schloß. Was werde ich tun? Warum war er überhaupt hier? Aber er ging unverzagt weiter, Schritt für Schritt.
Charles Halloways Fuß berührte die unterste Stufe des erhöhten Podiums.
Die Hexe zitterte insgeheim.
Mr. Dark witterte ein Geheimnis und warf dem Mann einen scharfen Blick zu. Dann streckte er diesem vierundfünfzigjährigen Mann rasch die Hand entgegen.
Doch der vierundfünfzigjährige Mann schüttelte den Kopf, gab ihm die Hand nicht, ließ sich nicht hinaufhelfen.
"Danke – nein."
Als Charles Halloway auf der Bühne stand, winkte er der Menge zu.
Hin und wieder applaudierte jemand, als ob man ein paar Knallfrösche losläßt.
"Aber..." Mr. Dark tat erstaunt. "Aber Ihre linke Hand, Sir. Wenn Sie nur eine Hand gebrauchen können, dann können Sie doch keine Flinte halten und abfeuern."
Charles Halloway erbleichte.
"Ich schaff es schon", sagte er. "Auch mit einer Hand."
"Hurra!" schrie unter ihm ein Junge.
"Gut so, Charlie!" rief dahinter ein Mann.
Mr. Dark wurde vor Zorn rot, als die Leute jetzt noch lauter lachten und klatschten. Er wehrte mit beiden Händen die Wogen erfrischenden Beifalls ab, der wie Regen von den Zuschauern her auf ihn niederprasselte.
"Schon gut, schon gut, sehen wir erst mal, ob er's schafft!"
Heftig packte der Illustrierte Mann eine Flinte, riß sie aus dem Ständer und schleuderte sie durch die Luft.
Die Menge hielt den Atem ab.
Charles Halloway duckte sich. Er hob die rechte Hand.
Die Waffe klatschte gegen seine Handfläche. Er packte zu. Sie fiel nicht herunter. Er hatte sie fest im Griff.
Die Zuschauer johlten und beschimpften Mr. Dark wegen seiner schlechten Manieren. Er wandte sich eine Sekunde lang ab und verfluchte sich selbst.
Strahlend hob Wills Vater die Flinte.
Die Menge brüllte.
Und während die Woge des Applauses sich brach und das Ufer entlangrollte, sah er wieder in die tausend Spiegel, wo die erahnten, doch ungesehenen Umrisse von Will und Jim zwischen den gigantischen Rasierklingen von Enthüllung und Illusion verharrten. Dann wandte er sich wieder dem Medusenblick von Mr. Dark zu, rasch und abschätzend, dann weiter zu der gesichtslosen, zitternden Norne der Mitternacht, die sich immer mehr in den Hintergrund drängte. Sie stand nun schon am anderen Ende der Tribüne und drängte sich an die schwarz-rote Zielscheibe.
"Junge!" rief Charles Halloway.
Mr. Dark erstarrte.
"Ich brauche einen Jungen, der mir freiwillig die Flinte halten hilft", rief Charles Halloway.
"Los! Irgendeiner!" fügte er hinzu.
In der Menge scharrten ein paar Jungen verlegen mit den Füßen im Staub.
"Mein Junge!" rief Charles Halloway. "Bleib stehen.
Dort ist mein Sohn. Er wird sich freiwillig melden, wie, Will?"
Die Hexe hielt eine Hand in die Luft, um die Welle der Kühnheit zu ertasten, die wie ein Fieber von dem vierundfünfzigjährigen Mann ausging. Mr. Dark fuhr herum, als hätte ihn eine Schrotladung voll getroffen.
"Will!" schrie der Vater.
Will saß regungslos im Wachsfigurenkabinett.