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Die Leute sahen nach links, nach rechts, hinter sich.

Keine Antwort.

Will hockte im Wachsmuseum.

Mr. Dark beobachtete das alles mit einer Mischung aus Achtung, Bewunderung, Besorgnis. Er schien genauso abzuwarten wie Wills Vater.

"Los, Will, komm doch und hilf deinem Alten!" rief Charles Halloway in kameradschaftlichem Ton.

Will saß im Wachsmuseum.

Mr. Dark lächelte.

"Will! Willy! Komm hierher!"

Keine Antwort.

Mr. Darks Lächeln wurde breiter.

"Willy! Hörst du denn deinen alten Vater nicht?"

Mr. Darks Lächeln verblaßte.

Die letzte Frage kam nämlich von einem Mann unter den Zuschauern.

Die Menge lachte.

"Will!" rief eine Frau.

"Willy!" schrie eine andere.

"Juhuh!" johlte ein älterer Herr mit Bart.

"Los, komm doch, Will!" Das war ein Junge.

Lachend stießen sich die Menschen mit den Ellbogen an.

Charles Halloway rief. Sie riefen. Charles Halloways Ruf hallte zu den Bergen hin. Ihr Rufen klang bis hin zu den Bergen.

"Will! Willy! Wil-ly!"

In den Spiegeln huschte und zitterte ein Schatten.

Der Hexe liefen Bäche von Schweiß über das Gesicht.

"Da!"

Die Menge hörte zu rufen auf.

Auch Charles Halloway verstummte. Er brachte den Namen seines Sohnes nicht mehr über die Lippen und stand schweigend da.

Will erschien im Eingang des Spiegelkabinetts und sah aus wie die Wachsfigur, zu der er beinahe geworden war.

"Will!" rief sein Vater leise.

Der Klang der sanften Stimme ging der Hexe durch Mark und Bein.

Will bewegte sich wie eine Marionette durch die Zuschauermenge.

Sein Vater hielt ihm den Gewehrkolben als Stock hin und zog ihn zu sich herauf.

"Da habt ihr meine gesunde linke Hand!" verkündete Charles Halloway.

Will sah und hörte nichts von dem rauschenden Beifall des Publikums.

Mr. Dark hatte sich nicht geregt, doch Charles Halloway merkte die ganze Zeit über, wie in seinem Kopf Kanonenschläge losgingen. Einer nach dem anderen verzischten sie und erstarben. Mr. Dark hatte keine Ahnung, was die beiden planten. Das wußte übrigens auch Charles Halloway nicht. Ihm war, als hätte er diese Szene für sich selbst geschrieben, all die vielen Jahre in der Bibliothek, in den vielen Nächten; er hatte das Manuskript erst auswendig gelernt und es dann zerrissen und nun vergessen, was er auswendig gelernt hatte. Er verließ sich auf das geheimnisvolle Wirken seines Unterbewußtseins und spielte auswendig weiter – nein! Er spielte, was Herz und Seele ihm eingaben. Und nun?

Seine strahlenden Zähne schienen die Hexe noch blinder zu machen. Unmöglich! Mit einem Ruck hob sie die Hand zu den Gläsern, den zugenähten Lidern!

"Alles näher kommen!" rief Wills Vater. Die Zuschauer drängten sich dichter heran. Die Bühne war wie eine Insel. Das Meer waren die Menschen.

"Jetzt achtet auf das Ziel!"

Die Hexe schmolz in ihren Lumpen dahin.

Der Illustrierte Mann wandte sich nach links und fand keine Unterstützung bei dem Skelett, das nur noch hagerer erschien; fand keine Hilfe bei dem Zwerg, der idiotisch-gleichgültig vor sich hin starrte.

"Die Kugel, bitte", sagte Wills Vater liebenswürdig.

Die tausend Zeichnungen auf der zuckenden Haut hörten die Aufforderung nicht, warum sollte Mr. Dark sie hören?

"Wenn Sie so nett sein wollen – die Kugel, bitte", wiederholte Charles Halloway. "Damit ich der alten Hexe den Floh von der Warze schießen kann."

Will stand regungslos da.

Mr. Dark zögerte.

Draußen in der bewegten See breitete sich Lächeln aus, hier und da, hundert, zweihundert, dreihundert Zeugen lächelten, als hätte der Mond seine Anziehungskraft ausgeübt. Dann verebbte die Flutwelle.

Mit einer langsamen Handbewegung streckte der Illustrierte Mann ihm die Kugel hin. Mit einer zähen, schlangenartigen Bewegung hielt er die Kugel erst dem Jungen vor die Nase, um festzustellen, ob er sie bemerkte. Will sah nichts.

Sein Vater nahm das Geschoß.

"Kratzen Sie Ihre Anfangsbuchstaben hinein", sagte Mr. Dark mechanisch.

"Das genügt mir nicht!" Charles Halloway hob die Hand seines Sohnes und legte die Kugel hinein, damit er sie festhalte. Dann klappte er mit seiner gesunden Hand das Taschenmesser auf und markierte das Blei mit einem seltsamen Symbol.

Was ist eigentlich los, überlegte Will. Ich weiß, was passiert. Oder weiß ich nicht, was passiert? Was eigentlich?!

Mr. Dark sah auf der Kugel einen aufgehenden Mond eingekratzt und fand daran nichts zu beanstanden. Er schob die Kugel in den Lauf und warf Wills Vater die Flinte wieder zu. Der fing sie genau so geschickt wie vorhin auf.

"Fertig, Will?"

Das rosige Gesicht des Jungen senkte sich in der Andeutung eines Nickens.

Charles Halloway warf dem Spiegelkabinett einen letzten Blick zu und dachte: Jim, bist du immer noch drin? Mach dich fertig!

Mr. Dark wandte sich ab, um seine Staubhexe zu beruhigen, zu tätscheln, ihr zuzureden, aber dann hielt er mitten in der Bewegung inne, als das Flintenschloß wieder aufschnappte. Wills Vater ließ die Kugel herausspringen, um die Zuschauer davon zu überzeugen, daß sie noch vorhanden war. Sie sah zwar echt aus, doch er hatte vor langer Zeit gelesen, daß es sich um eine Ersatzkugel handelte, die aus einem harten, stahlfarbenen Wachs bestand. Wenn man sie abschoß, dann verflüchtigte sie sich vor dem Flintenlauf in einem Dampfwölkchen. Der Illustrierte Mann hatte geschickt die Kugeln ausgetauscht und legte der zitternden Staubhexe genau in diesem Augenblick die echte Bleikugel in die Hand. Sie mußte die Kugel in der Wange verstecken. Beim Knall des Schusses hatte sie wie unter einem Aufprall zu schwanken und dann die angeblich mit ihren gelben Rattenzähnen aufgefangene Kugel vorzuzeigen. Tusch! Applaus!

Der Illustrierte Mann sah Charles Halloway mit geöffnetem Flintenschloß, mit der Wachskugel, dastehen.

Doch Halloway verriet nicht, was er wußte, sondern sagte nur: "Ritzen wir unser Zeichen lieber etwas deutlicher ein, meinen Sie nicht auch?" Wieder hielt der Junge die Kugel in seiner gefühllosen Hand. Und wieder ritzte Charles Halloway mit dem Taschenmesser denselben geheimnisvollen aufgehenden Mond in das glatte Wachs. Dann schob er die Kugel wieder in den Lauf.

"Fertig?!"

Mr. Dark sah die Hexe an.

Die zögerte, dann nickte sie matt.

"Fertig!" verkündete Charles Halloway.

Er war rings umgeben von den Zelten, der atmenden Menschenmenge, den besorgten Mißgeburten, einer vor Panik erstarrten Hexe, dem versteckten Jim, der noch gefunden werden mußte, einer uralten Mumie, die immer noch, blaues Feuer spuckend, auf dem elektrischen Stuhl angeschnallt dasaß, einem Karussell, das nur darauf wartete, bis die Vorstellung zu Ende war, die Leute gingen und der Zirkus mit den Jungen und dem alten Hausmeister fertig werden konnte.

Charles Halloway hob die plötzlich sehr schwere Flinte an die Wange und sagte im Plauderton zu seinem Sohn:

"Will, ich stütze mich hier auf deine Schulter. Heb den Lauf ganz vorsichtig in der Mitte an. Mit einer Hand.

Hier, nimm schon, Will." Der Junge hob die Hand. "Gut so, mein Sohn. Wenn ich ›Achtung!‹ sage, dann halt den Atem an. Verstehst du mich?"