"Ich kann doch nicht!"
"Du mußt! Etwas anderes haben wir nicht. Ich weiß es! In der Bibliothek! Die Hexe ist davongerannt – Herr im Himmel, wie sie gelaufen ist! Ich hab sie damit erschossen. Ein einziges Lächeln, Will, das können die Nachtwesen nicht ertragen. Darin liegt die Sonne. Sie vertragen keine Sonne. Wir können sie nicht ernst nehmen."
"Aber..."
"Kein Aber! Du hast doch die Spiegel gesehen! Die Spiegel haben mich halb ins Grab gebracht, halb wieder herausgeholt. Sie haben mich verrotten und verrunzeln lassen. Mich erpreßt! Sie haben Miss Foley erpreßt, und deshalb hat sie sich dem großen Marsch ins Nichts angeschlossen, ist mit den Narren gelaufen, die alles haben wollen! Idiotisch, das zu wollen: Alles! Die armen Irren. Ihnen geht's nicht anders als dem dummen Hund, der seinen Knochen ins Wasser fallen ließ, weil er nach dem Spiegelbild des Knochens schnappte. Will, du hast's doch gesehen: jeder einzelne Spiegel ist zerbrochen. Wie Eis im Tauwetter. Ohne Stein, ohne Gewehr, ohne Messer – nur mit meinen Zähnen, meiner Zunge und meinen Lungen habe ich diese Spiegel platzen lassen, mit purer Verachtung! Zehn Millionen verängstigter Narren zu Boden geschlagen – dann konnte sich der wirkliche Mann erheben! So, los, erheb dich, Will!"
"Aber Jim..." Will hielt inne.
"Halb drin, halb draußen. Jim war schon immer so.
Immer in Versuchung. Jetzt ging er zu weit, und vielleicht ist er verloren. Aber er hat doch darum gekämpft, sich zu retten, oder nicht? Er hat dir die Hand entgegengestreckt, um von der Maschine freizukommen? Wir müssen jetzt den Kampf für ihn zu Ende führen. Los!"
Schwankend setzte sich Will auf.
"Lauf!"
Will schnaubte noch einmal. Dad schlug ihm ins Gesicht. Tränen flogen davon wie Meteore.
"Spring! Los, schrei doch!"
Er stieß Will hoch, lief mit ihm, schob die Hand in die Tasche, immer wieder, bis ein glänzender Gegenstand zutage kam.
Die Mundharmonika.
Dad blies einen Akkord.
Will blieb stehen und starrte auf Jim herab.
Dad packte ihn beim Ohr.
"Lauf! Nicht hinsehen!"
Will tat einen Schritt.
Dad blies einen anderen Akkord, packte Wills Ellbogen, hob ihm die Arme hoch.
"Sing!"
"Was denn?"
"Junge, das ist doch gleichgültig – irgend etwas!"
Die Mundharmonika versuchte es mit "Swanee River".
"Dad!" Will schlurfte dahin und schüttelte unendlich müde den Kopf. "Das ist albern..."
"Klar! Aber wir wollen es nicht anders! Wir wollen albern sein. Die Mundharmonika ist albern. Furchtbar verstimmt!"
Dad juchzte. Er drehte sich wie ein tanzender Kranich.
Er war noch nicht in die Albernheit eingetaucht, aber er wollte in sie eindringen. Er mußte den Bann brechen!
"Will – lauter, komischer, lustiger! Teufel, laß sie doch nicht deine Tränen trinken, dann wollen sie immer noch mehr! Will! Sie nehmen sonst dein Weinen, drehen es herum und machen sich ein Lächeln daraus! Ich will verdammt sein, wenn der Tod meine Traurigkeit als Sonntagsgewand trägt. Gib ihnen nichts zu fressen, Will, los, lockerer, durchatmen! Los!"
Er packte Will bei den Haaren und schüttelte ihn.
"Nichts – komisch..."
"Klar ist das komisch! Ich! Du! Jim! Alle sind wir komische Figuren. Es funktioniert – sieh mal!"
Charles Halloway zog Fratzen, riß die Augen auf, verbog sich die Nase, blinzelte, bewegte sich wie ein Schimpanse, tanzte mit dem Wind einen Walzer, steppte im Staub, warf den Kopf zurück und heulte den Mond an.
Er zog Will mit sich.
"Der Tod ist was Komisches, gottverdammt! Eins, zwei, drei, Will. Drehen. Way down upon the Swanee River... Wie geht's weiter, Will? Far, far away! Will, du hast eine scheußliche Stimme! Ein verdammter Mädchensopran. Wie ein Spatz im Blecheimer. Spring, mein Junge!"
Will sprang hoch, sank zusammen, sprang wieder, seine Wangen röteten sich, doch das Heulen steckte ihm wie eine Zitrone im Hals. Er spürte, wie in seiner Brust Ballons wuchsen.
Dad saugte an der silbernen Mundharmonika.
"That's where the old..."
"Halt!" unterbrach ihn sein Vater.
Ein Schuffeln, Tappen, Scharren, Stoßen.
Wo war Jim geblieben? Vergessen!
Dad stieß ihm in die Rippen, kitzelte ihn.
"De Camptown ladies sing this song!"
"Duh-dah!" grölte Will. "Duh-dah!" sang er mit. Der Ballon wuchs. In seiner Kehle kitzelte es.
"Camptown race track, five miles long!"
"O duh-dah-dah!"
Mann und Junge tanzten miteinander Menuett.
Und mitten drin geschah es.
Will spürte, wie riesig der Ballon in ihm anschwoll.
Er lächelte.
"Nanu?" Dad war überrascht. Will schnaubte. Will kicherte.
"Was ist denn?" fragte Dad.
Dann explodierte der herrlich warme Ballon, riß ihm die Zähne auseinander, warf ihm den Kopf zurück.
"Dad! Dad!"
Er krümmte sich. Er packte Dad bei der Hand. Er rannte schreiend, kreischend, quakend wie eine Ente, gackernd wie ein Huhn umher. Mit den Händen schlug er sich auf die Knie. Staub flog unter seinen Sohlen auf.
"O Susannah!"
"O weine nicht..."
"Um mich!"
"Denn ich komm wieder..."
"Alabama mit..."
"Mein Banjo auf dem Knie."
Dann zusammen: "Banjo auf mei'm Knie!"
Die Mundharmonika schlug klickend gegen Zähne.
Dad entlockte ihr herrlich-fröhliche Töne, drehte sich im Kreis, sprang hoch und schlug die Absätze aneinander.
"Ha!" Sie stießen zusammen, fielen fast um, prallten mit den Ellbogen gegeneinander, stießen sich die Köpfe an, aber so kam ihnen die Luft noch rascher über die Lippen. "Ha! O Gott! Haha! Herr im Himmel, Will! Haha! Ich kann – nicht – mehr..."
Und mitten im wildesten Gelächter...
Ein Niesen!
Sie fuhren herum. Sie rissen die Augen auf.
Wer lag da auf dem mondbeschienenen Boden? Jim? Jim Nightshade?
Hatte er sich bewegt? Waren seine Lippen weiter geöffnet, zitterten seine Lider? Sahen seine Wangen wirklich rosiger aus?
Nicht hinsehen! Dad faßte Will wieder bei der Hand und schwenkte ihn herum. Sie tanzten Ringelreihn, und der Vater blies kräftig auf der Mundharmonika. Dabei stelzte er mit gespreizten Armen umher. Sie hüpften über Jim weg, dann wieder zurück, als sei er ein kleiner Stein, ein Hindernis.
Ein Lied nach dem anderen.
Jims Zunge glitt aus dem Mund.
Keiner bemerkte es. Und wenn sie es vielleicht sahen, so ignorierten sie es, weil sie fürchteten, es könne wieder vorbeigehen.
Dann sorgte Jim schließlich selbst für sich. Seine Augen öffneten sich. Er betrachtete die beiden tanzenden Narren. Er traute seinen Augen nicht. Er war seit Jahren unterwegs. Nun kam er zurück, und niemand begrüßte ihn. Sie tanzten statt dessen Samba. Er hätte heulen mögen. Aber noch bevor die Tränen sich formen konnten, verzogen sich seine Lippen. Er mußte schallend lachen. Es war schon wirklich zu komisch – der alberne Will mit dem albernen Hausmeister, wie sie über die Wiese hopsten wie wildgewordene Gorillas.