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Sie stolperten über ihn, überspülten ihn mit ihrem nun klar fließenden Strom von Gelächter, das nicht zu stoppen war, und wenn Himmel und Erde eingestürzt wären. Er stimmte ein, und er ging in die Luft wie Feuerwerk, wie Knallfrösche, die man mit einem Streichholz angesteckt hat.

Will hüpfte weiter, sah auf Jim hinab und dachte: Er weiß gar nicht, daß er tot war. Also werden wir es ihm nicht sagen – irgendwann einmal, aber nicht... Duh-dah, duh-dah!

Sie begrüßten ihn nicht, sie forderten ihn nicht auf mitzumachen, sie reichten ihm nur einfach die Hände, als sei er aus der Reihe gestolpert und brauche eine helfende Hand, sich ihnen wieder anzuschließen. Sie rissen Jim hoch. Jim flog. Er stürzte beim Tanz hin. Er tanzte weiter.

Als Will die lebendige, warme Hand in der seinen spürte, da wußte er, daß sie Jim wirklich ins Leben zurückgerufen, zurückgelacht hatten. Sie hatten Jim wie ein Neugeborenes getätschelt, seine Lungen freigeklopft, ihm auf den Rücken geschlagen und fröhlichem Atem Platz gemacht.

Dann bückte sich Dad, Will sprang über ihn weg und bückte sich, und Dad sprang darüber, dann warteten sie beide hintereinander, summend, herrlich müde, bis Jim den Speichel hinuntergeschluckt und Anlauf genommen hatte. Dad schaffte er nur halb. Sie rollten alle drei ins Gras, heiß und benommen, fröhlich und jubelnd, wie es am ersten Schöpfungstage gewesen sein muß, als die Freude noch nicht aus dem Garten Eden vertrieben war.

Schließlich wollten ihre Füße nicht mehr, sie lehnten sich aneinander, hockten sich hin, umfaßten ihre Knie, sahen einander in stummer Freude an und genossen die trunkene Stimmung, die Stille.

Und als sie ihre Gesichter betrachtet hatten, die wie Fackeln brannten, da blickten sie über die Wiesen hinweg.

Die großen schwarzen Zeltmasten lagen mit ihren toten Zelten da wie auf einem Elefantenfriedhof. Sie wurden fortgeblasen wie die Blütenblätter von schwarzen Rosen.

Die drei einzigen Menschen in einer schlafenden Welt, die drei Kater, kuschelten sich aneinander und badeten im Mondschein.

"Was war eigentlich los?" fragte Jim später.

"Was war nicht los?" rief Dad.

"He!" sagte Jim immer wieder. "He, he..." Ganz leise.

"Ach, Jim, Jim", sagte Will. "Wir bleiben immer Freunde."

"Na klar." Jim wurde jetzt sehr still.

"Schon gut", sagte Wills Vater. "Weint ein bißchen, wir haben's geschafft. Dann, auf dem Heimweg, können wir wieder lachen."

Will ließ Jim los.

Sie standen auf und sahen einander an. Will betrachtete seinen Vater mit glühendem Stolz.

"O Vater – du hast's geschafft. Geschafft!"

"Nein, wir haben es gemeinsam geschafft."

"Aber ohne dich wäre jetzt alles vorbei. Dad, ich hab dich nie richtig gekannt. Aber jetzt weiß ich's."

"Wirklich, Will?"

"Darauf kannst du Gift nehmen."

Jeder sah den anderen wie durch einen feucht schimmernden Glorienschein.

"Also dann, mein Sohn – nett, dich kennenzulernen. Die richtige Antwort – und eine Verbeugung!"

Dad hielt ihm die Hand hin. Will schlug ein. Sie lachten und wischten sich über die Augen, dann sahen sie rasch hinüber zu den Fußspuren, die über den Hügel führten.

"Dad, werden sie wiederkommen?"

"Nein. Und ja." Dad steckte seine Mundharmonika ein.

"Nein, die hier nicht mehr. Aber andere werden kommen, die genauso sind. Nicht als Zirkus. Nur Gott weiß, welche Gestalt sie das nächstemal annehmen. Aber bei Sonnenaufgang, spätestens um die Mittagszeit oder morgen abend, da werden sie sich wieder zeigen. Sie sind unterwegs."

"O nein", sagte Will.

"O doch", sagte sein Vater. "Wir müssen unser ganzes Leben lang wachsam sein. Der Kampf hat erst begonnen."

Sie gingen langsam um das Karussell herum. "Wie werden sie aussehen? Wie werden wir sie erkennen?"

"Nun", sagte Dad leise, "vielleicht sind sie schon hier."

Die beiden Jungen sahen sich rasch um.

Doch auf den Wiesen war nichts außer ihnen selbst, der Maschine und dem Gras.

Will sah Jim an, dann seinen Vater, dann blickte er an sich selbst herab. Er warf Dad einen Blick zu.

Dad nickte, einmal und sehr ernst, dann deutete er hinüber zum Karussell, ging darauf zu und berührte einen der Messingpfosten.

Will trat neben ihn. Jim stellte sich neben Will.

Jim streichelte dem Pferd die Mähne. Will tätschelte ihm die Schulter.

Die große Maschine neigte sich sanft auf den Wellen der Nacht.

Nur dreimal herum, vorwärts, dachte Will. Junge!

Nur viermal herum, vorwärts, dachte Jim – das wär was!

Nur zehnmal herum, rückwärts, dachte Charles Halloway – Herr im Himmel!

Jeder las dem anderen die Gedanken von den Augen ab.

Wie einfach, dachte Will.

Nur das eine Mal, dachte Jim.

Aber dann, dachte Charles Halloway, wenn man erst einmal anfängt, geht es immer weiter. Einmal und noch einmal und noch einmal. Man bietet Freunden an mitzufahren, anderen Leuten, bis schließlich...

Dieser Gedanke traf sie alle und machte sie stumm.

Schließlich ist man der Besitzer des Karussells, der Herr der Mißgeburten, der Meister eines kleinen Teils der Ewigkeit in einer reisenden Zirkusschau...

Vielleicht, sagten ihre Augen, vielleicht sind sie schon hier.

Charles Halloway bückte sich zum Antrieb des Karussells, fand einen Schraubenschlüssel und zerschlug Gelenke und Gestänge. Dann trat er mit den beiden Jungen vor den Schaltkasten und schlug einmal und noch einmal, bis ein Schwarm blauer Funken aus dem Kasten stob.

"Vielleicht ist das unnötig", sagte Charles Halloway. "Vielleicht würde es ohnehin nicht laufen, wenn die Mißgeburten nicht mehr da sind, ihm Kraft zu verleihen. Aber..." Er hieb ein letztes Mal auf den Kasten und warf den Schlüssel fort.

Gehorsam schlugen die Turmuhren des Rathauses, der Baptistenkirche, der Methodisten, der Episkopalier und der Katholiken – alle Uhren – zwölfmal. Mitternacht. Im Wind sang die Zeit.

Die Jungen gingen los wie Pistolen.

Der Vater zögerte nur einen Augenblick. Er spürte leichte Schmerzen in der Brust. Was wird geschehen, wenn ich laufe, überlegte er. Ist der Tod so wichtig? Nein. Das, was sich vor dem Tod ereignet, das zählt. Wir haben uns heute tapfer geschlagen. Das kann uns auch der Tod nicht verderben. Da liefen sie, die Jungen. Warum soll ich ihnen nicht nachlaufen?

Er rannte los.

Herr im Himmel! War das köstlich, ihr Leben Spuren auf den kühlen, betauten Wiesen ziehen zu lassen, in diesem neuen dunklen Morgen, der plötzlich wie Weihnachten war! Die Jungen rannten wie ein Paar Ponys. Sie wußten, daß eines Tages einer von ihnen als erster ans Ziel kommen würde und der andere als zweiter oder überhaupt nicht, doch diese erste Stunde des neuen Tages war nicht der Augenblick des allerletzten Verlustes. Es war nicht die rechte Zeit, Gesichter zu studieren und festzustellen, daß der eine älter und der andere viel jünger war. Heute war nichts weiter als ein gewöhnlicher Oktobertag in einem Jahr, das sich auf einmal viel besser anließ, als es noch vor einer Stunde den Anschein hatte. Mond und Sterne zogen ihre weite Bahn auf die unvermeidbare Dämmerung zu, und sie sprangen dahin. In dieser Nacht wurde nicht mehr geweint. Will lachte und sang, und Jim gab ihm Antwort.