«Ich kenne es ja«, sagte er.»Sie haben mir's schon zweimal gezeigt. «Er zögerte und fügte dann hinzu:»Wenden Sie sich an das OSS beim Stab der 3. Armee. Verlangen Sie Captain Fred Silverman. Aber verraten Sie bloß nicht, von wem Sie den Tip bekommen haben! Ehrenwort.«
«Sie haben es. «Wachter drückte ihm die Hand.»Und was weiß dieser Silverman?«
«Das müssen Sie ihn selbst fragen. Viel Glück.«
«Auch das muß ich suchen. «Wachters Antwort klang wie ein Hilferuf. Er legte den linken, noch immer schmerzenden Arm um Janas Schulter und ging hinaus.
Am nächsten Morgen verließen sie Friedrichroda mit einem zur Verfügung gestellten Beutewagen, in einem alten Adler, in dessen Türen noch Maschinengewehrkugeln steckten.
Es war ein weiter Weg, bis sie Captain Silverman fanden.
Da ihnen, trotz des überall vorgezeigten Schreibens, keiner der US-Kommandeure sagen wollte, wo sich gegenwärtig das Hauptquartier der 3. US-Armee und General Patton befand, schickte man sie nach Nürnberg zu einer Dienststelle des Geheimdienstes. In der fast völlig zerstörten Stadt bekamen sie ein Barackenzimmer bei einer amerikanischen Pioniereinheit, wurden von der Kompanieküche verpflegt und warteten. Viermal wehrte Jana Petrowna in diesen Tagen zudringliche Soldaten ab. Ein schwarzer GI versuchte sogar, erst durchs Fenster zu klettern und nachher die Tür aufzubrechen, aber das bekam ihm nicht gut, denn Jana hatte seit Wochen immer ein Stück Eisenrohr bei sich, wie man es für eine Wasserleitung verwendet. Sie hatte es durchbohren lassen, hatte einen Strick durch das Loch gezogen und trug das Eisenrohr jetzt am Gürtel ihres Kleides.
Es war schon oft nützlich gewesen, so wie auch jetzt, wo der liebestolle GI nach Aufbrechen der Tür schon beim ersten Schritt über die Schwelle einen so kräftigen Hieb über den Kopf bekam, daß er lautlos zu Boden ging und besinnungslos blieb, bis ihn zwei MPs abholten.
«Ich möchte den Kompaniechef sprechen!«rief Wachter e-regt.»Das ist das vierte Mal, daß wir belästigt werden. Ist das etwa das sogenannte freie amerikanische Leben?«
Die MPs verstanden kein Deutsch. Sie starrten Jana nur an und grinsten anzüglich.
«Sei still, Väterchen«, sagte sie da auf russisch.»Was bringt's? Es ist eine böse Zeit, können wir sie ändern? Sieh doch, ich kann mich wehren.«
Zwei Wochen warteten sie in Nürnberg. Zwei verlorene Wochen, wie Wachter meinte. Durch die zerstörten Straßen gingen sie, sahen Frauen und Kinder in den Ruinen wühlen und Ziegelsteine abklopfen, ob man sie noch verwenden konnte. Keller wurden ausgegraben, zerborstene Wände geflickt und die mit Trümmern verstopften Straßen freigeschaufelt. An den
Lebensmittelausgabestellen stauten sich die Menschenschlangen ebenso wie an den Hydranten, wo man eimerweise das Wasser holen konnte. De deutschen Verwaltungsdienststellen hatten unter amerikanischer Aufsicht wieder mit der Arbeit begonnen und versuchten, Ordnung in das Chaos zu bringen. Der Krieg war ja nun seit dem 9. Mai zu Ende, es gab nicht mehr Freund und Feind, sondern nur noch Sieger und Besiegte. Und überall, am Bahnhof, auf den Plätzen, am Fuße der Burg, an der alten Stadtmauer und den türmen begann, zunächst zaghaft, der Schwarzmarkt. Endlich, in der dritten Woche, kam ein Offizier zu Wachter und Jana und lehnte sich in den Türrahmen. In einem gebrochenen Deutsch sagte er:»Telefon… hin und her… Jetzt alles okay! Captain Silverman ist in Austria. In Salzburg. Okay?«
Er grüßte und verließ das Zimmer.
«In Salzburg«, sagte Wachter und setzte sich an den Tisch.»Jana, wir müssen nach Salzburg. Silverman ist vielleicht der einzige, der uns weiterhelfen kann.«
«Aber dort ist nicht das Bernsteinzimmer, Väterchen.«
«Wissen wir's? Die Amerikaner haben ein riesiges unterirdisches Lager mit Kunstschätzen in Alt-Aussee entdeckt. Hitlers persönlicher Schatz soll es sein, haben sie uns erzählt. Das ganze Lager ist noch gar nicht erfaßt… vielleicht sind die zwanzig Kisten aus Königsberg darunter. Jana, an jeden Hoffnungsstrahl müssen wir uns klammern.«
Sie fuhren mit dem klapprigen, zerschossenen Adler-Wagen nach Salzburg und erfuhren im Hauptquartier des 15. US-Armeekorps, daß Captain Silverman mit seinem OSS-Büro auf Schloß Kiessheim einquartiert war. Am nächsten Morgen dann, endlich, endlich, standen sie vor Silverman, ließen ihn ihre Legitimation lesen und warteten auf seine Reaktion. Silverman legte das Schreiben in den vier Sprachen und mit den vielen Stempeln vor sich auf den Schreibtisch und blickte zu Wachter und Jana Petrowna auf. Jetzt sind die Russen auch da, dachte er. Natürlich, ihnen gehört ja das Bernsteinzimmer, wenn man historisch denkt. Historisch dachten auch die Deutschen und sagten: Es gehört uns. Es ist heimgekehrt.
Und wenn wir als Sieger denken, kann es heißen: Es gehört den USA, denn wir haben es erobert. Es ist Kriegsbeute. Das ist rechtlich nicht haltbar, aber was gilt Recht im Krieg? Wem das Bernsteinzimmer letztendlich auch gehört… es ist weg. Es gibt keine Probleme mehr… bis man es wiederfindet.
«Sie sprechen deutsch?«fragte er.
«Ja«, antwortete Wachter.»Ich bin Deutscher.«
«In Ihrer Vollmacht steht: Wachterowskij. Russe.«
«Ich war und bin in russischen Diensten. Seit fast 230 Jahren.«
«Dafür haben Sie sich gut gehalten. So alt sehen Sie wirklich nicht aus.«
Der alte, dumme Witz. Wachter lächelte schwach.
«Ich hoffe, daß meine Nachkommen auch weitere 230 Jahre das Bernsteinzimmer betreuen können.«
«Wenn es da ist.«
«Deswegen sind wir zu Ihnen gekommen, Captain Silverman.«
Silverman hob beide Arme hoch, als richte Wachter eine Waffe auf ihn.
«Bitte, überzeugen Sie sich — «sagte er mit Bitterkeit in der Stimme, — »ich habe es nicht in der Tasche.«
«Aber Sie haben es gesehen, Captain.«
«Wer hat Ihnen das gesagt?«
«Wir haben Informationen gesammelt — wären wir sonst bei Ihnen?«
Silverman fiel auf den Bluff herein. Er ließ die Arme sinken und blickte Jana erstaunt an, die jetzt sagte:
«Wir haben die Spur der zwanzig Kisten von Königsberg über Berlin, Weimar, Friedrichroda und Schloß Reinhardsbrunn verfolgt. Von dort hat man auf Lastwagen mit dem Roten Kreuz und mit Schweizer Autonummern das Bernsteinzimmer weitertransportiert.«
«Das stimmt. «Silverman tappte blind in die Falle.»Und als wir die Kaligrube von Merkers durchsuchten, stand ich vor den Kisten.«
Es war das erste Mal, daß Wachter und Jana den Namen
Merkers hörten. Keiner hatte ihnen je etwas davon gesagt, nur Andeutungen hatte es gegeben. In Saalfeld war einmal ein amerikanischer Offizier mit der Bemerkung herausgerückt:»Hier in Thüringen haben Millionenschätze übereinander gelegen. «Wo, das hatte auch er verschwiegen.
Merkers. Wo liegt Merkers? Eine Kaligrube…
Weder Wachter noch Jana ließen sich anmerken, welch ein Aufruhr in ihnen ausgebrochen war. Als wüßten sie das alles, sahen sie Silverman nickend an. Der Captain starrte zur Seite hinaus aus dem Fenster. Eine warme Frühlingssonne lag über dem Park von Schloß Kiessheim, über den Wegen, Büschen, Beeten und Steinfiguren. Ein richtiger Friedenstag mit einem weiten blauen Himmel.
«Dann wissen Sie, wo das Bernsteinzimmer ist?«fragte Wachter.
«Natürlich.«
Durch Wachter zuckte ein heißer Stich.»Wo?«
«Es hat sich aufgelöst in Luft. «Silvermans Stimme bebte in der Erinnerung vor Erregung.»Es ist ganz einfach verschwunden.«
«Das gibt es nicht«, sagte Jana laut.»Zwanzig große Kisten… ein paar Lastwagen voll!«
«Genau drei Armee-Trucks. Wir haben auf Befehl Eisenhowers alle in der Schachtanlage Kaiseroda II/III gefundenen Kunstschätze und Geldsäcke mit zwei Transporten nach Frankfurt gebracht. Am 14. und am 17. April. Konvois unter größter Bewachung. Trotzdem verschwanden von dem ersten Transport am 16. April die drei Trucks mit dem Bernsteinzimmer. Die Trucks fand man später wieder und einen der Fahrer, Noah Rawlings. Erschossen. In seine Brust war ein Hakenkreuz eingeritzt. Daraus folgerten wir: Der deutsche >Werwolf< hat die Trucks entführt. Nur, wie er das so lautlos fertiggebracht hat, ist uns ein Rätsel geblieben.«