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«Und die anderen Fahrer?«fragte Wachter.

«Sind nie wieder aufgetaucht und werden vielleicht einmal durch Zufall als Gerippe im Wald entdeckt. «Silverman wandte sich ihnen wieder zu.»Sie suchen im Auftrag der sowjetischen

Regierung das Bernsteinzimmer. Ich habe mir selbst den Auftrag gegeben. Wir sollten uns zusammentun…«Er atmete tief durch.»Mein Gesuch auf Entlassung aus dem OSS liegt bereits in Washington auf dem Tisch. Dort hält man mich anscheinend für verrückt…«

«Wir sind auch Verrückte, Captain«, sagte Wachter sarkastisch.»Nur so werden wir durchhalten. Eine bittere Frage: Ist es möglich, daß man das Bernsteinzimmer bewußt hat verschwinden lassen, um es dann heimlich in die USA zu bringen?«

«Wie denn? Und wer denn? Herr Wachter, Sie bezichtigen US-Offiziere des Kunstraubes?!«

«Es war nur so eine verrückte Idee, Captain«, sagte Wachter schnell.»Ich habe in diesen Tagen gehört, daß in einem Bergwerk bei Grasleben, wo über 6000 Kisten Kunstschätze versteckt gewesen waren, die Hälfte davon aufgebrochen war, bevor Grasleben von den Engländern übernommen wurde. Es waren Amerikaner… das CIO und Angehörige der 50. US-Armee.«

«Davon weiß ich nichts. «Silverman richtete sich steif hoch.»So vieles ist noch Hetze!«

«Und in Merkers war das nicht möglich?«

«Nein. Da war ich und paßte auf. Auf gar keinen Fall konnten zwanzig Kisten dieser Größenordnung heimlich verschwinden.«

«Wir sollten noch einmal in Merkers mit der Spurensuche beginnen, Captain.«

«Dann müssen Sie sich beeilen. «Silverman lehnte sich in seinem Stuhl weit zurück. Er schürzte die Lippen und drückte damit aus, für wie absurd er das alles hielt.»Aufgrund der alliierten Beschlüsse und der Einteilung Deutschlands in Besatzungszonen hat General Eisenhower befohlen, Sachsen und Thüringen zu räumen und den Sowjets zu übergeben.«»Was?!«Wachter zuckte zusammen, aber es war nicht aus Entsetzen, sondern aus Freude.»Unsere Soldaten kommen nach Thüringen?«

«Ich denke, Sie sind Deutscher?«fragte Silverman befremdet.

«Dann ist Merkers russisch?«rief Jana Petrowna.

«Nein… russisch besetzt. Das ist ein Unterschied. Wir bleiben in Bayern, aber deswegen ist Bayern nicht amerikanisch, sondern bleibt Deutschland. Wie das alles in den nächsten Jahren aussieht — wer weiß das?«

«Wenn Merkers russisch besetzt wird, können wir dort ungestört arbeiten. «Wachter schloß kurz die Augen. Das Deutschland, das er bisher nur von der Landkarte kannte, gab es nicht mehr. Es war zerschlagen und zerteilt worden. Durch die Straßen Berlins, der Heimat seiner Vorväter, marschierten sowjetische Truppen.»Darüber freue ich mich: Die sowjetischen Behörden werden uns bei unserer Suche nach dem Bernsteinzimmer überall unterstützen.«

«Die amerikanischen auch«, sagte Silverman fast beleidigt.»Aber weder Ihre Behörden noch meine sind Magier, die das Bernsteinzimmer herbeizaubern können, «Silverman ließ seinen Stuhl wieder nach vorn kippen.»Überhaupt, was wollen Sie in Merkers suchen? Da ist nichts mehr… die Grube ist leergeräumt. Die drei Trucks sind in Alsfeld verschwunden. In Hessen.«

«In Alsfeld…«sagte Wachter gedehnt. Das war eine völlig neue Spur, von Hessen war nie gesprochen worden. Alle bisher theoretisch möglichen Wege einer Verlagerung der zwanzig Kisten aus Reinhardsbrunn wiesen in Richtung Göttingen, Westsachsen oder Mecklenburg (wenn das Bernsteinzimmer wieder in die Nähe Berlins gebracht worden war) und in die allgemeine Richtung Süden, vor allem zur» Alpenfestung «und nach Österreich. Aber Hessen lag völlig außerhalb aller Mutmaßungen.»Man hat also doch eine Spur — «

«Wenn Sie es so nennen wollen, jawohl. Seit Wochen wird dort gesucht.«

«Wäre es möglich, daß die Kisten von Alsfeld weiter nach Süden oder nach Nordwesten gebracht worden sind?«

«Möglich ist alles. «Silverman machte eine weite Handbewegung.»Die Welt ist groß… aber ich könnte schwören, das Bernsteinzimmer ist noch in Deutschland.«

«Dann finden wir es auch!«sagte Wachter voller Zuversicht.

«Captain Silverman, wollen wir gemeinsam suchen?«

«Sie nehmen mir das Wort aus dem Mund. «Silverman erhob sich von seinem Stuhl.»Für mich ist die Suche aber erst dann möglich, wenn ich meine Entlassung aus dem OSS erhalten habe und auch die Army auf mich verzichtet. Ich muß auf Washington warten. «Er zeigte aus dem Fenster in den Park von Schloß Kiessheim.»Wollen Sie hier mit mir warten? Im Schloß ist Platz genug. Ist es nicht wundervoll? Der Blick über Salzburg, hinüber zur Veste, das Panorama der Berge, die Seen des Salzkammergutes vor der Tür. Hier könnte ich leben. Sie wissen, daß ich ein deutscher Jude bin?«

«Ich habe es angenommen, Captain.«

«Zwölf Jahre lang habe ich Heimweh gehabt nach diesem Deutschland. Nach diesem schrecklichen Deutschland! Vierzehn Verwandte sind in Buchenwald, Flossenbürg und Mauthausen umgekommen, erschlagen, zu Tode gequält, in der Gaskammer, als Opfer von medizinischen Versuchen. Und trotzdem hatte ich Heimweh, verstehen Sie das?«

«Ja. Janaschka und ich… wir haben auch Heimweh nach Puschkin… aber nur mit dem Bernsteinzimmer.«

«Vielleicht bleibe ich wirklich hier in Österreich. Vielleicht kann man mich als Kunsthistoriker gerade hier in Salzburg gebrauchen. Hier atmet Kunst aus jedem Stein. «Silverman schüttelte den Kopf und lächelte schwach.»Pläne… der größte Krieg aller Zeiten ist zu Ende, und wir machen schon. Pläne. Wie sieht die Zukunft aus, Herr Wachter?«

«Ich kenne nur ein Zieclass="underline" das Bernsteinzimmer.«

«Und wenn Sie dadurch zum ewigen Wanderer werden?«»Dann muß es so sein, Captain«, sagte Wachter in fast feierlichem Ton.»Dann ist es Gottes Wille.«

Die Entlassung Captain Silvermans zog sich hin. So einfach kann man nicht vom Geheimdienst abspringen, vor allem nicht, wenn man so viel wußte wie Fred Silverman und seine von ihm geleitete Einsatzgruppe ORION für Kunst und Kulturgüter im deutschen Reichsgebiet. Außerdem leitete er eine Abteilung der T-Forces, eine Spezialeinheit, die nach Auswertung der Geheimberichte nicht nur verborgene Schätze, Patente, Archive oder Bibliotheken suchte, sondern auch untergetauchte, versteckte, unter falschem Namen lebende Kriegsverbrecher. Ein solcher Mann will gehen, wirft seine Aufgabe hin?

Captain Silverman wurde nach Washington befohlen. Am 3. August flog er nach Amerika. Zur Berichterstattung, wie es hieß. Zum Verhör, wie er wußte. Wachter und Jana hielten es auf Schloß Kiessheim nur bis zum Juli aus. Sie fuhren, noch immer mit dem alten Adler-Wagen, zurück zur amerikanischsowjetischen Zonengrenze, über die von Hitler so geliebte Autobahn München-Berlin, und zeigten den amerikanischen Posten nördlich von Hof ihre Ausweise. Ein Lieutenant nickte, warf mit amerikanischer Unkompliziertheit einen Blick auf die Ausweisbilder, verglich sie mit den Personen und gab den Weg frei.

Auf sowjetischer Seite empfing sie zunächst Mißtrauen, vor allem als Jana auf russisch» Guten Tag, Genossen!«rief. Sie wurden in eine Baracke gebracht, wo ein junger Oberleutnant vor einem Radio saß und andächtig eine Arie aus der Oper Eugen Onegin hörte. Er blickte kurz auf, zeigte auf die Wand, der Posten schob Jana und Wachter an die Bretterwand, und dort standen sie, bis die Arie zu Ende war. Der Oberleutnant drehte das Radio unwillig leiser. Das nächste Stück war die Ouvertüre zu Ruslan und Ludmila.

«Woher? Wohin?«fragte er im Befehlston.

«Von Salzburg nach Berlin, Genosse Oberleutnant«, antwortete Wachter auf russisch.