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Aber dafür war jetzt keine Zeit. Auch nicht im Jahre 1945, dem

Jahr des Sieges. Es galt, die zerstörten Städte und Dörfer aufzubauen, die Landwirtschaft und die Industrie notdürftig in Schwung zu bringen, die Bilanz von Tod und Vernichtung zu ziehen und die Milliarden Rubel aufzubringen, das verbrannte Land wieder zum Blühen zu erwecken. Die Kunst konnte warten… ein hungernder Mann findet keinen Gefallen mehr an einem Gemälde von Raffael. Zuerst hieß es, Wohnungen bauen… für die Schlösser war der kommende Frieden lang genug. Auch der Katharinen-Palast war soweit aufgeräumt worden, daß man wieder durch die Räume gehen konnte. Einige der prunkvollen Säle waren sogar mit geretteten Möbeln ausgestattet worden. Ständig im Einsatz tätige Putzkolonnen von Frauen aus Puschkin sorgten dafür, daß etwas Sauberkeit den einstigen Glanz des Palais ahnen ließ und daß im Winter der Frost nicht noch mehr zerstörte. Ein Verwalter überwachte alle Arbeiten und sortierte vor dem Abtransport der Trümmer alles heraus, was man später für die Erneuerung noch gebrauchen und einbauen konnte.

Eine ganze Weile standen Wachter und Jana Petrowna vor der zerstörten Fassade, blieben in ihrem Horch-Wagen sitzen und schwiegen erschüttert.

Der Krieg hatte aus Europa ein Ruinenfeld gemacht, Jahrhunderte von Kulturen waren im Granaten- und Bombenhagel vernichtet worden, waren in Brand aufgegangen oder mutwillig in die Luft gesprengt worden — aber war das ein Trost für Michael Wachter? Das hier war sein Katharinen-Palast, war sein Puschkin, war einst sein Bernsteinzimmer gewesen. Fast 230 Jahre hatte ein Wachter in diesen Räumen gelebt, war dafür geboren worden und dafür gestorben. Zaren und Zarinnen waren gekommen und gegangen, hatten unter dem Gesang der Priester und Mönche und dem Geläut der Glocken ihre Seele ausgehaucht oder waren ermordet worden. Rasputin, der Wundermönch, hatte in Zarskoje Selo seine wilden Saufund Liebesgelage abgehalten und hatte sogar zweimal im Bernsteinzimmer vor dem Zarewitsch gesessen und mit dem Streicheln seiner Hände einen Anfall der Bluterkrankheit des kleinen Alexej aufgehalten. Trotzkij war durch das Schloß gegangen; Lenin hatte ergriffen im Bernsteinzimmer gestanden und es zum russischen Heiligtum erklärt. Stalin hatte sich auf einem Stuhl mitten ins Zimmer gesetzt und sich geduldig, was sonst nicht seine Art war, die Geschichte des Bernsteinkabinetts von Wachter erzählen lassen, vor allem die Orgien der großen Katharina II., die sich oft mit ihrem jeweiligen Geliebten in dem Zimmer eingeschlossen hatte, um sich im Glänze des» Sonnensteines «besonders angeregt zu verlustigen. Immer war ein Wachter zur Stelle gewesen, immer war ein Wachter der Vertraute gewesen, und über Georgij Ludwigowitsch Wachterowskij hatte Rasputin ein Kreuz geschlagen, wonach er nie wieder krank wurde und im Alter von 101 Jahren friedlich, während des Schlafes, zu Gott einging.

Hatte ein Wachter nicht das Recht, beim Anblick der Trümmer seines Schlosses Tränen in die Augen zu bekommen?

So saßen sie also stumm in ihrem Auto. Jana Petrowna hatte den Arm um Wachters Schulter gelegt, und sie ließ ihm Zeit, sein Inneres zur Ruhe zu bringen. Vom säulengetragenen Eingang in den Park kam ein sowjetischer Major langsam auf sie zu. Er hatte die Mütze in den Nacken geschoben, den Uniformrock aufgeknöpft und sogar den Hemdkragen geöffnet. Hier draußen nahm man es nicht so genau, Kontrollen waren selten, und kam mal ein höherer Offizier zum KatharinenPalast, dann wurde das vorher rechtzeitig gemeldet, und man konnte sich schnell wieder korrekt kleiden. Es war heiß. Die Augusttage in Leningrad können brennen, und dieser Sommer 1945 war besonders heiß und lag schwer über dem Land.

Der Major betrachtete den großen Horch-Wagen, las die sowjetische Militärnummer, sah aber nur zwei Zivilisten im Auto, einen älteren Mann und eine schöne, höchst interessante Frau mit hohen Wangenknochen und leicht schräg gestellten Aj-gen. Er zog seine Mütze etwas tiefer in die Stirn, was ihn amtlicher machte, dann trat er an die Wagentür mit der heruntergekurbelten Scheibe heran.

«Haben die Genossen Fragen?«sagte er und sah Jana wohlgefällig an.

Wachter nickte, öffnete die Tür und stieg aus. Auf der anderen

Seite tat Jana das gleiche. Tief holte Wachter Atem und stieß mit der Luft den Rest seiner Erschütterung heraus.

«Ich kenne das Palais von früher«, sagte er.»Kann ich es betreten und mich umsehen?«

«Sie kennen es, Genosse? Sie werden weinen.«

«Ich habe bereits geweint, Genosse Major.«

«Ich kannte den Palast nicht, als ich hierherkam. Aber viele, die ihn jetzt besucht haben und sich erinnerten, haben auch geweint. Was wollen Sie sehen? Nicht alles ist zu besichtigen… es gibt Teile, die sind gesperrt wegen Einsturzgefahr. Nur wenig ist übriggeblieben. Das meiste liegt noch in Leningrad und wird — so sagt man — erst wiederkommen, wenn das Schloß wieder aufgebaut worden ist.«

«Ich weiß es. «Wachter blickte zu dem Teil des Schlosses hinüber, den er so gut wie kein anderer kannte.»Das Bernsteinzimmer möchte ich sehen.«

«Weg ist es, Genosse. Gestohlen von den Faschisten! Ein schönes Zimmer muß es gewesen sein.«

«Es gab nichts Schöneres. Ein greifbares Wunder war's. Der Himmel, die Sonne, die ganze Schönheit der Welt, das leuchtende Meer, aus dem der Bernstein kam. Menschen gab es, Genosse Major, die standen vor seinen Wänden, falteten die Hände und beteten. «Wachter holte wieder tief Atem.»Ich möchte es sehen, das Bernsteinzimmer… die leeren Wände…«

«Fragen Sie den Verwalter.«

Durch Wachter zuckte es wie ein Stich. Auch Jana Petrowna spürte eine Beklemmung, begriff Wachters Betroffenheit, kam zu ihm und legte ihm wieder tröstend den Arm um die Schultern.

«Einen Verwalter gibt es?«fragte Wachter.»Es gibt wieder einen Verwalter?«

«Eingesetzt von der Zentralstelle der Schlösserverwaltung. «Der Major bemerkte die Betroffenheit in den Gesichtern der Besucher und winkte lächelnd ab.

«Ein guter, zugänglicher Mann ist er, Genossen. Wird euch nicht verweigern, das leere Zimmer anzusehen. Hat schon viel aufgeräumt hier im Schloß. Hat die Putzbrigade und die Maurer fest im Griff. Ohne ihn — «der Major verzog sein Gesicht —»war's hier noch wie vor einem Jahr.«

«Dann gehen wir, Töchterchen. «Wachter blickte wieder hinüber zu den Fenstern des ehemaligen Bernsteinzimmers. Neue Scheiben hatte man eingesetzt und auch die Fensterrahmen erneuert. In die Zimmer stach darum die Sonne wie in offene Höhlen. Wachter gefiel das; auch der neue Verwalter schien das Bernsteinzimmer sehr zu lieben und hatte es als einen der ersten Säle geschützt. Und als sie die Schloßhalle betraten und der Major zurückgeblieben war, sagte Wachter:»Verraten wir dem neuen Verwalter nicht, wer wir sind, Janaschka. Reden lassen wir ihn, erklären soll er uns das Bernsteinzimmer, und wenn er fertig ist, sage ich zu ihm: Genosse, das haben Sie falsch erzählt und das und das haben Sie vergessen. Früher war hier ein Michael Wachter, der wußte mehr… Ein fröhliches Stündchen wird's werden.«

«Und nachher willst du nicht sagen, wer du bist, Väterchen?«»Nein, Janinka. Erst fahren wir weiter nach Leningrad und suchen die Menschen, die Nikolaj gekannt haben. Vielleicht können sie uns zeigen, wo sein Grab ist, und wir können ihm Blumen bringen.«

«Du glaubst, daß er doch noch gefallen ist?«

«Die letzte Nachricht war vor sieben Monaten. Freunde von Sylvie funkten es aus Leningrad. War's die Wahrheit? Warum von da ab keinen Ton mehr? Abgeschlossen habe ich mit dem Schicksal, der letzte Wachter zu sein. «Er sah die halbwegs erhaltene breite Treppe hinauf, die zum Bernsteinzimmer führte.»Jetzt gilt es Abschied nehmen von 230 Jahren treuen Diensten. «Er atmete tief durch, um Luft für eine feste Stimme zu bekommen.»Ob der neue Verwalter in unserer Wohnung lebt? Kann ich ihn bitten, sie mir zu zeigen?«