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«Die Amerikaner werden den Brief von Silverman an uns kontrollieren, der Brief wird dann von den sowjetischen Behörden zensiert, ehe er zu uns kommt… wenn er dann überhaupt noch kommt.«

«Nein, kein Brief an mich ist zensiert worden!«sagte Wachter abwehrend.»Jeder Brief an mich ist angekommen!«

«Vor dem Krieg, Vater. «Nikolaj erhob sich und zog Jana von dem Denkmalsockel hoch.»Aber jetzt? Der Krieg hat die Welt und die Menschen verändert… gründlich verändert. Nichts wird mehr so sein, wie es früher war. Die Welt hat ein anderes Gesicht bekommen.«

So schien's zu sein. Das Jahr ging zu Ende… der Genosse Agajew und seine Sonderkommission schwiegen. Ein paar Mal schrieb Wachter hin, aber Antwort bekam er nie. Als das Telefon wieder in Ordnung war, rief er dreimal an. Immer war eine tiefe, mürrische Frauenstimme am Hörer und sagte:»Ist in Moskau!«oder» Ist in Kiew!«oder» Ist nicht da! Wo er ist? Was kümmert's Sie, Genosse?!«

Nach dieser frechen, groben Auskunft ließ Wachter das Telefonieren sein. Er schrieb einen langen Brief an die Zentralkommission in Moskau, aber auch von dort antwortete ihm nichts als Schweigen. Nur von der Museenverwaltung hörte er etwas. In Würdigung seiner Verdienste um den KatharinenPalast und seiner jahrzehntelangen guten Arbeit habe man sich entschlossen, ihm ein ehrenvolles Ruhegeld von monatlich 100 Rubel zu geben, freie Wohnung im Katharinen-Palast und den Orden» Verdienter Arbeiter des Volkes«. Der Stadtsowjet von Puschkin würde ihm die Medaille überreichen. Verwalter blieb Nikolaj Michajlowitsch Wachterowskij.

«Hundert Rubel, das ist reichlich«, sagte Wachter, nachdem er den Brief gelesen hatte.»Zusammen mit freier Wohnung… da läßt's sich leben. Aber zu wenig ist's, um auf eigene Kosten das Bernsteinzimmer zu suchen.«

Am Donnerstag vor Ostern 1946 heirateten Nikolaj und Jana

Petrowna in der Schloßkapelle des Katharinen-Palastes nach griechisch-orthodoxem Ritus. Ganz altmodisch, obwohl Jana eine junge, gute Kommunistin war, aber die Liebe zu Kolka war stärker als ihre Ideologie. Sie standen vor einem Popen im Festgewand, vor einer Ikonostase, ein Männerchor von sechs Stimmen sang, und Wachter hielt über Janas geschmücktes Haupt die kleine Krone, so wie es üblich war, und während der Pope die Hochzeitssegnung vornahm, dachte er: Gewünscht hab ich es mir, diesen Tag im Bernsteinzimmer zu erleben. Auch Johann Friedrich Wachter, der Verwalter des Zimmers unter Zar Alexander II., hat dort seine Sophie geheiratet. Mein Großvater und meine Großmutter. Gott segne euch, meine Kinder… ein schöner Tag ist's und doch ein trauriger. Vier leere Wände verwalten wir, und keiner hört unsere Rufe. Er senkte den Kopf, als der Pope den Segen sprach.

Der Bericht, den Captain Fred Silverman seinem Hauptquartier des DSS zusammen mit der Bitte um Entlassung aus dem Dienst vorlegte, wurde aufmerksam gelesen… das A> schiedsgesuch weggelegt und in der Personalakte abgeheftet. General Allan Walker rief ihn nach sieben Wochen Warten in sein Büro, begrüßte ihn mit Handschlag, deutete auf einen Ledersessel, ließ sich selbst in einen hineinfallen und schlug die Beine übereinander.

«Sie wollen abhauen, Fred?«fragte er geradeheraus.

«Das ist nicht der richtige Ausdruck, Sir. «Silverman straffte sich in seinem Sessel.»Ich glaube, ich habe meine Aufgaben erfüllt und möchte ins Zivilleben zurück.«

«Das können Sie auch im Rahmen unserer Dienststelle, zum Beispiel als Botschaftsrat in einer unserer Botschaften. Nach Osten hin wird sich einiges tun. Noch spielen wir alle Ringelreihen und tun so, als seien die Beschlüsse von Jalta bindend, aber jeder weiß, daß es völlig anders kommen wird. Ich könnte Sie für die Botschaft in Ungarn vorschlagen, Fred/Später dann geht's an die Speerspitze: US-Botschaft Moskau! Reizt Sie das nicht?«

«Nein, Sir.«»Die Mädchen von Budapest… jeder andere würde schon morgen hinfliegen.«

«Ich bin nicht jeder andere, Sir, ich bin ich. Ich bitte um nichts Unerfüllbares: um meine Entlassung.«

«Sie sind Offizier, Fred. Captain… Ihre Beförderung zum Major liegt auf meinem Tisch.«

«Danke, Sir.«

«Die USA befinden sich in einer prekären Situation. Wir haben mit Rußland den Krieg gewonnen, aber wir mögen die Russen nicht. Gar nicht! Es wird zu großen Umwälzungen kommen, zu größten Veränderungen der Weltpolitik. Das HitlerDeutschland ist wegradiert… Weltpolitik gibt es ab jetzt nur zwischen Washington und Moskau! Sie sind ein guter Mann, Fred, wir brauchen Sie noch. Ein US-Offizier verläßt nicht sein Kommando, wenn ihn das Vaterland noch braucht.«

General Walker sah Silverman aus grauen, forschenden Augen an.»Amerika ist doch Ihr Vaterland geworden, nicht wahr?«

Silvermans Rücken wurde noch steifer.»Ich verstehe die Frage nicht, Sir.«

«Sie sind doch ein deutscher Jude, Fred.«

«Seit 1934 bin ich US-Bürger, Sir.«

«Im Paß! Aber wie ist's mit dem Herzen?«

«Ich habe gegen Deutschland gekämpft.«

«Gegen Nazi-Deutschland… das gibt es nun nicht mehr.«

«Fast meine gesamte Familie ist in den KZs ausgerottet worden.«

«Das ist schreckliche, unvergeßliche, unsühnbare Vergangenheit, Fred… wie aber sehen Sie die Zjkunft?«Walker beugte sich etwas zu Silverman vor.

«Sprechen wir miteinander wie zwei gute Freunde: Was haben Sie vor, wenn Sie das OSS verlassen haben und ein freier Zivilist sind?«

«Ich werde nach Deutschland zurückkehren.«

«Aha, also doch. Als Friedrich Silbermann. «Walker lehnte sich wieder in den Ledersessel zurück.»Wie ich aus den Akten sehe, wollen Sie intensiv nach dem verschwundenen

Bernsteinzimmer forschen.«

«Nicht nur, Sir. Ich möchte so viele Kunstgüter wie möglich, die von den Nazis geraubt wurden, aufstöbern und den rechtmäßigen Besitzern zurückgeben.«

«Das sind vor allem die Russen.«

«Es sieht so aus, Sir. Ich weiß viele Stellen, wo die Nazis die Kunstschätze versteckt hatten, und ich will den Weg zurückverfolgen, wohin sie nach der Besetzung Deutschlands gekommen sind.«

«Ihr Wissen haben Sie als Angehöriger des OSS bekommen, und nun wollen Sie dieses Wissen gegen die USA verwerten!«Walkers Stimme hatte sich gehoben.»Finden Sie das nicht schäbig, Fred?! Irgendwie verräterisch?! Ein Dolchstoß in den Rücken?«

«Heißt das, daß alles, was die US-Armeen abtransportiert haben, jetzt US-Besitz ist?«

«Darüber entscheiden nicht Sie oder ich, sondern andere Stellen. Ihre Aufgabe war es, die Lagerstätten zu entdecken und auszuforschen, die Truppenführer hinzubringen und die entdeckten Depots in ihrer Liste anzustreichen. Damit war Ihre Tätigkeit erfolgreich beendet. Haben Ihnen nicht Eisenhower, Patton und Bradley die Hand gedrückt und Sie gelobt?«

«Ja. In Merkers, einer Stadt in Thüringen. Wir hatten den größten Schatzfund der Kriegsgeschichte gemacht. Aber wo sind diese Schätze jetzt?«

«Geht Sie das etwas an, Fred?«

«Gemälde von Rubens lagerten da, von Caravaggio, Tizian, Uccello, Masaccio, Rembrandts >Mann mit dem Goldhelm< und der Kopf der Nofretete… wo sind Sie hingekommen?«

«Da zuckt Ihr deutsches Herz, Friedrich Silbermann, nicht wahr?«Walker hob die Hand und winkte energisch ab, als Silverman etwas entgegnen wollte.»Ich soll Sie also entlassen, damit Sie unser Gegner werden?«

«Nein, Sir, ich will nur…«

«Einen Teufel werde ich tun, Fred. Ich befördere Sie zum Major, nagele Sie auf Ihren Eid als US-Offizier fest und damit hat es sich! Und wir schicken Sie als Kultur-Attache an die Botschaft von Neuseeland. Da können Sie kein Unheil anrichten und können die Kultur der Maoris studieren.«