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Der Leiter der Antikenabteilung wurde mit einer harmlosen Blinddarmreizung in ein Krankenhaus eingeliefert, operiert, die Wunde verheilte gut, er fühlte sich gesund und kräftig, aber an dem Tag, an dem er aus dem Krankenhaus entlassen werden sollte, starb er plötzlich. Die schnelle Diagnose: Darmkrebs. Vier Tage später schluckte der Chef der Skulpturenabteilung, die am meisten gelitten hatte, eine tödliche Dosis Zyankali, nachdem er eine Liste der fehlenden Exponate angefertigt hatte. Die Liste wurde nie gefunden, nur der Tote.

An seinem Schreibtisch wurde der Leiter des Völkerkundemuseums erschossen aufgefunden. Selbstmord hieß es, wie bei dem Zyankalitoten. Aber weshalb Selbstmord? Es gab nicht den geringsten Grund dafür.

Plötzlich starb im Sommer 1945 auch der Restaurator der Gemäldegalerie. Herzschlag, hieß es. Aber niemand konnte sich daran erinnern, daß er jemals über Herzbeschwerden geklagt hatte — er war ein gesunder Mann gewesen.

Und spurlos verschwand auch ein anderer Restaurator der Nationalgalerie, der am 7. April eine genaue Liste aufgestellt hatte, ein Inventarverzeichnis der ausgelagerten Gemälde.

Und der Mann, der diese Aufzählung von Merkwürdigkeiten und Rätseln zusammengestellt hatte, war später nicht mehr bereit, darüber zu sprechen. Freunde flüsterten sich zu, er habe Angst, Todesangst.

Und die Zeit, die Jahre breiteten einen Schleier des Verges-sens über alle Mutmaßungen und über alle Wahrheiten. Silverman im fernen Peking hatte dieses umfangreiche Material gesammelt. Er war nun vierundvierzig Jahre alt, Botschaftsrat, und konnte einem angenehmen Lebensabend entgegensehen. Über das Bernsteinzimmer sprach er seit zehn Jahren nicht mehr, es galt als verschollen und verloren, seitdem es angeblich im Bergwerk von Merkers gelagert haben sollte. Das Verschwinden der drei Trucks mit zwanzig Kisten und der Tod des armen Noah Rawlings, diese Blamage der US-Transportstaffel, wurden gründlich vergessen. Ein unglücklicher Zwischenfall im Krieg wie tausend andere — das war's. Wozu darüber große Worte? Silvermans damalige Berichte wurden in die Tresore des OSS verbannt und waren damit für alle Zeiten uneinsehbar. So vieles ist verlorengegangen, wie viele Städte waren nur noch rauchende Ruinen… wer regte sich da über ein Zimmer aus Bernstein auf?! Leute, so etwas braucht man nicht zum Leben. Seht euch an, was nach einem verlorenen Krieg möglich ist: das deutsche Wirtschaftswunder! Das ist wichtig: ein starker Block gegen den Osten! Silverman paßte sich dem neuen Denken an, wenn auch nur als Tarnung. Das Bernsteinzimmer war lein Gesprächsstoff mehr, und nach der Pensionierung von General Walker kam ein Nachfolger an die Spitze des OSS, dem Silverman kein Begriff mehr war und der die interne Geschichte des Diplomaten im Fernen Osten nicht kannte.

Silverman selbst sah eine große Chance in diesem Wechsel. Zunächst schickte er ein Gesundheitsattest des Botschaftsarztes nach Washington. Der Arzt, Dr. Humbert Seyko-none, ein Halbjapaner, hatte viele Gespräche mit Silverman geführt, bis dieser ein so großes Vertrauen zu ihm faßte, daß er ihm vom Bernsteinzimmer erzählte. Seykonone, im Herzen ein Japaner, erinnerte sich daran, was amerikanische Truppen damals von den von ihnen besetzten japanischen Inseln aus Tempeln, Grabanlagen und Heiligtümern weggeschleppt hatten, gab Silverman die Hand und sagte:»Ich werde Sie krank schreiben, Fred, Ihr Gesuch um Entlassung unterstützen und auch dem Botschafter erklären, daß ein Mann wie Sie seine Ruhe verdient hat und die letzten Jahre seines Lebens eigentlich in Florida oder an der kalifornischen Küste genießen sollte.«

«Dann müssen Sie mir aber eine verdammt tückische Krankheit andichten, Humbert. «Silvermann sah Seykonone nachdenklich an.»Wenn das gelingt — «»Versuchen wir es.«

Dr. Seykonone fand eine Krankheit, die man kaum anzweifeln konnte und die so ernst klang, daß eine Pensionierung Silvermans gerechtfertigt war. Laut Attest litt Silverman an einer beginnenden Nephrosklerose, eine vaskuläre Nierenerkrankung unter Beteiligung der kleinen Gefäße. Das mußte reichen.

Und es reichte. Silverman wurde nach Washington gebeten, ins Außenministerium, und dort empfing ihn ein sehr freundlicher Beamter, drückte ihm die Hand und ließ sich nicht ai-merken, wie sehr er den Kranken bedauerte.

«Ihr Gesuch, lieber Silverman, ist von uns eingehend geprüft worden«, sagte er.»Wie fühlen Sie sich?«

«Schlapp. Und oftmals ist da eine schreckliche Übelkeit. Von den Nierenstauungen ganz abgesehen. «Silverman hatte Sey-konones Ratschläge gut auswendig gelernt.»Ich habe manchmal das Gefühl, in der Mitte durchzubrechen.«

«Die beste Krankheit taugt nichts«, versuchte der Beamte den alten dummen Scherz.»Wir haben für Ihre Lage volles Verständnis. Wären Sie bereit, in vier Wochen in den Ruhestand zu treten?«

«Es wäre für mich eine große Erleichterung. Ich möchte mich dann nach Monterey zurückziehen und nur noch Golf spielen.«»Die Bewegung in der frischen Luft wird Ihnen guttun. «Es sollte aufmunternd klingen, aber Silverman hörte mit innerer Freude heraus, was man insgeheim dachte: Der arme Kerl. Will Golf spielen und weiß nicht, daß er bald an seiner Nierenverkalkung zugrunde geht.»Wir werden alles vorbereiten, Mr. Silverman.«

Schon drei Wochen später traf in Silvermans Hotel die Nachricht ein, daß er aus dem diplomatischen Dienst und Geheimdienst ehrenvoll entlassen sei. Eine große, schöne Urkunde erhielt er, einen Händedruck eines Staatssekretärs, die Bestätigung einer angemessenen Pension… und dann war er kein US-Beamter mehr, kein ehemaliger Major des Geheimdienstes OSS, kein» besonderer Fall «wie bei General Walker, er war frei in allen seinen Handlungen, konnte sich überall auf der Welt niederlassen, natürlich auch zum Golfspielen in Monterey, südlich von San Francisco.

Von Washington noch rief er Dr. Seykonone in Peking an.»Humbert, ich werde Ihnen ewig dankbar sein. Seit neun Stunden bin ich nur noch Fred Silverman, der Pensionär.«»Gratuliere, Fred«, rief Seykonone zurück.»Und was werden Sie jetzt tun?«

«Die Farm meines Vaters verkaufen, alles Geld zusammenkratzen und nach Germany fahren. Doch vorher noch eine Frage, nur zur Beruhigung: Habe ich wirklich keine Nierenverkalkung?«

«Sie haben Nieren wie ein College-Boy, Fred«, lachte Seykonone.»Wenn's bei Ihnen nur an den Nieren hängt, können Sie hundert Jahre alt werden. Viel Glück im kalten Germany.«»Danke, Humbert. Vielleicht kann ich hundert Jahre sogar gebrauchen.«

Silverman legte auf. Das war mein letztes Telefongespräch mit einer amtlichen amerikanischen Stelle, dachte er. Jetzt heißt es, Geld beschaffen, ein Ticket nach Frankfurt zu kaufen und ein anderer Mensch zu werden. Ein deutscher Jude kommt nach Deutschland zurück, um ein russisches Bernsteinzimmer zu suchen. Er geht in das Land zurück, das seine ganze Familie ausgerottet hat. Etwas absurd war das schon… aber notwendig.

Ich bin der einzige, der mehr weiß als alle anderen.

Die Geschäfte mit dem Bordell, dem Stundenhotel und der Erotikshow liefen vorzüglich. Larry Brooks und Joe Williams waren zu den heimlichen Herrschern der Frankfurter Szene aufgestiegen und hatten das Puffgewerbe nach amerikanischem Muster völlig unter ihrer Kontrolle.

Als nach der deutschen Währungsreform 1948 auch die Deutschen wieder genug Geld hatten, um sich eine Stunde oder auch zwei mit den» Alleinunterhalterinnen «zu gönnen, vor allem aber neue Sexlokale gegründet wurden, auf deren Bühnen tabufreie Erotikshows stattfanden, an denen sich jeder Besucher im Saal beteiligen konnte, und als die Privatclubs überall aus dem Boden schossen, in denen Partnertausch und