Gruppensex gepflegt wurden, liefen alle Konzessionen erst einmal über Larry und Joe. Wer, ohne sie zu fragen, einen Puff aufmachte, bekam Besuch von Larry, und meistens war die Angelegenheit nach zehn Minuten Unterhaltung erledigt. Getreu dem Vorbild der Mafia von New York, Chikago, New Orleans und anderen Städten wurden Schutzverträge abgeschlossen und monatlich kassiert. Ein paar Wackere, die sich nicht beugen wollten, kamen spätestens nach sechs Monaten zu Larry und Joe, unterschrieben und zahlten… ein paarmal die Lokaleinrichtung zu erneuern oder einen Messerstich auszuheilen, ist nicht jedermanns Sache.
Und trotzdem, Larry beging eine Dummheit, die das ganze schöne Bordellgeschäft ins Schwanken brachte.
Ein Immobilienmakler bot ihm im Jahre 1955 eine Villa im Taunus an, ein weißes, schloßähnliches Gebäude mit eigenem Reitstall, einem See, mit Wild gut bestandenen Wäldern und einem verpachteten Bauernhof. Ein Traumbesitz, der — wie Larry sich sagte — gut zu ihm paßte, nur der Preis von elf Millionen harter DM überstieg Larrys aktuelles Konto. Aber er wußte Rat, und in neun Tagen hatte er die Summe zusammengebracht. Der Herrensitz im Taunus konnte gekauft werden.
Es war an einem Abend in der Villa von Joe Williams, daß sich Larry plötzlich nicht mehr sehr wohl fühlte. Carla, Joes gegenwärtige Geliebte, war nicht im Haus, was Larry auffiel, und auch Joe war anders als sonst, öffnete statt des Butlers selbst die Tür und ließ Larry stumm eintreten. Erst am Barschrank im großen Salon, nachdem Larry einen doppelten Whiskey bekommen hatte, blieb Joe vor ihm stehen, verschränkte die Arme vor der Brust und zog das Kinn an.
«Hast du die Zeitung gelesen?«fragte er.
«Welche?«fragte Larry und bekam einen starken Druck im Magen.
«Die Frankfurter Allgemeine.«
«Ja.«
«Da steht, daß plötzlich bei einem Kunsthändler drei wertvolle, bisher verschollene Kunstgegenstände aufgetaucht sind, die aber schon, als die Polizei eingriff, an einen unbekannten Sammler nach Amerika verkauft waren. Es handelte sich um eine Ikone der Nowgoroder Schule, eine Monstranz von 1518 und ein Gemälde von Tiepolo. «Joes Stimme blieb ruhig und klang deshalb besonders gefährlich.»Soviel ich mich erinnern kann, gehörten diese Kunstschätze einmal einem Larry Brooks.«
«Joe, ich muß dir das erklären…«
«Das ist auch nötig, glaube ich.«
«Ich kann einen Traum von Haus kaufen. Mit See, Reitstall, Wäldern… im Taunus, weißt du. Sogar ein großer Bauernhof ist dabei.«
«Preis?«fragte Williams knapp.
«Elf Millionen DM.«
«Du bist verrückt, Larry. Du drehst durch…«
«Mir fehlten nur noch neunhunderttausend Mark! Lumpige Neunhunderttausend! Sonst wäre der ganze schöne Besitz an einen Araber gefallen. Da habe ich…«
«Da hast du in den Tresor gegriffen und ein paar Stückchen herausgeholt.«
«Ja, Joe.«
«Und mich zu fragen, daran hast du nicht gedacht.«
«Nein. Hättest du mir die Neunhunderttausend gegeben?«»Auf gar keinen Fall.«
«Siehst du. «Larry trank das zweite Glas Whiskey leer. In Joes Blick lag etwas, das Angst in ihm erzeugte.
«Ich sehe, und ich lese es. Wenn dieser Kunsthändler umfällt und die Schnauze aufmacht…«
«Er fällt nicht um, Joe…«
«Jeder Mensch hat seine Schwächen… sieh nur dich an, Larry! Also der Händler singt… und was ist dann? Eine Spur ist gelegt, und wie die Jagdhunde werden sie diese Spur aufnehmen. Die Kunsthistoriker, die Museumsdirektoren, die Polizei, unser Geheimdienst, das CIC… die ganze Meute gegen uns.«
«Ich habe meinen Namen nicht genannt. Sie werden nie auf uns kommen, Joe.«»Es gibt kein Nie im täglichen Leben, Larry. Wenn sie erst wissen, daß uns damals der >Werwolf< nicht umgebracht hat, werden sie auch wieder nach den zwanzig Kisten fragen! Und alles, alles war umsonst! Elf Jahre Versteckspielen… umsonst. Sie werden uns in die Staaten bringen und dort weichklopfen, bis wir hinausschreien, wo das Bernsteinzimmer ist! Und alles nur, weil Larry Brooks wie ein Graf leben will. Mit einem Gutsherrenschloß…«
«Es wird nichts geschehen, Joe, glaub es mir. Nichts wird geschehen!«rief Larry fast kläglich.»Alles verläuft im Sand.«»Darauf verlasse ich mich nicht. «Williams stieß sich von dem Barschrank ab und wanderte in dem großen Salon hin und her. Larrys Blicke folgten ihm und jeder seiner Bewegungen. Plötzlich blieb Joe ruckartig vor ihm stehen. Larry schrak zusammen.
«Du erinnerst dich an Noah?«fragte Joe.
«Ungern — «Larry verzog sein Gesicht.
«Es bleibt dir nichts anderes übrig, als es noch mal zu tun.«»Nein, Joe, nein!«Larry trat heftig einen Schritt zurück.»Ich bin kein Killer, das weißt du. Ich habe Jahre gebraucht, um Noahs Augen zu vergessen, bevor er umfiel!«
«Es ist unser einziger Schutz, Larry. Du nimmst die deutsche Pistole und korrigierst deine Dummheit. Und das Schlößchen kaufst du auch nicht!«
«Joe, ich bin kein Idiot! Ich bin auch nicht dein Tanzbär! Ich kann tun, was ich will!«Es war ein mattes Aufbegehren, das Williams mit einem Wink wegscheuchte.
«Du schaffst wieder Ordnung, Larry«, sagte er kalt.»Und ich kümmere mich darum, daß das Bernsteinzimmer in die Staaten kommt…«
«Du willst es rüberschaffen, Joe? Wie denn?«
«Von Genua aus mit dem Schiff.«
«Und wie kriegst du die zwanzig Kisten nach Genua?«
«Mit Geld in die richtigen Hände.«
«Einen deutschen Zollbeamten zu bestechen ist Wahnsinn!«»Aber nicht den Kommandanten einer US-Atlas-Trans-portmaschine. Im Hafen von Genua ist das Handaufhalten eine tägliche Übung.«
«Und drüben, Joe?«
«Larry, du bist ein Rindvieh! Natürlich kommen die Kisten nicht nach New York oder Boston oder Baltimore. In Mexiko kommen sie an Land und dann über die Grenze. Auch hier helfen Dollars. «Joe lehnte sich wieder an den Barschrank.»Zunächst aber bist du an der Reihe, Larry. Dein Kunsthändler muß schlafen.«
«Ich kann das nicht, Joe!«schrie Larry hysterisch.»Ich habe nicht die Nerven wie du!«
«Leider, Larry. Aber das Schicksal hat uns zusammengeführt, wir haben das größte Ding aller Zeiten gedreht, wir sind aufeinander angewiesen… es ist eben Schicksal. Reiß dich zusammen, Larry-Boy. Du bist erst fünfunddreißig… vierzig Jahre hast du sicherlich noch vor dir. Larry, vierzig Jahre!«
An diesem Abend betrank sich Larry Brooks so gründlich, daß er Joes Villa nicht mehr verlassen konnte. Er merkte nicht einmal, daß dieser ihn sogar ins Bett schaffen mußte.
Zwei Tage später berichteten die Frankfurter Zeitungen:
Der Kunsthändler M. Sch. wurde in der vergangenen Nacht in seinem Haus im Westend erschossen. Wie die Polizei mitteilt, gibt es keinen Hinweis auf den oder die Täter. Gestohlen wurde nichts, wodurch ein Raubmord ausgeschaltet werden kann. Der Täter benutzte eine ehemalige deutsche Wehrmachtspistole, 08 genannt, wie nach der ersten Obduktion festgestellt wurde.
Eingeweihte Kreise sprechen davon, daß die Ermordung des Kunsthändlers mit den vor kurzem aufgetauchten und von ihm weiterverkauften Kunstwerken, die seit Kriegsende als verschollen galten, in engem Zusammenhang steht. Eine Sonderkommission der Kriminalpolizei hat vor allem in dieser Richtung die Ermittlungen aufgenommen. Die wieder aufgetauchten Kunstwerke sollen — so Experten — aus dem Katharinen-Palast bei Puschkin/Leningrad stammen, der 1941 von deutschen Truppen und Sonderkommandos geplündert worden war. Darunter befand sich auch das berühmte Bernsteinzimmer, das bis heute verschollen ist.
«Da haben wir's!«sagte Williams, als er die Zeitung gelesen und Larry an den Kopf geworfen hatte. Larry hockte wie ein Häufchen Elend in einem Sessel und schien dem Weinen nahe.»Das Bernsteinzimmer kommt wieder ins Gespräch! Eine Scheiße ist das, Larry, eine große Scheiße! Wir müssen die zwanzig Kisten aus der Höhle holen und nach Genua bringen! Und warum… weil Larry Brooks, der Junge aus den Slums, ein Graf sein wollte! Mit Herrenhaus! Mit eigenem Reitstall! Mit einem eigenen See! Sitz nicht rum und heule!«