«Ich habe einen Menschen umgebracht, Joe. «Larry schlug die Hände vor sein Gesicht.»Zum zweiten Mal einen Menschen… Ich bin total fertig.«
«Bis übermorgen. Dann hast du's verdaut.«
«Das glaube ich nicht, Joe.«
«Aber ich… Das Bernsteinzimmer wird immer wertvoller. Jetzt hat es schon zwei Menschenleben gekostet.«
Es klang zynisch und eiskalt, und Larry fror wirklich bei diesen Worten vor Entsetzen und Angst.
Im November, an einem trüben Tag, der Genua noch häßlicher machte, als es ohnehin schon war, vor allem den Hafen, legte das Motorschiff Lukretia von der Pier ab. Es fuhr unter libanesischer Flagge, wurde von einem griechischen Kapitän befehligt und hatte eine Besatzung aller nationalen Schattierungen. Es transportierte Landmaschinen nach Mexiko, große Kisten, unter denen die zwanzig alten Kisten gar nicht auffielen, die eines Nachts an Bord gebracht worden waren. Eine Nacht, in der der Kapitän um fünfzigtausend Dollar reicher geworden war. Und bei fünfzigtausend Dollar stellt man keine Fragen mehr — das wußte Joe, und er konnte daher leicht großzügig sein.
Ein paar Tage zuvor war er nach Köln gefahren, um möglichen Nachforschungen vorzubeugen, und hatte vom Bahnpostamt ein Gespräch nach USA, nach Whitesands, angemeldet. Dort meldete sich der alte Butler William, Joe verstellte seine
Stimme und sagte, es sei eine wichtige Angelegenheit, auf die der Hausherr warte. Als er seinen Vater hörte, sagte er:
«Hallo, Dad… ich bin's!«
«Wer ist dort?«fragte der alte Williams steif.
«Joe, Daddy.«
«Das kann nicht sein. Mein Sohn ist in den letzten Kriegstagen in Deutschland gefallen, sein Ehrenmal steht in Whitesands…«»Dad, du weißt doch, daß ich lebe. Zugegeben, ich habe jahrelang nichts von mir hören lassen, ich habe an dich gedacht, als du fünfundsiebzig wurdest, aber es war noch nicht die Zeit, aufzutauchen…«
«Was wollen Sie?«fragte der alte Williams ziemlich grob.»Wo stecken Sie?«
«In Germany. Dad… wie geht es Mom?«
«Meine Frau ist vor sieben Monaten gestorben.«
«Mom… ist tot?«Joe schluckte ein paar Mal.»Woran ist sie gestorben?«
«Was interessiert Sie das, Sie sind mir unbekannt! Sie stehlen mir meine Zeit.«
«Dad! Sie war meine Mutter — «
«Ihr Sohn ist vor elf Jahren gefallen, Sie Lügner!«schrie der alte Williams ins Telefon.»Sie hatte keinen Sohn mehr! Und so traurig es ist, ein Kind zu verlieren, sie war froh, daß ihr Sohn wenigstens ehrenvoll gestorben ist. Als Kriegsheld… und nicht als Gangster.«
«Das sagst du mir, Dad? Ausgerechnet du?! Dein ganzes Leben lang hast du nur Glück gehabt, das ist es! Ohne dieses Glück wärst du längst auf dem elektrischen Stuhl gebraten worden! Verdammt noch mal, ich wollte jetzt nach Hause kommen.«
«Bleib bloß, wo du bist!«Die Stimme des alten Williams war beinhart.»Es könnte einen Unfall auf dem Weg nach Whitesands geben.«
«Dad! Das könntest du tun?«
«Mein Sohn Joe ist im Krieg gefallen — dabei bleibt es!«
Der alte Williams legte auf. Joe starrte eine Zeitlang auf seinen Hörer, ehe er einhängte, zum Postschalter ging und das Gespräch bezahlte.
So also ist das, dachte er. Es gibt mich nicht mehr. Auch gut… das Bernsteinzimmer kann überall stehen, dazu brauche ich Whitesands nicht. Bye bye, Dad — das war unser letztes Gespräch.
Der Abtransport der zwanzig Kisten aus der Höhle im Berg Taufstein war keine Schwierigkeit. Von einer Baufirma in Aisfeld lieh sich Larry Brooks einen kleinen Raupenbagger, fuhr ihn zur Höhle, und schon nach sechs Stunden hatten sie den gesprengten Eingang freigelegt. Joe hatte sich um einen Lastwagen bemüht und am Stadtrand von Alsfeld eine alte Lagerhalle gemietet. Dorthin transportierten sie in viermaligem Hin- und Herfahren das Bernsteinzimmer, gaben Bagger und Lkw wieder ab und ließen zwei Wochen verstreichen. Den Eingang der Höhle hatten sie mit dem Sprengschutt wieder verschlossen und überließen es dem Forstamt des Vogelsberges, sich darüber zu wundern, nach einer Erklärung zu suchen und keine zu finden.
Etwas schwieriger wurde es mit dem Kommandanten der Atlas-Maschine auf der US-Air-Basis von Frankfurt. Joe Williams blätterte zwanzigtausend Dollar auf den Tisch, aber Captain Hugh Fortner blieb verschlossen.
«Joe, ich mache keine krummen Dinger«, sagte er.
«Das ist kein krummes Ding. Das ist mein Privateigentum.«»Und warum soll das heimlich weggebracht werden?«
«Wegen des Zolls, Hugh. «Joe tippte auf die Dollarscheine.»Auch das ist steuerfrei. Und in meinen Sexladen hast du auf Lebenszeit freien Eintritt und kannst dir umsonst jedes Mädchen aussuchen. Freies Schießen, Junge.«
Fortner überlegte. Er war ein paarmal in Joes Bar und Stundenhotel gewesen, sie kannten sich gut, Joe hatte die schönsten Weiber von Frankfurt im Stall, das wußte jeder, und zwanzigtausend Dollar in bar waren kein Regentropfen auf der Hand. Einmal in der Woche flog er die Atlas nach Genua, um im Hafen Nachschub abzuholen oder irgendwelche Dinge auf ein amerikanisches Schiff zu bringen. Die US-Transporte der Army oder Air Force hatten freie Durchfahrt, keiner kontrollierte sie, die Hafenwache kannte sie, und zwanzig Kisten waren überhaupt kein Problem.
«Es ist kein schiefes Ding?«fragte Fortner noch einmal.
«Ich verspreche es dir, Hugh«, sagte Joe feierlich.»Ich muß die Kisten nur zur Basis bringen — das ist es.«
«Da helfe ich dir. Ich schicke dir einen Truck.«
«Zwei, Hugh. Es sind große Kisten. Zwei schwere Trucks.«»Okay, Wann?«
«Einen Tag, bevor du fliegst. Sie liegen in Alsfeld.«
Alles lief daraufhin reibungslos nach Plan. Zwei riesige Trucks der US-Air-Force holten die Kisten ab, brachten sie zur AirBasis, und dort wurden sie in Fortners Atlas-Maschine geladen. Sie bekamen die Bezeichnung» Umzugsgut«- was noch nicht einmal gelogen war —, nachdem Joe die Aufschriften» Wasserbaubehörde Königsberg«übermalt hatte, und am selben Tag, an dem Fortner nach Genua flog, waren auch Larry und Joe unterwegs nach Italien.
Für den Puffbetrieb hatten sie vorläufig einen Geschäftsführer eingestellt, einen Jugoslawen mit guten Kenntnissen der Frankfurter Szene, und Joe hatte ganz klar zu ihm gesagt:
«Wir werden bestimmt ein halbes Jahr wegbleiben. Und nun hör genau zu, Jugo-Boy: Wenn die Abrechnungen nicht stimmen, wenn du denkst, du könntest uns aufs Kreuz legen, wenn hier durch deine Schuld irgend etwas schiefläuft, kann deine Mami einen Kranz schicken! Verstehst du das?«
«Du sprichst deutlich genug«, antwortete der Jugoslawe und nickte.»Ich werd doch dein Vertrauen nicht ausnützen.«
«Das sagen alle. Boy, paß bloß auf!«
Nun dümpelte die Lukretia im Brackwasser des Genueser Hafens und sollte am nächsten Tag auslaufen. Man hatte die zwanzig Kisten geschickt unter die anderen Kisten mit Ersatzteilen und den Landmaschinen verteilt. Zum dritten Mal waren sie umbenannt worden. Jetzt hieß es:»Motoren und Ersatzteile«. Fünfundzwanzigtausend Dollar steckten in der Tasche des griechischen Kapitäns, noch einmal die gleiche Summe bekam er, wenn die Kisten in Mexiko an Land waren.
«Das große Werk ist gelungen!«sagte Joe Williams am Abend zu Larry Brooks. Es klang wie der Beginn einer Ansprache.»Das Bernsteinzimmer ist weg aus Deutschland… jetzt wird es keiner mehr finden, und wenn sie hundert Jahre suchen. Es gibt keine Spuren mehr. «Er sah Brooks mit strahlendem Gesicht an.»Wenn du nur nicht ein so weiches Gemüt hättest, Larry-Boy.«
Am nächsten Tag dampfte die Lukretia von Genua ab, hinaus ins Mittelmeer. Es war ein naßkalter, nebeliger Novembertag. Am gleichen Nachmittag flog Joe Williams von Genua nach Rom und von Rom weiter nach Mexiko.