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Erst drei Tage später entdeckte ein Hafenboot einen im Wasser treibenden Gegenstand, kam näher und zog ihn heraus. Es war ein Mensch mit einem kleinen Loch in der Stirn. Ein unbekannter Toter. Ein Mord, den man nie klären würde. Und als ein Unbekannter wurde Larry Brooks dann auch in Genua begraben.

Der dritte Tote des Bernsteinzimmers.

Joe

Es war alles so geworden, wie General Walker es vor Jahren vorausgesehen hatte: Bei seiner Rückkehr nach Deutschland war aus dem US-Major Fred Silverman wieder Friedrich Silbermann geworden, der emigrierte Jude, der hoffte, in ein besseres, geläutertes Deutschland zu kommen. Die Dollars, die er mitbrachte, reichten aus, um über Jahre hinweg ein unabhängiges Leben zu führen. Trotzdem bewarb er sich mit einem Empfehlungsschreiben an der Universität von Würzburg als Kunsthistoriker, und der Senat nahm ihn nach langer Beratung als Privatdozent in die Alma mater auf.

Er hatte nur wenige Studenten, aber umso mehr Zeit, die Spur des Bernsteinzimmers wieder aufzunehmen. Vierzehn Jahre lagen nun schon zwischen dem Verschwinden der drei Trucks auf dem Weg nach Frankfurt, und genauso lange waren alle Kunstexperten der Meinung, daß das Bernsteinzimmer für immer verschollen sei. Alle bisherigen Hinweise und Spuren, die von Kunstliebhabern, Museumsdirektoren, staatlichen Kommissionen und den Geheimdiensten verschiedener Länder, vor allem aber der Amerikaner und Russen, verfolgt wurden, liefen ins Nichts. Immer wieder stieß man auf eine Mauer des Unwissens und den immer wiederkehrenden, altbekannten Spruch:»Ob die Kisten das Bernsteinzimmer enthielten, weiß keiner. Sicher ist nur, daß große Kisten im Januar 1943 ankamen und im April wieder weggeschafft wurden.«

Es lagen Berichte aus vierunddreißig verschiedenen Stellen und Lagerstätten vor: Bergwerke, Schlösser, Burgen, unterirdische Bunker, Höhlen, sogar zwei Klöster waren dabei, aber sie waren nur eine Zwischenstation der unübersehbar verschlungenen Wege, welche die Kisten genommen hatten. Selbst die Schweiz wurde nicht mit Aifragen verschont, und die Regierung protestierte heftig. In Österreich forschte man besonders intensiv, nachdem man in Alt-Aussee eines der größten Nazidepots für geraubte Kunst entdeckt hatte. Es war nicht so spektakulär wie Grasleben oder Merkers, aber man vermutete, daß gerade in Österreich noch viele Kunstschätze versteckt waren, die unter den» Führervorbehalt «fielen… für das größte Museum der Welt in Linz an der Donau. Hitlers verheerender Traum.

Silbermann staunte oft über die Phantasie der Sucher und ihre Euphorie, wenn sie eine vermeintliche Spur zu finden glaubten. Sein Wissen nutzte ihm wenig, im Gegenteil, es machte ihn hochgradig verdächtig.

Ein Besuch im Hauptquartier von Frankfurt hätte ihn warnen müssen.

Die Zentrale Kunstsammelstelle der amerikanischen Streitkräfte war längst aufgelöst worden. In den verschiedenen Dienststellen, die Silbermann aufsuchte, starrte man ihn verständnislos an, höhere Offiziere erinnerten sich an gar nichts und bekamen nur einen lauernden Blick. Schließlich landete Silbermann dort, wo zu landen er schon immer vermutet hatte: beim amerikanischen Geheimdienst CIC.

Die ehemaligen Kollegen waren zu Silbermann freundlich, aber bei gezielten Fragen von einer geradezu kindlichen Unwissenheit. Vom Bernsteinzimmer hatten sie überhaupt nur wenig gehört, nur, was in den Zeitungen stand. Im Archiv nach den Listen der gefundenen Kunstschätze nachzusehen erwies sich als sehr mühselig, ganze Aktenstücke waren verschwunden, und ein Colonel des CIC sagte zu Silbermann sogar:»Lieber Freund, warum beschäftigen Sie sich mit solchen Dingen? Das bringt doch nur Ärger. Von mir aus können sie das Bernsteinzimmer auf den Mond schießen, ich weine ihm keine Träne nach.«

Nach sechs Wochen, in denen er sich durch die Akten des Geheimdienstes gewühlt hatte, stieß Silbermann auf die Kopie der Liste von Merkers. Welch ein Erfolg! Hier war endlich der Beweis, daß das Bernsteinzimmer in der Zeche Kaiseroda II/III gelagert gewesen war.

Aber schon nach einem Überfliegen der Listenkopien ließ Silbermann die Blätter sinken und rieb sich die Augen.»Das ist doch nicht möglich«, sagte er betroffen.»Das ist doch meine Liste, von mir unterschrieben. So etwas gibt es doch nicht.«

Es war eine vollständige Liste, die nur einen Schönheitsfehler hatte: Die zwanzig Kisten mit dem Bernsteinzimmer waren nicht enthalten. Die Zeilen waren gelöscht und mit anderen Beschreibungen von Kunstwerken wieder gefüllt worden.

«Sind Sie sich sicher?«fragte der Colonel, als Silbermann ihm die Fälschung zeigte.»Wissen Sie, daß sie den CIC verdächtigen? Sie, ein US-Major und Diplomat?! Haben Sie irgendeinen Beweis für ihre Anklage?!«

«Die Originallisten, Sir.«

«Das sind die Originallisten! Andere gibt es nicht!«

«Meine Liste!«

«Es ist Ihre. Ihre Unterschrift steht ja darunter.«

«Die Liste ist manipuliert worden!«

«Eine ungeheure Behauptung, Mr. Silbermann! Das müssen Sie beweisen!«

«Ich werde nach den Beweisen suchen, Sir. Ich habe einen unbestechlichen Zeugen: Präsident Eisenhower! Er war damals 1945 zusammen mit General Patton und General Bradley im Bergwerk Merkers, und ich habe ihm vom Bernsteinzimmer berichtet und eine Kiste öffnen lassen. Er hat es gesehen und erschüttert >Jesus!< ausgerufen.«

«Sie wollen den Präsidenten als Zeugen benennen?«Der Colonel erstarrte geradezu.»Sie bringen wirklich die Frechheit auf, den Präsidenten der Vereinigten Staaten als Zeugen für einen angeblichen Kunstraub aufzurufen. Mr. Silbermann, ich beginne mich zu schämen, daß so jemand wie Sie einmal US-Offizier gewesen ist. Und dann auch noch beim OSS!«

«Die Wahrheit hängt nicht von Personen und Positionen ab, Sir!«

«Die Wahrheit ist, daß Sie ein übler Nestbeschmutzer sind!«Das Gesicht des Colonel wurde rot.»Die Wahrheit ist, daß Sie nie Amerikaner geworden sind, sondern immer der deutsche Jude geblieben sind. Und die letzte Wahrheit ist, daß Männer wie Sie zum Kotzen sind… für mich! Danke!«

Silbermann wunderte sich nicht über diese Reaktion des CIC. Was nach 1945»wiedergefunden «und» dem rechtmäßigen Besitzer übergeben worden ist«, war nur ein Bruchteil dessen, was die Nazis ausgelagert hatten. Wo die Mehrzahl der

Kunstwerke geblieben war, blieb ein Rätsel, wurde mit einem Achselzucken beantwortet oder mit der lapidaren Antwort: Na ja, es war eben Krieg. Was da nicht alles verschwindet…

Vier Wochen später fand ein Motorradfahrer auf einer Landstraße zwischen München und dem Ammersee, am Straßenrand verkrümmt liegend, einen blutenden Mann und benachrichtigte die Polizei. Ein Rettungswagen brachte den Schwerverletzten in das nächste Krankenhaus, man zog ihn aus und stellte fest, daß er sechs Messerstiche in den Unterleib bekommen hatte. Die Kriminalpolizei übernahm sofort den Fall, aber der Niedergestochene war nicht vernehmungsfähig. Wie durch ein Wunder überlebte er und sagte am vierten Tag nach seiner Einlieferung aus:»Ich heiße Friedrich Silbermann. Ich bin noch amerikanischer Staatsbürger, wohnhaft in Würzburg. Die Verletzungen habe ich mir selbst beigebracht, ich wollte Selbstmord begehen. Das ist alles, was ich sagen kann… und sagen will.«

Was hätte Silbermann auch erzählen sollen? Daß man im Flur seines Hauses plötzlich einen Sack über ihn geworfen und ihn weggeschleppt hatte in ein Auto. Daß das Auto nach Stunden irgendwo hielt, daß man ihn herauszerrte, gegen einen Baum lehnte und eine Stimme sagte:»Heute ist es nur eine Warnung, aber sie soll wirksam sein. Du weißt, wovor wir dich warnen, Fred Silverman. «Und dann hatte man sechsmal zugestochen, ihn zu Boden fallen lassen, den Sack vom Kopf gezogen und war ohne Scheinwerfer abgefahren. Er konnte weder die Autonummer noch die Automarke oder Farbe e-kennen.

Es sind Profis, hatte Silbermann noch gedacht. Dann war er bewußtlos geworden.