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Sollte er das erzählen? Ein Protokoll würde es geben, das bald in einem Aktenschrank verstaubte. Ein ungeklärter Überfall mehr; ein unerklärbarer dazu.

Vier Wochen blieb Silbermann im Krankenhaus, dann wurde er entlassen.

Als er aus dem Gebäude kam und in das bestellte Taxi stieg, hatte er das Gefühl im Nacken, daß er beobachtet wurde. Er kannte dieses Gespür von früher, aber er sah keinen Wagen, der ihnen folgte Es waren eben Profis -

Es stellte sich heraus, daß Wassilissa Iwanowna Jablonskaja nicht nur über beste Beziehungen in Moskau und Leningrad verfügte, sondern auch vom sowjetischen Kultusministerium und sogar vom KGB mit weitreichenden Vollmachten ausgestattet war, die es ihr erlaubten, jede sowjetische Dienststelle, sei sie zivil oder militärisch, um volle Unterstützung zu bitten. Das zeigte sich deutlich bei den Kreuz- und Querfahrten, die sie mit Michael Wachter begonnen hatte. Vorher gab es noch eine erregte Diskussion, denn Nikolaj wollte seinen siebzigjährigen Vater nicht allein auf die anstrengenden Reisen schicken, und selbst Jana Petrowna überlegte ernsthaft, ob sie nicht ihr Väterchen begleiten sollte. Die Kinder waren schon selbständig genug, um unter Aufsicht eines im Ruhestand lebenden Lehrers aus Puschkin eine Zeitlang allein gelassen zu werden. Peter war neun, Janina sieben Jahre alt, es waren kluge und vernünftige Kinder, die schon jetzt in ihrer Jugend von der Schönheit ihrer Mutter zeugten. Die Jablonskaja hatte es einmal ausgesprochen, was Großvater Michael im stillen schon gedacht hatte, voller Stolz, wie Großväter nun mal sind:»Peter und Janina hätten früher Modelle für Raffael und Tiepolo abgegeben.«

Nun also wollten Nikolaj und Jana den alten Wachter begleiten und überfielen ihn drei Tage vor der geplanten Abreise aus Puschkin mit der Eröffnung:»Väterchen, alles ist geregelt. Nikolaj ist beurlaubt, die Kinderchen bleiben unter Aufsicht von Arkadij Trofimowitsch, dem alten Lehrer, im Schloß — alles ist gut.«

«Nichts ist gut!«hatte Wachter ärgerlich gerufen.»Was, frage ich, soll da gut sein? Daß ein Wachter seinen Posten als Betreuer des Bernsteinzimmers verläßt? Daß eine Mutter ihre Kinder in Pflege gibt?! Das ist gut?!«

«Soll ich einen leeren Saal bewachen, Vater?«rief Nikolaj zurück.

«Wäre das Zimmer da — ich rührte mich nicht von der Stelle. Das weißt du! Unmöglich aber ist's, dich allein auf die Suche zu schicken.«

«Wassilissa Iwanowna ist bei mir.«

«Genügt das vielleicht? Wenn du krank wirst, wenn du ausrutschst und dir ein Bein brichst, wenn irgend etwas anderes passiert… Janka ist eine gute Krankenschwester geworden. Und vergiß nicht, Väterchen… ein alter Mann bist du.«

«Was bin ich?!«Auf sein Alter hingewiesen zu werden war Wachter ein Greuel. Er war kein Greis, er fühlte sich nicht so, er war nicht im Geringsten klapprig in den Knochen und den Muskeln. Sein Herz schlug kräftig wie vor vierzig Jahren, seine Adern waren nicht verstopft und das Denken war ihm nicht schwerer geworden. Nur die linke Schulter war etwas schief seit dem Feuerüberfall der Tiefflieger, und daß es gerade sowjetische Flieger gewesen waren, die ihn, einen Wachter, die seit 230 Jahren in Rußland lebten, zusammengeschossen hatten und indirekt und unwissend schuld daran waren, daß er das Bernsteinzimmer aus den Augen verloren hatte, ärgerte ihn immer wieder. Aber ein alter Mann, auf den man aufpassen mußte wie auf einen Säugling, nein, das war er keinesfalls.

«Ihr seht mich als einen Tattergreis?!«rief er empört.»Ha, zeigen werde ich's euch! Wer bin ich denn? Soll eine eigene Krankenschwester brauchen? Einen starken Sohn, der mich auf den Schultern herumträgt?«

«Väterchen, so ist das nicht. «Jana Petrowna versuchte, Wachter milde zu stimmen.»Acht Augen sehen mehr als vier Augen, und sechs Ohren hören besser als vier…«

«Jeder auf seinem Platz!«sagte Wachter streng.»Ich fahre und suche mit Wassilissa Iwanowna allein…«

Als sie von Puschkin abfuhren nach Leningrad, um dort ein Flugzeug nach Ost-Berlin zu besteigen, war zwar Jana im Katharinen-Palast bei den Kindern geblieben, aber Nikolaj war mitgekommen und hatte dem Alten allen Wind aus den Segeln genommen, indem er sagte:»Ein Wachter gehört zum Bernsteinzimmer. Bin ich ein Wachter? Ohne Zweifel. Wo ist das

Bernsteinzimmer? Verschollen. Wer hat die Pflicht, es zu suchen? Ein Wachter. Ich wiederhole: Bin ich ein Wachter? Was kannst du dagegen sagen, Väterchen?«

«Du bist ein Dickkopf wie ich. «Michael Wachter stieß mit der Faust gegen die Brust seines Sohnes, und die Kraft des Alten war noch so stark, daß Nikolaj etwas schwankte.»Gut ist's. Keine Diskussion mehr! Froh bin ich, daß Janinka zu Hause bleibt. Wir alle wissen, wie schwer es wird, was wir vorhaben. Sogar gefährlich kann's werden. Es gibt Menschen, die wissen, wo das Bernsteinzimmer geblieben ist, und sie werden unsere Feinde sein und vor nichts zurückschrecken.«

«Und deshalb ist es gut, daß ich bei dir bin«, sagte Nikolaj.

In Berlin blieben sie nur drei Tage, wohnten als Gäste des sowjetischen Stadtkommandanten im Gästehaus der Roten Armee in Karlshorst und studierten die Detailpläne, die man in Moskau erstellt hatte und mit denen die Jablonskaja jahrelang beschäftigt gewesen war. Drei wichtige Spuren gab es, auf denen man dem Bernsteinzimmer folgen wollte: nach Grasleben, nach Merkers und nach Österreich im Raum Alt-Aussee, Dachstein, Höllengebirge… aber in elf Jahren war viel Gras über das Land und die Erinnerung gewachsen.

«Suchen wir in Thüringen«, sagte Wachter, nachdem er alle Karten, Aussagen, Berichte und Mutmaßungen durchgelesen hatte.»Merkers… da muß es gewesen sein. Im Bergwerk Kaiseroda II/III. Wenn man nur wüßte, wo dieser Captain Silverman lebt! Er hat's gesehen, sagt er. Er hat den Transport nach Frankfurt zusammengestellt. Und auf diesem Transport sind drei Lastwagen mit zwanzig Kisten angeblich vom deutschen >Werwolf< überfallen und geraubt worden. Zwanzig Kisten… das könnte genau das Bernsteinzimmer sein! Silverman behauptet das auch… Meine Lieben, wir müssen in Merkers anfangen mit der Suche. Noch einmal! Wozu nach Österreich fahren? Nach Grasleben? Das alles sind nur falsche Spuren. «Mit dem Zug fuhren sie von Berlin nach Weimar, und hier zeigte sich die Macht des Ausweises von Wassilissa Iwanowna. Sofort bekam sie vom sowjetischen Militärkommandanten e-nen Wagen, keinen mit Armeenummer und braungrau gestrichen, sondern einen unauffälligen Privatwagen, dessen wahre Identität nur die Tankwarte kennenlernten, denn Benzin bekamen die Wachters und die Jablonskaja kostenlos gegen Vorlage der sowjetischen Bescheinigungen.

In Merkers hatte sich wenig verändert. Das Salzbergwerk arbeitete nur mit halber Kapazität, Grubendirektor Eberhard Mo-schik war vor zwei Jahren gestorben, und Grubeninspektor Johannes Platow, der 1945 Eisenhower, Patton und Bradley in die riesige Salzhalle geführt und ihnen die Schätze gezeigt hatte, konnte sich an nichts mehr erinnern. Vor ebenfalls zwei Jahren war er abends nach seinem Stammtisch im» Grünen Baum «von einem unbekannten Auto angefahren und durch die Luft geschleudert worden. Er hatte überlebt, aber der Schädelbruch, den er erlitten hatte, machte ihn zum Invaliden, der sich an nichts mehr erinnern konnte.

Die neue Grubendirektion zeigte sich sehr hilfsbereit. Mit e-nem Obersteiger fuhr man die» Kommission«, wie die Jablonskaja sie vorstellte, 450 Meter tief in den Berg hinunter und zeigte ihnen die Hallen, in denen 1945 die wertvollsten Schätze der Berliner Museen, fast das gesamte Reichsvermögen in Gold — und das Bernsteinzimmer — versteckt gewesen waren. Eine bedrückende Leere dehnte sich vor ihnen aus, geblieben war nur das Gleis der Schmalspurbahn, das die riesige Haupthalle durchzog.

«Hier also war es…«, sagte Wachter leise, genau wie damals Eisenhower, der ergriffen vor den Kunstschätzen gestanden hatte.

«Man nimmt es an. «Der Obersteiger zuckte mit den Schultern.»Ich war damals fünfzehn Jahre alt, mein Vater hat mir erzählt, daß Wehrmacht und SS waggonweise Kisten, Kartons und Säcke in den Schacht gebracht hätten. Aber keiner von uns, das schwöre ich, hat gewußt, was es ist. Die meisten wußten überhaupt nichts. Sie wußten nicht mal, daß hier in der Nähe das neue Hauptquartier von Hitler gebaut wurde und daß bei Saalfeld der Gauleiter Koch unterkriechen wollte. Daß unter der Erde viel gebaut wurde, das haben wir gesehen… aber wozu, danach hat keiner gefragt. Wir hätten ja auch keine Antwort bekommen.«