«Könnte es sein, daß in den unterirdischen Bunkern und Gängen des geplanten Hitler-Hauptquartiers auch zwanzig Kisten versteckt worden sind?«
«Warum nicht? Platz war genug da. Eine ganze Bunkerstadt unter der Erde.«
«Ich habe die Pläne hier. «Die Jablonskaja klopfte auf ihre lederne Umhängetasche.»Ich wollte sowieso in diese Unterwelt steigen.«
Sie sprach russisch, Nikolaj übersetzte es, aber der junge Obersteiger schüttelte den Kopf.»Das können Sie sich sparen«, sagte er.»Da unten ist alles leer. Wenn was drin gewesen war, dann hat das der Amerikaner mitgenommen. «Er machte eine weite Handbewegung durch die Salzhalle.»Sie haben ja auch hier alles mitgenommen. Zurückgelassen haben sie aufgerissene Kisten, Koffer, Kartons, Schatullen und Säcke.«
«Es ist und bleibt die einzige wichtige Spur«, sagte Wachter, als sie wieder über Tage waren und mit dem Grubendirektor und dem Obersteiger in der Kantine zusammensaßen und ein Pilsener Bier tranken.»Von hier gingen die zwanzig Kisten aus Königsberg mit einem US-Konvoi nach Westen. Und die drei Lastwagen mit den zwanzig Kisten verschwanden spurlos und wurden erst später leer wiedergefunden.«
«Mit einem toten Fahrer. Einem Neger«, fügte der Grubendirektor hinzu.»Wenn ich mich daran erinnere, mein Gott, war das damals ein Rummel! Ein Fahrer tot, zwei Fahrer vermißt, die Ladung gestohlen… die Amis müssen eine halbe Armee auf Suche geschickt haben. Es wimmelte nur so von Panzern, Infanterie, Hubschraubern und Geschützen. «Er sah zu Wachter hinüber, der stumm in sein Bierglas starrte.»Glauben Sie, in den zwanzig Kisten könnte das Bernsteinzimmer gewesen sein?«
«Es war in den Kisten!«Wachter umklammerte sein Bierglas.»Wie kommen wir nur an diesen ehemaligen Captain Silverman heran? Er muß doch zu finden sein.«
«Nicht in Amerika. «Die Jablonskaja blätterte in ihren Unterlagen.»Wir haben in Moskau alles versucht… ohne Ergebnis. Die US-Botschaft kann überhaupt nichts feststellen, da alle Anfragen in Washington mit No beantwortet werden. Briefe an den Geheimdienst OSS sind völlig sinnlos, man weiß nicht, ob sie ankommen, man erfährt keine Reaktion, man setzt uns vielleicht sogar auf die Liste der Personen, die besonders überwacht werden müssen. Man umgibt diesen Silverman mit einer Mauer des Schweigens.«
«Ein Beweis, daß er mehr weiß als alle anderen. «Nikolaj blickte hinüber zu seinem Vater.»Wir sollten eine Anzeige aufgeben. In der New York Times — das ist Amerikas größte Zeitung.«
«Und wenn er in Kalifornien oder Alaska lebt… da liest er vielleicht nicht diese Zeitung. Das müßte schon ein Zufall sein.«»Der General Zufall hat schon manche Schlacht gewonnen«, sagte die Jablonskaja.»Nikolajs Rat ist gut. Eine Suchanzeige in der New York Times — versuchen sollten wir's.«
«Und welche Adresse geben wir an?«Wachter trank sein Glas Pils leer.
«Puschkin? Da wird nie ein Brief ankommen. Berlin-Ost? Ein ungutes Gefühl habe ich. Nennen wir eine westdeutsche Adresse.«
«Vielleicht in Frankfurt. «Nikolaj sah, wie sein Vater nachdenklich nickte.»Silverman war in Frankfurt als OSS-Offizier. Liest er die Anzeige mit der Frankfurter Adresse, kann er ahnen, wer ihn sucht.«
Bevor sie aber diese Anzeige an die New York Times schickten, fuhren sie nach Wassilissas Plänen alle Orte ab, wo man das Bernsteinzimmer, genauer, wo man große Kisten gesehen hatte, transportiert von Wehrmacht, SS und sogar der Luftwaffe.
Sie besuchten fünfunddreißig Schlösser und Burgen, unterirdische Stollen und Klöster, Bergwerke und Höhlen, krochen durch Kellergewölbe und Felsengänge, sprachen mit Bürgermeistern, Verwaltern, Äbten, Pfarrern und Schloßangestellten… überall wollte man die großen Kisten gesehen haben, die dann Mitte April wieder weggebracht worden waren. Von deutschen Fahrzeugen mit unbekanntem Ziel.
«Die Daten stimmen«, sagte die Jablonskaja, während sie erneut vor ihrem Aktenstapel saß. Sie hatten in Frankfurt eine Wohnung gemietet und hatten von hier aus auch Grasleben und die Fundorte im Raum Göttingen besucht. Im Gegensatz zu Thüringen und Sachsen zeigten sich die westdeutschen Behörden äußerst abweisend, ja sogar aggressiv, vor allem, wenn Wassilissa Iwanowna ihre sowjetischen Vollmachten vorlegte.
«Das haben wir gern«, wurde ihr von einer Stadtratssitzung erzählt.»Kommen die Russen und wollen schnüffeln! Nach gestohlenen Kunstwerken! Eine Frechheit! Und was haben die geklaut! Halb Ostpreußen! Königsberg heißt jetzt Kaliningrad! Man sollte ihnen sagen, daß sie uns kreuzweise… Ritze rauf und Ritze runter!«
Über ein halbes Jahr war jetzt vergangen. Hunderte von Spuren gab es, aber keine war die richtige.»Wenn man das alles zusammennimmt, die Daten und die Beobachtungen«, sagte die Jablonskaja,»dann war das Bernsteinzimmer zu gleicher Zeit an vierzehn verschiedenen Orten. Wo aber war's wirklich?«
«Das kann nur Silverman wissen. «Michael Wachter schob die vor ihm liegenden Listen von sich.»Die Anzeige in der New York Times ist wirklich die einzige Möglichkeit, ihn zu finden. «Kurz vor Weihnachten erschien in Amerikas meistgelesener Tageszeitung die Anzeige:
Wir bitten Mr. Fred Silverman, ehemaliger Captain der US-Army in Deutschland, 1945 im Räume Merkers stationiert, um ein Lebenszeichen. Es wäre schön, uns wiederzusehen. Fred, melden Sie sich und schreiben Sie an folgende Adresse…
Sie gaben keinen Namen an, nur die Straße, die Hausnummer und das Stockwerk. Eine teure Anzeige war's, aber die Rechnung bezahlte die sowjetische Botschaft in Rolandseck am Rhein, gegenüber dem Drachenfels und Bad Honnef.
«Jetzt können wir nur warten«, sagte Nikolaj. Weihnachten war nicht weit. Schweren Herzens dachte e daran, daß er dieses Jahr nicht mit den Kindern unter einem nach deutscher Art geschmückten Weihnachtsbaum sitzen und deutsche Weihnachtslieder singen würde und auch das sowjetische Fest von Väterchen Frost versäumte. Traurig dachte er an Jana Petrowna, die er in diesem halben Jahr nur zweimal telefonisch hatte sprechen können und deren Briefe, die sie nach Frankfurt schickte, so fröhlich klangen und doch voller versteckter Sehnsucht waren. Immer wieder fragte er sich deshalb in Sorge: Wozu das alles? Wir finden das
Bernsteinzimmer doch nie!
Der alte Wachter war es dann, der ihm neuen Mut gab.»Es ist noch da!«sagte er voll fester Überzeugung.»Es ist nicht vernichtet worden. Irgendwo ist es versteckt, und da es das Zimmer noch gibt, hört nie die Hoffnung auf, die richtige Spur zu ihm zu finden. Man muß nur immer von ihm sprechen, nicht lockerlassen, die Menschen anregen, die Augen offenzuhalten und genau zu beobachten… ja, meine Lieben, die Menschen, nicht die Behörden. Von den staatlichen Stellen haben wir nichts zu erwarten, da sind wir nur die unbequemen, bohrenden, frechen, kommunistischen Russen, denen man jede h-formation verwehrt, jede Einsicht in Archive, jede Aufzeichnung der Vergangenheit. Allein stehen wir, ganz a-lein… hoffen können wir nur auf einen Zufall, auf einen Wink aus der Bevölkerung, der uns den richtigen Weg weist. Und darum dürfen wir nie Ruhe geben, müssen immer in die Lande rufen: Was wißt ihr über das Bernsteinzimmer? Was habt ihr 1945 oder heute gesehen? Was habt ihr flüstern hören? Sagt es uns. Jeder Hinweis ist wichtig.«
Es wurde Weihnachten. Wassilissa Iwanowna und die Wachters feierten in ihrer Wohnung mit einem geschmückten Bäumchen, mit Gänsebraten, Rotwein, Plätzchen, Stollen und Lebkuchen. Für die Jablonskaja war es das erste deutsche Weihnachten. Sie war als gute Kommunistin erzogen worden, und in ihrem Elternhaus hatte es kein Weihnachten gegeben: Bei den Komsomolzen lachte man sogar über den christlichen