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Feiertag und sagte, die Geburt Lenins sei wichtiger als die Geburt dieses Jesus. Was hatte er schon geleistet? Nur Unruhe unter die Völker hatte er getragen, nur Glaubenskriege, wahnsinnige Inquisitionen und einen unnachahmbaren Kapitalismus. Lenin aber hatte einen Staat geschaffen, ein neues Rußland, ein Land der Sowjets, eine völlig neue Gesellschaft, einen Fels des Sozialismus in einer kapitalistisch verseuchten Welt.

Nun saß die Jablonskaja vor dem Bäumchen, an dem die Kerzen flackerten, hörte im Radio die deutschen Weihnachtslieder und spürte etwas von der Ergriffenheit, die alle befällt, wenn die Stille und Besinnlichkeit des Heiligen Abends ins Zimmer tritt. Nikolaj hatte einen langen Brief nach Puschkin zu Jana und den Kindern geschickt und für Peter einen großen ferngesteuerten Kran und für Janina eine sprechende Puppe mit Schlafaugen gekauft. Ob die Geschenke angekommen waren, konnte man nur hoffen. Ein Paket von Frankfurt bis Leningrad geht durch viele Hände -

Am zweiten Weihnachtstag verließen Wassilissa, Nikolaj und Michael Wachter ihre Wohnung. Sie wollten sich einmal verwöhnen lassen in einem feinen Lokal, wo der Oberkellner noch einen Frack trug und jeden Gast mit einer Verbeugung begrüßte. Es war kalt an diesem Abend, das Schneewasser auf den Straßen war zu Eis gefroren, vorsichtig mußte man gehen, am besten, man hielt sich gegenseitig fest und tastete sich Schritt für Schritt langsam vorwärts.

«Wenn ich das Essen nicht schon in der Nase hätte«, sagte Wachter fröhlich,»bliebe ich im warmen Sessel hocken! Aber ich rieche schon den Duft! Meine Lieben, fassen wir uns unter… kann Eis uns erschrecken? Denkt an die Winter in Puschkin. Aufgewachsen sind wir mit — «

Weiter kam er nicht mit seinen Worten. Irgendwoher, aus der Dunkelheit vor oder neben ihnen, aus einem Eingang oder einem Fenster oder von einer Straßenecke aus bellte ein Schuß auf. Durch Zufall rutschte Nikolaj ein wenig aus, aber diese Bewegung rettete ihm das Leben. Die Kugel zischte an seinem Kopf vorbei, schlug an die Hauswand und irrte dann als Querschläger an dem alten Wachter vorbei die Straße hinunter.

Es war auch der Alte, der sofort und richtig reagierte. Er ließ sich fallen, und da sie sich untergehakt hatten, fielen die anderen mit ihm auf die Straße, streckten sich und lagen flach, als der zweite Schuß in halber Höhe über sie hinwegzischte. Stehend hätte er einen von ihnen in den Bauch getroffen.

Eine ganze lange Minute blieben sie auf der vereisten Straße liegen. Dann hob der alte Wachter der Kopf, sicherte wie ein gejagter Wolf nach allen Seiten, schob sich auf die Knie und legte links und rechts seine Hand auf den Rücken von Nikolaj und Wassilissa.

«Am richtigen Platz sind wir!«sagte er auf russisch.»Vor uns liegt die richtige Spur. Wie nahe sind wir dem Bernsteinzimmer, wenn man versucht, uns zu töten. «Er stand auf, lehnte sich gegen die Hauswand und wartete, bis die Jablonskaja und sein Sohn auch wieder auf den Füßen waren.»Welch ein wundervolles Weihnachten, meine Lieben! Man schenkt uns das Bernsteinzimmer… nur abholen am richtigen Ort müssen wir es. Auch ihn werden wir finden mit Ausdauer, Mut und Gottes Hilfe..«

Die zwanzig Kisten auf der Lukretia waren zusammen mit den Landmaschinen wohlbehalten angekommen. Der griechische Kapitän hatte zunächst einen kleinen, unwichtigen Hafen angesteuert — Agiaba hieß er, lag im Golf von Kalifornien und war ein Nest, hinter dem ein Sumpfgebiet mit einem See lag, das von Moskitos und Parasiten nur so wimmelte. Joe Williams hatte keinerlei Mühe, den Alkalden des Dorfes mit fünftausend Dollar zu bewegen, zwei flache Boote zu der vor der Küste ankernden Lukretia zu schicken und zwanzig große Kisten abzuholen und an Land zu bringen. Seit drei Wochen hielt sich Joe in Mexiko-City auf, war dann nach Chihuahua geflogen und von dort nach Navojoa gefahren, wo ihn das Funktelegramm der Lukretia erreichte. Mit dem zweiten Boot landete auch der griechische Kapitän in Agiaba und hielt die Hand auf. Ohne Zögern zahlte ihm Williams die restliche Summe aus.

«Sie sind ein Gentleman, Mister«, sagte der Kapitän.»Sie hätten auch sagen können: Hau ab! Verdufte dich, ehe ich deinen Gestank wegwedele.«

«Und was hätten Sie dann getan?«

«Die nächste Polizeistation angerufen.«

«Sehen Sie, mein Freund, und deshalb bekommen Sie Ihr Geld. «Joes Stimme wurde plötzlich hart und kalt.»Auch wenn ich Sie nicht bezahlt hätte, würden Sie mich nicht verraten haben. «Er zeigte auf den sandigen Boden.»Dann lägen Sie dort mit einem Loch im Körper.«

«Ich sagte es ja, Sie sind ein Gentleman. «Der Kapitän steckte die Dollarscheine ein und grüßte mit der Hand an der Mütze.»Leben Sie wohl, Mister. Hoffentlich sehe ich Sie nie wieder.«»Damit können Sie rechnen, Kapitän. Gute Fahrt.«

«Werden Sie glücklich mit Ihren Kisten! Was ist denn wirklich drin?«

«Eingefangene Sonnenstrahlen…«

«Aha!«Der Kapitän grinste, tippte sich an die Stirn und ließ sich zurück zu seiner Lukretia bringen. Ein verrückter Amerikaner mehr, dachte er. Das Geld muß denen tatsächlich das Gehirn aufweichen.

Er griff an seine Uniformjacke, fühlte das Bündel Dollarscheine in der Tasche und war voll Freude, daß gerade er solch einem Verrückten begegnet war. Joe Williams hatte eins gelernt, was sonst einem Amerikaner nicht gegeben ist: Er hatte Zeit. Ihn steckte keine Hektik an, er jagte nicht nach Geschäften, er ließ sich auf keinen Wettlauf ein, um die Konkurrenz zu überholen… er hatte das alles nicht nötig. Die zwanzig Kisten ließ er von Agiaba nach Ciudad Juarez, direkt an die Grenze zu New Mexico bringen, gleich gegenüber von El Paso. Hier mietete er einen Lagerraum, stellte die alten Kisten unter, schloß das Tor ab und fuhr hinüber nach El Paso, um gut zu essen, sich ein Hotel zu nehmen, ein Mädchen mit langen, schwarzen Locken zu mieten und somit heimlich seinen Triumph zu feiern. Das Bernsteinzimmer war in Amerika. Niemand würde es mehr finden. Es gab keine Spuren mehr. Auch ein Captain Silverman mußte bei Alsfeld stehenbleiben, bei dem Überfall des deutschen» Werwolfs«, der drei GIs getötet hatte, von denen man dann nur einen, den armen Noah Rawlings, fand. Und außerdem… das war nun über elf Jahre her. Wer weiß, was aus Captain Silverman geworden war.

Von El Paso rief er nochmals seinen Vater in Whitesands an.»Daddy…«, sagte er,»… ich weiß, daß ich für dich tot bin. Gut, ich akzeptiere es. Hat ja auch keinen Sinn, in Whitesands aufzutauchen und das Ehrenmal umzustürzen. Sie sollen ihren Helden haben, und du auch. Aber eine Frage: Wer erbt deinen ganzen Gangsterschatz?«

«Ich habe eine Stiftung für Krebskranke gegründet. Da hinein kommt alles. Alles!«

«Sehr edel, Dad. Sie werden dich nie vergessen, vielleicht bekommst du sogar ein Denkmal. Aus Whitesands wird vielleicht Williamsburgh! Du tust wirklich viel für die Unsterblichkeit. Anders als Al Capone. Der ging in die Geschichte als größter Gangster ein… du wirst es als großer Wohltäter schaffen. Das ist genial, Dad — sie haben dich nie geschnappt!«»Was willst du?«fragte der alte Williams. Es klang, als wollte er nach einer Ratte treten.

«Für mein Alter zehn Millionen Dollar auf ein Konto.«

«Arbeite«, sagte der Alte.

«Auf deine Art? Dad, das kann doch nicht dein Ernst sein. «Joe lachte laut.»Was sind zehn Millionen Dollar für dich? Ich habe mal in einer stillen Stunde ausgerechnet, wieviel du in vierzig Jahren Mädchenhandel verdient hast. Allein nur damit… die anderen Geschäfte gar nicht mitgerechnet. Dad, dieses Weiberfleisch hat dir nicht nur die Nase, sondern den ganzen Körper bis zum Arsch vergoldet.«