«Ist das das Stück, in dem jemand sagt: >Mit Vögeln bin ich aufgewachsen!<?«
«Bludecker, Sie sind ein Ferkel!«Jana schüttelte den Kopf.»Schämen Sie sich.«
«Wenn ich das mal könnte. «Bludecker grinste breit.»Viel Vergnügen, Schwesterchen. Übrigens, ist schon lange her, da hat jemand nach Ihnen gefragt. Ein Unteroffizier aus Berlin.«»Julius Paschke.«
«Ja, so hieß er. 'ne tolle Type.«
«Und was haben Sie ihm gesagt?«
«>Da die Schwester — < habe ich gesagt >- bei Frieda arbeitet, müßte er erst den Bunker knacken. Geh hin zu Frieda, aber vergiß nicht, 'nen Flammenwerfer mitzunehmen.< Da ist er abgezogen.«
«Um elf Uhr bin ich wieder hier.«
«Is gut. Ich hab Nachtdienst. Kannst jederzeit kommen, Schwesterchen. Noch mal, viel Vergnügen.«
An der Theaterkasse kaufte Jana Petrowna ein Abonnement für vier Opern, zwei Operetten und drei Schauspiele, aber keine Karte für den Vogelhändler an diesem Abend. Sie kehrte zum Schloß zurück und drückte die Klingel an der Tür eines
Seiteneingangs. Dreimal kurz, einmal lang… so wußte Väterchen Michail, wer draußen stand.
Nach einer kurzen Wartezeit drehte sich der Schlüssel. Aber nicht Wachter öffnete, sondern ein anderer, fremder älterer Mann. Er schien gerade zu Abend zu essen, denn er kaute noch auf einem Bissen herum.
«Was is?«fragte er mißmutig.»Rote-Kreuz-Schwester?! Ist was los? Kann hier jemand nicht kacken?«
«Höflich sind Sie ja nicht!«schlug Jana Petrowna zurück.»Warum auch?«Der kauende Mann sah sie mit leidvollem Blick an.»Machen Sie mal zehn Stunden lang Führungen durchs Museum! Da fliegt Ihnen das Häubchen weg, Schwester. Bei den Besuchern? Da haben wir ein Gemälde im Saal neun. Leda und der Schwan. Von Boromäi Martini. Wunderschön! Und da führe ich 'ne Landsergruppe durchs Schloß, und was sagt einer von den Kerlen, nachdem er sich die Leda genau beguckt hat? >Nichts für mich, Kumpels… die hat zu wenig Titten!< — So was muß man sich gefallen lassen, muß das runterschlucken… und da soll ich auch noch höflich sein?!«
«Ich möchte zu Herrn Wachter.«
«Isser krank?«
«Nein, ich soll ihm einen Gruß überbringen.«
Der griesgrämige Mann trat zur Seite, gab den Eingang frei und zeigte eine Steintreppe hinauf.»Da oben, erstes Stockwerk, erster Flur links. Da wohnt er. Hat da ne Riesenwohnung und ist allein. Da kann er mit Rollschuhen von einem Raum zum anderen fahren. Ist neu bei uns, der Wachter. Extra für'n Zimmer eingestellt, das sie jetzt aufbauen. Muß ja ein gewaltiges Ding sein, das Zimmer, wenn es einen Wachter für sich allein hat.«
«Danke«, sagte sie, ging an ihm vorbei und drehte sich an der Treppe noch einmal nach ihm um.»Sie müssen sich nicht soviel ärgern. Der Krieg bringt uns Sorgen genug.«
«Wem sagen Sie das, Schwester!«Der Mann wischte sich mit beiden Händen über das zerfurchte Gesicht.»Ich habe drei Söhne an der Front. Einer ist schon von den Engländern gefangen. Drüben, in Afrika, bei Marsa Matruh. Der wenigstens wird die Scheiße überleben.«
«Ich hoffe, alle drei werden überleben.«
Michael Wachter hob erstaunt den Kopf, als es an der Wohnungstür klingelte. Er las gerade in der Zeitung die Berichte von dem schrecklichen Wintereinbruch in Rußland, der die deutschen Armeen vor allem vor Moskau lähmte. Zitternd vor Frost hatten sich die deutschen Truppen eingegraben, während die russischen Divisionen, bestens ausgerüstet für die Kälte, ununterbrochen gegen die deutschen Stellungen anrannten. Wiederholte sich für Hitler die Niederlage Napoleons vor Moskau?
Wachter legte die Zeitung weg, ging zur Tür, entriegelte sie und öffnete.
«Töchterchen!«sagte er voller Freude, zog Jana in die Wohnung und umarmte sie.»Wie oft habe ich in den letzten Tagen an dich gedacht. Komm, zieh den Mantel aus, soll ich uns einen Tee kochen oder einen Grog… kalt ist's geworden, nicht wahr, und noch kälter wird es werden.«
Er hing ihren Mantel an einen Dielenhaken und führte sie in die Wohnung. Sie war wirklich riesig… große, hohe Räume, beheizt mit Kachelöfen, die Decken mit kunstvollem Stuck verziert, Kassettentüren und ein Boden aus gewachsten Dielen. Die Einrichtung war über hundert Jahre alt und stammte aus dem Besitz des Museums. Trotz der weiten Räume war es gemütlich warm und sogar ein wenig vornehm, wie es im Volksmund heißt. Herrschaftlich.
Nachdem Wachter einen guten Grog aus Rum gebraut hatte, saßen sie sich in den tiefen, breiten Sesseln gegenüber, und Jana erzählte ihre Erlebnisse der letzten Tage.
«Diese Frieda Wilhelmi muß ich kennenlernen!«rief Wachter aus.»Umarmen muß ich sie! Keine bessere Stellung hättest du bekommen können.«
«Ich denke oft an Nikolaj, Väterchen. «Jana Petrowna nahm vorsichtig einen kleinen Schluck von dem dampfenden Grog.»Wie wird es in Leningrad sein? Hungern und frieren werden sie. Tausende werden sterben… wie gut geht es uns, und wie schlecht wird es Nikolaj haben. Ob sie ihn zur Verteidigung eingesetzt haben? Ob er vorn in einem Bunker liegt?«
«Wer weiß das, Janaschka? Einmal werden wir es erfahren, kein Krieg dauert ewig. Jeden Tag bete ich, daß wir Nikolaj wiedersehen. Viel Glück haben wir bisher gehabt. «Sie sprachen jetzt russisch miteinander, trösteten sich mit der gemeinsamen Sprache. Inmitten der fremden Räume und Möbel fühlten sie sich so fast wie zu Hause.»Das Bernsteinzimmer ist gerettet.«
«Das Zimmer. «Jana lehnte sich in ihrem Sessel zurück.»Du wolltest mir immer von dem Zimmer erzählen, Väterchen. Es ist wertvoll, ja, aber für dich bedeutet es noch mehr als ein Kunstwerk. Und Nikolaj denkt genauso.«
«Es ist so, Töchterchen. Wie könnte ein Wachterowskij ohne das Bernsteinzimmer leben! Warum… oh, das ist eine lange Geschichte. Ungeheure Schicksale haben seine Wände erlebt — getränkt ist es mit Blut und Tränen, Liebe und Haß, Elend und Glück. Alles, was das Leben einem Menschen geben kann, ist im Bernsteinzimmer aufbewahrt. Seine Wände amen… wir Wachterowskij spüren es. Wir sehen die Wände an und sehen zweihundert Jahre Schicksal.«
«Erzähl, Väterchen, erzähl — «
«Das dauert lange, Janaschka.«
«Jetzt haben wir Zeit. Jeden Abend werde ich zu dir kommen. Alles muß ich vom Bernsteinzimmer wissen… Nikolaj und ich werden es ja einmal von dir übernehmen. Lehn dich zurück, Väterchen, trink einen Schluck und erzähle mir von Königen, Zaren und Zarinnen und ihrem wilden Leben.«
Und Michael Wachter begann zu erzählen.
Friedrich Wilhelm I
Eine Aufregung war das! Ein Hasten und Schimpfen, ein Putzen und Wienern, ein Schrubben und Bohnern, daß den Mamsellen die Rücken wehtaten und die Lakaien Blasen an den Händen bekamen. Der Haushofmeister schrie herum — er war einer der wenigen Hofbediensteten, die nach der Thronbesteigung des Königs 1713 nicht den sofort folgenden Reformen zum Opfer gefallen waren. In der Küche wurden Fasanen und Hühner gerupft, Kräuter gehackt und Gemüse abgekocht, die Silbertabletts poliert und die Geschirre und Bestecke kontrolliert.
Am aufgeregtesten war Sophie Dorothea selbst, die Königin von Preußen. Zwischen Küche, Empfangssaal, Gästezimmer und Kabinett des Königs rannte sie hin und her und fiel schließlich erschöpft in einen Sessel im Arbeitszimmer des Preußenherrschers.
«Diese Ruhe!«sagte sie mit fliegendem Atem.»Ihre Ruhe… sie zerreißt mich noch! Um alles muß ich mich kümmern… und was tun Sie?! Sie stehen am Fenster und sehen dem Exerzieren Ihrer Riesengarde zu!«
«Wie nötig das ist! Die Grenadiere des Zweiten Bataillons sollten den Stock spüren! Sie marschieren wie lahme Enten! Keine Richtung halten sie. In Falten hängen die Strümpfe! Er soll was erleben, der Kommandeur des Zweiten Bataillons! Dieser träge Saukerl! Zum Teufel jage ich ihn! Nach Ostpreußen, wo es am einsamsten ist! Dort kann er Gemüse anbauen und Hühner exerzieren.«