Friedrich Wilhelm, trotz seiner achtundzwanzig Jahre schon dicklich und behäbig, mit einem runden Gesicht, kräftigen Armen und stämmigen Beinen, trat vom Fenster weg in das Kabinett und prustete seinen Zorn hinaus. Sein Gesicht war gerötet, seine Augen verrieten urplötzlich aufbrechenden Jähzorn und wilde Entschlossenheit.
Als sein Vater, Friedrich I., am Sonnabend, dem 25. Februar
1713, starb und der Kronprinz Friedrich Wilhelm nun den Thron bestieg, ahnte das übrige Europa, was sich da in Preußen alles verändern würde. Der englische Hof hatte schon früh Beschwerden verlauten lassen, nannte den rauhen Unteroffizierston, mit dem er die Diplomaten behandelte, eine Brutalität des Kronprinzen, und in Frankreich sah man mit Sorge nach Berlin, da man unterrichtet war, daß die Politik des kommenden Königs sich von der seines Vaters grundlegend unterscheiden würde. War Friedrich I. noch ein lebensfroher Herrscher mit französischen Allüren gewesen, zu denen Prunk, Prachtentfaltung, Völlerei und Mätressen gehörten, dann kam mit seinem Sohn ein anderer Wind nach Preußen: Armee und Finanzen, Familie und das einfache Leben waren die Eckpfeiler seines Lebens. Der französische Gesandte drückte es so aus:
«Der neue König hat keine anderen Umgangsformen als Kommandieren und Ordreparieren, er strebt seine Ziele, und das ist in erster Linie der Ausbau der Armee, mit Gewalt und skrupelloser Einseitigkeit an. Er hat sich vorgenommen, einen völlig neuen Typ von Offizieren und Beamten zu schaffen. Er ist der Garant eines absoluten Militarismus.«
Die erste Ansprache Friedrich Wilhelms I. nach seiner Thronbesteigung an die Minister war deutlich genug, allen zu zeigen, was ihnen bevorstand. Der holländische Gesandte Lintelo erlebte diese Vorstellung und schrieb in seinem Bericht:»Der König sagte mit großem Ernst und kräftigem Nachdruck zu uns allen, also auch zu mir: >Mein Vater fand Freude an prächtigen Gebäuden, großen Mengen Juwelen, Silber, Gold und äußerlicher Magnifizenz… erlauben Sie, daß ich auch mein Vergnügen habe, das hauptsächlich in einer Menge guter Truppen besteht.< Ohne Zweifel haben wir es mit einem Herrscher zu tun, der eine neue Regierungsform demonstrieren wird. Er berät nicht mit seinen Ministern und Administranten, er erteilt nur Befehle mit schnarrendem Kommandoton und duldet keinen Widerspruch. Wir werden von dem neuen Preußenkönig noch viele Überraschungen erwarten können.«
Der holländische Gesandte hatte die Lage richtig beurteilt und vorausgesehen: Friedrich Wilhelm räumte zunächst im eigenen Hause auf. Vorbild sein, das war seine erste Devise. Sofort schaffte er den Millionen verschlingenden Hofstaat seines Vaters ab, und ab sofort gab es auch keine prächtigen Hoffeste mehr, mit ein paar Ausnahmen, wie bei Staatsbesuchen fremder Fürsten oder bei Hochzeiten in der weit verzweigten Verwandtschaft. Die Hofbediensteten schaffte er weitgehend ab, die Pagen steckte er in die Kadettenanstalten, die Lakaien mußten den Uniformrock der Soldaten anziehen, de Ausgaben für Küche und Keller wurden rigoros zusammengestrichen, was eine Einsparung von jährlich 400 000 Taler bedeutete, ein Betrag, der sofort in die Vergrößerung der Armee floß. Aber damit nicht genug, das Heulen und Zähneklappern begann erst noch: alle Gehälter wurden gekürzt. Ob Minister oder Beamte, Generäle oder sonstige Offiziere, jeder wurde kürzer gehalten und zahlte diesen»Überschuß«in die Armeekasse ein.
Verblüfft, ja geradezu erschrocken war Friedrich Wilhelm, als er nach dem Tode seines Vaters eine geheime Schatulle entdeckte, in der Gold- und Silbermünzen im Werte von 2,5 Millionen Taler lagen. Sofort machte er sich ans Rechnen, zählte den ererbten Reichtum und die zukünftigen Einkünfte zusammen und ließ seinen zwölf Jahre älteren Freund und Helfer ins Stadtschloß bitten, den Reichsfürsten Leopold von AnhaltDessau, der einmal der» Alte Dessauer «heißen sollte.
«Fürst — «sagte Friedrich Wilhelm zu ihm, als sie die Rechenzeilen durchgesehen hatten,»ich bin reicher, als ich gedacht habe… diese Taler sind genug, um unser Heer auf 60 000 Mann zu vergrößern.«
Und Fürst Anhalt-Dessau hatte geantwortet:»Das ist ein gutes Erbe. Ich helfe Ihnen, Majestät, Preußen zur unbesiegbaren Militärmacht zu machen.«
Es war die Geburtsstunde des» Soldatenkönigs«. Das große Sparen wurde zum Leitmotiv. Friedrich Wilhelm selbst ging mit einem Beispiel voran, das Sophie Dorothea überhaupt nicht gefiel. Das noch nicht in allen Teilen ausgebaute Berliner Stadtschloß, entworfen von dem berühmten Andreas Schlüter und von Hofbaumeister Eosander gebaut, blieb, wie es war — der spartanischste Sitz, den je ein König bewohnt hatte. Eo-sander, von Friedrich Wilhelm entlassen, ging nach Schweden; der große Schlüter fuhr 1713 nach Petersburg und kam nicht mehr zurück. Die Erzgießerei des Meisters Johann Jakobi, bei der Schlüter sein berühmtes Reiterstandbild des Kurfürsten Friedrich Wilhelm, dem Großvater des neuen Königs, gießen ließ, mußte sich umstellen — statt Denkmäler goß sie jetzt Kanonen.
Sophie Dorothea, von Friedrich Wilhelm zärtlich Fiekchen genannt, wenn sie allein waren in den schmucklosen, fast kahlen Räumen, die sie bewohnten, schlug mit der Faust auf die Lehne des Sessels. Sie war eine schöne, stolze, aber auch eine kühle und beherrschte Frau, die wenig Angst vor ihrem königlichen Gemahl hatte, vor allem nachdem sie ihm den Thronerben, den Kronprinzen Friedrich, 1712 geboren hatte. Auch jetzt war sie wütend, was sich mit dem Zorn des Königs über das schlappe Zweite Bataillon vermischte.
«Hören Sie mir überhaupt zu?«rief sie.»Es ist, als habe jeder den Verstand verloren.«
«Wer keinen hat, kann ihn nicht verlieren. Wozu die Aufregung?«
Er blieb vor ihr stehen, sein wütender Blick milderte sich; Immer, wenn er Fiekchen ansah, wurde ihm bewußt, wie glücklich er mit ihr war.
«Wozu?!«rief sie empört.»Wenn uns der Zar schon mit seinem Besuch beehrt…«
«Was weißt denn du, was er will, Fiekchen? Kommt er, um einen fetten Kapaun zu essen, eine gute Pfeife zu rauchen und einen Krug Bier zu leeren? Er kommt, um mich in den Nordischen Krieg hineinzuziehen. Hilfe von mir gegen Karl XII. von Schweden will er. Da kann es ihm gleich sein, ob er eine Kohlsuppe oder einen Fasan ißt, ob er in einem Holzbett schläft oder auf weichem Damast. Wer etwas von mir will, muß sich nach meiner Fasson richten!«
«Preußen wird sich blamieren! Morgen blickt die Welt auf uns.«
«Mit dieser Armee — «der König streckte den Arm zum Fenster hinaus»- ist es mir einen Scheißhaufen wert, was andere
Souveräns über mich denken! Sie sollen sich um ihr Mätressenpack kümmern und nicht um mich. Sie werden einmal Preußen bestaunen und fürchten. Eine große Tafel für den Zaren! Ich muß sparen! Weißt du noch, wie das bei unserer Hochzeit war? Mein Vater wollte der Welt zeigen, was für ein Kerl er ist, wieviel Geld er hat, daß er nicht neidisch zu sein hat vor dem Hof in Versailles. «Er wanderte in dem kargen Zimmer umher, mit stampfenden Schritten, die Hände auf den Rücken gelegt.»Am 14. November 1706 haben wir geheiratet, Fiekchen. Bis Weihnachten ließ mein Vater die Taler springen und die Seidenröcke tanzen, fressen und saufen. Ballette führte er auf, Opern, Konzerte, Komödien, Maskenspiele, Festbeleuchtungen und Feuerwerke. Und — ich hab's nicht vergessen und mir die Zahlen gemerkt — an unsere Küche mußten die Bauern aus allen Provinzen als >Geschenk< abliefern: 7600 Hühner, 1102 Puten, 1000 Enten, 650 Gänse und 640 Kälber. Und alles wurde kahlgefressen! Aber nicht bei mir, Fiekchen! Ich verfresse nicht den Staat… ich bin der erste Diener des Staates. Auch wenn der Zar von Rußland kommt, die ewige Seligkeit ist vor Gott — alles andere muß vor mir sein!«
Sophie Dorothea, obwohl völlig anderer Ansicht, vermied es, gerade heute den König noch mehr zu reizen. Was er gerade gesagt hatte, war sein Wahlspruch Nummer eins. Der zweite lautete: Menschen achten für den größten Reichtum, und der dritte enthielt alles, was das Ziel seines Lebens war: Ich stabilisiere die Souveränität und setze die Krone fest wie einen ehernen Fels. Es war klar, daß man deshalb mit ihm kaum diskutieren konnte und schon gar nicht anderer Meinung zu sein hatte, denn auch hier hatte Friedrich Wilhelm deutlich gesagt, daß nur sein Wort galt. In seiner berühmten Antrittsrede als König schleuderte er den Ministern ins Gesicht: