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«Ich gratuliere«, sagte der Zar.»Noch nie habe ich eine solche Truppe gesehen. Überall spricht man von ihr, in allen Ländern, aber sie mit eigenen Augen zu sehen, wischt alle Erzählungen fort. Wie groß ist der Kleinste?«

«Einen Meter neunzig, Majestät«, sagte von hinten General von Schweinitz.

«Ein gutes Maß!«Der Zar sah an sich hinunter.»Ich könnte auch bei Ihnen dienen, Friedrich Wilhelm.«

«Sie würden bei mir sofort Feldwebel!«Der König lachte und zeigte mit seinem Stock auf die bewegungslose Uniformenreihe.»Schreiten wir die Front ab, lieber Freund.«

Die Majestäten gingen weiter, an die Spitze der Truppen, und Oberst von Rammstein selbst befahl mit heller, durchdringender Stimme das» Habt acht! Präsentiert das Gewehr!«

Durch die Riesenreihe flog ein Ruck, die Gewehre sausten in die Luft, fielen kerzengerade in die linke Hand und vor die Brust, ein lautes schmatzendes Klatschen erfüllte die Luft, nur ein einziger Laut, kein Nachklappern, in einer Höhe waren die

Hände, die Gewehrkolben, die Läufe, die Helmspitzen und die Kappen der Lederschuhe. Ein Lineal konnte nicht gerader sein. Hinter dem König nickte zufrieden der Dessauer. Da staunt er, der Zar! Das ist preußische Gründlichkeit.

Oberst von Rammstein meldete die Truppen, stieß vor dem Zaren seinen langen Offiziersspieß in den Boden und schnarrte seine Begrüßung. Vor ihren Kompanien standen, ebenfalls mit in den Boden gerammten Spießen, die Offiziere und rissen mit der linken Hand ihre Spitzhüte von den weißen Perücken. Stolz schritt Friedrich Wilhelm die Front ab, seinen Gast neben sich völlig vergessend. Das war der Gipfel seines irdischen Glücks. An seinen Langen Kerls entlangzugehen, jedem in das Gesicht zu sehen und jeden spüren zu lassen: Ich bin euer Vater. Ich liebe euch alle, ihr Halunken und Hundsfotte! Am Ende der Besichtigung schien es, als wache der König wieder auf. Mit leuchtenden Augen sah er zu dem Zaren hoch. Sein Stock stieß auf den Boden.

«So wie sie aussehen, kämpfen sie auch!«sagte er voller Stolz.»Sie werden Ihnen vorführen, daß es gegen sie keine Wehr gibt. Und so wie meine Garde, ist mein ganzes Heer erzogen..«

Während unten im Lustgarten das Kriegspielen begann, standen oben am Eckfenster im dritten Stock zwei Männer im Bernsteinzimmer und beobachteten das Exerzieren. Der eine von ihnen trug einen einfachen, langen, blauen Rock, der andere die Uniform des Hofverwalters.

«Es ist wirklich wahr, was Ihr gehört habt?«fragte der Zivile und sah hinunter zu dem Zaren, der auf einem breiten Sessel Platz genommen hatte und den zwölf Grenadieren unter dem Befehl von Feldwebel Hoppel genau auf ihre Bewegungen guckte, als sie mit Angriff und Eroberung von feindlichen Stellungen anfingen.

«Aus erster Hand, Wachter. Die Königin selbst sagte es zur Generalin von Knobelsdorff: >Stellen Sie sich vor, der König hat das Bernsteinzimmer dem Zaren zum Geschenk gegebene Nur einen Meter stand ich hinter ihnen, habe es ganz deutlich gehört.«

«Der König kann doch das Bernsteinzimmer nicht verschenken. «In Wachters Stimme war ein deutliches Zittern.»Warum kann er nicht… es gehört ihm.«

«Verschenken nach Rußland… für Preußen auf ewig verloren. Das darf er nicht!«

«Ein König kann und darf alles… wer will ihn daran hindern?«Der Hofbeamte, der Karl Urban hieß, faßte Wachter an den linken Arm.»Ich hielt es für notwendig, Euch sofort zu unterrichten… damit Euch der Schreck nicht in die Glieder fährt, wenn Ihr's vom König selbst erfahrt.«

«Ihr seid ein wahrer Freund, Urban. «Wachter starrte wieder auf den Zaren, der jetzt in die Hände klatschte, als Hoppels Grenadiere demonstrierten, wie man dem Gegner mit dem Säbel den Kopf spaltet.»Ich werde mit dem König sprechen.«»Sprechen? Wollt Ihr lahmgeprügelt werden, Wachter? Ein Geschenk kann man doch nicht zurückholen! Wachter, haltet bloß den Mund. Nehmt es als eine Fügung Gottes. Der König wird eine andere Aufgabe für Euch finden. Es gibt genug Dinge, die verwaltet werden müssen. Ich flehe Euch an: Es ist Schicksal… beugt Euch vor ihm…«

Wachter nickte ruckartig, als sei ihm der Kopf zu schwer geworden und falle nach vorn. Er klopfte Karl Urban auf die Schulter, drehte sich um, ließ seinen Blick über das sonnenleuchtende Bernsteinzimmer schweifen und verließ dann mit gesenktem Haupt den Raum.

Längst war der Zar weitergereist, als Freund von Preußen und beeindruckt von dessen Armee, über die er in Paris Wunderdinge zu berichten wußte, als ein Lakai in die Wohnung des Herrn Friedrich Theodor Wachter kam und einen Befehl Friedrich Wilhelms überbrachte:»Er komme sofort zu mir.«

Wachter sah zum Fenster hinaus. Es war schon dunkel, die königliche Familie hatte wie üblich sehr einfach zu Abend gegessen. Es war eigentlich die Zeit, in der der König hinter seinen Akten saß, die Militärausgaben durchrechnete und Berichte der verschiedenen Rechnungskammern las und mit Randbemerkungen versah. Rastloser Arbeiter, der er war, kümmerte er sich um alles, von den Erträgen des Handels bis zur Urbarmachung versumpften Landes, von der Kleiderordnung seiner Soldaten bis zum häuslichen Frieden seiner Bürger. Wie oft war er mit seinem Buchenstock zwischen streitende Eheleute gefahren, wenn er sie auf seinen Wanderungen durch Berlin bis auf die Straße keifen hörte.

«Wann?«fragte Wachter erstaunt.

«Sofort. So steht's da.«

Wachter zog seinen blauen Rock an, seine Frau Adele reichte ihm die braune Perücke. Im Hintergrund des Zimmers, unter einem sechsflammigen Kerzenleuchter, saß ihr zehnjähriger Sohn Julius und las in einem Schulbuch.

«Was will der König von dir?«fragte Adele Wachter besorgt.»Um diese Zeit? Hat der Urban, dieser Kriecher, dich verraten und von deinen Worten berichtet? Schläge wirst du bekommen, Fritz, das mindeste wird das sein. Vielleicht wirft er dich ins Gefängnis, steckt dich unter die Soldaten… Warum hast du nicht den Mund gehalten…«

«Wir wollen sehen, Deichen. «Er gab seiner Frau einen Kuß auf die Augen, knöpfte den Rock zu und folgte dem Lakaien zum Arbeitskabinett des Königs.

Friedrich Wilhelm arbeitete wirklich und saß gebeugt über lange Listen, als die Türwache ihn ins Zimmer ließ. Einen tiefen Diener machte Wachter und wartete dann an der Tür, was nun kommen würde. Der König hob den Kopf und sah ihn an.»Trete Er näher«, sagte er mit ruhiger Stimme. Sie klang zwar immer noch befehlend, hatte aber nicht den Unterton des Zorns.»Komm Er hierher zu mir, ganz nah… Fürchtet Er sich?«

«Nein, Majestät.«

«Das hat Er klug gesagt. Den König von Preußen soll man nicht fürchten, man soll ihn lieben. Auch wenn Er den Stock spürt — es ist nur zu seinem Guten. Er weiß, daß ich das Bernsteinzimmer dem Zaren zum Geschenke machte? Man hat es Ihm hinterbracht?!«

«Ja; Majestät.«

«Und, Wachter?«

«Ich bin traurig, Majestät.«

«Er weiß nicht, um was es geht, Er kennt nichts von Politik. Er soll's auch nicht wissen, denn Er begreift es doch nicht. Wachter, Er ist der Verwalter und Aufseher des Bernsteinzimmers? Ich erinnere mich, zweimal hat Er mir Meldung gemacht.«»Dreimal, Majestät.«

«Belehre Er mich nicht, Coujon!«Die Miene Friedrich Wilhelms verfinsterte sich.»Seit wann betreut er das Bernsteinzimmer?«

«Seit 1707, Majestät. Die Sockel- und Wandfelder waren fertiggestellt, die restlichen Weiterarbeiten übernahmen die Bernsteinmeister Ernst Schacht und Gottfried Turow aus Danzig. Da hat Ihre Majestät Friedrich I. mich auf Lebenszeit beauftragt, über das Bernsteinzimmer zu wachen. «Wachter schwieg und fügte dann leise hinzu:»Das sind nun zwölf Jahre.«

«Glaubt Er, Kanaille, ich könne nicht rechnen?«Die königliche Faust sauste auf die Tischplatte.»Und nun kommt das Bernsteinzimmer weg. Wird nach Petersburg gebracht. Was heißt nun auf Lebenszeit, Wachter? Ist sein Leben nun damit herum?«

«Fast, Majestät. Mir wird es das Herz brechen, wenn das Zimmer nach Rußland kommt.«