Zu Weihnachten ließ der König den Wachters noch einmal großzügig 200 Taler zuweisen, ein unfaßbarer Reichtum für einen einfachen Mann, der nur Kohlsuppe kannte, geschmortes Gemüse, am Sonntag ein Fleckchen Fleisch und ab und zu, wie jetzt zum heiligen Feste, ein mageres Gänschen oder einen älteren zähen Hahn. 200 Taler für Petersburg, für Kleidung und Schuhe, für die Ausstattung an Küche und Bett. Gott im Himmel, wie hast du uns gesegnet.
Der Ausbau des Bernsteinzimmers war nun besser zu übersehen und abzuschätzen. Wachter verpflichtete sich, bis spätestens 20. Januar 1717 die wertvollen Stücke zur Verpackung bereitliegen zu haben. Riesige Kisten wurden in der Hof Schreinerei bereits zusammengefügt, Sägespäne und sogar kostbare Gänsedaunen wurden gelagert, um den unersetzlichen Schatz unbeschädigt in Petersburg ankommen zu lassen.
«Bisher ist es gutgegangen«, sagte der König zu Wachter.»Saubere Arbeit hat Er abgeliefert. Nun kümmere Er sich um den Transport auch. Ich sag Ihm: Wenn man mir meldet, daß in Petersburg Trümmer angekommen sind, nehme ich die nächste Kutsche, verfolge Ihn in Rußland und prügele Ihn in die Erde.«
«Für den Transport bin ich nicht verantwortlich, Majestät.«
«Er ist es, Wachter! Braucht Er eine Order? Er bekommt sie von mir. Jeder soll auf Sein Wort hören. Den Garnisonen, durch die der Transport geht, wird befohlen werden, Ihm jegliche Hilfe zu gewähren. Ist Er jetzt zufrieden, Er Halunke?!«»Sehr zufrieden, Majestät.«
«Ich werde dem Zaren schreiben — in Holland ist er jetzt, daß Er mit dem Zimmer Ende Januar in Memel eintrifft und es dann offiziell von Preußen an Rußland übergeben wird. Ist es so richtig?«
«Ja, Majestät. «Wachter, der seit Wochen über Wegekarten brütete, um die beste Strecke nach Memel herauszufinden, überdachte die Wahl jedes Wortes.»Ich brauche ein Schiff.«»Ist Er toll? Wozu ein Schiff?«
«Der beste und sicherste Weg nach Memel ist der Wasserweg. Immer der Küste entlang, ohne Mühe und Sorgen wegen vereister Straßen, unpassierbarer Wälder, gesperrter Brücken, zerbrechenden Rädern, Schäden durch Sturm und Schnee, Erfrierungen und anderem Leid. Von Memel an werden die Russen den Weg bestimmen.«
Friedrich Wilhelm sah Wachter böse an.
«Ein Schiff will Er von mir haben? Wachter, Er macht Seinen König arm! Preußens Straßen sind bekannt für ihre Güte. Der Zar selbst hat sie gelobt. Aber für Ihn sind sie nicht gut genug, was?!«
«Es geht nur um die Sicherheit des Bernsteinzimmers, Majestät. Ich bürge mit meinem Kopf, und ihn möchte ich nicht verlieren.«
«Ich verstehe Ihn, Wachter. Laß Er mich überlegen, was wir tun werden.«
Am 17. Januar 1717 schrieb Zar Peter I. einen Brief an seine Gemahlin Katharina. Aus Amsterdam.
«Kathinka, mein Geliebtes. Neben vielem Neuen, von dem noch zu berichten ist, habe ich eine große Freude in Berlin erfahren. Der König von Preußen hat mir als Geschenk ein Bernsteinzimmer gemacht, ein Kabinett, wie es seinesgleichen auf der ganzen Welt nicht gibt. Ich will es in Petersburg aufstellen lassen, in unserem Winterhaus an der Newa. Gefallen wird es dir, es ist von einmaligerSchönheit…«
Und nach Petersburg gab er die Order:
«Ende des Januars hat eine Sondermission unter Leitung des Oberhofmarschalls sich nach Memel zu begeben. Er nimmt dort einen Wagenzug des Königs von Preußen entgegen, den ein Friedrich Theodor Wachter aus Berlin befehligt, und bringt die Ladung unversehrt, mit größter Sorgfalt fahrend, in meine Stadt. Gelagert wird im Winterhaus, bis ich zurückkomme aus Amsterdam. Es soll bewacht werden Tag und Nacht…«
Es wurde ein Wettlauf gegen die Zeit. Fast war der Abbau des Bernsteinzimmers vollendet, waren die Schnitzereien und Mosaike auf neuen, kräftigen Holztafeln verklebt und verklammert, standen die Kisten in der Tischlerei bereit, war ein Schiff von Stettin bis Memel gefunden und ein großer Laderaum belegt, da brach der Winter über das Land herein, mit Schneestürmen und Vereisungen, so daß Wachter zu seinem König sagte:
«Majestät, ich wage nicht, bei diesem Wetter die Fuhrwerke nach Stettin auf den Weg zu bringen. «Friedrich Wilhelm nahm es zur Kenntnis.
«Da sieht Er, wie erbärmlich Menschenwerk gegen die Natur ist. Warte Er also auf eine gute Zeit«, sagte er einsichtig.»Was macht Sein Bein?«
Wachter hob die Schultern. Bei einem Besuch der Hoftischlerei war er auf dem vereisten Boden ausgeglitten und so unglücklich gefallen, daß sein linkes Bein zu Bruch ging. Der Militärarzt der Garde, vor dem sogar die Langen Kerls zitterten, hatte ihn behandelt, das Bein zwischen zwei Bretter gepreßt und dann bandagiert. Auf einer Krücke humpelte er herum, oft mit schmerzverzerrtem Gesicht, und der Medicus hatte ihm bereits angekündigt, daß er vielleicht für immer hinken würde, von jetzt ab ein Invalide, ein komplizierter Bruch sei's, der Knochen würde schief wieder zusammenwachsen, ein kürzeres linkes Bein würde bleiben.
«Es ist zu ertragen, Majestät«, antwortete Wachter.
«Sei Er froh, daß Er nicht nur ein Bein hat wie viele meiner Soldaten nach dem Kampf. Und das Bernsteinzimmer stört das nicht, und Kinder macht man nicht mit den Beinen! Er ist immer noch ein richtiger Kerl.«
Adele Wachter hatte in dieser Zeit viel eingekauft. Die Reisekisten waren gefüllt, und trotzdem hatte sie noch 70 Taler übrig. Das Söhnchen Julius studierte Karten, Kupferstiche und Beschreibungen von Petersburg und Rußland und schlug sich mit seinen Spielgefährten herum, die ihn bereits» den Russen «nannten. Adele war es jetzt viel übel, sie erbrach sich oft, das Wachsen des zweiten Kindes in ihrem Leib machte ihr zu schaffen. Sie aß viele Äpfel und in Zuckersirup eingelegte Kirschen, und die Hebamme, die weise Frau, sah sie forschend an und sagte ein paarmaclass="underline" »Ein Mädchen wird's. Jawohl, ein Mädchen. So wie Ihr ausseht, Wachterin, muß es ein Mädchen werden.«
Es wurde April.
Der Bauch der Wachterin hatte sich gerundet, nun sah man deutlich ihren Zustand, und Wachter humpelte ohne Stock und Beinstützen herum, er hinkte wirklich etwas, aber war mit sich und seinem Körper zufrieden, nachdem ihm der Garde-Medicus mitgeteilt hatte:»Gute Knochen hat Er. Und ein gutes
Heilfleisch. Er ist früher wieder unter den Gesunden, als ich dachte.«
Bei schönem Frühlingswetter knirschten die Fuhrwerke über den Hof des Berliner Stadtschlosses. Achtzehn Kisten waren gepackt worden, große, massive Behälter, gefüllt mit Sägespänen und Decken und Daunen, darin die Bernsteinwandtafeln, die Ornamente, Figuren, Masken, Gesimse und Sockel. Die kostbarste Fracht, die jemals von Land zu Land transportiert wurde. Den achtzehn Fuhrwerken waren noch zwei Kaleschen beigeordnet, in denen der Hausrat der Wachters verstaut war und in denen die schwangere Wachterin saß, der Junge Julius und das Hündchen Moritz. Auch er, der zur Familie seit sechs Jahren gehörte, mußte mit nach Petersburg, eine abenteuerliche Mischung aus Spitz, Windspiel und Hühnerhund und mit wachen, tatsächlich blauen Augen. Ein braun-weiß geflecktes Fell hatte er, und seine größte Tat war bisher gewesen, daß er den Feldwebel Hans Hoppel während des Exerzierens in die rechte Wade biß. Nur mit Mühe hatte man Hoppel davon abhalten können, Moritz mit dem Säbel in zwei Teile zu spalten.
Zum letztenmal stand Wachter seinem König gegenüber und hatte, er wollte es nicht, aber er konnte es nicht bezwingen, wieder Tränen in den Augen.
«Wachter, Er heult zuviel!«sagte der König streng.»Im Himmel sehe ich euch alle wieder… meine Langen Kerls und Ihn! Mach Er's gut, sei Er ein braver Diener des Zaren, pflege Er mir das Bernsteinzimmer, wie Er geschworen, und denke Er daran, daß Gott seine Hand über Ihn hält.«
Dann gab er Wachter einen leichten, väterlichen Klaps mit dem Buchenstock auf die linke Schulter, ein Beweis seiner Güte, den Wachter wie einen Ritterschlag empfing.