Выбрать главу

«Gott schütze Sie, Majestät«, sagte er mit schwerer Zunge, verneigte sich tief und verließ das Arbeitskabinett des Königs. Eine Stunde später war die Kolonne auf dem Schloßhof zur Abfahrt bereit. Die Frühlingssonne bestrahlte sie mit goldenem Glanz, die 108 Pferde — vor jedem Fuhrwerk also sechs kräftige, hohe Pferde, bestens im Futter, stark und ausdauernd, erprobt beim Ziehen der Kanonen — wieherten wie zum Abschied. Die vier Pferde der Kutsche tänzelten in ihrem Geschirr, und Friedrich Theodor Wachter saß im Sattel eines Apfelschimmels, umritt noch einmal die Kolonne und gab dann das Handzeichen zum Abmarsch.

Friedrich Wilhelm stand am Fenster seines Kabinetts und blickte, auf seinen Stock gestützt, dem Abzug der Gespanne zu. Wird mir das Vorpommern bringen? dachte er. Werde ich Preußen zum stärksten Staate in Europa machen? Lohnt sich das Geschenk?

Reise Er gut, Wachter, und komme Er gesund in Petersburg an. Sein König wird an Ihn denken -

Peter Alexejewitsch

DIE PERSONEN:

Peter Alexejewitsch Romanow Katharina Alexejewna Alexander Menschikow Pjotr Schafirow Lewon Uskow Alexej Petrowitsch Friedrich Theodor Wachter Adele Wachter Julius Wachter Fürst Dolgorukij Graf Wladimir Viktorowitsch Kubassow Dr. Benjamin van Rhijn

Zar Peter I. der Große Zarin, Peters 2. Frau Günstling des Zaren Günstling des Zaren Zwerg und Hofnarr Zarewitsch, Sohn Peters I. Betreuer des Bernsteinzimmers seine Frau sein Sohn Berater Peters I. Haushofmeister

Zweiter Hofarzt des Zaren

Ein kalter Winter war's gewesen, dieser Anfang des Jahres 1717. In Rußland lagen Eis und Schnee noch über Wäldern, Feldern, Hütten und Straßen, die Karren blieben noch in den Schuppen, und die Schlitten, die großen für den Transport, die kleinen für die Menschen, knirschten und kreischten über den festgestampften Schnee, gezogen von den kleinen struppigen Panjepferdchen mit den Glöckchen am Geschirr.

Anders in Preußen. Hier begann — in diesem Jahr zwar langsam — schon der Frühling. Der aufgeweichte Boden hing schwer an den Rädern, und auf der Fahrt von Berlin nach Kol-berg, wo ein Schiff nach Memel liegen sollte, rief man oft die Bauern aus den Häusern oder von den Feldern, um die Räder aus dem Lehm zu ziehen.

Das besorgte mit scharfen Befehlen und oft auch mit den Schlägen eines langen Haselstockes, ganz im Sinne des Königs, der Leutnant Johann von Stapenhorst, der mit einer Abteilung Kürassiere vor, hinter und neben dem wertvollen Transport ritt. Friedrich Wilhelm hatte die schwere Reitergruppe in ihrem blinkenden eisernen Küraß, eine Art Brustpanzer, zum Schutz beigegeben, obwohl Wachter meinte, es sei nicht nötig.

«Er hat eine zu gute Meinung von den Menschen!«hatte der König zu ihm gesagt.»Merke Er sich eins: Es gibt mehr Halunken als Beter, und selbst die Beter werden zu Halunken, wenn es sich lohnt, zu stehlen und zu betrügen. Sei Er immer auf der Hut, Wachter! Das Gesindel ist überall.«

Und so wartete außerhalb des Schlosses die Abteilung Kürassiere auf das Bernsteinzimmer und nahm den Transport in ihre Mitte. Und so waren es nun zusammen mit den 108 Zugpferden und Wachters Apfelschimmel, den sechs Kutschpferden und den dreißig Kavalleriegäulen 145 Pferde, die nach Osten zogen. Leutnant von Stapenhorst schien keine Ahnung zu haben, was er da bewachen sollte, denn gleich nach der Begrüßung fragte er Wachter:

«Was bringen wir denn da nach Kolberg? Ist es wertvoll?«

Und Wachter antwortete knapp:»Fragen Sie den König, Leutnant. Ich kann Ihnen nichts sagen.«

Die Fahrt bis Kolberg vollzog sich ohne Ereignisse bis auf den Schrecken, den jede als Übernachtung ausersehene Garnison bekam, wenn die Kolonne einrückte. 145 Pferde, 66 Männer, eine Frau, ein Kind und einen Hund zu versorgen, und das aus dem Magazinbestand der Garnison, rief bei allen Kommandeuren tiefe Seufzer hervor, aber sobald Wachter den schriftlichen Befehl — die Order — des Königs vorzeigte, brachte man heran, was der Transport brauchte. Ganz ohne Schwierigkeiten ging das plötzlich, bis auf Moritz, das Hundemonstrum mit dem braunweiß gefleckten Fell und den blauen Augen. Als der Koch einer Garnison ihm einen schon faulig riechenden Knochen hinwarf, beschnupperte Moritz das stinkende Etwas, hob dann den Kopf, starrte den Koch an und flog plötzlich mit einem gewaltigen Satz auf ihn zu, verbiß sich in seinen linken Oberschenkel und ließ nicht mehr los. Es half kein Schreien und Schlagen, kein Abschütteln.

«Ich bring sie um, die Bestie!«schrie der Gebissene.»Wartet nur ein wenig, ich hole mein Messer. Abstechen werd ich das Vieh!«

«Einen faulen Knochen habt Ihr ihm gegeben!«sagte Wachter streng.»Das beleidigt ihn.«

«Will er etwa ein gebratenes Hühnchen haben?«brüllte der Koch.

«Das war schon was. Da hätte er Euch die Hand geleckt. Mein Moritz hat eine menschliche Seele.«

Dieser Ausspruch verbreitete sich schnell in der Garnison. Am Abend, als die Offiziere unter sich waren, fragte der Kommandeur, ein Obrist, den Leutnant von Stapenhorst:»Wer ist dieser Wachter?«

«Ein Vertrauter des Königs… so nimmt man an. Er hat alle Vollmachten in der Tasche. Sein Pferd ist aus dem königlichen Stall. Eine undurchsichtige Person.«

«Hält's der König neuerdings mit Narren?«

«Oberst, wir haben gelernt, nicht zu fragen, sondern zu gehorchen.«»Das ist es, Leutnant. Da sagt Er ein wahres Wort. Ich frage mich oft: Wo führt das hin, ein einziger denkt, und ein ganzes Volk muß denken wie er.«

Der Oberst winkte ab, als er die betretenen Gesichter der Offiziere sah.»Wir werden sehen, was daraus wird. Gott ist so gnädig, uns nicht in die Zukunft blicken zu lassen.«

In ihrem Quartier, meistens einem Zimmer in der Kaserne, das für eine Nacht der Futtermeister räumen mußte, legte sich Adele Wachter sofort auf das Bett, erschöpft, müde, blaß und mit schwerem Atem. Von Station zu Station wurde es ärger, manchmal lag sie da, preßte die Hände auf den gewölbten Leib und sagte, mit geschlossenen Augen, lange kein Wort. Wachter saß dann neben ihr, streichelte ihr Gesicht, legte auch seine Hände auf ihren Leib und konnte nichts für sie tun, als Trost zu geben.

«Bald ist es vorbei, Delchen«, sagte er zärtlich zu ihr.»In Kolberg, auf dem Schiff, kannst du dich ausruhen. Diese holprigen Wege, das Rütteln und Schütteln und die Stöße… ich weiß, wie es dir zusetzt. Beiß die Zähne zusammen, Deichen.«

«Das Kind tritt in mir, als wolle es den Leib sprengen. So war es nie bei Julius. «Sie umschlang seinen Nacken und zog seinen Kopf hinunter auf ihren Bauch.»Hörst du es, Fritz? Es wehrt sich… es will nicht in mir sterben…«

«Es wird nicht sterben, Delchen. Bestimmt wird es nicht sterben. Es wird in Petersburg zur Welt kommen… nur daran sollst du denken.«

Etwa auf der Mitte der Strecke nach Kolberg änderte Wachter seinen Zeitplan. Er legte öfter eine Ruhestunde ein, ließ Adele sich auf einem Strohsack in einem der Kistenwagen ausstrecken, und Julius, nun bald elf Jahre alt, lief über die Felder, suchte in Wiesen und an Bachrändern und brachte frische Kräuter mit, die Wachter, in Wasser getaucht, Adele auf den Leib legte. Das beruhigte und erfrischte sie, kühlte die ziehenden Schmerzen und gab ihr neue Kraft.

Dann endlich, endlich hatten sie Kolberg erreicht, die kleine, schmucke, saubere Küstenstadt an der Ostsee, machten zum letztenmal Station in einer Kaserne, und Leutnant von Stapenhorst schickte einen Kurier los nach Berlin, die glückliche Ankunft in Kolberg zu melden.

Zusammen mit Adele und Julius fuhr Wachter schon am nächsten Tag zum Hafen, um das Schiff nach Memel zu besichtigen.

Es war kein großes Schiff, eher eine kleine Korvette mit nur einem Mast, ohne Geschütze, dafür mit Laderäumen in dem breitbauchigen Rumpf und einem Aufbau, in dem die Kajüten für Kapitän, Fahrgäste und die Mannschaft lagen. Die preußische Fahne flatterte am Bug.

Über einen Steg gingen Wachter, Adele und Julius an Bord, während Moritz angebunden in der Kutsche bleiben mußte und jämmerlich heulte und wütend, mit hochgezogenen Lefzen, die ein spitzes, starkes Gebiß bloßlegten, bellte.