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Als sie an Deck standen, spürten sie trotz der Windstille das Schwanken des Schiffes.

Zum erstenmal hatten sie einen Boden unter den Füßen, der sich bewegte, ein unangenehmes Gefühl, das Unsicherheit in ihnen hochkommen ließ. Wachter begriff, warum Seeleute an Land, auf festem Boden, breitbeinig und schaukelnd dahergingen, wie auch der Zar es tat, der verliebt war in Schiffe, Meer und Wellenschlag.

Der Kapitän der Wilhelmine II. - so hieß das Schiff — kam ihnen mit wiegendem Schritt entgegen, warf einen Blick auf Adeles hohen Leib und reichte dann Wachter die Hand.

«Ihr kommt von dem königlichen Transport?«fragte er.

«Ich bin der Leiter, Kapitän.«

«Willkommen an Bord. «Er drückte Wachters Hand.»Wann laden wir?«

«Schon morgen. Achtzehn große Kisten und Reisegepäck. Zeigt mir, wohin sie gestellt werden… sie dürfen nicht im Geringsten beschädigt werden. Ich habe dem König darüber Meldung zu machen. Hütet Euch davor, nach Berlin zum Rapport befohlen zu werden. Der Stock des Königs tanzt gern auf anderen Rücken, und die Gefängnisse sind dunkel, feucht und voll Ungeziefer.«»Es wird alles so sein, wie Ihr befehlt. Mit dicken Tauen werden wir die Kisten vertäuen. «Der Kapitän machte eine weite Handbewegung.»Aber dem Meer können wir nichts befehlen. Im April kann es stürmisch werden… da müssen wir uns dem Stärkeren beugen.«

Sie gingen in die Kapitänsräume, tranken heißen Tee und Rum und knabberten an Zwieback und trockenen Wecken. Der Kapitän erzählte von wilden Stürmen und Begegnungen mit Geisterschiffen, wobei Adele ganz übel wurde, während Julius dagegen glühende Backen bekam, bis Wachter lachend ausrief:»Genug des Seemannsgarns. Kapitän… sehen wir uns das Schiff näher an.«

Es war ein altes, aber gutes Schiff. Dick im Holz, guter Teer in den Fugen, dicht vor allem, kein Durchsickern von Wasser, und die Laderäume, in denen man die Kisten vertäuen wollte, waren besonders trocken. Sie lagen in der Mitte des Rumpfes und hatten genug Eisenhaken an den Wänden, um das Bernsteinzimmer rüttelfrei festzuhalten.

«Sind wir allein auf dem Schiff?«fragte Wachter.»Keine anderen Waren?«

«Keine. Der Befehl des Königs…«Der Kapitän verzog das Gesicht, als habe er innere Schmerzen.»Kennt Ihr einen Grafen von Bülow?«

«Ja. Er berät den König bei den Finanzen.«

«Ein Halsabschneider, unter uns gesagt. Schickt mir ein Schreiben: >Was nehmt Ihr für eine Fracht von Kolberg bis Memel im Auftrage des Königs?< Ich denke, o Himmel, der König selbst, und nenne einen anständigen, niedrigeren Preis als sonst. Und was schreibt mir der Graf von Bülow zurück: >Ist er verrückt? Seine Majestät hat angeordnet…< Und er nennt mir eine Talersumme, die fast nur die Hälfte meiner Kosten deckt. Was ist besser, habe ich gedacht? Das Schiff versenken oder des Königs Order annehmen? Ich habe angenommen… und deshalb erwartet nicht, daß Ihr zum Essen große Braten oder fette Kapaune bekommt. Kohl und Grütze wird es geben, gesalzenen Fisch und Fladen. Und die Mannschaft, wundert Euch nicht, wenn sie Euch scheel ansieht… nur zwei Drittel des Lohnes bekommen die Kerle für diese Fahrt. Meinen Verlust kann ich allein nicht tragen. So ist es hier — «

Am nächsten Morgen fuhr die Kolonne von achtzehn Wagen und drei Kutschen an den Kai vor der Wilhelmine II. Leutnant von Stapenhorst hatte nur noch zehn Kürassiere mitgegeben, seine Mission war beendet, die ihm nie behagt hatte. Er war Soldat und nicht Begleiter eines Kistentransportes.

Das Verladen der riesigen, schweren Kisten wurde ein Problem. Aus den Wagen konnte man sie ganz gut auf den Kai zerren und schieben, aber sie auf das Schiff bringen, schien fast unmöglich. So große Fracht hatte man noch nie geladen, nicht Kisten von diesem Gewicht und diesen Ausmaßen. Selbst wenn man sie mit Ketten umgurtete und über Rollen an von Deck ragenden Balken hochzog, war es zweifelhaft, ob man sie heil an Bord bekam.

Aber es gelang. An dicken Seilen und über eisernen Rollen wurden die Kisten Zentimeter um Zentimeter ins Schiff gehoben und in den Laderäumen festgebunden. Einen ganzen Tag dauerte es, bis alle achtzehn Kisten im Schiff standen, und als Wachter zufrieden nickte, rief der Kapitän erleichtert:

«Jetzt darf unsereiner einen guten Schluck nehmen. Ihr auch, Wachter?«

«Warum nicht?!«

Sie tranken kräftig, lagen dann trunken in ihren Kojen und fielen in einen kurzen Schlaf. Morgens um sechs Uhr setzte man die Segel, holte den Laufsteg ein und löste die Taue aus den in den Kaiboden eingelassenen eisernen Ringen. Von Leutnant von Stapenhorst sah Wachter nichts mehr… Abschied nahm er nur von den Fuhrleuten und den Kutschenfahrern, die ebenfalls aufatmeten, die kostbare Ladung endlich los zu sein.»Viel Glück in Petersburg!«sagte der Vormann der Fuhrleute zu Wachter, als sie sich die Hand drückten.»Ich spreche es ehrlich aus: Ich beneide Euch nicht um das neue Leben…«

Von Deck, an der Reling stehend, sah Wachter den Wagen und Kutschen nach, als sie den Hafen verließen. Noch einmal winkte er ihnen zu und wußte, daß es gleich, mit dem Ablegen des Schiffes, ein Abschied für immer war. Er würde Preußen nie wiedersehen -

Adele, Julius und Moritz standen neben ihm, als sich über ihnen die Segel blähten, die Kommandos des Kapitäns über Deck hallten und das Schiff langsam aus dem Hafen glitt, hinaus aufs Meer. Das Schwanken wurde stärker, die Wellen hoben und senkten das Schiff, ließen es von Seite zu Seite rollen, festklammern mußte man sich am Relingseil und de Beine spreizen, um einen guten Stand zu haben. Julius fand es herrlich, jauchzte und winkte hinüber zu der verschwindenden Stadt, Moritz bellte und wedelte mit dem buschigen Schwanz, fletschte die Zähne und biß in das Relingseil, und man wußte nicht, war es Übermut, Freude oder Gegenwehr gegen das Schaukeln. Nur Adele war es übel, das Heben und Senken des Bootes war ihr fürchterlich, ihr Magen drängte hinauf zur Kehle, sie lehnte sich an Wachter, umklammerte seine Taille und würgte schon, als sie gerade den ruhigen Hafen verlassen hatten. Das Meer nahm sie freundlich auf, es war kaum Wellengang, aber Adele genügte es vollauf. Wachter brachte sie zurück zur Kajüte, legte sie aufs Bett, stellte einen Eimer neben sie, legte ein feuchtes Tuch auf ihre Stirn und stieg wieder an Deck. Der Kapitän stand neben dem Steuermann am riesigen Ruderrad und kam auf ihn zu.

«Eure Frau legt sich hin? Sie ist schon seekrank?«

«Das Kind macht ihr zu schaffen.«

«Und Ihr spürt nichts?«

«Nein, es ist doch eine ruhige Fahrt.«

«Warten wir's ab, bis wir weiter nach Norden kommen. Da gibt es einige Stellen, wo man vom Wind das Pfeifen lernen kann. «Es sollte viel schlimmer werden. Am dritten Seetag fiel ein Unwetter über sie herein, das Schiffchen tanzte auf den Wellenkämmen, wurde hin und her geworfen wie ein Ball, gewaltige Wellen brachen über Deck, schäumende und brüllende Wassermassen fegten alles weg, was nicht festgezurrt war. Die Segel waren gerefft, nur ein Sturmsegel knatterte im Sturm, und dort hingen ein paar Matrosen an umgebundenen Seilen, die in starken Eisenösen verknotet waren. Wurden sie abgelöst, schwankten sie in ihre Kajüte, als seien ihnen die Knochen zerschlagen worden. Sie griffen nach der Rumflasche und tranken, als käme aus ihr das neue Leben. Und kalt wurde es, immer kälter, als sie die Kurische Nehrung entlangsegelten… der Wind aus dem Osten, aus Rußland herüber, stieß wie mit Fäusten nach ihnen.

«Ein unwirtliches Land ist es, in das ihr kommt«, sagte der Kapitän am letzten Tag der Fahrt. An seinem Tisch saßen sie, aßen eine Suppe aus eingesalzenen Bohnen, dunkles Brot, geräucherte Leberwurst und in Essig eingelegte Gurken. Adele, tapfer wie sie immer war, saß bei ihnen, mit leerem, ausgebrochenem Magen und ekelte sich vor jeder Speise.