«Kein Land kann so schlimm sein wie ein Schiff«, sagte sie stockend, und es würgte sie wieder beim Anblick des gedeckten Tisches.»Nie wieder werde ich ein Schiff betreten. Das sei geschworen.«
Und dann tauchte an der Küste Memel auf, das schöne stolze Memel mit seinen Türmen und Kirchen. Im Hafen drängten sich die Schiffe, an den Kais standen die Fuhrwerke mit Waren, die aus den Schiffen gebracht oder auf ihnen verladen wurden, und stolz, wie es sich für ein vom preußischen König gemietetes Schiff gebührte, fuhr die Wilhelmine II. zu ihrem Landeplatz.
Man hatte sie erwartet. Ein Kommando von sechs Reitern, befehligt von einem Wachtmeister, stand am Kai, und als das Schiff anlegte, ertönte ein Trompetensignal zur Begrüßung. Was und wer auch immer da anlegte — es kam aus Berlin, vom König.
Schon eine Stunde später stand Wachter vor dem preußischen Festungskommandanten von Memel, dem General Charles de Brion, und wurde etwas steif empfangen.
«Nun ist Er endlich da!«sagte der General wenig höflich.»Die Sondermission des Zaren ist längst nach Petersburg zurückgekehrt. Ein Kurier wird sofort an die Grenze abgeschickt. Was hat Er für eine Order?«
Wachter überreichte das Schriftstück, General de Brion las es aufmerksam durch und sah dann Wachter erstaunt an.
«Er hat Generalvollmacht?«sagte er, ein wenig freundlicher.»Was soll ich Ihm zur Verfügung stellen? Was braucht Er?«
«In schnellster Zeit Wagen und Leute.«
«Er wird alles bekommen.«
Zwei Tage dauerte es, bis man die Kisten vom Schiff geholt und wieder auf schwere Wagen umgeladen hatte. Bei ihrer Ankunft in Memel, das die Litauer Klaipeda nannten, war es der 30. April 1717 gewesen, nun, am 2. Mai, saß Wachter wieder auf einem Pferd, hatten Adele, Julius und Moritz wieder eine Kutsche, und die Kolonne wartete auf das Zeichen zum Aufbruch. Die Kisten waren äußerlich unversehrt, wie es drinnen aussah, wußte man nicht. Was hatte der Sturm auf dem Meer zerstört? In Petersburg würde man es sehen und dann den Kopf senken.
«Also, begeben wir uns nach Rußland!«sagte Wachter zu dem Führer des Begleitkommandos.»Die kurländische Grenze ist nicht mehr weit. Wie sind die Straßen?«
«Wie sollen sie sein?«Der Wachtmeister der Reiter hob die Schultern.»Je weiter nach Osten, desto unpassierbarer wird es. Und dann, so sagt man, das weite russische Land ist wie bei der Erschaffung der Welt.«
«Wir werden es schaffen. «Wachter richtete sich im Sattel auf.»Wenn der Zar bei seinen Reisen das Land verläßt, werden wir auch ankommen können.«
Er ritt wieder an die Spitze der Kolonne, hob die Hand und gab den Weg frei. Nach Osten, nach Rußland, in das riesige Unbekannte.
In die neue Heimat.
Gott steh uns bei!
Am 2. Mai schrieb General Charles de Brion seinen Bericht an den König von Preußen. Er lautete:
«Euer Königlichen Majestät habe hiermit alleruntertänigst berichten sollen, daß das Bernstein-Cabinet vorgestern in gutem Stande, so viel als ich bemerken und von dabei gestellten Leuten die Nachricht einziehen können, hier angelanget, und bald darauf weiter bis an die Grenze geschicket worden, und sein aus diesem Amte drei Relais, auf jede Relais 108 Vorspann Pferde zu deren Fortbringung gegeben…«
Das hieß, daß wieder mit achtzehn schweren Wagen, beladen mit je einer Kiste und von sechs Pferden gezogen, das Bernsteinzimmer auf den Weg nach Rußland gebracht worden war. Drei Stationen waren es bis zur russischen Grenze, über Straßen, deren Löcher und Querwellen die Fuhrwerke schütteln und springen ließ und Hunderte von Stößen in den Rücken schickten. Adele litt fürchterlich, aber tapfer, nur nach der zweiten Station sagte sie schwach zu Wachter:»Das Kind wird es nicht ertragen, Fritz. Tot wird es zur Welt kommen. Ich fühle es. Zu früh und tot wird es kommen…«
Die dritte Station, die Grenze, war ein befestigter Posten mit viel Grenadieren und einem Obersten als Kommandeur. Ohne Aufenthalt in der Kaserne ließ Wachter die Kolonne weiter zur Grenze fahren. Ein Trompetensignal kündigte sie an, und als sie am Schlagbaum standen, wartete ihnen gegenüber die russische Delegation. Zweihundert Kosaken unter dem Hetman Grigorij Semjonowitsch, neun Kutschen für den Reisemarschall Fürst Semjon Borisowitsch Netjajew, den Wachter schon vom Besuch des Zaren in Berlin her kannte.
Und wieder erfolgte die Mühe des Umladens auf russische Fuhrwerke. Neben hochrädrigen Karren waren es auch Schlitten, nicht nur, weil in diesem strengen Winter noch Schnee auf der Strecke bis Petersburg lag, sondern weil man auch bei Tauwetter mit Schlitten besser durch den Schlamm und Morast gleiten konnte als mit Rädern, die sich in die aufgeweichten Straßen mahlten. Dann gab es kein Vorwärtskommen mehr.
Fürst Netjajew begrüßte Wachter und Adele wie preußische Gesandte. Er sprach deutsch mit etwas schwerer Zunge, aber man konnte ihn gut verstehen.
«Im Namen Seiner Majestät des Zaren seid Ihr willkommen in Rußland«, sagte der Fürst.»Ist das Kabinett unversehrt?«
«Ich hoffe es. Beim Öffnen der Kisten wird's sich zeigen.«»Von jetzt ab wird ihnen nichts mehr geschehen. Ich übernehme die Verantwortung.«
«Ich habe die Order von meinem König, das Bernsteinzimmer heil bis Petersburg zu bringen unter meinem Kommando, Fürst Netjajew.«
Wachter zeigte ihm das Blatt mit der Unterschrift Friedrich Wilhelms, aber Netjajew wischte es mit einer Handbewegung zur Seite.
«Euer König kann Euch befehlen… aber jetzt seid Ihr in Rußland. Hier gilt allein das Wort des Zaren. Steckt das Papier ein, Ihr braucht es nicht mehr. Der Befehl des Zaren ist für Euch maßgebend, nicht mehr das Schreiben Eures Königs. Gewöhnt Euch daran, bevor Euch die Knute belehren muß. «Wortlos ging Wachter zu dem großen, durch einen Holzaufbau verschlossenen Schlitten zurück, in dem Adele auf einem Fellberg lag und Julius mit einem nassen Tuch die Stirn seiner Mutter kühlte. Moritz hatte sich bei den Russen schon Respekt verschafft… jeder, der in den Schlitten blickte, wurde angeknurrt, und zog er sich nicht sofort zurück, schnellte er vor mit weit aufgerissenem Maul und blinkenden Zähnen. Das genügte… die Neugierigen flüchteten.
«Was ist, Fritz?«fragte sie mit leiser Stimme.»Du siehst nicht aus wie ein glücklicher Mensch.«
«Ich bin ein Nichts… das hat man mir eben vorgeführt. Ich habe nichts mehr zu tun als neben dir im Schlitten zu sitzen. Fürst Netjajew übernimmt den Transport. Ich werde behandelt wie ein Kulak.«
«Noch können wir zurück, Fritz. Nur ein paar Meter rückwärts, und wir sind wieder in Preußen. «Sie umklammerte plötzlich seine Hand und zog sie an ihre Lippen.»Fritz, laß uns umkehren. Es ist die letzte Möglichkeit.«
«Und das Bernsteinzimmer?«
«Es ist in Rußland! Du bist frei…«
«Nicht von meinem Eid vor dem König. Ein Eid für alle Nachkommen…«
«Willst du dein Leben opfern für das Bernsteinzimmer?«
«Ja!«»Und mein Leben? Und das Leben deiner Kinder?«
«Wir alle gehören zum Bernsteinzimmer, heute, morgen, solange die Welt besteht, hat der König gesagt. Ich habe es geschworen, Delchen… und wenn ich mit der Zunge die Bernsteinwände säubern müßte, ich täte es, denn ich bin bei ihm.«
Zum erstenmal stand Wachter dem Zaren so nah gegenüber, von Angesicht zu Angesicht, daß er die Warze auf dessen Backe sehen konnte wie auch das plötzlich aufflammende Zucken der Gesichtsmuskeln, die Veränderungen der Augen, während der Zar sprach, die Ungeduld in seinen Fingern und das Atmen des breiten Brustkorbes in dieser riesenhaften, von Kraft strotzenden Gestalt. Ein wenig bleich sah Peter I. aus. In Amsterdam hatte ihn eine schwere Grippe mit Nieren- und Blasenschmerzen der heftigsten Art aufs Lager geworfen, dann war er in Bad Pyrmont zu einer Kur gewesen, aber die Nachwirkungen der Krankheit hatte sein massiger Körper noch nicht überwunden. Hinzu kam die Sorge um seinen Sohn, den Zarewitsch Alexej Petrowitsch, der aus Angst vor seinem herrischen Vater nach Österreich geflüchtet war und in Wien versteckt lebte.