Alexej. Wenn der Zar an ihn dachte, kam Trauer über ihn oder schäumende Wut, die jedesmal schreckliche Anfälle auslöste. Schwach war der Zarewitsch, ein Säufer und Hurer zudem, der seine Frau Charlotte von Wolfenbüttel nur zwangsweise, um einen Thronerben zu zeugen, im Schlafgemach besucht hatte, sonst aber mit Mätressen sich vergnügte, vor allem mit Weibern niedrigen Standes, mit leibeigenen Mägden, die sich glücklich schätzten, dem dürren, schwärmerisch veranlagten Zarewitsch zu Willen zu sein. Als Charlotte bei der Geburt des Thronerben Peter Alexejewitsch nach neuntägigem Leiden am 22. Oktober 1715 starb, verließen den Zarewitsch alle Hemmungen. Er soff wie ein Irrer, ruinierte seine Gesundheit und wurde zu einem Thronfolger, dem kein Thron mehr gebührte. Die Briefe seines Vaters beantwortete er mit sklavischer Untertänigkeit, aber als Peter I. ein Ultimatum verfaßte, das ihm alle Ausschweifungen verbot im Hinblick auf seine spätere Zarenwürde, flüchtete er nach Wien. Von dort trafen laufend böse Nachrichten ein… von einer Verschwörung war die Rede, sogar von einer Ermordung des Zaren, die der Sohn offen begrüßte. Er lebte zusammen mit einem Mädchen, Afrosinja, einer drallen, fast häßlichen Bauernmagd, aber von einer solchen Lüsternheit, daß sich der Zarewitsch ein Leben ohne Afrosinja nicht mehr vorstellen konnte.
Das alles hatte sich in das Gesicht des Zaren eingegraben… Wachter erschrak, als er Peter I. gegenüberstand und zu dem Riesen hochblickte.
«Ich habe den Brief Seines Königs gelesen«, sagte der Zar mit erstaunlich gütiger Stimme.»Nicht nur das Bernsteinkabinett schenkt er mir, sondern auch Ihn! Samt Frau und Kindern. Er soll bis zu seinem Tode das Bernsteinzimmer pflegen, und später seine Erben von Generation zu Generation. Nun wohl… der Wunsch des Königs von Preußen soll erfüllt werden. Er bleibe also bei mir, erhalte eine Wohnung im Beamtenhaus und bekomme guten Lohn und freies Logis, einen Karren mit zwei Pferden, einen Schlitten und den Titel eines kaiserlichen Hausmeisters. Ist Er damit zufrieden?«
«Mir schlägt das Herz, Majestät. «Wachter verneigte sich tief.»Möge diese große Güte immer anhalten.«
«Es liegt nur an Ihm. Solange Er das Bernsteinzimmer vorzüglich pflegt, gibt es keinen Grund, ihn das spanische Rohr spüren zu lassen. Er heißt Friedrich Theodor Wachter?«
«Ja, Majestät.«
«Er und Seine Nachkommen werden immer in Rußland leben. Einen russischen Namen muß er haben, keinen preußischen. Ich mache Ihn zum Russen, also heißt er ab sofort Fjodor Fjo-dorowitsch Wachterowskij. Seine Frau heißt?«
«Adele, Majestät.«
«Adele Iwanowna — Sein Sohn?«
«Julius…«
«Heißt Julian Fjodorowitsch. Geb Er mir die Hand und schwöre Er, ein guter Russe zu sein.«
Zögernd reichte Wachter dem Zaren seine Hand. Zu widersprechen wagte er nicht, konnte nicht sagen, daß er ein Preuße war und es bleiben würde. Er sah den spanischen Stock, die berüchtigte Dubina, in der Zimmerecke stehen und hatte kein Verlangen, sie auf seinem Rücken oder über seinem Kopf zu spüren. Er zuckte heftig zusammen, als der Zar ihm die Hand drückte, so fest, daß er einen Augenblick das Gefühl hatte, man habe ihm alle Finger zerbrochen. Der Zar beobachtete Wachters Gesicht, erkannte die beherrschte Miene und war zufrieden.
«Schwör Er mir unbedingte Treue, Fjodor Fjodorowitsch.«
«Ich schwöre es, Majestät, mit meinem Leben.«
«Jederzeit kann Er zu mir kommen, wenn es nötig ist. Und wer Ihn hindern will, dem sage Er: Der Zar hat es befohlen. Er hat immer freien Zugang.«
Damit schien das Gespräch beendet. Aber Wachter, sich der Gunst der Stunde und des Zaren bewußt, verließ nicht das Zimmer.
«Majestät, ist eine Frage erlaubt?«sagte er. Peter I. sah erstaunt auf ihn hinab.
«Was will Er fragen?«
«Wo soll das Bernsteinzimmer aufgestellt werden?«
«Hier, in meinem Winterpalais. Es wird ein Saal dafür geräumt werden. Ich brauche die Maße, die Höhe…«
«Und ich brauche Spezialisten, Majestät. Fachleute, die mit Bernstein umgehen können, die Beschädigungen ausbessern, die das Zusammenfügen der Wandtafeln überwachen, und dann noch Handwerker, vor allem Tischler, für die tragende Zwischenwand aus Holz.«
«Bekommt Er alles. «Der Zar lächelte breit.»Fordere Er nur die Leute beim Haushofmeister an, wann Er sie braucht. «Zufrieden verließ Wachter den Zaren und kehrte in das Beamtenhaus zurück, wo die Verwaltung des Winterpalais bereits vier Zimmer angewiesen hatte. Langsam ging Wachter zu dem Gebäudeflügel zurück, in dem nun sein Leben und das Leben seiner Familie eine Heimat finden sollte. Der erste Eindruck des Winterpalais war enttäuschend. Ein zweistöckiger Holzbau war's mit zwei Flügeln für Hofstaat und Beamte. Kein Prunkbau also, der den Namen Palais verdiente, und dessen Fassade sich von den anderen Villen an der Uferstraße der südlichen Newa nur dadurch hervorhob, daß über dem Einfahrtstor die Krone der kaiserlichen Marine angebracht war. Alle Häuser in der Umgebung des Zaren an der Newa waren dagegen wirkliche Paläste… der Palast des Generaladmirals Apraxin, die Häuser von Justizminister Jaguschinskij, die Villa von V-zeadmiral Cruys… sie alle aber waren Hütten gegen den Palast, den sich Fürst Menschikow hatte bauen lassen. Nach dem Sieg von Poltawa gegen die Schweden hatte Peter seinem Günstling die größte Insel im Newa-Delta, die Wassi-lewskij-Insel, geschenkt, und auf ihr, am Newa-Kai, war nach den Entwürfen des deutschen Architekten Friedrich Schädel ein dreistöckiger Palast ganz aus massivem Stein entstanden, mit einem Dach aus weithin leuchtenden, rot lackierten Eisenplatten und einer so riesigen Haupthalle, daß künftig die großen Feste und Bälle von Petersburg nur mehr in ihr stattfinden konnten. Der Menschikow-Palast blieb bis zu Peters Tod das größte Privathaus der immer glänzender und schöner werdenden Stadt.
Für Peter war dieser Prunk seiner Umgebung nur nützlich, wenn er Empfänge gab. In seinem» Winterpalais «konnte er das kaum… um die Symmetrie der Uferstraße nicht zu unterbrechen, hatte er seinen Holzbau den anderen Häusern ai-gleichen lassen, was bedeutete, daß auf allen Stockwerken große, hohe Räume entstanden waren, die den Zaren störten. Er, der Zwei-Meter-Riese, fühlte sich nur wohl in niedrigen Räumen, wie er sie in Holland bei seiner Tätigkeit als Zimmermann der Schiffswerften kennengelernt hatte. Er ließ also in allen Zimmern, die er bewohnte, eine niedrigere Zwischendecke einziehen… hier lagen in dem Hohlraum zwischen der echten und der falschen Decke oft seine Spitzel auf den Holzdielen und belauschten die Gespräche der Besucher, die in zwei Vorzimmern auf eine Audienz beim Zaren warteten. Auf diese Art erfuhr Peter I. so manche Wahrheit oder Meinung, die man vor ihm nicht auszusprechen wagte.
Das Bernsteinzimmer in diesem Winterpalais? In einem Holzhaus? Ein Haus, das brennen konnte wie trockenes Reisig?! Wachter kratzte sich den Haaransatz, ging in den Beamtenbau und fand Adele damit beschäftigt, die Taschen und Kisten auszupacken. Drei Kammermädchen halfen ihr dabei, vom Haushofmeister selbst dazu abkommandiert. Die Kunde, daß der neue Deutsche hoch im Wohlwollen des Zaren stand, hatte sich in Windeseile bei den Höflingen herumgesprochen. Das Speichellecken begann, und natürlich auch der Neid.»Welch eine Stadt«, sagte Wachter und setzte sich auf einen Diwan im Wohnzimmer. Die Zimmer hatte man ihnen voll eingerichtet übergeben, mit schönen Möbeln, die Adele in Berlin sonst nur bei den Hofdamen gesehen hatte, bei den adeligen Damen, vor denen sie immer einen tiefen Knicks gemacht hatte. Jetzt sollte sie in diesem kleinen Luxus leben. Mit klopfendem Herzen war sie von Zimmer zu Zimmer gegangen, hatte die Möbel und die Bezüge gestreichelt, Damaste, Gobelins und Seiden, sogar gute Teppiche lagen auf den Dielen, einige Ikonen hingen an den Holzwänden, ein Bild des segnenden Christus, und in der Küche war alles vorhanden, was eine Hausfrau brauchte, vom Wassertopf bis zum Schöpflöffel.»Welch eine Wohnung, Fritz«, rief sie glücklich.