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«Wo ist Julius?«

«Im Garten spielt er mit Moritz. «Sie drehte sich einmal um sich selbst, wie eine Tänzerin, es wäre grazil gewesen ohne ihren schweren Leib.»Alles ist so groß, so weit, so hoch…«»Wie dieses Land, Deichen. Unendliche Erde unter einem hohen Himmel. Petersburg kann einmal schöner werden als Paris, wenn der Zar es weiterhin so ausbaut. Gärten sollen entstehen, große Parks, breite Straßen, und dann die Kathedralen, Deichen, Paläste zur Ehre Gottes, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat! Wir werden nie bereuen, Berlin verlassen zu haben.«

«Laß uns darum beten, Fritz. «Sie setzte sich neben ihn auf den Diwan und legte den Arm um seinen Nacken.»Weißt du, wie sie mich schon rufen?«

«Ja. Adele Iwanowna…«Er lachte, als sie ihn verblüfft anblickte, küßte sie zwischen die Augen und rief fröhlich:»Ja, das bist du. Meine schöne, meine einzige Adeluschka… Wie das klingt! Adeluschka… Adelinka… Adjuschka!«

«Ich sehe, du wirst ein Russe, Fritz.«

«Nur äußerlich, Adelinka. Nur äußerlich. Im Herzen bleiben wir Wachters immer Preußen.«

Schon zwei Tage später, die Kisten mit dem Bernsteinzimmer standen sicher in den Stallungen, ließ Wachter sich bei dem Haushofmeister melden.

Es war ein Graf Wladimir Viktorowitsch Kubassow, ein völlig anderer Mensch als der Hofmarschall Fürst Netjajew, der Wachter an der Kurlandgrenze den Transport aus der Hand genommen hatte. Der Weg durch Schnee, Matsch und Schlamm von Memel bis Petersburg war mühsam gewesen, drei Pferde gingen dabei ein, vier Schlitten und zwei Fuhrwerke brachen zusammen, weil Netjajew eine Eile befahl, als ginge es um ein Wettrennen. Erschrocken sah dabei Wachter zum ersten Mal, daß ein Leibeigener oder ein anderer niederer Mensch in Rußland nicht mehr galt als ein Tier. Als die Schlitten brachen oder auf besonders aufgeweichten Wegabschnitten Kufen und Räder versanken, sausten die Peitschen nicht nur über die schmerzhaft wiehernden Pferde, sondern auch über die Rücken, Schultern und Köpfe der Kutscher und Fuhrleute. Viele saßen dann blutend auf ihren Böcken, aber keiner wagte auch nur einen Ton zu sagen. Wachter ahnte, daß Netjajew den Mann zu Tode peitschen oder pfählen hätte lassen können.

Kubassow empfing Wachter wie einen Freund… die Gunst des Zaren hob ihn hoch über alle anderen. Wie hatte einst Men-schikow angefangen? Als Stallbursche. Jetzt war er Fürst, überhäuft mit anderen Titeln und einem unschätzbaren Reichtum, Generalgouverneur von Petersburg, ein so enger Freund des Zaren, daß man ihn mehr fürchtete als den Zaren selbst. Wußte man, was einmal aus diesem Deutschen werden würde? Am Hofe und im ganzen Land gab es genug Generäle, Kämmerer und Auserwählte, Architekten wie Ärzte, Astronomen wie Physiker, die aus dem Ausland gekommen waren, die meisten aus Landen mit deutscher Zunge.

«Ja, wohin mit ihm, dem Bernsteinzimmer?«sagte Kubassow, als Wachter ihn gefragt hatte, welcher Raum dafür geeignet sei.»Wohin? Wie sagt Ihr, sind die Maße?«

«4,75 Meter hoch, und an Wandfläche brauche ich vierzehn Meter. Es sind zwölf Wandfelder, 0,80 bis 1,50 in der Breite, genau wie die Sockelstücke. Dazu kommen zwei Türen mit Gesimsen bis zur Decke.«

Die Zahlen schienen Kubassow schwindelig zu machen.»Weiß das der Zar?«fragte er betroffen.

«Er hat das Zimmer in Berlin gesehen und brach in Begeisterung aus.«

«Was soll man tun? Im ganzen Palais gibt es nicht solch einen Raum! Man müßte ihn erst bauen, Zimmer zusammenlegen, die Decken erhöhen.«

«Das müßte man wirklich tun. Sofort. Denn der Zar wünscht…«

Graf Kubassow ließ Wachter nicht ausreden. Wenn dieser sagte, der Zar wünsche es, dann war es ein Befehl, als käme er vom Zaren selbst. Ein kaiserlicher Haushalt besteht nicht nur aus Mobiliar in einem Palast, sondern auch aus vielen Ohren, die alles hören. So wußte Kubassow von Wachters Vollmachten, schon bevor er mit ihm gesprochen hatte.

«Sehen wir uns an, was ich vorschlagen kann«, sagte er.»Wo soll das Bernsteinkabinett stehen?«

«In der Nähe der Zaren-Zimmer.«

Kubassow seufzte, erkannte die großen Probleme, die auf ihn zukamen, und führte Wachter dann durch das Palais. Zwei Räume fanden sie, von denen Wachter sagte, sie seien geeignet für das Geschenk des Königs von Preußen. Im ersten Stockwerk lagen sie, mit zwei großen Fenstern hinaus zur Newa. Das Licht fiel voll herein, so daß der Bernstein in der Sonne leuchten konnte und seine ganze Schönheit entfalten würde, und leicht ließen sich die Wände herausnehmen und die Decken auf das nötige Maß erhöhen, da auch hier eine Zwischendecke eingezogen war.

«Das ist es!«sagte Wachter und drehte sich ein paarmal um

sich selbst, alles genau betrachtend.»Hier kommt es hin.«»Gleich neben den Gemächern der Zarin?«Kubassow wiegte den Kopf.»Der Lärm des Umbaues — «

«Nur ein paar Wochen sind's… der Schönheit willen wird's die Zarin dulden.«

Schon einen Tag später begannen die Arbeiten. Kubassow hatte mit Katharina, der Zarin, gesprochen. Sie war in den ausgewählten Räumen erschienen, hatte den sich tief verneigenden Wachter lange und eingehend gemustert und ihn dann in ihren Haushalt aufgenommen.

Eine dralle, vollbusige Frau war sie, mit sinnlichen Lippen und einer fröhlichen Stupsnase. Breite rote Wangen bestimmten ihr Gesicht, und sie hatte einen kräftigen Körper, was ihr bei den vielen Geburten zugute kam.

Bei der Belagerung von Marienburg, das in schwedischer Hand war, hatte General Scheremetjew sie zum ersten Mal gesehen… die Magd eines geflohenen sächsischen Pastors mit Namen Glück, mit der er Weiterreisen wollte nach Moskau, und die nicht genau wußte, wie sie hieß, da sie nie ihren Vater kennengelernt hatte.»Wer ich bin?«hatte sie gesagt, als Scheremetjew sie nach ihrem Namen fragte.»Einmal heiße ich Katharina Wassilewska, einmal Katharina Trubatschow. Mir ist gleichgültig, wie ich wirklich heiße. Ist's wichtig bei der Arbeit? Ich putze, koche, backe, schenke aus und bediene, wasche und bügle, halte den Garten in Ordnung und versorge den Stall.«

«Und läßt dich jede Nacht mit den Kerlen ein…«hatte der General gerufen.

«Das nicht. Deshalb bin ich geflohen aus Marienburg. Die schwedischen Soldaten ziehen durch die Stadt und greifen nach jedem Mädchen. «Sie hatte den General flehend angesehen und dann hinzugefügt:»Laßt uns weiter nach Moskau, Herr. Ich will dort meinem Pastor den Haushalt führen.«

Nicht nach Moskau kam sie, sondern nach Petersburg. General Scheremetjew nahm sie mit, damit sie seine Hemden bügelte. So kam Katharina Wassilewska — für diesen Namen entschied sie sich —, die Tochter eines ihr unbekannten Leibeigenen und einer Wirtshausmagd aus Litauen, nach Petersburg in den Haushalt des Generals. Dort sah sie bei einem Besuch der mächtige Menschikow. Sie stand gerade auf der Leiter, putzte die Fenster, und Menschikow, der Frauenkenner, sah sofort ihre schöne Gestalt, ihre Füße und Waden, ihre Taille und die vollen weißen Brüste, und sie lachte ihn keck an, als er sie so aufmerksam musterte.

Scheremetjew, immer bedacht, ein Freund des großen Menschikow zu bleiben, schenkte ihm Katharina. Nun bügelte sie die Hemden des Fürsten, zerknitterte des Nachts seine Bettlaken, eine Kriegsbeute, wie Scheremetjew sie genannt hatte, wie sie nicht schöner, lieblicher und dreister sein konnte.

Bei Fürst Menschikow sah sie der Zar. Ohne viel Worte lieh er sich die Magd aus, und als Menschikow sie nach zwei Wochen von Peter zurückerbat, ließ der Zar mitteilen, daß Katharina noch so viele Hemden auszubessern und zu bügeln habe, daß er sie bei sich behalten wolle.

Nun war sie die mächtige Zarin, verheiratet mit Peter I, und der vielleicht einzige Mensch, der es wagte, anderer Meinung als er zu sein, die einen hellen Verstand besaß und zu vernünftigen Ratschlägen in der Lage war. Für ihren Mann strickte sie selbst wollene Strümpfe, verlangte nie etwas Ungewöhnliches von ihm, lebte bescheiden mit ihm in Holzhütten, kochte, trocknete Peters Seemannswäsche, fuhr mit ihm über das Meer bei Petersburg, war immer das einfache Mädchen geblieben, auch als sie die Zarin geworden war. Aber es gab auch die andere Katharina in seidenen, mit Perlen und Edelsteinen bestickten Roben, mit einem Hofstaat von Fürstinnen, Gräfinnen und besonders hübschen Hofdamen, der Glanz aller Feste war sie, und wenn im Palast des Menschikow die prunkvollen Empfänge und im Garten die herrlichen Feuerwerke, die Peter so liebte, stattfanden, dann neigte Fürst Menschikow das Haupt vor seiner ehemaligen Magd und erkannte sie als Zarin an.