Bei Wachter erschien Katharina in einem schlichten Kleid, so wie sie es immer trug, wenn Peter und sie keine offiziellen Verpflichtungen hatten. Wie eine Arbeiterfrau sah sie aus, durch die Geburten etwas dicklich geworden, mit wachen, alles sehenden Augen.
«Er will hier umbauen?«fragte sie Wachter.»Das Bernsteinkabinett aufstellen? Der Zar hat mir von dem Zimmer erzählt. Wie sieht es aus?«
«Das kann man nicht erklären, das muß man sehen, Majestät. Hier versagen Worte.«
«So schön?«
«Es ist die Sonne, eingefangen in Tausenden goldenen Steinen.«
«Dann baue Er das Zimmer. «Katharina nickte Wachter zu.»Über Schönheit kann Er jederzeit mit mir sprechen.«
Am vierten Tag des Umbaues, nachdem die Wand herausgerissen war und es nun daranging, die Zwischendecken aus Holz abzunehmen und die Wände mit Holz zu verkleiden, erschien der Zar auf der Baustelle. Eine fleckige Arbeiterhose trug er, darüber ein dunkelblaues grobes Hemd, und eine Lederschürze hatte er sich umgegürtet, die ebenfalls voller Flecke war. In den großen breiten Händen trug er Hobel und Stecheisen, Feilen und eine Säge. Im Bindeband der Schürze staken drei Hämmer, eine kleine Meßlatte und ein kegelförmiger Senkel.
«Welch eine faule Brut arbeitet hier?«schrie er mit seiner Donnerstimme.
«Zeigen werd ich's euch, was ein Zimmermann kann! Geht nach Holland und lernt, ehe ihr ein Brett anpackt! Fjodor Fjo-dorowitsch…«
«Hier bin ich, Majestät. «Wachter trat auf den Zaren zu.
«Er ist der Vormann. Zeig Er mir, was ich zu tun habe!«Er warf sein Werkzeug auf den Boden und rieb sich die Hände.»Zier Er sich nicht, mir Arbeit zuzuweisen. Ich bin wieder Peter, der Zimmermann. Gott sei mein Zeuge… ist das schön!«Zwei Wochen arbeitete der Zar als Zimmermann am Ausbau des Bernsteinzimmers mit, jeden Tag drei Stunden. Und er verstand sein Handwerk besser als die Schreiner, die unter den besten von Petersburg ausgesucht worden waren. Zu seinem Werkzeug kam nun auch noch seine geliebte Dubina hinzu, das gefürchtete spanische Rohr mit dem selbstgeschnitzten Elfenbeinknopf. Wie oft tanzte der Knüppel auf den Rücken der anderen Schreiner herum, wenn Peter einen krummen Nagel entdeckte, ein schiefes Brett, keine senkrechten Fugen oder winkelige Zusammenfügungen, die er Gehrung nannte.
«In Holland hätte man euch alle ersäuft wie blinde Katzen!«brüllte er herum.»Und solche Idioten wollen meine Stadt bauen? Zusammenfallen wird sie, das sehe ich schon! Ihr alle werdet am Galgen enden, auf den Pfählen, auf dem Rad, unter den Peitschen!«
Ein schreckliches Arbeiten war es, aber sieh da… schon nach elf Tagen waren die Zimmer so umgebaut, daß sie einen einzigen Saal ergaben, genau in den Maßen, die das Bernsteinzimmer verlangte. Die großen Kisten in den Stallungen wurden geöffnet, die Tafeln, Figuren, Sockel, Gesimse, Reliefe und Bordüren vorsichtig freigelegt, und es zeigte sich, daß nichts zerbrochen war, daß der schwere Weg von Berlin nach Petersburg schadlos überwunden worden war.
«Vorsichtig!«rief Wachter immer wieder, als das einmalige Getäfel vom Stall in das Palais getragen wurde.»Vorsichtig! Bis jetzt hat es gehalten, stellt euch nicht an wie die Dummköpfe…«
«Meint Er mich damit?«fragte Peter I. Er trug auf seiner Schulter ganz allein ein großes Sockelstück, an dem sonst drei Mann geschleppt hätten. Seine Kräfte waren ungeheuer.»Majestät…«Wachter schlug die Hände zusammen.»Natürlich die anderen!«
«Sag Er nur, wenn ich mich dumm anstelle. «Der Zar tappte weiter mit seinem Sockel.»Er bekäme die Knute, wenn Er mir nicht die Wahrheit sagt!«
Am Abend ging Wachter erschöpft nach Hause. Aus der Küche roch es nach Sauerkohl und geräucherter Schweinehaxe. Adele saß an dem großen, gemauerten Herd, lehnte an einem Stützbalken und hatte die Augen geschlossen. Moritz, der Höllenhund, saß vor ihr und winselte leise.
«Adjuschka, was hast du?«Die vergangenen Wochen hatten genügt, soviel Russisch zu lernen, daß er nun ganze Sätze aussprechen konnte. Vor allem auf russisch fluchen hatte er gelernt, abgehört von den Handwerkern, wenn sie sich beschimpften. Er umfaßte Adele, streichelte sie und spürte, wie sie schlaff in seinen Armen lag.
«Es war zuviel, Fritz…«sagte sie, fast unhörbar.»Das Meer, die Schlitten…«Sie legte die Hände auf den gewölbten Leib und starrte Wachter flehend an.»Das Kind… ich spüre es nicht mehr… es bewegt sich nicht mehr… es ist alles so still in mir… Ich habe Angst — «
Angst hatte auch Wachter, als er den Zustand seiner Frau sah.»Den Arzt hole ich!«sagte er und wußte sonst keine Worte, die sie trösten konnten.»Leg dich hin, Delchen, lieg ganz still… es ist bestimmt nichts Schlimmes.«
Der Zweite Hofarzt, ein Benjamin van Rhijn aus Amsterdam, den Peter I. bei seiner letzten Reise 1716 mitgenommen hatte, wollte Wachter erst an einen normalen Medicus verweisen, wurde dann aber sehr zuvorkommend, als er hörte, daß der Zar diesem Deutschen viele Sonderrechte eingeräumt hatte. Als Wachter in seine Wohnung zurückkam, lag Adele fiebernd auf dem Bett, mit glühendem Kopf, geschwollener Zunge und schien nicht mehr zu begreifen, was um sie herum vorging. Julius saß an ihrem Bett mit weiten, angstvollen Augen und betete stumm.
«Die Mama…«stammelte er, als Wachter uid der Arzt ins Zimmer stürzten.»Die Mama…«
Es war, wie Adele schon befürchtet hatte: das Kind in ihrem Leib war gestorben, das Leichengift floß bereits durch ihre Adern. Dr. van Rhijn setzte sich auf die Bettkante und sah zu Wachter hinauf.
«Hier kann nur Gott helfen — «sagte er betroffen.
«Gott ist nicht hier, aber Ihr seid da. Tut etwas! Rettet sie! Wozu habt Ihr studiert, wenn Ihr nur herumsitzen könnt und klagt. Rettet sie…«
Dr. van Rhijn nickte.»Tücher brauche ich«, sagte er.»Viel heißes Wasser, große Schüsseln und Eimer. Ob es gelingt, ich weiß es nicht.«
Drei Stunden arbeiteten sie gemeinsam an Adeles Körper und kämpften gegen den Tod. Sogar Julius, der Elfjährige, half tapfer, wenn auch weinend mit, schleppte Wasser, trug die blutigen Tücher weg, spülte die Schüsseln aus und starrte auf seine Mutter, als könne sein Blick den Tod verjagen. Fürchterlich war es, was Dr. von Rhijn tat, aber es war die letzte Möglichkeit, Adeles Leben zu retten. Mit langen Zangen holte er das tote Kind stückweise aus dem Körper. Ein Mädchen war's, wie die Hebamme in Berlin es vorausgesagt hatte. Das faulende Fruchtwasser saugte er ab, ließ Adele zur Ader und rieb die Ohnmächtige mit kalten rauhen Tüchern ab, mischte verschiedene Pulver und Flüssigkeiten zusammen und füllte sie in eine dunkle Flasche.
«Das muß sie trinken«, sagte der Arzt und sank erschöpft auf einen Stuhl.»Fünfmal am Tag fünfzig Tropfen in Wasser. «Er blickte zur Seite auf die noch immer ohnmächtige Wachterin. Farblos war ihr Gesicht geworden, eingefallen die Backen und die Augenhöhlen. Auf ihrem Leib lagen jetzt mit kaltem Wasser getränkte Tücher, ein scharfer Alkoholgeruch war im Zimmer — zum Schluß hatte Dr. von Rhijn noch den ganzen Körper mit starkem Wodka eingerieben.»Mehr kann ich nicht tun. «Er blickte Wachter mit müden Augen an.»Jetzt können wir wirklich nur noch auf Gott hoffen…«