So war es. Eine Woche später — der Aufbau des Bernsteinzimmers war zur Hälfte vollendet — fuhr eine kaiserliche Kutsche vor mit einem uniformierten Leibkutscher, und hinter dem Aufbau standen zwei Pagen zur Bedienung. Es war, als fahre eine Fürstin aus.
Petersburg im Frühling… ein Wirklichkeit gewordenes Märchen.
Adele weinte vor Glück und vor Ergriffenheit vor soviel Schönheit, als sie am jenseitigen Ufer der Newa stand und hinüberblickte auf die in der Sonne leuchtende Stadt, auf die Türme und Dächer, die Paläste und Häuser, die Kanäle und breiten Straßen. Und sie legte den Arm um Julius und sagte:»Mein Junge, das ist wirklich unsere Heimat. Vergiß es nie!«Die Einweihung des wiederaufgestellten Bernsteinzimmers nahm der Zar allein vor. Diesmal waren seine Narren und Zwerge nicht dabei, wie sonst bei den Festen, wo sie tanzten und purzelten, sangen, deklamierten und die Gäste verspotteten. Am Hofe wurden die über sechzig Spaßmacher wie Haustiere gehalten, die der Zar liebte und verhätschelte, die aber unter Anführung seines Lieblings zwerges Lewon Uskow nicht nur harmlose Spaße trieben, um die Geladenen zu erheitern. Sie waren vor allem seine Beobachter und Spione, die auch alle Schwächen, Verfehlungen, Veruntreuungen, Lügen und Diebstähle der Würdenträger bei Hofe auskundschafteten und diese dann wie fröhliche Geschichten erzählten, während der Zar die Betroffenen scharf musterte, wie sie darauf reagierten. Im Bernsteinzimmer hingegen saß er ganz allein auf einem geschnitzten, vergoldeten Stuhl in der Mitte des» Sonnenzimmers«, schwieg, blickte wie in unendliche Weiten und schien sein bisheriges Leben zu überdenken… den schier ewig währenden Krieg gegen Schweden, die bisher über 300 000 Gefallenen, die vielen Enthaupteten, Geräderten und Gepfählten, die Gefolterten und zu Krüppeln Geschlagenen, die schleimigen Günstlinge und die willigen, lüsternen Mätressen. Der Zarewitsch war nach Österreich geflohen, um zu saufen und zu huren und sich als Werkzeug einer Verschwörung gegen seinen Vater mißbrauchen zu lassen. Er dachte vielleicht an die schöne Zeit in Holland und Frankreich, die ihm viele Erfahrungen und einen Tripper eingebracht hatte, der trotz Behandlung durch die Leibärzte Dr. Blumentrost, einem Deutschen, und Dr. Paulson, einem Engländer, immer wieder ausbrach, oder auch an die wilden Saufgelage, die er manchmal veranstaltete, bei denen Huren in solchen Scharen zu Diensten waren, daß Dr. Blumentrost eines Tages zu ihm sagte:
«Majestät, schonen Sie sich. Geben Sie Ihr ausschweifendes Leben auf.«
Und Peter hatte ihn angebrüllt:»Esel seid Ihr! Alle Esel!«
Bei der dritten Warnung hatte er Blumentrost und Paulson mit der Dubina verprügelt, so arg, daß sie von da an schwiegen und nur sorgenvoll das Wachsen seiner verschiedenen Krankheiten beobachteten: die schweren Beine, die Nieren- und Blasenschmerzen, die Harnsteine, die immer häufiger auftretenden Krämpfe, das Schwanken zwischen Bärenstärke und schlaffer Bettruhe.
Und an Katharina, seine Frau, dachte der Zar in dieser einsamen Stunde im neuen Bernsteinzimmer, an die Frau, die einmal Dienstmagd gewesen war, und jetzt, trotz aller wechselnder Mätressen, der Ruhepol seines Lebens geworden war, die Frau, die er liebte und zur Kaiserin gemacht hatte, die ihm treu war — das glaubte er unerschütterlich — und bei der er ein Mensch und nicht nur der gefürchtete Zar sein konnte.
Welch ein Leben lag hinter ihm — und welch ein Leben hielt die Zukunft noch für ihn bereit?
Ab und zu hob er den Kopf, ließ den Blick über die Bernsteinmosaike, die Sockel, Schnitzereien, Figuren, Masken, Bordüren und Gesimse gleiten: eine in der Sonne vom weißlichen Gelb bis zum Braun schimmernde, ihn umschließende, eigene Welt. Und er spürte, wie sich die Unruhe in ihm legte und dieses Zimmer seine heimliche, seelische Beichtkammer werden konnte. Hier, von tausendfältigen Strahlen umgeben, konnte er sich vor sich selbst offenbaren und ehrlich gegen sich selbst sein.
Nach gut einer Stunde riß der Zar die Tür auf und winkte den draußen wartenden Wachter hinein.
«Begreif Er eins — «sagte er sehr ernst —»das hier ist mein Zimmer. Niemand anderes darf hinein! Nur wenn ich es befehle.«
«Auch nicht die Zarin, Majestät?«fragte Wachter.
«Sie darf… aber sie wird nicht. Nur ich und Er… und ich schicke Ihn nach Sibirien zu den Wölfen, wenn ein Fremder dieses Zimmer betritt.«
Der Zar ging zum Fenster, blickte hinaus über die Newa und die Kanäle und Inseln, über die herrliche Stadt, die sein Werk war, herausgestampft aus einem sumpfigen, modrigen Boden, und sagte mit leiser Stimme:
«Umgeben bin ich von Arschleckern, Heuchlern, Intriganten, Verrätern, Dieben, Mördern, Postenjägern und Ehrgeizlingen. Fürchterlich ist es…«
«Jagt sie alle weg, Majestät.«
«Und dann? Die dann Kommenden sind nicht besser. Eine Hydra ist's… einen Kopf schlägt man ab und zwei neue wachsen nach! Habe ich Freunde? Ist Menschikow mein Freund? Schafirow? Dolgorukij? Trubezkoj? Romodanowskij? Ich weiß es nicht. Jeder würde mich verraten, wenn es ihnen nützt. Fjodor Fjodorowitsch, Er wird mich nie verraten.«
«Nie, Majestät. «Wachter trat neben den Zaren ans Fenster.»Schlagt mir den Kopf ab beim geringsten Verdacht.«
«Ein guter Mensch ist Er. Er und Seine Familie. Sein Sohn ist, wie ich gern einen Sohn gehabt hätte. Aber das Schicksal hat mir einen Schwächling, Säufer und Verräter beschert. Wachterowskij, sei Er mein heimlicher Freund. Ich weiß, Er begehrt nichts von mir, kein Amt, kein Fürstentum, keinen Palast, keine Armee, keine Weiber… er ist nur da für das Bernsteinzimmer. Und ich will, daß Er auch da ist für mich. Bei Ihm will ich mich aussprechen und sagen, was keine anderen Ohren hören sollen. Hier in diesem Zimmer. Er soll der Trog sein, in den ich mein Herz ausschütte. Aber wehe, wehe Ihm, wenn ein einziges Wort davon bekannt wird. Auch bei seinem Weibe nicht.«
«Ich schlucke Ihre Sorgen in meine Seele, Majestät. Mit mir sterben sie.«
Der Zar nickte, legte den Arm um Wachter, küßte ihn auf beide Wangen und verließ dann das Bernsteinzimmer. Draußen im Flur hörte man ihn wieder mit den Höflingen brüllen. Zwei Zaren gab es jetzt in Petersburg: Peter den Großen, den mächtigsten Herrscher Europas, und Peter Alexejewitsch Romanow, der immer morscher werdende Riese, der in seinem Bernsteinzimmer allein Gericht über sich selbst hielt. Welch ein Zwiespalt, von dem die Welt nie etwas erfahren würde!
Das Jahr ging vorüber, Adele war wieder schwanger, Julius, unterrichtet von dem deutschen Lehrer Georg Thorfeld aus Hannover, las mit glühenden Wangen medizinische Bücher und begleitete Dr. van Rhijn oft zu den Kranken.
Ein ruhiges, schönes Leben wäre es gewesen, wenn nicht am 21. Januar 1718 der nach Österreich geflüchtete Zarewitsch Alexej nach Rußland zurückgekehrt wäre. Eine List Peters hatte ihn aus der Sicherheit weggelockt… der Zar versprach ihm Gnade und Güte, wenn er ab jetzt ein guter Kronprinz sei, und er sicherte ihm sogar zu, daß er seine Mätresse Afrosinja heiraten könne. Die Anhänger des Zarewitsch, die Grafen Tolstoj, Rumjanzew und Wesselowskij warnten ihn, aber allein die Aussicht, seine über alles Geliebte als Zariza zu sehen, zerstreute bei Alexej alle Bedenken. Er ließ Afrosinja in Venedig zurück und freute sich auf die Umarmung mit seinem ihm vergebenden Vater.
Die Wahrheit erfuhr er sofort, nachdem er die russische Grenze überschritten hatte. Kosaken kreisten die Kolonne ein und brachten alle nach Twer bei Moskau, wo sie erfuhren, daß der Zar sie in Moskau sprechen wolle.
Vor seiner Fahrt nach Moskau saß der Zar wieder eine Stunde allein im Bernsteinzimmer und sprach mit sich selbst. Dann holte er Wachter herein, umarmte ihn und sagte mit dumpfer Stimme:»Ein schwerer Gang steht mir bevor. Die Welt wird mich ein Ungeheuer nennen, aber Rußland und sein Weiterleben zwingen mich dazu. Ich allein bin verantwortlich für mein Volk!«