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Am 3. Februar 1718 fand im großen Audienzsaal des Kreml von Moskau in Gegenwart der höchsten Würdenträger des Reiches der erste Prozeß gegen den Zarewitsch und seine Freunde statt. In einem kurzen Vorgespräch sicherte der Zar seinem Sohn große Gnade zu, wenn er die Verräter und Mitverschworenen beim Namen nenne. Sonst — und das war klar gesagt — gab es Folter bis zum Tod.

Alexej, der Schwächling, der Säufer, Spieler, Hurer und Verräter, brach zusammen, warf sich, unter Tränen, dem Zaren zu Füßen und nannte Namen… viele Namen, große Namen, von Peters Halbschwester, der Zarewna Maria Alexejewna bis zu

Fürst Wassilij Dolgorukij, von Fürst Juri Trubetzkoj bis zum Fürsten von Sibirien, selbst seine eigene Mutter, die frühere Zarin Jewdokija, verschonte er nicht.

Eine Untersuchung jagte die andere, die Verhafteten füllten die Verliese, gestanden unter grausamen Foltern ihre Kontakte zu Alexej, was dem Zaren genügte, und am 22. März sprach man die Urteile.

Der Zar selbst war dabei, als am 26. März 1718 auf dem Roten Platz vor der Kremlmauer die Hinrichtungen stattfanden. 300 000 Zuschauer waren gekommen, um diesem grausigen Schauspiel beizuwohnen… dem Enthaupten und Aufhängen, dem Rädern und Pfählen, dem Zu-Tode-Peitschen und dem Tod durch glühende Eisen. Ein Ab schlachten war's, vor dem die übrige Welt erschauderte.

Gleich nach den Hinrichtungen fuhr Peter I. nach Petersburg zurück. Alexej, den Zarewitsch, nahm er mit. Er saß neben seinem Vater im Schlitten, unterwürfig, dankbar, nicht so bestraft zu werden wie seine Freunde und seine eigene Mutter, die der Zar auspeitschen und in ein fernes Kloster bringen ließ.

«Es ist geschehen!«sagte der Zar, als er zwei Tage nach seinem Strafgericht in Moskau wieder im Bernsteinzimmer saß und umgeben von dem Sonnenstein seine innere Ruhe wiederzufinden suchte.»Fjodor Fjodorowitsch, nur der Anfang war's. Erinnert Er sich noch an meine Worte? Habe ich Freunde? Mein eigener Sohn gehört an den Galgen. Aber kann ich das? Steck ich ihn in ein einsames Kloster… neue Verräter und der Pöbel werden ihn befreien. Nie kommt mein Land zur Ruhe. Gott, was soll ich tun?!«

Am 15. April 1718 traf die Geliebte des Zarewitsch, die angebetete Hure Afrosinja, in Petersburg ein. Voll Ungeduld wartete Alexej darauf, sie in die Arme nehmen zu können, aber anstatt sie zu ihm zu bringen, schloß man sie sofort in eine Zelle der Peter-und-Pauls-Festung ein. Ihr Gepäck wurde durchsucht, und man fand, eingenäht in einen Kleidersack, zwei Briefe, die Alexej von Neapel aus geschrieben hatte: an den russischen Senat und an die Erzbischöfe der russischorthodoxen Kirche. Briefe, die eindeutig bewiesen, daß der Zarewitsch nur auf den.Sturz seines Vaters wartete, um sich als neuer Zar krönen zu lassen.

Mit versteinertem Gesicht las Peter diese Schriftstücke. Von neuem zog er sich allein ins Bernsteinzimmer zurück, las immer wieder die Zeilen seines Sohnes und drückte dann die Stirn hilflos gegen eine der Wandtafeln, als könne ihn der Bernstein aus seinem Millionen Jahre alten Leben einen Rat geben.

Am 14. Juni 1718 eröffnete der Zar im großen Senatssaal mit einem Gottesdienst die Gerichtsverhandlung gegen seinen Sohn. 127 Würdenträger bildeten das weltliche Gericht; drei Metropoliten, fünf Bischöfe, vier Archimandriten und eine große Zahl anderer hoher Kirchenherren stellten das geistliche Gericht dar. Der Zar selbst führte die Anklage und verhörte den Zarewitsch.

«Behandelt Alexej wie jeden meiner Untertanen!«rief der Zar in den Saal.»Behandelt ihn in der erforderlichen Form und mit der notwendigen Strenge.«

Alle im Saal erstarrten, jeder wußte, was diese Aufforderung bedeutete: Die Folter! Die Folter für den Zarewitsch!

Am 19. Juni war die erste Befragung. In einer Kalesche, begleitet von seinem Günstling Fürst Menschikow, fuhr der Zar hinüber zur Peter-und-Pauls-Festung und stieg hinab in die eigens für den Zarewitsch eingerichtete Folterkammer. An die Wand stellte er sich, gab selbst den Wink, und dann führten die Knechte den Zarewitsch herein, mit entblößtem Oberkörper, ein langaufgeschossenes bleiches Kerlchen, das beim Anblick der Foltergeräte und seines Vaters zu weinen begann. Sofort ergriffen ihn vier geübte Henker, hoben ihn hoch, schnallten ihn an den Wippgalgen, seine Füße berührten nicht mehr den Boden, an ausgerenkten und verdrehten Armen hing er frei in der Luft. Und dann trat der Henkersknecht heran, in der Hand die Peitsche aus nicht gegerbter, sondern in Milch gekochter Kuhhaut, so hart und ins Fleisch schneidend wie Stahl, sah den Zaren an, und der Zar nickte.

Schon beim ersten Schlag, der die Rückenhaut tief aufriß, schrie Alexej fürchterlich. Beim zweiten Schlag bäumte sich der Körper auf, verkrümmte sich, beim dritten Schlag hingen die ersten Fleischfetzen vom Rücken.

Ein Wink… die Befragung begann. Alexej, unfähig zu sprechen, schüttelte auf alle Fragen den Kopf. Hatte der Kaiser von Österreich ihm Truppen angeboten? Sollten die Trappen in Mecklenburg rebellieren? Wollte er an deren Spitze nach Petersburg marschieren und den Zaren stürzen? Wieviel Geld hatte er von Österreich bekommen?

Der Zarewitsch schwieg.

Fünfundzwanzig Knutenschläge prasselten auf ihn nieder, zerfetzten seinen Rücken bis auf die Knochen, das Blut lief in Strömen an ihm herunter, und immer hatte der Zar bei einem fragenden Blick des Henkers dumpf gesagt:»Weitermachen!«Alexej gestand alles, brüllte seine Schuld heraus, schluchzte in den Schlagpausen, bettelte um Gnade, und schrie gellend wieder auf, wenn ein neuer Knutenschlag ihn traf.

Nach dem fünfundzwanzigsten Schlag trat der Arzt an den Zaren heran und empfahl, die Befragung zu unterbrechen. Dort hing kein denkender Mensch mehr.

«Er sagt nicht alles! Er lügt noch immer!«sagte Peter ernst.»Henker, mach Er weiter…«

Noch einmal klatschten fünfzehn Schläge mit der in Milch gekochten Kuhhaut auf den zerfetzten Rücken des Zarewitsch. Die tiefen Wunden bildeten schon eine zusammenhängende Masse heruntergerissenen Fleisches, und jetzt, beim vierzigsten Schlag, brüllte Alexej heraus, was Peter erwartet hatte:

«Ja! Ja! Ja! Ich wünschte mir den Tod meines Vaters!«

Der Zar stieß sich von der Mauer ab und verließ den Folterraum. Der Zarewitsch wurde vom Wippgalgen losgebunden, brach auf dem Boden zusammen und wurde hinausgetragen. Der Arzt folgte ihm, um die Wunden zu versorgen. Er ahnte, daß dies nicht die letzte Befragung gewesen war.

In der Nacht zum 20. Juni sah Wachter von seinem Schlafzimmerfenster aus Licht im Bernsteinzimmer. Sofort zog er sich an und rannte hinüber zum Winterpalais, wo ihn die Wachen ohne Fragen einließen. Jeder kannte ihn jetzt und seine

Vollmachten.

Der Zar saß wieder in seinem Sessel, hatte die Hände gefaltet und starrte, weit zurückgelehnt, auf die aus Bernstein geschnitzte Maske des sterbenden Kriegers, die Schlüter entworfen haben soll. Ein Gesicht, verzerrt im Schmerz und mit aufgerissenem Mund. Die letzte Sekunde vor der Ewigkeit.»Was will Er?«knurrte der Zar.»Hinaus mit Ihm!«

«Ich habe Licht gesehen, Majestät. Meine Pflicht ist es…«»Pflicht! Fjodor Fjodorowitsch, es gibt Pflichten, vor denen man sterben möchte. «Der Zar schloß die Augen, drehte den Kopf zu Wachter und öffnete sie dann wieder. Sein Blick war elend und voll Qual.»Was täte Er, wenn Sein Sohn wünschte, der Vater wäre tot?«

«Ich weiß es nicht, Majestät. Traurig würde ich sein.«»Aber der Wunsch bleibt! Und es werden Mördergesellen gesucht, und Verzeihung wird mit Mord gedankt. Mein Freund, der Zar hat keine andere Wahl… er muß richten. Richten nach dem Gesetz und vor Gott. Raus! Laß Er mich allein! Ich kann jetzt keinen Menschen sehen… auch Ihn nicht.«

Leise verließ Wachter das Bernsteinzimmer, setzte sich auf einen Hocker in eine Ecke des Flures und wartete. Er wußte um die Qual des Zaren… auf den Prozeß gegen den Zarewitsch starrte alle Welt.

Fast eine Stunde saß Wachter auf einem Hocker vor der Tür des Bernsteinzimmers, wie ein Hund, der seinen Herrn bewacht. Als Peter I. endlich aus dem Kabinett kam, blieb er vor Wachter stehen. Gerötete Augen hatte der Zar, als habe er lange geweint, und um seinen Mund lag ein Zug größter Resignation.