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«Er ist ja noch immer hier!«sagte er mit rauher Stimme. Auch sie hatte gelitten, war fast tonlos vor Trauer und Bedrückung.»Solange jemand im Bernsteinzimmer ist, bin auch ich vorhanden, Majestät.«

«Und wenn ich Ihm befehle: Geh Er weg!?«

«Dann muß ich Majestät an meinen Schwur in Ihre Hand erinnern: Laß Er das Bernsteinzimmer nie allein…«»Ein merkwürdiger Mann ist Er, Fjodor Fjodorowitsch. Hat keine Angst vor dem Zaren! Als einziger von der ganzen Brut, die mich umgibt. Nur winselnde Hunde sehe ich, Tag um Tag, nur schleimige Kümmerlinge! Väterchen, sagen sie zu mir… und denken dabei: Wann stirbt er endlich?! Warum überlebt er alle seine Krankheiten? Warum steht er immer wieder auf von seinem Bett, stärker als vorher? Auch der Zarewitsch denkt so, Wachterowskij! Den Tod seines Vaters wünscht er. Dem österreichischen Kaiser hätte er Geld bezahlt, wenn dieser ihm eine Armee gegeben hätte, mich zu vernichten! Mein eigener Sohn ist ein Lump, ein Verräter, ein Mörder im Geiste, ein Zerstörer Rußlands. Mein Sohn, der Säufer und Hurer, der Knecht seiner mongolischen Dirne Afrosinja, der von Kriechern umschwänzelte Schwächling… er wollte Zar von Rußland werden! Was wäre aus meinem schönen, reichen, fleißigen Land geworden? Fjodor Fjodorowitsch, wie würde Er über einen solchen Sohn urteilen?«

«Mit Gnade, Majestät. Als Mönch in einem einsamen Kloster würde ich ihn büßen lassen. Ihn in die Vergessenheit versenken.«

«Er denkt wie die Zarin. «Peter lehnte sich an die Wand und starrte blicklos in die weite Ferne.»Gnade! Kennt man Gnade mir gegenüber? Ich weiß noch nicht, was ich tue. Geh Er zu seiner Frau, Wachterowskij. Ich tu das gleiche. Und denke Er nicht, sein Zar sei ein Teufel…«

Am 24. Juni 1718, an einem warmen Abend, trat das Gericht der 127 Würdenträger des ganzen Reiches zum letzten Mal zusammen, hörte sich die Geständnisse des Zarewitsch an und las die Zeilen, die Alexej unter größten Qualen, ein Wrack nach den Knutenschlägen, selbst geschrieben hatte, und die endeten mit den Worten:»… Ich hätte an nichts gespart, um meinen Willen durchzusetzen.. «Das hieß: den Tod des Zaren.

Nach kurzer Beratung, während der Zar die Richter mit bösem Blick anstarrte, fällten sie das Urteil, das man von ihnen erwartete, einstimmig, ohne den geringsten Versuch, einen mildernden Umstand zu suchen im Wesen und in den

Ausschweifungen des Zarewitsch. Nicht einer wagte es, sich dem stillen Wunsch des Zaren zu widersetzen. Das Urteil lautete:

24. Juni 1718. Wir, die Unterzeichneten, Minister, Senatoren, Funktionäre, Offiziere und Zivilpersonen, versammelt im Saal des Senats von St. Petersburg, haben nach reiflicherÜberlegung und inspiriert durch unseren christlichen Glauben kraft der heiligen Gebote des Alten und Neuen Testaments, der heiligen Briefe der Evangelisten und der Apostel, derRegeln und Satzungen derKirchenväterund Lehrer, des Rechts der römischen und griechischen Kaiser und jenes der anderen christlichen Herrscher wie auch kraft des russischen Rechts einstimmig und ohne Widerrede entschieden, daß der Zarewitsch Alexej für seine Schuld und seinen Aufruhrgegen seinen Herrscher und Vater ebensosehr als Sohn wie als Untertan Seiner Majestät den Tod verdient…«

Mit betrübtem Herzen und Tränen in den Augen — wie es später hieß — habe man den Zarewitsch zum Tode verurteilen müssen wegen einer Verschwörung, wie es sie ihresgleichen kaum jemals auf der Welt gegeben hat, in Verbindung mit dem Plan zu einem abscheulichen doppelten Vatermord — gegen den Vater seines Landes und seinen leiblichen Vater.

Bei der Verkündung des Urteils fiel der Zarewitsch ohnmächtig um und mußte weggetragen werden.

Der Zar ließ sich fast zwei Tage Zeit, das Urteil zu unterschreiben. Er schloß sich wieder in das Bernsteinzimmer ein, wanderte von Wand zu Wand, drückte die heiße Stirn gegen den kühlen Sonnenstein, betete und schlug sich selbst mit geballten Fäusten an die breite Brust. Tod durch den Henker oder Begnadigung zu einem Mönchsleben in Sibirien, das lebenslängliches Begrabensein bedeutete? Was bin ich zuerst: Zar von Rußland oder Vater eines mißratenen Sohnes? Was ist meine Pflicht gegenüber dem Vaterland, Gott und der übrigen Welt? Wer hilft mir? Mir, dem allmächtigen Zaren, der jetzt allein ist, ganz allein — und weint?

In der Nacht zum 26. Juni stand Wachter wieder vor dem Bernsteinzimmer auf dem Flur und wartete auf den Zaren. Wieder hatte er Licht gesehen, war voll dunkler Ahnungen in das Palais gelaufen und hatte an der Tür des Zimmers gerüttelt. Von innen kam keine Antwort, kein Wort, kein Zuruf, nur die stampfenden, dröhnenden Schritte hörte man, wenn der Zar ruhelos hin und her lief, und eine Art dumpfes Trommeln hörte man auch, das sich Wachter nicht erklären konnte. Es war, wie wenn der Zar sich selbst mit Fäusten schlug.

Um vier Uhr morgens öffnete der Zar die Tür und trat hinaus. Schrecklich sah er aus, zerstört das Gesicht, bleich, mit zuckendem Mund und starrem Blick. Die Krämpfe hatten ihn wieder geschüttelt und ihre Spuren tief in ihm hinterlassen.

«Da ist Er ja schon wieder!«sagte Peter mit müder Stimme.»Werd ich Ihn denn nie los?«

«Nur wenn Sie mich köpfen lassen, Majestät.«

«Vielleicht wird das einmal geschehen. «Der Zar lehnte sich wieder an die Wand des Flures.»Was will Er hier? Ich weiß, ich weiß… Er hat Licht gesehen. Aber nun weiß Er, wer hier ist, und Er kann gehen!«

«Mich treibt die Sorge, Majestät.«

«Sorge um wen? Um mich oder um den Zarewitsch?«

«Um beide, Majestät. Es ist eine Einheit.«

«Wenn Er weiterredet, ist Sein Kopf noch heute ab!«schrie der Zar.»Geh Er!«

«Sei's drum, Majestät. «Wachter holte tief Atem.»Alle kennen das Urteil gegen den Zarewitsch. Alles blickt nach Petersburg. Was tut der Zar?«

«Was er tut?«Peter I. ballte die Fäuste.»Allein ist er. Allein mit Gott! Allein mit seinem Gewissen! Allein mit seiner Pflicht! Niemand kann mir raten! Niemand wagt es, ein Wort zu mir zu sagen. Der einsamste Mensch auf dieser Erde bin ich… vor eine Entscheidung gestellt, die mir niemand abnehmen kann, wie sie noch nie einem Menschen gestellt worden ist. Das ist der Zar, Wachte-rowskij: ein Nackter im sibirischen Eissturm.«»Gibt es keinen, der Ihnen einen Pelz umhängt?«»Nein!«

«Darf ich es, Majestät?«

«Nein! Halte Er sich da raus, Fjodor Fjodorowitsch. Ein tödliches Mitleid kann das werden. Ich möchte Ihn behalten. Was um mich herumkriecht, dieses Geschmeiß, es ekelt mich! Welch ein Tag ist heute! Die Welt und ich werden ihn nie vergessen.«

Um acht Uhr morgens, am 26. Juni 1718, trafen in der Peter-und-Pauls-Festung der Zar, Fürst Menschikow, Fürst Dolgoru-kij, Admiral Apraxin, Kanzler Golowin, Vizekanzler Schafirow, General Buturlin — sie alle hatten das Urteil unterzeichnet — und einige andere Personen ein, begaben sich nach dem schnellen Verlassen ihrer Kutschen unverzüglich in die dunklen Gänge der Bastion Trubezkoj, und alle Türen wurden hinter ihnen verriegelt. Kurz darauf, so berichteten Bauarbeiter, die in der Nähe einen neuen Turm errichteten, gellten durch die vergitterten Fenster grauenvolle Schmerzensschreie, die nur von Alexej Petrowitsch kommen konnten. Aber auch sie verstummten sehr schnell, und dann lag eine bedrückende Ruhe über der T rubezkoj-Bastei.

Um elf vormittags öffneten sich wieder die Tore, der Zar mit seinem Gefolge kam heraus, stieg ohne ein Zeichen von Erregung, Trauer, Entsetzen oder Betroffenheit in seine Kutsche und fuhr davon. Er sah aus wie immer… ein unbezähmbarer Riese in einfacher Handwerkerkleidung, mit kühlem Blick und dem Gang eines Seemannes.

Zurückgekehrt ins Winterpalais aß er mit großem Appetit zu Mittag, trank hinterher Kwaß und zwei Gläser Anisbranntwein, und auch das Essen selbst war nichts Besonderes: eine Sauerkohlsuppe, kalter Braten mit Gurken und Pilzen, Kohlpiroggen und zum Abschluß der so geliebte Limburger Käse, dessen Größe er jedesmal mit einem Zirkel maß und sich notierte, weil er den Verdacht hegte, sein Küchenmeister Veiten nasche heimlich von diesem köstlichen, stinkenden Stück. An diesem Tag trank er sogar noch nach dem Kwaß und Branntwein zwei Gläser Tokajer, küßte der Zarin Katharina die Augen und ging in sein Arbeitskabinett. Den ganzen Nachmittag arbeitete er dort, gab Anordnungen für die am nächsten Tag geplanten Feierlichkeiten zum Jahrestag des glorreichen Sieges von Poltawa, bestimmte das Tedeum, das er wünschte, besprach in gütiger Laune einige politische Dinge und stieg dann hinauf ins Bernsteinzimmer. Keiner hatte ihn bisher e> was gefragt, auch Katharina nicht, die ihn bei Tisch stumm gemustert und in seinem Gesicht nach Antwort gesucht hatte. Wachter war — wie konnte es anders sein — im Bernsteinzimmer und reinigte mit einem feuchten weichen Lederlappen die Falten eines aus Bernstein geschnitzten Kopfes.