«Hinaus mit Ihm!«sagte der Zar dumpf.»Und wage Er nicht, mich zu stören! Keinen will ich sehen… auch Gott nicht…«
Mit einer tiefen Verbeugung und einem sorgenvollen Blick verließ Wachter das Zimmer.
Um sechs Uhr abends gaben der Festungskommandant und der Arzt den Tod des Zarewitsch Alexej Petrowitsch bekannt. Unerwartet, an einem Schlaganfall, sei er gestorben. Kurz nachdem sein Vater, der Zar, ihn gegen elf Uhr am Vormittag verlassen hatte, sei er in tiefe Ohnmacht gefallen und nicht mehr aus ihr aufgewacht.
Ein Zittern des Grauens lief durch Petersburg und später durch ganz Rußland, durch Europa, durch alle Herrscherhäuser. Wer glaubte an den Schlaganfall? Was war zwischen acht Uhr morgens und sechs Uhr abends in der Trubezkoj-Bastei geschehen? Die Eingeweihten schwiegen, das Entsetzen in sich verbergend. Aber bald kamen die Gerüchte auf, von denen keiner wußte, was Wahrheit oder Erfindung war:
Der österreichische Gesandte Pleyer meldete drei Tage nach dem Tod des Zarewitsch nach Wien, Alexej sei mit einem Schwert oder einer Axt hingerichtet worden, und der Zar selbst habe den tödlichen Hieb gegen seinen Sohn geführt.
Der holländische Gesandte Jakob de By sandte einen Bericht, nach dem der Henker dem Zarewitsch die Adern geöffnet habe und er verblutet sei. In Gegenwart des Zaren.
Eine Kammerfrau Katharinas, die Deutsche Anna Kramer, erzählte, man habe Alexej auf Befehl des Zaren und in seiner
Gegenwart die Kehle durchgeschnitten. Dann sei eine Frau aus Narwa, die nebenan gewartet habe, hereingeholt worden, und diese habe den abgeschnittenen Kopf kunstvoll wieder angenäht, damit man den Zarewitsch später mit Prunk im offenen Sarg aufbahren könne. Eine breite, lange Halsbinde würde jetzt den Schnitt verdecken.
Ein anderes Gerücht wurde verbreitet: Alexej sei von vier Gardeoffizieren mit Kissen erstickt worden. Einer der Offiziere mit Namen Rumjanzew beichtete es später auf seinem Totenbett — aber wer glaubte ihm?
Und es wurde weiter gerätselt. War der Zarewitsch erdrosselt worden? Hatte man ihm Gift gegeben? Hatte sein Vater ihn mit der Knute so lange geschlagen, bis er unter dieser schrecklichen Folter starb? Wie kann man die Schmerzens-schreie kurz nach Eintreffen des Zaren und seines Gefolges in der Peter-und-Pauls-Festung erklären?
Lebte Alexej Petrowitsch noch, als der Zar um elf Uhr vormittags die Trubezkoj-Bastei verließ?
Wer wagte zu fragen? Wer wollte sich Verfolgungen aussetzen? Wer wollte gehängt werden? Der Zarewitsch war tot — das war das einzige, was man sicher wußte. Alles andere blieben wilde Vermutungen, die nie bestätigt wurden.
An diesem Abend, dem 26. Juni 1718, blieb Peter I. allein in seinem Bernsteinzimmer, und Wachter stand draußen und schickte jeden weg, der den Zar sprechen wollte. Selbst Men-schikow und Vizekanzler Schafirow verwehrte er ein Klopfen und Rufen an der Tür, was Menschikow mit dem gefährlichen Hinweis beantwortete:»Merk Er sich gut: Auch Er ist sterblich, Er, Leiblakei!«
Bevor sie gingen, drückten sie Wachter eine Schriftrolle in die Hand, und Schafirow sagte:
«Übergeb Er dies dem Zaren! Er weiß, was es ist, nach seinem Willen ist es geschrieben. Er möge es unterzeichnen. Es eilt.«
Wieder saß Wachter bis gegen Morgen vor der Tür des Bernsteinzimmers auf seinem Hocker und wartete. Einmal kam Adele zu ihm, mit einem Korb voll Obst und kaltem Pfannkuchen, einem Krug mit Bier und einer Pfeife mit Tabak.
«Etwas essen mußt du«, sagte sie leise.»Und sei vorsichtig, Fritz. Hat er seinen Sohn mit eigener Hand umgebracht?«
«Ich weiß es nicht.«
«Überall in Petersburg flüstert man es. Zu Tode gepeitscht soll er ihn haben und dann auch noch geköpft!«
«So viel wird erzählt werden. Geh jetzt und laß mich mit dem Zaren allein. Einsam ist er im Herzen… nur niemand sieht es. «Der Morgen graute schon, als das Bernsteinzimmer aufgeschlossen wurde. Der Zar stieß die Tür auf, verkrümmt von Schmerzen; mit wild zuckendem Gesicht und einem verzerrten Mund, aus dem der Speichel rann, stand er dort. Ein neuer Anfall hatte ihn gepackt, und er war so schwer, daß Peter in diesen Minuten an seinen Tod glaubte. Erst der Zarewitsch, jetzt er… Gott strafte Rußland.
«Fjodor — «keuchte er, als er Wachter erkannte.»Fjodor, helf Er mir. Ich sterbe… ich sterbe… Gott hat mich verlassen… Mein armes Rußland…«
Er stützte sich auf Wachters Schulter, aber es war mehr ein Aufbäumen, ein Kampf gegen die Krankheit, und die ganze Last des Riesen lag auf Wachters Rücken. Er stemmte sich breitbeinig gegen das Gewicht, hatte das Gefühl, kleiner zu werden unter dieser Last, zusammenzuschrumpfen, die Knochen schoben sich ineinander, und mit letzter Kraft gelang es ihm, den Zaren gegen die Wand zu lehnen und sich gegen ihn zu drücken wie ein stützender Pfahl.
«Sie werden weiterleben, Majestät — «keuchte er dabei.»Warum? Warum muß ich weiterleben?«
«Majestät haben noch so viele Pläne, um aus Rußland die stärkste Macht der Welt zu machen. Das müssen Sie noch erfüllen.«
«Und wenn ich es nicht mehr kann, Fjodor Fjodorowitsch?!«»Sie können es, Majestät. Sie sind wie ein Fels… auch der Tod des Zarewitsch spaltet Sie nicht.«
Der Druck auf Wachters Schulter ließ nach, der Zar richtete sich auf, der Anfall ebbte ab. Mit schweißüberströmtem Gesicht, den Mund noch verzerrt, ein Zittern in den Händen schwankte er in das Bernsteinzimmer zurück, tastete sich an der Wand entlang, Halt suchend, und erreichte mühsam den geschnitzten Sessel. Mit einem tiefen Seufzer ließ er sich auf den Sitz fallen und streckte die Beine weit von sich.
«Was weiß Er vom Tod meines Sohnes?«fragte Peter I.»Nichts… nur daß er tot ist.«
«Und Er fragt mich nicht?«
«Ich möchte — wie Sie — weiterleben, Majestät. «Er holte aus der Rocktasche die Schriftrolle und hielt sie dem Zaren hin.»Das haben mir Fürst Menschikow und Kanzler Schafirow gegeben. Es bedarf noch Ihrer Unterschrift.«
«Menschikow. Schafirow! Sie waren hier?«
«Ja, ich habe sie weggewiesen. Ich wußte, daß Majestät allein sein wollten, ganz allein…«
«Eine gute Tat war das. Ich werde es Ihm danken.«
Der Zar rollte das Schriftstück auf und las den kunstvoll geschriebenen Text. Nicht mehr anzusehen war ihm der Anfall, die Krämpfe hatten seinen Körper verlassen. Ruhig, als sei's ein Tag wie jeder andere, mit gerunzelter Stirn und etwas geschürzten Lippen beendete er die Lektüre des Schreibens und blickte dann zu Wachter hoch.
«Er ist ein kluger Mensch, das weiß ich«, sagte der Zar.»Hör Er zu, was ich in aller Welt verbreiten lassen wilclass="underline"
>Bei der Verkündigung des Gerichtsurteils gegen Unseren Sohn schwankten Wir, sein Vater, zwischen dem naturgemäßen Erbarmen einerseits und der Sorge um die Sicherung des Friedens im Reiche andererseits. Wir konnten in dieser so schmerzlichen und schwerwiegenden Angelegenheit keine Entscheidung treffen. Aber der allmächtige Gott wollte Uns in seiner Güte aus Unseren Zweifeln befreien und Unser Haus und Unser Land vor der Gefahr und der Schande schützen. Er zerschnitt gestern, am 26. Juni, den Lebensfaden des Zarewitsch Alexej. Dieser erlag einer schweren Krankheit, die ihn bei der Verlesung des Todesurteils und der Liste seiner Verbrechen gegen Uns und den Staat befiel. Die