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Krankheit begann mit einer Art Schlaganfall. Dann kam er wieder voll zu Bewußtsein, beichtete, empfing die christlichen Sterbesakramente und bat Uns, ihn zu besuchen, was Wir auch, seine sämtlichen Übeltaten vergessend, begleitet von allen Unseren Ministern und Senatoren, taten. Er gestand aufrichtig seine Verbrechen gegen Uns, weinte viel und erhielt die Vergebung, die Wir ihm als Vater und Herrscher schuldeten. Am 26. Juni gegen sechs Uhr nachmittags starb er eines christlichen Todes.. <

Ist das gut so, Fjodor Fjodorowitsch?«

«Es ist klug aufgesetzt, Majestät… aber keiner wird es glauben.«

Der Kopf des Zaren schnellte hoch, seine Augen sprühten wieder das gefährliche Feuer.

«Warum nicht?! Es ist die Wahrheit!«

«Wenn es die Wahrheit ist, will sie niemand glauben. Sie klingt zu einfach.«

«Ich habe geschrieben: >… er zerschnitt den Lebensfade<. Ich habe geschrieben: >…eine Art von Schlaganfall. < Und ich war bei ihm bis gegen elf Uhr morgens. Was ist da Lüge?!«»Sie haben dem allmächtigen Gott alles zugeschoben. Er hat gerichtet, Sie von der Entscheidung befreit. Majestät, es klingt wie eine Flucht zu Gott.«

Der Zar starrte Wachter an, als sei er von ihm geschlagen worden. Zum ersten Mal in seinem Leben wurde so mit ihm gesprochen, niemand hatte es je gewagt, ihn der Lüge zu bezichtigen, und wer bisher etwas Schlechtes über den Zaren gesagt hatte, war ausgepeitscht, gehängt, geköpft oder gerädert worden. Der Zar hatte immer recht — was er auch tat, es war gottgewollt.

«Denkt so das Volk?«fragte er.

«Ich befürchte es, Majestät.«

«Und das sagt Er mir ins Gesicht?! Wachterowskij, hat Er keine Angst vor dem Pfählen?!«

«Ich bin ganz in der Hand Ihrer Majestät. Urteilen Sie über mich… ich habe Ihnen versprochen, immer die Wahrheit zu sagen.«

Der Zar ließ die Schriftrolle fallen und blickte auf die vom Kerzenschein erhellten Bernsteinwände. Das Zucken um seinen Mund begann wieder, aber neue Krämpfe folgten nicht. Mit leiser, stumpfer Stimme sagte er nur:

«Sag Er, wird man mich vergleichen mit Iwan IV.? Iwan, den man den Schrecklichen nennt? Er erschlug seinen Sohn, den Zarewitsch Iwan, wirklich mit seinem eisenbeschlagenen Stock. Im Jahre 1582 war's… wird man nun sagen: Im Jahre 1718 wurde der Zar zu Peter dem Schrecklichen?«

«Man wird Sie immer Peter den Großen nennen — «

«Und wenn ich wirklich meinen Sohn getötet habe?!«schrie der Zar auf.

«Sie bleiben >der Große<. Sie haben das alte Rußland in die Neuzeit geführt, und Sie werden Rußland noch mächtiger machen… wer wird da noch über Alexej Petrowitsch sprechen? Der Weg der Völker zum Licht war immer blutig. Wie starb der Zarewitsch… Majestät, das müssen Sie allein in Ihrer Seele tragen. Da sind Sie jetzt wirklich allein. Nur Gott kennt Ihre Seele.«

«Er ist ein Philosoph… ein Volks-Philosoph. Welch ein Glück, daß ich Ihn mag! Alles, was Er jetzt gesagt hat, ist hundert Tode wert. Fjodor Fjodorowitsch… ich könnte Ihn zum Grafen machen.«

«Was soll ich auf einem Gut, Majestät. «Wachter hob beide Hände, die Handflächen nach oben.»Erweisen Sie mir das Glück und die Ehre, bei dem Bernsteinzimmer bleiben zu dürfen und es zu pflegen. Was fange ich mit einem Grafen an ohne Bernsteinzimmer? Es gibt genug Bojaren, Grafen und Fürsten in Rußland, aber nur ein Bernsteinzimmer.«

«Dann gebe ich Ihm tausend Rubel… und mein Vertrauen.«»Ich danke Euer Majestät. «Wachter ließ die Hände sinken und verneigte sich.»Das ist mehr als Fürst zu sein oder Metropolit.«

«Dann also an die Arbeit!«Der Zar erhob sich, riesig, bärenstark.»Heute feiern wir den Sieg von Poltawa. Mit Kanonendonner, Glockengeläut, Tedeum, Schiffsparade, Musik und

Tanz und dem größten Feuerwerk, das die Welt gesehen hat!«»Sollen wir Trauerkleidung tragen?«

«Nein! Warum?«Der Zar sah Wachter strafend an.»Der Zarewitsch ist schuldig gestorben!«

Er ließ Wachter stehen, ging an ihm mit dröhnendem Schritt vorbei, und auf der Treppe hörte man ihn kurz danach schreien, die Lakaien beschimpfen und die Wartenden wegscheuchen.

Und die Feier fand statt, wie Peter befohlen. Man tafelte üppig in der Wandelhalle des Sommergartens, das gesamte Diplomatische Korps war anwesend, nachdenklich und wortkarg saß die Zarin am Tisch, während Peter nach allen Seiten scherzte und bester Laune war. Der Sekretär des Zaren, Menschikow, schrieb in sein Tagebuch:»Nach dem Essen ging man in den Garten Seiner Majestät hinunter, wo man sich sehr gut unterhielt.«

Am klaren, sommerlichen Nachthimmel von Petersburg zerplatzten die Raketen und Feuerräder, die Sternenregen und Lichtergarben. Feurige Kaskaden stürzten aus dem Himmel, von allen Seiten donnerte und blitzte es, das größte Feuerwerk, das Peter je gegeben hatte… und zur gleichen Zeit wurde in der Trubezkoj-Bastei die Leiche des Zarewitsch gewaschen, angekleidet und in einen mit schwarzem Samt ausgeschlagenen Sarg gelegt.

Ein Pope überwachte die Tätigkeit und betete um Vergebung, während die Raketen knallten und ganz Petersburg lachte und tanzte.

«Der Horizont hat sich erhellt!«rief der Zar und schwenkte sein Glas, und alle jubelten ihm zu. Nicht einer wagte es, ein ernstes, trauriges Gesicht zu machen.

Nur Wachter saß mit seiner Frau Adele und seinem Sohn Julius in einer Ecke der offenen Wandelhalle und sagte bedrückt:»Mich friert's, wenn ich sehe, wozu Menschen fähig sind…«Dann schloß er die Augen. Er konnte das Feuerwerk nicht mehr sehen, es genügte, wenn er es hörte.

Es war so, wie es Wachter gesagt hatte: Die kommenden Jahre sahen das Aufsteigen Rußlands zur Weltmacht, niemand sprach mehr von dem Zarewitsch Alexej. Peters Reformen, mit eiserner Hand, ja Terror durchgesetzt, veränderten das Weltbild. Katharina war offiziell zur Zarin gekrönt worden, Gymnasien und Universitäten wurden gegründet, das Heer wuchs zu einer gigantischen Macht, es gab keine europäische Politik mehr ohne Rußlands Wort. Die Schweden waren besiegt, die Türkei und die Sultanate hatten mit Peter Frieden geschlossen, und Petersburg reihte sich ein unter die schönsten Städte Europas. Aus Bären und Barbaren — wie man bisher de Russen nannte — waren Bündnispartner und soziale Vorkämpfer geworden, und wenn auch das Volk unter Steuern und Knute litt… ein anderes Leben war's als die Jahrhunderte vorher. Ein Leben in die Zukunft hinein.

Peter I., nun nicht nur wegen seiner Zwei-Meter-Größe, sondern auch als Herrscher und Staatsmann» der Große «genannt, war auf der Höhe seiner Macht ein kranker Mann geworden. Ein hohler Riese, der immer öfter das Bett hüten mußte, der zu Kuren fuhr, der sich in seinen Krämpfen wand, der unmäßig essen und saufen konnte, um dann wieder wie ein einfacher Bauer zu leben, der die Mätressen wechselte wie seine Hemden, aber nur eine Frau wirklich liebte, seine Katharina. Sie hatte ihm zwölf Kinder geboren, sechs Jungen und sechs Mädchen, von denen nur die Tochter Elisabeth noch lebte, neben Anna, der älteren Tochter, die nun mit dem Deutschen Karl Friedrich von Holstein-Gottorp verheiratet war.

Ein Zar wie aus einem Märchen, aus der Ferne betrachtet. In Rußland selbst aber träumte man von einem Zaren, der gütig und väterlich war und seinen Weg zum Erfolg nicht mit Galgen, Rädern, Pfählen und Köpfen säumte. Aber wann hatte es in Rußland jemals einen solchen Zaren gegeben? Noch jeder Herrscher über das Riesenreich war vom Volk gehaßt worden, von den Millionen Bauern und Leibeigenen, Handwerkern und Gewerblern. Mit Peter I. hatte man endlich eine Art Lichtgestalt, die jeder» Väterchen «nannte, weil er Vater eines neuen Rußland war.