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Friedrich Theodor Wachter und seine Frau Adele bekamen in diesen Jahren noch drei Kinder; zwei starben kurz nach der Geburt, das dritte, ein Mädchen, ertrank an einem warmen Sommertag 1723 in der Newa, weil niemand sich um die Hilfeschreie kümmerte und jeder am Ufer vorbeiging. Hineinspringen? In die Newa? Welch ein Gedanke! Wer in diesem Wasser schwamm, war selbst schuld an seinem Unglück. So blieb den Wachters also nur Julius, der Erstgeborene, und oft sagte der Zar zu seinem heimlichen Vertrauten:

«Fjodor Fjodorowitsch, paß Er gut auf Seinen Sohn auf! Denk Er an das Erbe. Ein kluger Junge ist's, nicht wahr? Nur Gutes hört man von ihm.«

«Ein Medicus will er werden.«

«Verboten! Er gehört zum Bernsteinzimmer!«

«Gesagt hab ich's ihm… aber er hat andere Pläne, Majestät.«»Ein Arzt!«Peter hatte abgewinkt und dabei sein Gesicht verzogen.»Weiß Er, was ich von Ärzten halte? Schwätzer alle, Lateinscheißer, Scharlatane, Besserwisser ohne Wissen, Quacksalber. Wieviel Ärzte habe ich um mich, weiß Er das? Ich weiß es nicht… aber sie wimmeln um mich herum wie die Ameisen. Deutsche Ärzte, Engländer, Franzosen, Russen, Holländer, Österreicher, sogar ein Perser ist dabei! Aber helfen sie mir? Lindern sie meine Schmerzen? Von Heilung spreche ich schon gar nicht! Nur Geld kosten sie mich, Tausende von Rubel, und dafür stehen sie um mein Bett herum, glotzen mich an, und jeder hat eine andere Meinung von meiner Krankheit! Jeder braut sein eigenes Säftchen. In Wirklichkeit wissen sie gar nichts. Wachterowskij, Sein Sohn wird kein Medicus!«

Nun, im Jahre 1725, nach einem Weihnachtsfest voller Freude, an dem der Zar zusammen mit seinen Freunden die Tradition der Weihnachtssinger fortführte, ein Umzug von Haus zu Haus der vornehmen Petersburger Gesellschaft, wo Peter I. mit dem Hut in der Hand die Rubel einsammelte, die man ihm natürlich reichlich gab, war Julius Wachter neunzehn Jahre alt. Er hatte sich in die Tochter des Kammerherrn Kondratin M-chajlowitsch Kurakin, die schöne Sofja Kondratinowna, verliebt, studierte heimlich bei dem Leibarzt des Zaren, dem

Deutschen Dr. Blumentrost, Anatomie, die Kunst des Schneidens und das Erkennen von Krankheiten, das man Diagnose nennt, und wurde gleichzeitig von seinem Vater in die Pflege des Bernsteinzimmers eingewiesen.

«Warum, Vater — «sagte Julius eines Tages,»- kann ein Arzt nicht auch ein Zimmer bewachen? Dazu bleibt Zeit genug.«»Warum kann ein Zimmerwächter kein Arzt sein?«antwortete Wachter.»Weil man nur einem richtig dienen kann… der Medizin oder dem Bernstein! Beides zusammen heißt, in jedem nur die Hälfte zu tun. Und die Hälfte, mein Sohn, ist für das Bernsteinzimmer zu wenig…«

Das Neujahrsfest endete mit einem der prächtigen Feuerwerke, die der Zar so liebte. Am Dreikönigstag stand er zur Wasserweihe auf der zugefrorenen Newa… aber es war nicht mehr der Zar, der Silberteller aufrollen konnte oder in der Schmiede den Hammer schwang oder auf seinem kleinen schnellen Boot hinaus in die Ostsee fuhr und gegen den Sturm anschrie, wenn dieser über sein Schiff herfiel. Ein kranker Mann stand da, der nichts von Krankheit wissen wollte, der sich gegen alles stemmte, was ihn angriff, der jetzt, vielleicht von Ahnungen geplagt, Fest um Fest feierte, fast jeden Tag eins, der eimerweise Wodka, Whisky und Branntwein soff, und der unmäßig das Fleisch von Bären, Hirschen, Bullen und Hasen in sich hineinschlang. Bei der von ihm erfundenen» Saufsynode«, einem alkoholischen Gegenstück zu Friedrich Wilhelms preußischem Tabakkollegium, ließ er als Abschluß einer geheimen» Sauf-Papst«-Wahl sogar gebratene Wölfe, Füchse, Katzen und Ratten auffahren, die jeder in der Runde essen mußte… der Zar als Voresser!

Ein Rausch war's, der die Wahrheit überdeckte. Sie wurde offenbar, als sich Peter I. am 16. Januar ins Bett legte, das er nicht mehr verlassen sollte.

Seine Krankheit hatte Dr. Blumentrost schon lange erkannt, ohne viel Hilfe leisten zu können. Da war zunächst die Infektion der Harnwege, die zum ersten Mal richtig zum Ausbruch gekommen war beim persischen Feldzug im Sommer 1722, der eine mörderische Hitze mit sich brachte. Vier Ärzte erklär-ten die Krankheit mit Harnsteinen und Harnzwang als eine Entzündung der Harnröhre und als Folge der mehrfachen Trippererkrankungen, die sich der Zar bei seinen wilden Lustspielen mit den Mätressen, vom Bauernmädchen bis zur Hofdame, geholt hatte. Im Sommer 1724 warfen die Schmerzen in der Blase den Zaren buchstäblich um. Er schrie, Krämpfe schüttelten ihn, kaum noch denken konnte er, die Welt um ihn herum war ein einziges Leiden.

Dr. Blumentrost, niedergedrückt von seiner Verantwortung als Leibarzt, hilflos wie auch sein Kollege Benjamin van Rhijn, rief den englischen Chirurgen Dr. Horn nach Petersburg, der den Zaren gründlich untersuchte.

«Wir kommen nicht daran vorbei«, sagte Dr. Horn und sah den Zaren dabei voll Anteilnahme an.»Wir müssen einen Katheter einführen, um der Blase einen Durchgang zu schaffen. Der Abfluß des Harns ist im Moment das Wichtigste.«

Die Operation war eine fürchterliche Qual. Dr. Horn gelang es nicht, einen Katheter bis zur Blase durchzuschieben, mehrmals versuchte er es, mit dem mageren Ergebnis, daß nur etwas Blut und Eiter herausflossen. Erst bei einem neuerlichen Versuch konnte er die Mündung der Blase in den Harnleiter so weit ausdehnen, daß er ein Glas voll Urin abzog. Ein lächerliches Glas voll…

Der Zar hatte eine Betäubung abgelehnt, er hielt sich statt dessen mit jeder Hand an den Armen von Dr. van Rhijn und Dr. Dupont fest, aber so sehr er sich zwang, die Schmerzen zu ertragen, sie überschritten die Grenze jeder Selbstbeherrschung, er schrie ab und zu laut auf und umklammerte die Arme der Ärzte. Als schließlich ein großer Blasenstein abging, fiel Dr. van Rhijn fast in Ohnmacht… die Hand des Zaren schien seinen Arm zerquetscht zu haben. Sein Griff war wie eine Stahlzwinge.

Jetzt nun, am 16. Januar 1725, lag Peter I. keuchend vor Schmerzen in seinem Bett, wälzte sich hin und her und biß sich in die geballten Fäuste. Er fror, zitterte am ganzen Körper vor Kälte, und obwohl man ihn mit Wolfsfellen und Bärenhäuten zudeckte, hielt das Frieren an. Er fluchte, verwünschte die

Ärzte und die Höflinge und sogar seine geliebte Katherinusch-ka, seine» kleine Herzensfreundin«, wie er sie zärtlich nannte — aber es gab keine Wärme mehr für ihn. Selbst der geflüsterte Vorschlag, man möge ihm eine junge heiße Orientalin als Wärmespenderin ins Bett legen, wurde von den Ärzten als völlig sinnlos verworfen.

Zum ersten Mal gab Dr. Blumentrost zu, die Krankheit nicht bekämpfen zu können. Die alte Infektion war wieder aufgeflammt, dazu kamen Harngrieß, eine beginnende Urämie, Störungen des Kreislaufes, vor allem aber war die Entzündung der Blase so schwer, daß Dr. Blumentrost einen Wundbrand voraussah.

Kuriere jagten auf den besten Pferden von Station zu Station nach Berlin, zu Dr. Stahl, und nach Leiden in Holland, zu Dr. Boerhaave, mit einem Schreiben, in dem Dr. Blumentrost in heller Verzweiflung um Hilfe oder auch nur einen Rat bat.

Zu spät, alles zu spät. Noch einmal kam die große Qual über den Zaren, als am 23. Januar der englische Chirurg Dr. Horn unter Beratung des italienischen Arztes Dr. Lazarotti einen Blaseneinstich vornahm und die Blase entleeren konnte. Ein Zeuge dieser Operation, der französische Gesandte Campre-don, der einige Pariser Ärzte empfehlen wollte, schrieb in sein Tagebuch:»Man entnahm ihm vier Liter Urin. Er stank entsetzlich und war vermischt mit Gewebeteilen.«

Das Ende?

Nein. Erleichtert von dem Harndruck, aß der Zar einige Löffel Hafergrütze, schlief eine Stunde, wachte dann erfrischt auf und sprach ein paar Worte mit dem Herzog von Holstein.»Sobald ich gesund bin, fahren wir gemeinsam nach Riga«, sagte er mit verhaltener Stimme. Und zu Katharina, die neben seinem Bett saß, Tag und Nacht, in einem Sessel schlief und Peters Stirn trocknete, sein Gesicht wusch, ihn festhielt, wenn wieder ein Krampf seinen Körper durchschüttelte, die weinte und schluchzte, wenn ihn die Schmerzen hochwarfen, und die mehrmals in Ohnmacht fiel, als die Operationen an dem Zaren vorgenommen wurden, sagte er: