Выбрать главу

In der Nacht zum 28. Januar begann der Atem des Zaren schwerer und röchelnd zu werden. Speichel floß aus seinem Mund, unter der grünen Nachthaube war sein Gesicht zu einer schrecklichen Grimasse verzerrt. Der ganze Körper zuckte, aber er wehrte sich, der Zar, der Riese, der Bär. Sein Wille bäumte sich auf, er kämpfte und kämpfte gegen den unbesiegbaren Feind, der Beichtvater Feofan Prokopowitsch schlug das Kreuz und sagte:»Ich hoffe, Gott wird dir alle Sünden vergeben, wegen des Guten, das du für dein Volk zu tun bemüht warst…«Und Katharina betete und weinte, während Menschikow, Buturlin und Apraxin die neue Thronerklärung für Katharina L, die Zarin, ausarbeiteten.

Am 28. Januar 1725 bäumte sich Peter I. auf, seufzte tief und fiel dann in die Kissen zurück. Sein verzerrtes Gesicht entspannte sich.

Der Zar war tot… in der sechsten Morgenstunde.

Katharina fiel vor dem Bett auf die Knie, hob die betenden Hände hoch empor und rief so laut, daß es der Himmel hören mußte:

«O Herr, ich bitte dich, öffne dein Paradies, um diese große Seele bei dir aufzunehmen!«

Nicht nur ein Zar, ein Zeitalter war gestorben.

Menschikow verließ das Zimmer, um den Tod des Unsterblichen den Wartenden zu verkünden.

Er ging an Wachter vorbei, der draußen vor der Tür stand, wo er seit drei Tagen gestanden hatte, wartend, daß der Zar noch einmal die Kraft erhielt, ihn zu rufen. Auf einem Samtkissen lag der kleine Engelskopf aus Bernstein. Er hielt das Kissen in den Händen, als läge die Krone Rußlands darauf.

Der Zar ist tot. Es lebe die Zarin Katharina I.!

Mein Gott, was wird nach mir aus Rußland werden.

Königsberg 1945

Der 10. Januar 1945 war ein trüber, von Nebelschwaden verhangener Wintertag. Der Schneefall hatte aufgehört, der scharfe, eisige Ostwind war zur Ruhe gekommen und hatte Ostpreußen, Königsberg und das Frische Haff in eine eisstarrende bizarre Landschaft verwandelt. Auf den Landstraßen nach Westen, nach Elbing, Allenstein, Ortelsburg und Danzig zogen die ersten Trecks von Flüchtlingen zwischen von der Front kommenden und zur Front fahrenden Militärkolonnen in eine unbekannte Zukunft. Nur weg von hier, wohin, das war gleichgültig, nur weg in Sicherheit, ins Überleben, weg von der Vernichtung. Auf Leiterwagen und Handkarren hatte man verladen, was ihnen das Wichtigste war: Bettzeug und Decken, Töpfe und Geschirr, Stühle und Tische, die Standuhr des Großvaters oder ein Teppich, Säcke mit Kohl und Kartoffeln, Holzscheite und Briketts, den alten Herd und Wäsche, Kleidung, Schuhe, das Nötigste, was man zum Leben braucht oder woran das Herz besonders hing. Und zwischen Kisten und Säcken, Möbeln und Kleinkram hockten die Menschen, eingemummt in Decken, Schals um den Kopf gegen die Kälte, hohläugig, hungernd und doch voll Hoffnung, den sicheren Westen Deutschlands zu erreichen. Frauen und Kinder, Greise und Säuglinge. Wer kein Fuhrwerk besaß und kein Pferd mehr, ging zu Fuß, schlang sich um den Körper die Seile, mit denen man die Karren zog, selbst in Kinderwagen schoben sie ihre letzte Habe durch das verschneite Land. Tausende, eine endlose, dunkle Menschenschlange, die sich über die verstopften Straßen quälte, die Angst im Nacken.

An Ostpreußens Grenze stand der Russe. Noch wartend auf den großen Tag, an dem die Winteroffensive die deutschen Fronten aufrollen sollte. Von allen Seiten drangen die Armeen der Amerikaner, Engländer, Franzosen und Russen nach Deutschland vor. Aus Großdeutschland war ein Großkessel geworden, ein Sack, der von Tag zu Tag enger zusammengeschnürt wurde. Der totale Krieg war von Goebbels proklamiert worden. Alle Männer ab fünfzig Jahren, die nicht in kriegswichtigen Betrieben arbeiteten, wurden zum Volkssturm eingezogen, zu einer armseligen Truppe, die einen Wall aus Leibern gegen den Ansturm der feindlichen Divisionen bilden sollte, miserabel bewaffnet, angefeuert mit Parolen, aus denen jeder Denkende heraushören konnte: Das Ende kommt, das Reich muß verteidigt werden. Der Krieg fällt in Deutschland ein. Die meisten Städte lagen nach unfaßbaren Luftangriffen und Bombardements in Trümmern, in Kellern und Ruinen hauste man, in zerfallenen Häusern oder Bunkern. Und doch… für die Flüchtenden aus Ostpreußen war dieser zerbombte Westen die letzte Rettung, eine letzte Möglichkeit, sich zu verkriechen und zu überleben.

Im Führerhauptquartier stand Hitler wie jeden Tag bei der Besprechung zur Lage an der großen Karte auf dem langen Tisch, beugte sich über sie und betrachtete die neu eingezeichneten Linien des Frontverlaufes. Generalfeld marschall Keitel, Generaloberst Jodl und Generaloberst Heinz Guderian berichteten von den Fronten. Hitler, seit dem Attentat des Grafen von Stauffenberg am 20. Juli 1944 zusammengefallen, körperlich ein Wrack, immer öfter von einem Nervenschütteln befallen, von Tag zu Tag immer weniger ansprechbar, ein Mann am Rande der Selbstauflösung, je näher die Front von allen Seiten nach Deutschland vorrückte, hörte wortlos dem Bericht zur Lage zu, den Guderian ihm vortrug.

Es sah trostlos aus. Die Ardennenoffensive des Generalfeldmarschalls von Rundstedt war zum Stehen gekommen, in Ungarn stießen die Russen vorwärts, in Mittelitalien drangen die Briten vor; seit dem 10. Oktober 1944, nach der Eroberung von Riga durch die sowjetischen Armeen, war die gesamte Heeresgruppe Nord eingekesselt; an Ostpreußens Grenze standen im Halbkreis drei russische Fronten bereit zum Av griff; die Bombergeschwader der Engländer und Amerikaner flogen fast völlig unbehindert ins Reich und zerstörten systematisch Städte, Brücken, Eisenbahnlinien und Fabriken. Die Zahl der Bombentoten ging in die Hunderttausende.

Hitler schwieg. Woran dachte er jetzt? An die Flüchtlinge im Schneesturm, an die Ohnmacht, die Armeen der Alliierten aufhalten zu können, an das jetzt sinnlose Opfer von Hunderttausenden Soldaten? War er nicht selbst geflohen? Sein geliebtes Führer-Hauptquartier» Wolfsschanze «bei Rastenburg in Ostpreußen hatte er verlassen müssen, nachdem es unmittelbar von der Roten Armee bedroht war. Jetzt hatte er sein Hauptquartier in Ziegenberg bei Frankfurt aufgeschlagen, hörte das Heulen der Sirenen, wenn die alliierten Bombergeschwader Deutschland zerhackten und die Städte in Flammen untergingen. Woran dachte er?

Guderian erfuhr es sehr schnell.

Nach Abschluß der Besprechung zur Lage holte Guderian eine Liste aus seiner Aktenmappe und sah Hitler sehr ernst an.

«Mein Führer«, sagte er mit fester Stimme.»Um die zukünftige Lage zu verstehen, ist es notwendig, die neuesten Zahlen der Kräfteverhältnisse zu vergleichen. Ich habe hier den neuesten Stand…«

«Mich interessieren Zahlen nicht!«Hitler warf einen kurzen Blick auf Guderian.»Was soll ich mit Zahlen?«

«Mein Führer, wir müssen entscheiden, an welcher Front wir unsere Reserven einsetzen sollen. Die Ardennenoffensive hat uns viel Menschen und Material gekostet, die Munition wird knapp, aus Treibstoffmangel liegen viele Panzer still, der Nachschub kann nicht mehr nach vorn wegen der Luftangriffe. Wir sollten genau überlegen — «

«Wir?!«unterbrach ihn Hitler. Seine Stimme war lauter geworden, schriller, hysterischer.»Wir? Wer ist wir?! Sie, Guderian?!«

Guderian blieb ruhig.»Nach den neuesten Berichten ist es ein Fehler, Truppen aus dem Osten abzuziehen und an die Westfront zu werfen.«

«Ein Fehler?!«Hitlers Stimme schwoll noch mehr an.»Sie lasten mir einen Fehler an?! Keitel, hören Sie das?!«Und dann war er da, der Tobsuchtsanfall, den alle fürchteten und gegen den es keinen Widerstand mehr gab.»Sie brauchen mich nicht zu belehren, Guderian!«schrie Hitler mit sich überschlagender Stimme.»Ich führe seit fünf Jahren die deutschen

Heere im Felde und habe in dieser Zeit soviel praktische Erfahrungen gesammelt, wie die Herren vom Generalstab sie nie sammeln können! Ich bin besser im Bilde als Sie!«

Der ehemalige Gefreite hatte gebrüllt, die Generäle senkten die Köpfe. Nur Guderian ließ sich nicht beeindrucken. Er wartete ab, bis Hitler Luft holen mußte, und las dann aus seinem Papier ungerührt vor: