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«Von der Abwehr, Abteilung >Fremde Heere Ost<, ist gemeldet worden, daß die Russen für Mitte Januar eine Großoffensive vorbereiten mit drei Stoßrichtungen auf Ostpreußen, Weichsel, Ukraine. Also die gesamte Front unserer Heeresgruppen Mitte und A. Die russische Überlegenheit beträgt bei der Infanterie das elffache unserer Truppen, das siebenfache bei den Panzern, das zwanzigfache bei der Artillerie…«Guderian machte eine winzige Pause, weil es ihm guttat, diesen Satz zu sagen…»und die Überlegenheit der sowjetischen Luftwaffe zweifelt niemand mehr an!«Das war ein Fußtritt gegen Reichsmarschall Göring, aber Göring war bei dieser Besprechung nicht zugegen.»In Zahlen, mein Führer, sieht die Lage folgendermaßen aus: An der 1200 Kilometer langen Ostfront von der Ostsee bis zum Plattensee in Ungarn haben wir zur Verfügung: 145 Divisionen, Kampfgruppen und Brigaden, hinzu kommen 16 schnelle Verbände, 12 Panzerdivisionen mit 318 Panzern, 616 Sturmgeschützen und 793 Pak. Im Gebiet der Heeresgruppe A meldet Generaloberst Harpe, daß er seinen Frontabschnitt von 700 Kilometern nur mit 137 Infanteristen pro Kilometer halten muß. Die Rote Armee kann pro Frontkilometer aber rund 1500 Infanteristen einsetzen. Die Reserve von Generaloberst Harpe besteht nur aus vier Panzerdivisionen, einer Panzergrenadierdivision und einer gepanzerten Kampfgruppe in Brigadestärke. Sie ist der Rest der aufgeriebenen 10. Panzerdivision.«

Guderian schwieg und sah Hitler an. Das Gesicht des Führers war regungslos, starr, maskenhaft. Auf beide Hände gestützt, starrte er auf die Karte vor sich, als habe er nichts gehört, als sei er mit seinen Gedanken gar nicht mehr im Raum. Er blieb stumm und unbeweglich. Guderian setzte zum letzten Schlag an.

«Mein Führer, die Abwehr kann verbindlich mitteilen: Unseren schwachen Verbänden stehen auf Seiten der sowjetischen Westfront gegenüber: 55 einsatzbereite Armeen, sechs Panzerarmeen, 35 Panzer- und mechanisierte Korps, zusammen 6 289 000 Soldaten! Sechs Millionen, mein Führer! Diesen sowjetischen Verbänden stehen zur Verfügung: 115 100 Geschütze, 15 100 Panzer und Selbstfahrlafetten, 158 150 Kraftfahrzeuge. Die Zahl der Raketenwerfer >Katjuscha<, von uns >Stalinorgeln< genannt, ist dabei nicht erfaßt…«

Der Name Stalin schien Hitler aus seiner Starrheit aufzureißen. Sein Kopf zuckte nach hinten, die Hände schnellten zur Brust empor und ballten sich.»Zahlen!«brüllte er.»Zahlen! Nichts als Zahlen. Der deutsche Soldat ist zehnmal mehr wert als ein Russe! Wir haben unsere >Tiger<, >Panther< und >Königstiger<, wir haben das neue Sturmgewehr 44, das beste Maschinengewehr der Welt — das MG 42 —, wir haben unsere Sturmgeschütze und wir haben den Heldenmut des deutschen Soldaten, der weiß, daß er sein Vaterland verteidigen muß, seine Frauen und Kinder, Mütter und Väter und die Zukunft des Reiches! Was sind dagegen Zahlen?! Wo haben Sie diese Zahlen überhaupt her, Guderian?!«

«Von der >Abteilung Fremde Heere Ost< der Abwehr, mein Führer. Die Zusammenstellung hat General Gehlen besorgt!«»Gehlen! Gehlen! Immer dieser Schwarzseher! Dieser Jongleur mit Utopien! Ich will Ihnen sagen, was ich von diesen Zahlen halte: Das ist der größte Bluff seit Dschingis-Khan! Wie kann man einen solchen Blödsinn ausgraben? Ihn für wahr nehmen?! Und Gehlen fällt darauf herein! Ich nicht, Guderian, ich nicht! Aber sprechen Sie es aus: Was folgern Sie daraus?!«

«Die Räumung Kurlands und die Öffnung des Kessels um die Heeresgruppe Nord, Schaffung von Abwehrschwerpunkten im Räume Litzmannstadt und Hohensalza, Verstärkung der Ostfront von Ostpreußen bis zur Ukraine durch Verlegung von Verbänden aus Norwegen und der Westfront und Zurücknahme des Frontbogens zwischen Radom und Kielce. Eine sowjetische Großoffensive zielt auf eine Zangenbewegung ab, die ganz Ostpreußen, Polen und Pommern einkreisen soll.«

«Sagt Gehlen?!«schrie Hitler.

«Sagt uns die Lage, mein Führer.«

«Nein! Nein! Nein!«Hitler stampfte mit den Stiefeln auf, ein wildes Zucken lief über sein Gesicht, ein erschreckender Anblick, aber die Generäle hatten sich schon daran gewöhnt. Nur Keitel sah Guderian böse an.»Sie alle erkennen nicht die Wahrheit! Die Ostfront steht! Im Westen brauchen wir einen Riegel! Im Westen! Nicht ein Soldat wird aus der Westfront abgezogen! Bin ich denn der einzige, der die Lage richtig überblickt?!«

«Wie Sie befehlen, mein Führer. «Guderian packte seine Unterlagen in die Ledermappe, grüßte mit dem Hitler-Gruß und verließ das Zimmer. Er war der einzige Generalstabschef des Heeres, der es bisher gewagt hatte, Hitler die Wahrheit zu sagen.

Der Wehrmachtsbericht an diesem 10. Januar 1945 lautete lapidar:

«Von der übrigen Ostfront werden keine Kämpfe von Bedeutung gemeldet.«

So war die Lage, als Jana Petrowna an ihrem freien Abend das Städtische Krankenhaus verließ, um Michael Wachter zu besuchen. Zu Oberschwester Wilhelmi sagte sie, daß sie sich noch einmal den neuen Veit-Harlan-Film Kolberg anschauen wollte mit dem unvergleichlichen Horst Caspar als Gneisenau und dem Schauspielerheros Heinrich George.

Wachter wohnte jetzt in einem Kellergewölbe des langgestreckten Nordflügels des Königsberger Schlosses neben den Kellern der Schloßgaststätte» Blutgericht«, ein in ganz Europa berühmtes Lokal, das der Weingroßhändler David Schindelmeißer gepachtet und umgebaut hatte. Früher waren die Keller Gefängnis, Gericht, Folterkammer und Hinrichtungsstätte der Ordensritter gewesen, woran der Name» Blutgericht «erinnerte. Unter Schindelmeißers Hand wurden sie zur bevorzugten Gaststätte des ostpreußischen Landadels, die Junker hatten hier ihre Stammzimmer, und aus allen Ländern kamen die Reisenden herbei, um mit einem leisen Grauen im Nacken in Gewölben zu essen und zu trinken, wo einst die Gefolterten schrieen, während ihnen auf den Streckbänken die Glieder ausgerissen wurden. Auch Gauleiter Koch saß gern im» Blutgericht«, trank einen schweren Rotwein und gab seine bombastischen Sätze von sich.

Das Schloß von Königsberg… es gab es nicht mehr.

Es begann damit, daß im Frühjahr 1944 in der zweiten Etage ein Brand ausbrach. Dort hatte Koch zusammen mit dem Generalfeldmarschall von Küchler eine Ausstellung eröffnet, die eine einzige antisowjetische Hetze war. Das Bild des slawischen» Untermenschen «sollte sich so in den Köpfen der Deutschen festsetzen. Aber obwohl das Schloß Tag und Nacht von Soldaten bewacht wurde und es sogar eine Brandwache gab, die innerhalb des Schlosses alle Räume kontrollierte, gelang es unbekannten Nazi-Gegnern, diese Ausstellung kurz nach ihrer Eröffnung in Flammen aufgehen zu lassen.

Koch tobte, sorgte dafür, daß die Wehrmachtswache sofort an die Front verlegt wurde, und rief dann Museumsdirektor Dr. Findling, Michael Wachter und den Stadtkommandanten zu sich.

«Es ist eine Sauerei!«schrie Koch.»Unter meinen Augen, im bewachten Schloß, tummeln sich Terroristen! Aber das schwöre ich jetzt: Es werden andere Saiten aufgezogen! Hier wird nach meiner Melodie getanzt!«

Nach einer Stunde Beschimpfung verließ der Stadtkommandant bedrückt das Amtszimmer des Gauleiters. Zurück blieben Dr. Findling und Wachter; sie warteten, bis Koch seinen wildesten Zorn mit einem tiefen Schluck Kognak gemäßigt hatte.

Das Feuer, im zweiten Stock gelegt, hatte die darüber liegende Gemäldesammlung und das Bernsteinzimmer nicht gefährdet. Als Koch es sofort nach der Löschung des Brandes mit Findling und Wachter besichtigte, lag nur ein weißer Belag über den Wandtafeln. Wachter, der zur Zeit des Feuers wie immer im Bernsteinzimmer gesessen hatte, hustete noch von dem Qualm, der in das Zimmer gedrungen war.

«Man kann es leicht abwischen, Gauleiter«, sagte er und rieb mit dem Ärmel über die Mosaike.»Niederschlag des Rauches ist es. Welch ein Glück haben wir gehabt.«