«Sie ist ein nettes Mädchen«, sagte Frieda am Abend, als sie wie immer zusammen am Tisch saßen und aßen, was ihnen vom Arztkasino gebracht worden war.»Es freut mich, daß du endlich eine Freundin hast und nicht immer allein ausgehst oder hier herumsitzt. Das heißt nicht — «Frieda hob den Zeigefinger, — »daß ihr nun zu zweit herumflitzt und den Männern die Köpfe verdreht. Ich passe weiter auf dich auf, Tochter.«
Es wurden schöne Wochen. Im Sommer fuhren sie hinaus zur Nehrung und badeten in der Ostsee, mieteten sich ein Segelboot und segelten im Haff, und es zeigte sich, daß Sylvie eine erfahrene Seglerin war und jede Windsituation meisterte. Im Winter liefen sie Schlittschuh im Eisstadion, auf dem gefrorenen Haff oder am Ufer der Pregel, tranken Glühweinersatz, teilten die mitgenommenen Butterbrote miteinander, wobei Sylvies Schnitten immer besser belegt waren, da sie aus Schweden Freßpakete erhielt… wie Schwestern wuchsen sie zusammen, und es gab nichts, was zwischen ihnen ein Geheimnis war.
Das änderte sich im Sommer 1944.
Jana, die von Sylvie einen Schlüssel zu deren kleiner Wohnung in einem Vorort von Königsberg erhalten hatte, kam an diesem Abend unverhofft zu Besuch. Sie hatte von Frieda unerwartet frei bekommen, war mit der Straßenbahn hinausgefahren, schloß leise die Wohnungstür auf, um Sylvie zu überraschen, und stand plötzlich im Zimmer.
Von einer Sekunde zur anderen wie versteinert, blieb Jana in der Tür stehen. Sylvie saß in einem Sessel, tief über einen schmalen Kasten auf ihrem Schoß gebeugt. Ein Kabel verband den schwarzen Kasten, an dem einige Knöpfe und Schalter waren, mit einem Kopfhörer, den sie übergestülpt hatte. Angestrengt schien sie auf etwas zu lauschen, schaltete dann um und tippte mit dem Mittelfinger auf eine Taste. Es klapperte leise… kurz, lang, kurz, kurz… und irgendwo saß jemand anderer und nahm die Zeichen auf.
«Guten Abend, Sylvie…«sagte Jana laut.
Sylvie fuhr entsetzt hoch, schaltete das Gerät aus, riß den Kopfhörer herunter, griff zur Seite und ließ die Hand hochschnellen. Ihre Finger umklammerten eine Pistole, die sie jetzt auf Janas Brust richtete.
«Jana, mein Gott, Jana, das hättest du nicht tun dürfen«, flüsterte sie mit erstickter Stimme.»Jana… jetzt… jetzt muß ich dich erschießen… Rühr dich nicht von der Stelle! Jana… warum hast du nicht angeklopft?«
«Ich wollte dich überraschen. «Jana starrte auf die Pistole. Der Lauf zeigte genau auf ihr Herz.
«Das ist dir gelungen. Und… ich muß dich töten. Ich muß…«»Du hast ein Funkgerät, Sylvie…«
«Ja.«
«Du gibst Nachrichten durch…«
«Ja.«
«Du bist eine Spionin…«
«Ihr nennt es so… Ich kämpfe gegen dein Deutschland, gegen den Faschismus, gegen den Krieg, gegen euren verdammten Führer… ich kämpfe für Freiheit und Frieden.. «
«Und du… du heißt auch nicht Sylvie Aarenlund…«
«Doch. Das ist mein richtiger Name. Aber was sind Namen?«Sie hielt die Pistole immer noch auf Janas Brust, den Finger am Abzug leicht gekrümmt. Nur eine winzige Krümmung mehr, und es gab Jana Petrowna nicht mehr.»Wir sind eine kleine Gruppe von Antifaschisten. Ich melde ihnen, was ich hier sehe, und sie unterrichten mich, was sie aus Rußland hören. Über unsere Gruppe läuft ein direkter Kontakt zum NKWD in Leningrad. «Sie atmete tief durch, hob die Pistole höher und zielte.»Jetzt weißt du alles, Jana… ich muß schießen. Versteh mich… ich muß!«
«Du erschießt eine Freundin, Sylvie — «
«Ich muß!« rief Sylvie voller Qual.»Ich kann jetzt doch nicht anders. Ich darf keinen Mitwisser haben!«
«Aber eine Mitkämpferin… ist das auch verboten?«Jana kam ins Zimmer und sah, daß der Lauf der Pistole jeder ihrer Bewegungen folgte.»Sieh mich nicht so ungläubig an, Sylvie. Du hattest dein Geheimnis, ich habe mein Geheimnis… beide bedeuten den Tod! Ich bin keine Rote-Kreuz-Schwester.«
«Das sagst du jetzt nur!«Sylvie hielt die Pistole in Augenhöhe, während Jana mit beiden Händen durch ihr Haar fuhr. Die Schwesternhaube hatte sie vom Kopf gerissen und auf den Boden geschleudert.»Damit kannst du dich nicht mehr retten,«
«Ich bin auch nicht in Lyck geboren, sondern in Leningrad. Ich bin eine Russin und heiße richtig Jana Petrowna Rogowska-ja.«
Ganz langsam ließ Sylvie ihre Waffe sinken.»Wie… wie willst du das beweisen?«sagte sie gepreßt.
«Kannst du russisch?«
«Ja.«
«Ich bin in der Uniform der Rote-Kreuz-Schwester bei Puschkin von den deutschen Truppen überrollt worden und bin seitdem Deutsche«, sagte sie auf russisch.»Niemand hat mich gefragt… die Schwesterntracht allein genügte. Ich gehöre zur Bewachung des Bernsteinzimmers… der Verwalter, Michael Wachter, ist mein zukünftiger Schwiegervater. Sein Sohn N-kolaus kämpft in Leningrad gegen die Deutschen… Nikolaj Michajlowitsch Wachterowskij. Bei Beginn der Blockade war er in der Eremitage beschäftigt. Ich weiß nicht, ob er noch lebt, ob er die neunhundert Tage Hunger und Sterben überlebt hat, neunhundert Tage Hölle, bis unsere Rote Armee die deutschen Truppen zurückdrängte und Leningrad befreite. Ich habe keine Nachricht von ihm, wie auch? Woher? Sylvie, ich lebe hier ein anderes Leben, genau wie du… Glaubst du mir?«»Ja. «Sylvie ließ die Pistole sinken.»Ich glaube dir. Mein Gott, ich hätte dich erschossen, erschießen müssen… meine beste, einzige Freundin.«
«Ich verstehe es, Sylvie.«
«In welch einer gnadenlosen Zeit leben wir!«
Sie ließ das Funkgerät auf den Sessel gleiten, sprang auf, umarmte Jana, zog sie an sich und küßte sie nach alter Russenart dreimal auf die Wangen. Und plötzlich weinte sie, die Nervenanspannung löste sich und wurde zum Schluchzen. Die Erkenntnis, daß sie Jana wirklich erschossen hätte, ließ sie fast zusammenbrechen.
Von diesem Tag an gab es nichts, was Sylvie und Jana hätte trennen können. Manchmal saß Jana neben ihr, wenn sie mit ihrer Gruppe den Funkverkehr aufgenommen hatte und die Truppenteile durchgab, die Königsberg verließen oder in Königsberg einmarschierten. In Leningrad war man so über alle Truppenbewegungen der deutschen Armeen unterrichtet, über ihre Ausrüstung, über die Zahl von Artillerie und Panzer und über die Züge, die Verpflegung und Munition in die Stadt brachten. Jana half mit, indem sie wiedergab, was ihr die verwundeten Soldaten im Krankenhaus von der Front erzählten, von Munitions- und Spritmangel, von der Stimmung in der Truppe, von den herumgeisternden Gerüchten, die der Landser» Latrinenparolen «nannte und die doch immer ein Quentchen Wahrheit enthielten. Aus den von allen Seiten hereinkommenden Mosaiksteinchen an Informationen setzte man dann in Moskau das ganze Bild der deutschen Lage zusammen. Ein fast vollkommenes Bild… das langsame, aber unaufhaltsame Sterben des Großdeutschen Reiches. Die Niederlage Hitlers. Das Ende der Naziherrschaft. In Moskau wußte man mehr als der Großteil der deutschen Bevölkerung. Man kannte die Wahrheit… wer in Deutschland wußte von ihr? Die Wahrheit über Sylvie erfuhr ein paar Tage später auch Wachter. Er nahm sie sehr vorsichtig auf, prüfte das hübsche blonde Mädchen, sprach mit ihr russisch, nahm einmal teil an dem Funkverkehr mit Schweden und las die Notizen, bevor Sylvie sie verbrannte.
«Sag ihnen — «, meinte eines Abends Wachter zu Sylvie,»-daß das Bernsteinzimmer unversehrt und gut bewacht ist. Sie sollen es nach Leningrad weitergeben, zum Direktor der Eremitage. Und eine große Bitte habe ich«, er sprach jetzt wieder russisch,»die Bitte eines Vaters. Frag sie, ob sie mein Söhn-chen gesehen haben, ob sie wissen, ob er noch lebt oder ob er gefallen oder verhungert ist. Hat er an der Front gekämpft, oder ist er auf der Straße erfroren wie all die Hunderttausenden in Leningrad. Lebt er noch… wo ist er dann? Sylvie, kannst du das fragen? Ein Vaterherz kannst du von vielen Zweifeln und großer Not befreien. Auch Jana zittert um Nikolaj. Frag sie… frag sie… bitte…«