Welch ein Zieclass="underline" russische Armeen auf dem Marsch nach Berlin.
Die Front der deutschen 9. Armee wird überrannt, die sowjetischen Divisionen strömen nach Westen.
Der» größte Bluff seit Dschingis-Khan «läßt Hitlers Rükken noch runder werden, das Zittern seiner Hände verstärkt sich, sein Gesicht wird fahl und teigig. Generaloberst Guderian empfindet keinen Triumph… er hat nur noch Mitleid mit dem» größten Führer aller Zeiten«.
Deutschland steht auf dem Spiel.
6,2 Millionen russische Soldaten holen zum Gegenschlag aus. In Königsberg wurde fieberhaft gepackt.
Die große, dieses Mal amtlich organisierte Evakuierung der Bevölkerung rollte an. Die Stunde der Kriegsmarine war gekommen. Der Kommandeur des Marineoberkommandos Ost, Generaladmiral Kummetz, übernahm die gesamten Flüchtlingstransporte, an Gauleiter Koch vorbei, der bisher jeden Treck nach Westen einen Verrat am Führer genannt hatte. Alles, was man an Handelsschiffen, Dampfern, seetüchtigen Fahrzeugen, Booten und Kähnen besorgen kann, wird nach Königsberg befohlen. Sogar die bisher als Wohnschiffe benutzten Passagierdampfer und Kriegsschiffe aller Größen laufen aus den Häfen Pillau, Danzig, Gdingen und Kolberg aus, um den Flüchtlingsstrom der Hunderttausenden aufzunehmen und zu retten. 24 Flottillen und 350 kleinere Kriegsschiffe unter dem Befehl von Konteradmiral Butow bilden den Geleitschutz für die Personenschiffe und Handelsschiffe, die restlos überfüllt sind. Wer keinen Platz mehr auf den Schiffen bekommt, zieht auf den Straßen weiter… endlose Schlangen von Menschen und Fahrzeugen, hinein in einen Winter, in einen Frost, der sie zermürbt, bei dem sie unter freiem Himmel kampieren müssen, ohne ausreichende Verpflegung, gejagt vom Artilleriebeschuß der Sowjets, niedergemäht von den Angriffen der Tiefflieger, in die Straßengräben und Felder abgedrängt, wenn Panzer, Lastwagen, Geschütze und Transporter mit Infanterie nach Königsberg hineinjagten oder von Königsberg an die immer enger werdende Einschnürung der Front geworfen wurden.
Gauleiter Koch hatte nur noch einmal Zeit, sich um» sein «Bernsteinzimmer zu kümmern. Die Räumung Oslpreußens, der Verlust seines Reichskommissariats Ukraine, das zügige Vordringen der Roten Armee, der Verluste an Menschen und Panzern nichts auszumachen schien und die aus der Tiefe des Landes immer neue Reserven an die Fronten warf, vor allem aber die Vorbereitungen für seine eigene Flucht nahmen ihn voll in Anspruch.
«Wohin, Gauleiter?«fragte Dr. Findling.»Wohin können wir noch? Wenn der Russe weiter vordringt, gibt es keinen Weg mehr nach Westen!«
«Das Führerhauptquartier ist umgezogen! Es wird jetzt in Berlin eingerichtet. Ich kann weder den Führer noch Bormann erreichen. Findling, wenn ich sehe, daß es keine andere Möglichkeit mehr gibt, bringen wir die Kunstschätze ohne den Befehl des Führers weg! Zunächst nach Thüringen.«
Am selben Tag änderte Koch seinen Plan. Nicht nach Thüringen, teilte er Dr. Findling telefonisch mit, sondern nach Sachsen, nach Wechselburg bei Rochlitz und nach Burg Kriebstein. Gauleiter Mutschmann hatte dort Platz geschaffen. Dreihundert Quadratmeter gut durchlüftete und bombensichere Keller standen dort zur Verfügung.
«Wie kommen Sie voran?«fragte Koch.
«Gut, Gauleiter. Heute Abend sind wir fertig. Wir haben 25 Kisten, große Kisten, neu hergestellt. Zehn Mann haben unter Leitung des Tischlers Mann und des Schlossers Weiß daran gearbeitet. Eine sehr gute Arbeit. Stabilere Kisten sind nicht denkbar. Die Wandtafeln, Köpfe, Girlanden, Gesimse und Sockel sind erschütterungssicher in Steppdecken, Kopfkissen und Federbetten verpackt. Sie stehen jetzt auf dem Hof des Schlosses. In der Nacht werden wir die Gemälde einlösten, die Ikonen und die Silberbibliothek des Zaren Peter. Wir sind morgen zum Abtransport bereit. Wenn bloß kein neuer Luftangriff kommt — «
«Die Transportstaffel steht auch bereit. «Findling hörte, wie Koch erregt keuchte.»Aber ich bekomme den Führer nicht an den Apparat, und auch Bormann ist in der Parteikanzlei nicht zu erreichen. Findling, keine Angst… ich bekomme stündlich die Meldungen von der Front. Wir machen es dem Russen schwer, auf Königsberg vorzurücken…«
«… und uns schwerer, das Bernsteinzimmer zu retten. «Wachter hatte die Kellerwohnung bereits bis auf sein Bett geräumt. Für ihn war es selbstverständlich, daß er den Trans-port, wohin auch immer, begleiten würde. Dr. Findling, der seit acht Tagen zum Volkssturm gehörte und eine alte Uniform trug, aber keine Waffe, getreu des Witzes, den man sich jetzt erzählte: Was ist der Volkssturm? Eine Einheit von drei Mann, der eine trägt den Stahlhelm, der andere das Koppel, der dritte die Panzerfaust… mußte wahrscheinlich noch in Königsberg bleiben, wie Gauleiter Koch, bis zum letzten Mann…
Es war nicht viel, was Wachter mitnehmen wollte: zwei Anzüge, Wäsche, Schuhe, Hemden, das Allernötigste nur, und seine Reise-Ikone in einem mit Samt ausgeschlagenen ledernen Futteral. Die letzten Nächte lag er immer angezogen auf dem Bett, sofort zum Abmarsch bereit.
Die Lazarette und Krankenhäuser von Königsberg quollen nun über von Verwundeten. Was die Landser von der Front erzählten, deckte sich mit dem, was Sylvie jeden Tag über Schweden per Funk erfuhr, was aber in keinem Wehrmachtsbericht stand: Die Truppen des Marschalls Tschernjakowskij brachen in einem weiten Bogen in die deutschen Linien ein. Die deutsche 3. Panzerarmee, allein gelassen gegen sechs sowjetische Armeen in bester Verfassung und mit überlegener Ausrüstung, wurde an vielen Stellen auseinandergerissen. Gumbinnen war schon verloren, Insterburg lag unter einem verheerenden Granat- und Bombenfeuer, Goldap und Lotzen waren verloren, Kraupischken besetzt, aus dem Süden stieß Rokossowskij vor und eroberte Nikolaiken und Ortelsburg. Hunderte schwere Panzer vom Typ T 34 und T 42 rückten unaufhaltsam auf Allenstein und Wartenburg zu. Der Ring um Königsberg schloß sich… nur noch der Seeweg war frei und eine schmale Landverbindung nach Danzig über Heiligenbeil, Braunsberg und Elbing. Eine einzige Eisenbahnlinie und einige wenige Straßen… überfüllt von den Flüchtlingstrecks und Wehrmachtsverbänden, unter Beschuß von Tieffliegern, weittragenden Granaten und einem Bombenregen.
Die schweren deutschen Panzer» Tiger «und» Königstiger«, die sich dem Ansturm der Roten Armee hätten entgegenstemmen können, lagen nach einigen Tagen hilflos herum und wurden sogar wie kleine Festungen eingegraben. Der Sprit war verbraucht, neuer Brennstoff kam kaum durch, die Granaten für die Bordgeschütze wurden gezählt. Auf rätselhafte Weise verschwanden Nachschubzüge mit Munition und Benzin im Nichts. Der Oberquartiermeister der 2. Armee, die den Hauptangriff von Rokossowskijs sechs Armeen auffangen mußte, Oberst Wirsing, verfolgte am Telefon die Meldungen der Stationen, die ein Zug mit Tankwagen, mit dem lebenswichtigen Panzersprit, durchfuhr. Der Zug, der sich über Deutsch-Eylau der verzweifelt kämpfenden 2. Armee näherte. Und plötzlich war dieser Zug verschwunden, wie von Geisterhand weggewischt. Oberst Wirsing verfolgte noch einmal den Weg des Zuges, aber von nirgendwoher bekam er eine Antwort.
Die deutsche Lehrerin Elsbeth Langenbach, die in der deutschen Schule von Unieck unterrichtete und die man bei der kopflosen Flucht der Naziführer» vergessen «hatte, worauf sie auf einem Pferd vierzig Kilometer durch die vorstoßenden sowjetischen Panzerspitzen geritten war, bis sie die Linien der 2. Armee erreichte und zum Generalstab weitergereicht wurde, hörte die verzweifelte Suche nach dem Spritzug mit. Fassungslos sah sie Oberst Wirsing an, als er die Telefonate am Feldtelefon abbrach und resignierend sagte:»Es hat diesen Zug nie gegeben. Es war ein Gespensterzug. Was nützen uns jetzt unsere Panzer…?«
Alles war möglich in diesen Tagen des Zusammenbruchs der deutschen Ostfront. Während in Königsberg die Durchhaltepa-rolen von den Hauswänden schrien, wurde in der Nacht vom 21. zum 22. Januar heimlich ein» Gauleiter-Sonderzug «zusammengestellt, um Koch und seine Parteiprominenz, die aus ganz Ostpreußen nach Königsberg geflüchtet war, über die einzige Bahnstrecke nach Elbing und weiter nach Danzig in Sicherheit zu bringen. Der» Kämpfer bis zum letzten Mann «hatte seine Flucht vorbereitet.