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Endlich, endlich am 22. Januar erhielt Koch eine telefonische Verbindung mit der Parteikanzlei in Berlin. Hitler in seinem neuen Hauptquartier war nicht zu sprechen, Bormann, aus Berchtesgaden zurückgekehrt, wo er unterirdische Anlagen besichtigt hatte, war so kurz angebunden und schroff, wie er immer mit Koch verkehrt hatte.

«Natürlich gibt der Führer die Erlaubnis, unersetzliches Kulturgut zu retten!«sagte er.»Warum ist das nicht schon längst geschehen?! Fast alle Kunstschätze der Museen in den bedrohten Gebieten sind verlagert worden, schon 1944, auch aus Ihren Museen, Gauleiter, das haben Sie ja selbst organisiert… Warum sind das Bernsteinzimmer und die Gegenstände aus Zarskoje Selo noch in Königsberg? Das ist unverantwortlich, Gauleiter!«

Das hab ich gern, dachte Koch verbittert. Ein Anschiß ohne Grund.»Es gab zwei Gründe, Herr Reichsleiter — «, antwortete er böse.»Erstens sollte durch die totale Verlagerung aller Kunstschätze die Bevölkerung nicht beunruhigt werden, und zweitens stand und stehe ich noch zum Endsieg des Führers!«Bormann schwieg einen Augenblick, vielleicht war er selbst erstaunt über die letzten Worte Kochs. Ihnen war nichts zu entgegnen.

«Sorgen Sie für den sofortigen Abtransport«, sagte er dann.»Über Elbing — Danzig — Stettin, Berlin — Weimar nach Reinhardsbrunn. Im Schloß Reinhardsbrunn wird dafür gesorgt werden, daß das Bernsteinzimmer eingelagert wird. Als Zwischenstation. Der endgültige Lagerort wird von dort bekanntgegeben.«

«Sie übermitteln den Befehl des Führers nach Reinhardsbrunn, Herr Reichsleiter?«

«Ja!«

Bormann legte abrupt auf. Koch wischte sich mit beiden Händen über das Gesicht. Reinhardsbrunn gefiel ihm gar nicht. Das Schloß kannte er nicht, wohl aber das Geheimnis, daß hier die SS, vor allem Himmler, eine große Menge Kunstschätze des Reichsamtes SS versteckt hatte.»Sein Bernsteinzimmer «neben den Schätzen der SS zu wissen, behagte ihm wenig. Auch Bormanns Mitteilung, daß Reinhardsbrunn nur eine Zwischenstation sein sollte, beruhigte ihn nicht. Warum nicht Thüringen, dachte er wütend. Warum nicht Göttingen? In den sicheren Schächten der Salzbergwerke, deren

Sohlen bis in 600 Meter Tiefe reichten, war der beste Platz, die Schätze zu retten. Man sprengte die Zugänge, und niemand, außer ein paar Eingeweihten, würde ahnen, was da unter der Erde lag. Bombensicher, gut konserviert, bestens temperiert… ein Lager für Jahrtausende, in diesem Falle für ein paar Jahre. Die neue Wunderwaffe, von der man munkelte und flüsterte, die Bombe mit Atomkernspaltung, an der ein geheimes Forscherteam zusammen mit Wernher von Braun, dem Schöpfer der Raketen V l und V 2, die jetzt täglich auf London niederheulten, unentwegt arbeitete, würde alle Feinde in einem unvorstellbaren Feuerball von dieser Erde brennen und Deutschland den Sieg bescheren.

In der Nacht zum 22. Januar 1945, die sowjetischen Divisionen hatten Wehlau erobert und standen jetzt nur noch knappe vierzig Kilometer vor Königsberg, rief Koch den vor Unruhe schlaflosen Dr. Findling an.

«Wir können!«sagte er.»Die Transportstaffel ist unterwegs zu Ihnen. Der Transportführer, ein Hauptmann Leyser, hat den genauen Fahrplan bei sich. Bei Morgengrauen müssen die Wagen die Stadt verlassen haben.«

«Ich bin bereit, Gauleiter.«

«Wieso Sie?«Kochs Stimme dehnte sich vor Erstaunen.»Sie brauche ich noch hier. Die Kisten können allein reisen. Es ist garantiert von der Parteikanzlei, daß sie überall bevorzugt behandelt werden und in eine sichere Lagerstelle kommen. Sie können jetzt für das Bernsteinzimmer nichts mehr tun…«

Dr. Findling schluckte. Er wußte, daß es für ihn keinen Ausweg gab. Er trug die Uniform des Volkssturmmannes, er hatte auf den Führer seinen Eid als Soldat abgelegt, er fiel unter die Parole» Bis zum letzten Mann«.

«Und Wachter?«fragte er.

«Findling, stellen Sie doch jetzt, wo's eilt, nicht so dumme Fragen! Was soll Wachter denn bei dem Transport?«

«Aufpassen. Wie immer. Wie seit über 226 Jahren!«

«Will er etwa auch noch mit hinunter in die 600-Meter-Sohle eines Bergwerkes?«fragte Koch spöttisch.»Ein moderner Barbarossa? Der treue Wachter, in Salz konserviert! Nach 226

Jahren hat die Familie Wachter es verdient, sich auszuruhen. Übrigens ist er noch nicht zu alt, um ein Gewehr zu halten und abzudrücken! Er bleibt in der Festung Königsberg wie Sie… und ich… Der Führer braucht jetzt jeden Mann. Wir wissen doch, seit Ilja Ehrenburg, was uns erwartet. Teilen Sie das Wachter mit.«

Eine Stunde nach diesem Gespräch, das Findling nie vergessen sollte, fuhren in den Schloßhof zwanzig Lastwagen ein. Dr. Findling traute seinen Augen nicht: Die Aufbauten und die Dächer der Transporter waren groß mit einem roten Kreuz bemalt, als handele es sich um eine Hilfsgüterkolonne oder um Verwundete.

Unterstrichen wurde dieser Eindruck auch noch durch die Ro-te-Kreuz-Armbinden, die jeder Fahrer über den linken Ärmel gestreift hatte. Nur Hauptmann Leyser, der in einem Kübelwagen fuhr, trug diese Armbinde nicht.

«Das ist die größte Frechheit, die ich jemals gesehen habe«, sagte Wachter gepreßt.»Wenn sich das rumspricht, ist kein wirklicher Lazarettwagen oder Verwundetenzug mehr sicher.«»Um Himmels willen, halten Sie den Mund, Michael!«Dr. Findling stieß Wachter warnend in die Rippen.»Denken Sie nur daran: In den Wagen ist das Bernsteinzimmer! Um es zu retten, wird es als Rote-Kreuz-Fracht getarnt. Nur daran müssen Sie denken. Ich möchte nicht wissen, wieviel Dinge unter dem Schutz des Roten Kreuzes hin und her geschoben werden. Mein Gott, denken Sie in unserer Situation bloß nicht an Moral!«Dr. Findling sah dem Auffahren der Lkw-Kolonne zu.»Morgen ist alles vorbei. Da sind wir Volkssturmmänner.«

«Ich nicht, Herr Doktor.«

«Wachter, was haben Sie vor?«

«Ich bleibe natürlich bei dem Bernsteinzimmer.«

«Das ist Wahnsinn! Wissen Sie, was das bedeutet? Fahnenflucht, Feigheit vor dem Feind! Von einem Schnellgericht werden Sie zum Tode verurteilt und aufgehängt oder erschossen!«

«Ich nicht.«

«Warum sollte man mit Ihnen eine Ausnahme machen? Wie wollen Sie überhaupt aus Königsberg raus? Sie haben keinen Marschbefehl. Dieser Hauptmann Leyser wird sich hüten, Sie heimlich mitzunehmen. Jetzt werden sogar Ritterkreuzträger aufgehängt — «

«Ich werde es schaffen, Doktor. «Wachter atmete tief ein. Die Sorge, was aus Jana wurde, war noch nicht gelöst. Für Oberschwester Frieda Wilhelmi war sie unentbehrlich geworden. Die Masse der Verwundeten, die mit Lazarettzügen oder San-kas nach Königsberg gebracht wurden, hatte die Aufnahmefähigkeit der Krankenhäuser, der Notlazarette in Schulen und Turnhallen und den weit verzweigten alten Festungsanlagen von Königsberg längst überschritten. Die alten Forts und Bollwerke waren überfüllt, es gab zu wenig Ärzte und Schwestern, Sanitäter oder Hilfskräfte. Lehrerinnen und Frauen in Sozialberufen wurden dienstverpflichtet. Sie wuschen die Verwundeten, gaben ihnen zu trinken, fütterten sie und drückten den Toten die Augen zu, saßen bei den Sterbenden und waren oft Mutter-, Frau- oder Brautersatz in den letzten Stunden.

«Wann kommen wir heraus?«fragte Jana an einem dieser Tage.

«Heraus?«Frieda hatte sie erstaunt angesehen.»Wann es befohlen wird.«»Und wenn das zu spät ist?«

«Ich bleibe, solange noch ein Verwundeter hier im Haus liegt!«»Die Russen werden Königsberg erobern…«

«Na und? Können meine Verwundeten weglaufen? Ich gehöre zu ihnen, sie brauchen mich.«

«Die Russen werden dich vergewaltigen… denk an den Aufruf Ehrenburgs.«