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«Mich vergewaltigen?«Frieda, der Turm aus Knochen und Fleisch, lachte kurz auf.»Da müssen schon vier sibirische Riesen kommen…«

«Töten werden sie dich! Ganz einfach töten.«

«Tochter! Wer hätte das gedacht, du bist ja auch von der Propaganda verseucht! Ob Deutsche oder Russen, man kann mich überall brauchen. Man wird froh sein, daß ich noch da bin. Wir Ärzte und Schwestern kennen weder Freund noch Feind, nur Verletzte, Kranke, Hilfesuchende. Merk dir das,

Tochter!«

Janas letzter Besuch bei Sylvie wurde zu einer Qual. Unentwegt funkte diese ihre Beobachtungen nach Schweden, die von dort zur Zentralstelle in Leningrad weitergegeben wurden. Die Zehntausende von Flüchtlingen, die am Haff und am Bahnhof auf einen Platz in einem Eisenbahnwaggon oder auf einem Schiff warteten, die Schanzarbeiten an neuen Verteidigungslinien, das Aufstellen neuer Panzersperren aus Beton, das Hereinströmen der letzten Reserven, die versuchen sollten, einen Riegel vor Königsberg zu bilden… Berichte waren es, die der sowjetischen Führung zeigten, daß \erzweiflung ungeahnte Kräfte mobilisieren kann und daß es noch viel Blut kosten würde, bis man in Königsberg einmarschieren konnte. Aber das kannte man von Leningrad her. Neunhundert Tage Blockade durch die deutschen Truppen hatte man überstanden, eine Hingerhölle ohne Beispiel, bis im Januar 1944 die Stadt von der sowjetischen 42. Armee befreit wurde.

Für Königsberg aber gab es keine Befreiung mehr. Ob noch Tage oder Wochen… der Untergang war sicher.

«Ich will Abschied nehmen«, sagte Jana Petrowna. Sie saß Sylvie gegenüber, die ihr Funkgerät gerade abgestellt hatte.»Abschied? Wieso?«Sylvie sah Jana ungläubig an und schüttelte dabei den Kopf.»Was soll das heißen?«

«Ich werde Königsberg verlassen.«

«Bist du verrückt? Wo willst du denn hin?«

«Ich weiß es nicht. Noch nicht…«

«Jana, das ist Wahnsinn! Du bleibst hier bei mir in Königsberg, wirfst die Nazitracht weg, wirst dich beim sowjetischen Kommandanten melden, eine russische Feldscher-Uniform bekommen und wieder das sein, was du bist: eine Russin. Und nach dem Sieg wirst du deinen Nikolaj wiedersehen…«

«Ich kann Väterchen nicht allein lassen, Sylvie.«.»Michail Igo-rowitsch wird man mit offenen Armen aufnehmen. Ein Held wird er sein.«

«Ohne Bernsteinzimmer? Was ist Väterchens Leben wert ohne Bernsteinzimmer? Er bleibt bei ihm, wird mitziehen, wohin man es auch bringt, nicht trennen kann man ihn von ihm. Und

ich muß bei ihm bleiben, Sylvie. Er paßt auf das Bernsteinzimmer auf und ich auf Väterchen. Das ist meine Pflicht.«»Pflicht! Pflicht! Überleben sollst du! Wulst du als deutsche Krankenschwester irgendwo verrecken? Jana, in ein paar Tagen kannst du wieder eine Russin sein!«

«Ohne Bernsteinzimmer und Väterchen.«

«Du bist verrückt, verrückt, verrückt!«schrie Sylvie und sprang auf.»Ist denn das Bernsteinzimmer das Wichtigste auf der Welt?!«

«Für uns — ja.«

«Man sollte dich mit kaltem Wasser übergießen, damit du endlich vernünftig wirst. Was kannst du denn tun, wenn die Naziräuber das Bernsteinzimmer irgendwo vergraben?«

«Ich bin dabei… ich weiß, wo es vergraben ist… ich kann es nach dem Krieg wieder ausgraben lassen und zurückbringen nach Puschkin in den Katharinen-Palast. Das allein ist meine Aufgabe.«.»Und dafür hältst du den Kopf hin!«

«Ja. An den Fronten sterben unsere Männer und kämpfen um ihr Vaterland. Ich kämpfe auch, nur auf einem anderen Kampfplatz.«

«Der geheime Soldat Jana Petrowna! Wie heldenhaft das klingt! Und nun… warum bist du gekommen?«

«Um Abschied zu nehmen, Sylvie. «Jana faltete die Hände im Schoß. Das Herz wurde ihr schwer.»Ich hoffe, daß wir uns wiedersehen.«

«Wo?«

«In Leningrad, oder bei dir, in Schweden, in Uppsala oder sonstwo. Was wirst du nach dem Krieg tun?«

«Ich weiß es noch nicht. Weiterstudieren oder heiraten und Kinder kriegen, ein Sommerhäuschen auf den Schären… wie kann man sagen, was unsere Zukunft ist? Nicht schwer wird es sein, dich zu finden: Wo das Bernsteinzimmer ist, bist auch du.«

«So Gott will, Sylvie.«

«Du glaubst an Gott?«Sylvie starrte Jana verblüfft an.»Du — eine Kommunistin?! Eine ehemalige Komsomolzin?«

«Ja. Ich glaube an Gott. Ich bete sogar.«

«Aus dir soll man klug werden. «Sylvie umarmte Jana, als diese aufstand, sie küßten sich wie zwei Schwestern, und dann riß sich Jana los und rannte aus der Wohnung, als hätte sie jemand davongejagt. Gab es ein Wiedersehen?

Aus der Ferne, vom Wind herbeigetragen, rollte Kanonendonner über die Stadt. Ein Gewitter des Todes und der Zerstörung.

Die zwanzig Lkws mit dem roten Kreuz waren beladen. Die Kisten, in denen das Bernsteinzimmer, von allen Seiten gut gepolstert, stand, trugen einen roten Punkt. In den anderen Verschalungen steckten die berühmte Silbersammlung, die Gemälde alter russischer und europäischer Meister, darunter ein Rubens, ein Canaletto und ein Spitzweg. In einer besonderen Kiste hatte man einen Gobelin aus Flandern aus dem Jahre 1580 verstaut, ein Riesengewebe von 4,52x3,50 Metern. Diese Kiste trug, mit Pinsel und schwarzer Farbe aufgemalt, den Vermerk: M-D-Voß und — in einem gezeichneten Dreieck — den Buchstaben B. Ein Gobelin, der unter» Führervorbehalt «fiel. M-D-Voß war die Abkürzung für den Beauftragten des Sonderauftrages» Linz«, den in Dresden lebenden Museumsdirektor Voß, und das B im Dreieck ließ die Deutungen Berlin, Berchtesgaden oder Bormann zu.

Das hatte jetzt alles wenig Bedeutung. Was mit den Rote-Kreuz-Wagen abtransportiert wurde, galt als» Sammlung Gauleiter Koch«.

Noch einmal versuchte Dr. Findling, mit Koch zu sprechen. Es war fünf Uhr morgens, das Artilleriefeuer an der Front von Wehlau war deutlich zu hören. Aber Koch war nicht zu erreichen. Er hatte zur Überraschung aller seinen GauleiterSonderzug den in geballten Massen am Hafen und Bahnhof wartenden Flüchtlingen zur Verfügung gestellt. Militär und Parteifunktionäre regelten, so gut es ging, das Chaos, als Tausende den Zug stürmten. Der Befehl» Frauen und Kinder zuerst «war völlig sinnlos geworden, um einen Platz im Zug wurde getreten und geboxt, niedergerannt und zusammengeschlagen. Im Hafen war es nicht anders. Der Sturm auf die wenigen noch zur Verfügung stehenden Schiffe war ein Kampf auf Leben oder Tod. Die Zange um Ostpreußen schloß sich von Stunde zu Stunde mehr, die sowjetischen Armeen von Tschernjakowskij und Rokossowskij drangen unaufhaltsam vor.

Am Apparat erreichte Dr. Findling nur Bruno Wellenschlag, dessen Stimme vor Angst gebrochen schien.

«Ja, Doktor, ja! Hauen Sie ab!«rief Wellenschlag ins Telefon,»Die Russen stoßen auf Elbing zu und werden uns abschneiden. Dann ist für Sie der Ofen aus! Sie müssen den Landweg noch schaffen! Umladestation ist Berlin, von dort bringt ein Zug die Ladung nach Reinhardsbrunn. Der Gauleiter hat mit dem Gauleiter von Thüringen Sauckel alles durchgesprochen, von Schloß Reinhardsbrunn geht es weiter in ein Salzbergwerk. Reinhardsbrunn wird wahrscheinlich das neue Führerhauptquartier werden und den Namen >Wolfsturm< erhalten. Sicherer geht es nicht. Mann, hauen Sie endlich ab!«

Er legte auf. Hauptmann Leyser, der neben Dr. Findling stand und alles mitbekommen hatte, sah Findling betroffen an.»Das klingt nicht nach Endsieg — «, sagte er dann sarkastisch.»Also dann los! Sie bleiben hier?«

«Ich muß!«

«Dann — ein Überleben. Das ist alles, was ich Ihnen wünschen kann. «Sie gaben sich die Hand und gingen dann hinunter in den Hof des zerstörten Schlosses.

An den abfahrbereiten Lkws warteten neben den Fahrern mit der Rote-Kreuz-Binde auch Michael Wachter und eine junge Krankenschwester. Sie hatte einen Sanitätskoffer an einem Lederriemen über der linken Schulter hängen. Dr. Findling bekam einen Schreck, aber er besaß genug Beherrschung, es nicht zu zeigen. Michael, was tun Sie da? Die nächsten Minuten sind Ihr Todesurteil!