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Hauptmann Leyser blickte erstaunt auf die beiden und kam schnell näher. Wachter kannte er vom Beladen der Lastwagen, die Rote-Kreuz-Schwester war ihm neu.

«Ja bitte?«fragte er knapp.»Sie wünschen?«

«Ich bin bereit«, antwortete Wachter.

«Wozu?«

«Zur Begleitung des Sonderkommandos, Herr Hauptmann.«»Sie? Davon weiß ich nichts. «Leysers Verblüffung war groß.»Ich habe Ihren Namen nicht auf der Transportliste.«

«Ich komme im persönlichen Auftrag des Herrn Gauleiters mit. Gewissermaßen in seiner Vertretung. Hier ist meine Anweisung, Herr Hauptmann.«

Wachter hielt Hauptmann Leyser den Brief vor, den Koch ihm nach dem verheerenden Luftangriff auf Königsberg geschrieben hatte.

«… dem Michael Wachter ist jede Hilfe zu gewähren. Er ist berechtigt, in meinem Namen im Zusammenhang mit den Kunstschätzen im Königsberger Schloß notwendige Anordnungen zu treffen…«

Hauptmann Leyser ließ den Brief sinken. Dr. Findling starrte Wachter ängstlich an. Ein eiskalter Hund sind Sie, Wachter, dachte er. Himmel, was wagen Sie da! Der Brief ist doch jetzt nichts mehr wert.

«Das ist kein Marschbefehl, Herr Wachter«, sagte Leyser prompt.»Zwar eine Vollmacht, aber — «

«In den Kisten befinden sich die größten Kunstschätze europäischer Kultur, Herr Hauptmann. Mein Auftrag vom Gauleiter lautet, sie nicht aus den Augen zu lassen und sie überallhin zu begleiten. Es gäbe ungeheure Komplikationen, wenn ich diesen Auftrag nicht erfüllen könnte. Sie haben es gelesen, daß ich zu notwendigen Anordnungen berechtigt bin.«

«Ohne Marschbefehl — «, sagte Leyser wieder, aber nun zögernder.

«Für die Ausstellung einer solchen Formalität ist es jetzt zu spät«, mischte sich Dr. Findling ein und blinzelte Wachter zu.»Sie haben gerade selbst am Telefon gehört: Der Transport muß sofort abgehen.«

«Dann also, gut. Steigen Sie ein!«Er wandte sich zu Jana um und betrachtete sie, wie jeder Mann, von oben bis unten mit einem interessierten Blick.»Und Sie?«

«Ich bin als Krankenschwester und Sanitäterin zugeteilt«, sagte sie mit einem forschen Augenaufschlag.»Der Herr Gaulei-ter ist der Ansicht, daß zu einer Sanitätskolonne auch eine Krankenschwester gehört. Und sei's zur Tarnung. Ich habe den Befehl zur Begleitung erhalten.«

«Natürlich in der Eile auch ohne Marschbefehl.«

«Nein, Herr Hauptmann… hier ist er. «Sie holte aus der Manteltasche das Formular. Marschbefehl für Schwester Jana Rogowskij für Sonderkommando Gauleiter Koch. Königsberg, den 21. Januar 1945. Unterschrift: Stabsarzt Dr. Pankratz.

«In Ordnung. «Leyser gab Jana das Papier zurück. Dr. Findling starrte sie fassungslos an.»Fahren Sie in meinem Kübel mit, Schwester Jana?«

«Wenn ich darf, Herr Hauptmann.«»Es wird mir eine Freude sein. «Leyser trat zwei Schritte zurück und hob den rechten Arm.»Aufsitzen!«brüllte er zu den vor ihren Wagen angetretenen Fahrern.»Wagenabstand dreißig Meter! Kolonne — los!«Zum letzten Mal gaben sich Dr. Findling und Wachter die Hand.

«Michael, Sie sind ein verdammt mutiger Kerl! Machen Sie's gut.«

«Sie auch, Doktor. Auf Wiedersehen — «

«Glauben Sie daran?«

«Ich will es glauben. Gott mit Ihnen, Doktor.«

Plötzlich fielen sie sich in die Arme und umarmten sich. Der erste Wagen fuhr schon an, Jana und Hauptmann Leyser liefen zu dem Kübelwagen, wo der Stabsgefreite Hasselmann wartete.

«Ich habe noch eine große Hoffnung«, sagte Dr. Findling leise.»Koch wird mich in seinen Stab nehmen, und Koch will überleben. An seiner Seite komme ich hier heraus… das ist meine einzige Chance…«

Wachter riß sich los, rannte zum Wagen neun, mit dessen Fahrer, dem Unteroffizier Josef Selch, er bereits gesprochen hatte, und kletterte ins Fahrerhaus. Dr. Findling winkte ihnen nach, aber nur kurz… er drehte sich um, senkte den Kopf und ging zurück in seinen Keller neben dem» Blutgericht«.

Durch den eisigen Morgen ratterte die Lastwagenkolonne durch die zerstörte Stadt zur einzigen Straße, die noch nach

Westen führte. Heiligenbeil — Braunsberg — Elbing… und dann freier Weg nach Berlin.

Am Morgen, als Frieda Wilhelmi in ihr Büro kam, wunderte sie sich, daß Jana nicht, wie immer seit fast vier Jahren, schon hinter der Schreibmaschine saß. Verschlafen hat sie sich, dachte sie. Ist das denn ein Wunder? Wie hat sie in den letzten Wochen arbeiten müssen, bis tief in die Nächte hinein. Einmal braucht auch der Körper Ruhe.

Aber um neun Uhr war Jana noch immer nicht gekommen. Frieda sah auf die Uhr, schüttelte den Kopf und rief in Janas Zimmer an. Sie meldete sich nicht. Uiruhig, besorgt um ihre» Tochter«, wälzte sich Frieda über den Gang zu Janas Zimmer, klopfte an und riß gleichzeitig die Tür auf. Wehe, wenn bei ihr im Bett ein Mann liegt! Wer's auch sein mag, und wenn es der Chef selbst ist — mit Ohrfeigen jage ich ihn davon. Und sie, Jana, bekommt auch ihre Prügel. Da gibt es gar kein Pardon.

Aber das Bett war leer, unberührt, mit militärischer Exaktheit hergerichtet,»gebaut «nennt es der Landser. Frieda Wilhelmi blieb in der Tür stehen, den Blick in sich gekehrt, im Herzen die plötzliche Schwere: Sie ist bei einem Mann über Nacht geblieben. Nein, denk nicht an so etwas! Sie hat bei ihrer Freundin Sylvie geschlafen und nicht mehr die Straßenbahn bekommen. Bei Sylvie kann man nicht anrufen, sie hat kein Telefon… aber in ein paar Minuten wird Jana kommen, ausschimpfen werde ich sie, das ist nötig, aber dann werde ich ihr einen Riegel Schokolade geben.

Erst als sie sich schon umdrehen und weggehen wollte, sah sie, daß auf dem Kopfkissen ein Briefkuvert lag. Frieda Wilhelmi schloß die Augen und atmete tief durch. Nein, sagte sie zu sich, nein! Das kann nicht sein, das darf nicht sein. Das tut Jana nicht. Das kann sie mir nicht antun! Dieser Brief ist nicht für mich. Nein, ich gehe nicht zum Bett und fasse ihn an. Nein! Nein!

Aber sie tat es doch. Sie setzte sich langsam auf die Bettkante, riß den Umschlag auf, und schon der erste Satz, die Anrede, bestätigte die große Tragödie ihres Lebens.

Meine liebe» Mutter «Frieda.

Alle Zeilen des Verlassene fangen an: Wenn Du diesen Brief liest, bin ich… Nein, so soll es bei uns nicht sein. Ich habe Dich nicht verlassen. Ich habe mich nur eine kurze Zeit von Dir entfernt und weiß, daß wir uns Wiedersehen. In einer besseren Zeit, in einem endlichen frieden, in einer Freiheit wie Vögel in der Luft, wie Wolken unter dem Himmel.»Mutter«, verzeih mir, ich mußte es tun. Nicht aus Feigheit, nicht aus Angst, glaub mir, ich wäre bei Dir geblieben, wenn ich nicht eine andere Aufgabe zu erfüllen hätte, von der ich Dir heute noch nichts sagen kann. Aber wenn wir uns wiedersehen, wirst Du mich verstehen, das weiß ich. Wieviel habe ich Dir zu verdanken. Nicht nur das Schreibmaschineschreiben, nicht nur die Kenntnis von Spritzen, Nadeln und Kanülen, von Verbänden und Wundenbehandlung, vom Trost für die Sterbenden und den tröstenden Worten für die Hinterbliebenen. Wie oft habe ich sie geschrieben, die Briefe an die Mütter und Väter, an die Frauen und Kinder. Er ist sanft und ohne Schmerzen eingeschlafen… dabei hat er geschrien und sich an mich geklammert, als sei ich das Leben. Wir haben aus Trost gelogen und fanden, daß es notwendig sei.»Mutter«, ich will jetzt nicht lügen, Dich nicht belügen, der ich soviel im Leben verdanke, vor allem Deine Mutterliebe, in die ich mich in Stunden der Angst und der Reue verkriechen konnte. Bei Dir war ich zu Hause. Bei Dir war ich sicher. Du hattest eine Burg um mich gebaut. Das werde ich Dir ewig danken. Und einmal wird der Tag kommen, an dem ich allen Dank über Dich ausschütten kann und zu Dir Mutter sagen werde.

Frieda… ich stamme nicht aus Lyck in Ostpreußen. Ich bin eine Russin aus Leningrad, heiße Jana Petrowna Ro-gowskaja und bin als falsche Rote-Kreuz-Schwester hinter die deutsche Front eingesickert, um meinen Auftrag zu erfüllen. Nein, ich schwöre Dir, ich bin keine Spionin, ich habe Deine Liebe nicht für die Spionage ausgenutzt, ich habe mit dem Militär nichts zu schaffen, ich habe keinen verraten, bitte glaub es mir. Mehr kann ich Dir heute nicht sagen.