«In Deckung, du Flasche!«schrie ihm Selch zu.»Wir sind nicht im Wagen, wir sind draußen!«
Zu spät. Aus den spitzen Schnauzen der Flugzeuge spuckten die Maschinengewehre und legten eine Naht von Geschossen vor den Waldrand. Ein Schuß einer leichten Bordkanone traf den Suppenkessel und ließ ihn zerplatzen. Weggeworfene Kochgeschirre wirbelten durchlöchert durch die Luft, drei Stahlhelme tanzten im Geschoßhagel über den Boden, und als jetzt, viel zu spät, Wachter mit einem weiten Satz zwischen die Bäume fliehen wollte, bekam er einen gewaltigen Schlag in die linke Schulter. Er taumelte, fiel nach vorn in den Schnee und kroch in den Wald hinein. Dort zerrten ihn drei Fahrer weiter in Deckung… nach einer Wende griffen die Tiefflieger zum zweiten Mal an.
Wachter lag auf dem Bauch und spürte keinen Schmerz. Nur ein heftiges Zittern lief von der Schulter über seinen ganzen Körper, klebrige Feuchtigkeit spürte er auf der Haut. Blut ist das, dachte er. Ja, das ist Blut. Sie haben mich getroffen, verwundet bin ich, die linke Schulter, wie ein Hammerschlag war's, aber es tut nicht weh, nur wie gelähmt bin ich rechts, kann den Arm nicht mehr heben, alles in mir zittert, als läge ich nackt auf Eis.
Seine Zähne schlugen aufeinander, er konnte es nicht verhindern. Er drehte sich auf den Rücken, starrte zum Baum, unter dem er lag, hinauf und staunte, wie weich und ineinander verlaufend alle Konturen waren und der Schnee nicht mehr weiß, sondern bläulich schimmerte. Und dann war da plötzlich das Gesicht von Jana, ganz nahe über ihm, ihre schwarzen Augen voll Sorge, ihr schöner Mund, und sie fragte:»Väterchen, tut's weh? Lieg ganz still, ganz still…«, und dann war das Hämmern der Maschinengewehre wieder um sie, das Klatschen der Geschosse in die Baumstämme und den Boden. Er hörte, wie der Stabsgefreite Hasselmann brüllte:»Diese Säue! Diese Drecksäue! Gibt's kein anderes Ziel als meinen Suppenkessel?«Und dann wieder Janas Kopf, sie sagte Worte, die er nicht verstand, in die hinein er aber flüsterte:»Töchterchen, es geht mir gut. Keine Schmerzen. Alles halb so schlimm…«Und dann hörte er Leysers Stimme:»Sammeln! Die Scheiße ist vorbei. Seht euch das an! Kein Schuß in die Wagen. Das war 'ne Meisterarbeit!«, und dann Janas Stimme:»Wir müssen ihn mitnehmen. Ich kann ihn nur notdürftig verbinden… bis zur nächsten Stadt…«, und wieder Leysers Stimme:»Das ist Schneidemühl…«
Dann spürte er, wie man ihn hochhob, zu einem Wagen trug und auf die Ladeklappe legte. Jemand sagte:»Schneid ihm die Uniform auf…«, plötzlich wurde es kalt an seiner Schulter, Jana sagte irgend etwas, die Augen riß er auf, aber er sah nur Dunkelheit um sich, und dann durchzuckte ihn ein Schmerz, der von der Hirnschale bis zum Zehennagel fuhr. Er schrie auf, vor seinen Augen schien ein Stern zu explodieren, und dann war er im Nichts. Es gab keine Gefühle und kein Denken mehr.
Irgendwann wachte er auf, hörte Geräusche, fühlte unter seinen Fingern Stoff, aber es blieb dunkel um ihn, und er tauchte wieder unter im Nichts. Als es ihm gelang, die Augen aufzureißen und die Erinnerung schlagartig zu ihm zurückkehrte, merkte er, daß er nicht mehr am Waldrand im Schnee lag, auch nicht auf der Ladeklappe eines Lastwagens, sondern in einem Bett, und das Weiß um ihn herum war keine Schneedecke, sondern ein Bettbezug.
Aber Jana war da… ja, ihr Gesicht schwebte wieder über ihm. Sie lächelte ihn an, und er versuchte, zurückzulächeln, und dann hob er den Kopf und erkannte staunend, daß Jana eine andere Uniform trug, nicht mehr die Rote-Kreuz-Tracht, sondern eine grüne weite Bluse, einen langen grünen Rock und an den Füßen derbe Stiefel. Und dann hörte er Leute spre-chen in einer Sprache, die er kannte, die aber nicht hierher gehörte, eine Frauenstimme sprach mit einem Mann russisch, und der Mann antwortete auf russisch: »Sestra, sei gnädig, gib mir noch eine Spritze. So weh tut's mir im Leib…«
Was war das? Was geht um mich herum vor?
«Ja, Töchterchen…«sagte er mühsam mit schwerer, wie verklebter Zunge.»Wo… wo sind wir?«
«In Schneidemühl, Väterchen. Drei Tage hast du geschlafen. Operiert bist du, alles ist gut, nicht steif werden wird dein Arm. Das Schulterblatt wird wieder zusammenwachsen. Ein Geflecht aus Silberdraht haben sie darübergezogen, da wächst der Knochen wieder zusammen. Hast großes Glück gehabt, sagte Dr. Trofim Igorowitsch Fedorenkow. Ein fabelhafter Chirurg ist er.«
«Fedorenkow…«Wachter versuchte, wieder den Kopf etwas zu heben.»Jana, Töchterchen… habe ich einen Fieberwahn? Wo bin ich?«
«Im Lazarett Nr. 3 der sowjetischen 2. Garde-Panzerarmee. Seit zwei Tagen ist Schneidemühl russisch. Väterchen, wir sind bei unseren Brüdern und Schwestern.«
Wachter ließ sich zurück auf das Kissen fallen. Der Schmerz überfiel ihn, nicht vom Rücken her, sondern aus dem Herzen.»Und das Bernsteinzimmer?«fragte er kaum hörbar.
«Ich hoffe, es ist jetzt in Berlin.«
«Ohne… ohne uns…?«
«Väterchen, es ging um dein Leben — «
«Da hättest dabei bleiben müssen, Jana.«
«Väterchen, du warst mir wichtiger.«
«Das Bernsteinzimmer… wir… wir sehen es nicht wieder. Jana… wird haben versagt… nach 226 Jahren hat ein Wachter versagt… Warum habt ihr mich nicht sterben lassen. «Plötzlich weinte er, Tränen rannen über seine zerfurchten Wangen in die Mundwinkel. Mit einem Mulltupfer saugte Jana sie weg.»Wie können wir Nikolaj jemals wieder unter die Augen treten?«
«Bald ist der Krieg zu Ende, Väterchen. «Jana beugte sich über Wachter und trocknete sein Gesicht.»Dann suchen wir es, und wir werden es finden. Wir kennen doch den Weg. Berlin, dann nach Schloß Reinhardsbrunn in Thüringen, von dort in ein Salzbergwerk. Vielleicht sind wir nach dem Krieg die einzigen, die es noch wissen. Väterchen, wir finden das Bernsteinzimmer wieder… und eines Tages steht es wieder im Katharinen-Palast, Nikolaj wird es bewachen und pflegen, und du wirst im Park mit deinen Enkeln spielen und ihnen erzählen, wie Großväterchen von Flugzeugen beschossen wurde, die Narben wirst du ihnen zeigen, und sie werden überall erzählen: Unser Großväterchen ist ein Held der Nation. Stolz werden sie alle auf dich sein.«
«Aber ich schäme mich. «Wachter drehte den Kopf zur Seite.»Geschworen haben wir…«
«Hat Gauleiter Koch nicht auch geschworen: bis zum letzten Mann? Geflohen ist er, schon am 28. Januar, mit allen seinen Leuten, nach Neutief bei Pillau. Dort wartet er jetzt in einem unterirdischen Hauptquartier auf seine weitere Flucht nach Westen. «Jana umfaßte mit beiden Händen Wachters Gesicht und drehte es wieder zu sich herum.»Väterchen, gesprochen habe ich mit dem Genossen Generalleutnant Bogdanow, Kommandeur der 2. Garde-Panzerarmee. Erzählt habe ich ihm alles, habe ihm als Zeugen General Sinowjew genannt. Angerufen hat er Sinowjew, und dann hat Bogdanow gesagt: Das Bernsteinzimmer, hat Lenin gesagt, ist ein Heiligtum der Nation! Verlaßt euch auf Bogdanow. Ich werde euch helfen, wo ich kann…«
«Worte. Worte! Alles nur Worte!«Wachter umklammerte Janas Hände.»Wir hätten bei ihm bleiben müssen. Wo sollen wir es später suchen?«
«Wir kennen seinen Weg, Väterchen. Wir haben seine Spur.«»Eine Spur? Nichts haben wir, Janaschka! Nichts. Du hättest mich auf einer Kiste festbinden müssen!«
«Dann wärst du gestorben…«
«Der einzige Grund, das Bernsteinzimmer zu verlassen, Jana. Der Tod!«
«Klage nicht, Väterchen. Lieg ruhig, sammle Kraft. Wir ziehen weiter mit unseren Soldaten nach Berlin. Der Sieg ist zum
Greifen nahe. Die Spitzen unserer fünften Panzerarmee stehen vor Zehden, nur noch sechzig Kilometer von Berlin entfernt. Wir holen das Bernsteinzimmer ein, Väterchen, wir holen es ein! Nur stark mußt du jetzt wieder werden… Darum bin ich bei dir geblieben.«