«Ich komm da nicht mit, Joe. «Brooks hatte den Kopf geschüttelt.»Was soll das alles? Wülste in eurem Schloß am Meer ein Privatmuseum aufmachen? Und dafür Bilder oder sonstwas klauen?«
«Sicherstellen, Larry. Sicherstellen. Für alle Zeiten…«
«Joe, du hast'n Knall. «Brooks hatte den Kopf zum wiederholten Male geschüttelt.»Wie willst du die Dinge rüber in die Staaten bringen?!«
«Das ist alles nur eine Frage der Organisation. Wenn Schiffsladungen von Kunstgütern über den Teich schwimmen, ist auch 'ne Ecke für uns dabei. Eine kleine Ecke im großen Schiff… Larry, in ein paar Jahren sitzt du in Florida unterm
Sonnenschirm, die süße Dolly neben dir, eine Suite hast du im besten Hotel und bezahlst das alles aus der linken Hosentasche.«
«Das kannst du dir doch schon alles leisten, Joe.«
«Aber du nicht, Larry-Boy! Ein paar Bildchen nur, und du hast ein neues Leben, bist ein anderer Mensch… und hast dir nichts anderes genommen, als was dir als Sieger über die >Krauts< zusteht. Überleg mal.«
«Und wie soll das gehen, Joe?«
«Warten wir ab, was sie da unten entdeckt haben. Und dann spielen wir Hühnchen und picken uns ein paar goldene Körnchen heraus.«
«Und dann?«
«Warten wir weiter ab. «Joe Williams lachte und klopfte Larry auf die Schulter.»Selbst Gott brauchte für die Schöpfung der Welt sechs Tage.«
Die Ankunft von Patton, Bradley und Eisenhower in Merkers war ein kleines militärisches Fest. Die deutschen Armeen befanden sich in Auflösung und kämpften nur noch im Norden, um Berlin und im Ruhrkessel. In Torgau hatten sich amerikanische und sowjetische Generäle die Hand gereicht, die Zj-sammenschnürung Deutschlands war vollendet, die Kapitulation aller deutschen Wehrmachtsverbände war nur eine Frage von Tagen, noch über 300000 Flüchtlinge aus dem Osten mußten in Sicherheit gebracht werden, und Goebbels rief in einer seiner letzten Reden in das verwüstete Land hinein:»…aber wenn wir abtreten, dann soll der Erdkreis erzittern…!«
Das war deutlich genug. Eisenhower kam nicht als Feldherr nach Merkers, sondern als Sieger.
Aber es gab keine Parade, kein Abschreiten einer Ehrenformation. Patton, Bradley und Eisenhower begaben sich sofort in das Verwaltungsgebäude des Salzbergwerkes.
Fred Silverman und Bob Mulligan erwarteten ihn im Zimmer der Direktion. Eberhard Moschik, der Grubendirektor, und einige andere Herren erhoben sich von ihren Stühlen, als die Generäle ins Zimmer traten. Der deutschen Grubenleitung war ab sofort das Betreten des Betriebsgeländes verboten worden. Unter Bewachung, als handele es sich um Kriegsverbrecher, hatte man sie zum Verwaltungsgebäude geführt, das von amerikanischer Militärpolizei, kurz MP genannt, hermetisch abgeriegelt worden war. Den Befehl dazu hatte Silverman kraft einer Vollmacht aus Washington gegeben. Merkers war eine Angelegenheit des Geheimdienstes OSS geworden. Die erste Handlung, die Silverman vorgenommen hatte, war die Beschlagnahme der Lagerlisten des Bergwerkes, in denen, mit preußischer Gründlichkeit, jeder Gegenstand aufgeführt war, der tief unten in den Salzsolen versteckt sein mußte.
Beim Durchlesen dieser Listen hatte sich Silverman hinsetzen müssen. Ihm, dem Kunsthistoriker, war schwindlig geworden.»Mein Gott«, hatte er zu Mulligan gesagt,»das darf nicht wahr sein! Das ist der Fund des Jahrhunderts… dagegen ist das Grabmal des Tutenchamun eine Müllgrube!«
Nach einer kurzen Begrüßung stellte sich Silverman vor. Auch Mulligan machte sich bekannt. Für General Patton waren sie keine Unbekannten, schon bei drei früheren Naziverstecken waren die OSS-Männer tätig geworden und hatten Millionenschätze aus deutschen Museen entdeckt. Ihre Listen für den Geheimdienst waren sensationell.
«Ich schlage vor, General, wir fahren sofort in die Grube ein«, sagte Silverman ohne lange Vorreden.»Das, was wir hier vorfinden, kann man nicht erklären, das muß man sehen und dann die Lagerlisten lesen. Ich habe ja bereits gemeldet, daß es so etwas noch nicht gegeben hat.«
«Da bin ich wirklich gespannt. «Eisenhower, mit Mütze und in einem leichten Mantel, sah sich um. Die Generäle Patton und Bradley trugen ihre Helme mit den vier großen Sternen auf der Stirnseite. Sie nickten ihrem obersten Chef zu.
«Mister Platow wird uns führen. «Silverman zeigte auf einen mittelgroßen, stämmigen Mann, der in der Gruppe der Grubenleitung stand. Da alle Deutschen vorläufig verhaftet worden waren und ihr ferneres Schicksal nicht kannten, war auch er abwartend, vorsichtig und bedrückt.
«Vortreten!«befahl Silverman auf deutsch.
Grubeninspektor Johannes Platow trat zwei Schritte vor. E-senhower musterte ihn kurz und wandte sich dann ab.»Gehört er zu den Kriegsverbrechern?«fragte er.
«No, Sir. «Silverman versuchte ein knappes Lächeln.»Dann hätte ich ihn nicht mit Mister angeredet…«
Zwanzig Minuten später waren die Generäle, Silverman, Mulligan, vier andere Offiziere und drei MPs in den Schacht eingefahren. Auf der Sohle in 450 Meter Tiefe verließen sie den Förderkorb und betraten nach einem kurzen, hervorragend ausgebauten Tunnelgang die Lagerstätte. Johannes Platow ging voraus und winkte mit seiner Grubenlampe. Die drei Militärpolizisten und zwei Lieutenants, denen man auch eine Grubenlampe in die Hände gedrückt hatte, folgten ihm und verteilten sich. Sie hoben die Grubenlampen hoch und verstummten wie in Ehrfurcht.
«Okay!«sagte Silverman.»Bitte, Sir — «
Die Generäle traten ein. Vor ihnen lag eine riesige Halle, die an ein mächtiges Domgewölbe erinnerte. Kristallen schimmerte es von den Wänden, der Boden war eben, zum Teil mit Brettern belegt, zum Teil nackter, geglätteter Fels.
Über zwei Drittel der Halle waren vollgestellt mit Kisten, Kartons, Säcken, stählernen Behältern und hier unten angefertigten Verschlagen.
Ein paar Kisten und Säcke waren von Silverman und seinen Helfern aufgebrochen und aufgeschnürt worden, und der n halt lag nun, wie in einer Schaufensterauslage, vor ihnen. Altrussisches Silbergeschirr, ägyptische Plastiken, Gemälde und breite, geschnitzte Goldrahmen, goldene russische Kirchenleuchter, Banknoten, Goldmünzen, Goldbarren, edelsteinbesetzte Inka-Masken. Ein Berg von Schmuck mit funkelnden Diamanten, eine Sammlung antiken Glases, ein aufgerollter flämischer Gobelin… im Schein der Grubenlampen war es, als wolle sich das Märchen vorn Sesam-öffne-dich wiederholen und ihnen allen Reichtum der Welt zu Füßen legen.
Fassungslos stand Eisenhower vor diesen Schätzen. Hinter ihm starrten Patton und Bradley stumm vor Staunen in die
Halle hinein.
«Jesus — «sagte Eisenhower leise, ging einen Schritt weiter und stellte sich auf die Schienen der schmalen Transportbahn, die bis zum Ende der Halle verlegt waren. Vor ihm lagen Tausende von Säcken, jeder korrekt mit einem Schild an der Schnürstelle, auf dem der Inhalt angegeben war. Auf der linken Seite lagerten die Kisten, schnurgerade aufgestellt.»Jesus… das ist unglaublich. Captain, das sind alles Kunstschätze?«
«Alles, Sir. «Silverman hatte die Listen in der Hand und las daraus vor. Mulligan hielt die Grubenlampe über ihn.»Ich gebe nur ein paar Beispiele. In dieser 450-Meter-Sohle lagern — «er zeigte auf die Sackreihen —»nach der sichergestellten Liste, die wir noch überprüfen müssen, folgende Werte, die fast das gesamte deutsche Reichsvermögen ausmachen: Deutsches Papiergeld im Wert von 187 Millionen Dollar, 110 000 britische Pfund, 4 Millionen norwegische Kronen, 89 000 französische Francs und — «er sah kurz zu Eisenhower hin, — »238 Millionen Dollar in purem Gold! Auf der anderen Seite sehen Sie über 3000 Kisten mit dem Inhalt unschätzbarer Kunstwerke aus 15 Berliner Museen, aus Weimar, Reinhardsbrunn, Königsberg und vielen anderen Museen. In einigen Nebenräumen lagern noch Kisten mit russischen Ikonen, unersetzlichen Monstranzen, drei Pharaonenstatuen, handgeschriebenen Klosterbibliotheken und einer ganzen Bibliothek mit in Silberplatten gebundenen Büchern, edelsteinverziert. «Silverman machte eine spannungssteigernde Sprechpause, ehe er fortfuhr.»Wir alle kennen Rembrandts berühmtes Gemälde >Der Mann mit dem Goldhelm<. Jeder kennt die >Vier Apostel< von Albrecht Dürer. Und es gibt keinen, der sie nicht von Millionen Nachbildungen her kennt: die Büste der Nofretete. Hier, Sir — «Silverman machte eine weite Handbewegung —»hier lagern sie!«»Jesus!«sagte Eisenhower noch einmal, und diesmal war Erschütterung in seiner Stimme.»Dieser Tag wird in die Historie eingehen! Captain, ich möchte mir das näher ansehen. «Johannes Platow und Silverman führten Eisenhower, Patton und Bradley durch die Riesenhalle und einige Nebenräume.