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Sie sahen Gemälde, die man nur aus Kunstbüchern kannte, sie legten Bild nach Bild nur einer Kiste um und wußten, daß allein diese eine Kiste Millionen Dollar wert war, sie kauerten sich vor die großen Koffer mit den Monstranzen und hoben die Ikonen der berühmten Nowgoroder Schule in den Schein der Grubenlampen. Und sie sprachen kaum ein Wort, und wenn sie etwas sagten, redeten sie mit gedämpfter Stimme, als seien sie in einer Kirche. Auch Kunst kann stumm machen.

Bei einem Stapel von zwanzig gefirnißten Kisten mit dicken Eisenschlössern, denen man an den abgestoßenen Ecken ansah, daß sie schon oft herumtransportiert worden waren, blieb Silverman stehen. Jetzt wurde sogar seine forsche Stimme etwas stiller, ja fast feierlich.

«Auf den Kisten steht >Wasserbaubehörde Königsbergs «sagte er.»Und sie haben alle einen roten Punkt. Wir waren erstaunt, da auch in der Liste genau diese Bezeichnung steht. Wieso lagert man Behördenakten ein? Eine Tarnung für geheime Reichssachen? Akten der SS oder des Außenministeriums? Unterlagen aus Hitlers Parteikanzlei? Alle Kunstwerte sind detailliert aufgeführt, und nun zwanzig Kisten einer Behörde? Das machte mich besonders neugierig, und ich habe eine Kiste aufbrechen lassen. Nur eine, Sir… die anderen wage ich nicht anzurühren. Geschützt durch Kissen, Federbetten und Decken kam das hier zum Vorschein. «Er nahm mit Hilfe von Mulligan und zwei MPs einen der schweren Deckel von der Kiste und winkte. Die Grubenlampen wurden hingehalten. Golden, in allen Farben, vom hellsten Gelb bis zum Schwarzbraun, schimmerte eine Wandtafel aus Bernstein: Mosaike und Schnitzereien, Girlanden und Rosetten, und umgeben von einem besonders prächtig geschnitzten Rahmen aus Bernstein ein geschliffener venezianischer Spiegel.»Das Bernsteinzimmer von Zar Peter dem Großen aus dem KatharinenPalast von Zarskoje Selo, jetzt Puschkin, in der Vollendung des Hofarchitekten der Zarin Elisabeth, dem Italiener Rastrel-li. «Silverman hielt den Atem an, ehe er fortfuhr:»Sir… Sie stehen vor einem der größten Wunderwerke der Kunst. Lenin nannte es ein nationales Heiligtum… ein Heiligtum des russischen Volkes.«

«Wieviel Dollar?«fragte Patton nüchtern, während Eisenhower voll Ehrfurcht schwieg.

«Unschätzbar, Sir. Dafür gibt es keine Wertangabe mehr. Wer könnte sagen, was die Sixtinische Madonna kostet?«

«Und so was fällt in unsere Hand«, sagte Eisenhower leise. Mulligan und die beiden MPs stellten den Kistendeckel wieder vor die Wandtafel.»Das darf keinen Tag länger mehr hier lagern. Das muß sofort, ich sage sofort, in Sicherheit gebracht werden. Captain, alle diese Schätze hier sind auf schnellstem Wege nach Frankfurt zu bringen, in das Gebäude der Deutschen Reichsbank. Die Tresore dieser Bank sind erhalten geblieben. Die Gemälde, Figuren und die anderen Kunstgegenstände kommen in den Central Collecting Point Wiesbaden (Zentrale Kunstsammelstelle der US-Streitkräfte in Wiesbaden) und bleiben dort, bis über die Kunstbeute entschieden wird. Patton — «

«Sir?«General Patton hob den Kopf.

«Sie sorgen für die nötige Sicherheit der Transporte. Schärfste Bewachung. Es könnte zu Sabotageakten oder Überfällen kommen. Ich vermute, daß wir genau beobachtet werden.«

«Es wird nichts passieren, Sir. «Patton lächelte breit.»Es wird sein, als verlagere man den amerikanischen Goldschatz aus Fort Knox.«

Nach dem Abflug der Generäle kamen Joe Williams und Larry Brooks wieder zusammen. In der Kantine des Transportbataillons saßen sie sich bei Kaffee und Schokoladenkuchen gegenüber, rauchten eine Lucky Strike, und Joe kam auf das alte Thema zurück, daß auch der kleine Soldat der Sieger sei und seinen Anteil haben müßte. Sogar Vergleiche zog er, der kluge Junge:

«Denk an Alexander den Großen, Larry-Boy«, sagte er.»Als der Persien eroberte, überließ er die Städte seinen Soldaten, und die konnten sich nehmen, was sie wollten. Auch die Frauen… Junge, das waren noch Zeiten!«Er beugte sich über den Tisch vor und senkte seine Stimme zu einem Flüstern.»Ich habe gehört, daß wir in den nächsten Tagen den ganzen

Reichtum wegbringen sollen. Vierhundert Tonnen Kunst… da fallen ein paar Pfund weniger nicht auf. Laß das mal Joe machen.«

Nach Eisenhowers Besuch wurde das Bergwerk zur Besichtigung für die amerikanischen Offiziere und die niedrigen Dienstgrade freigegeben. Mit der Sorglosigkeit und Unkompliziertheit der Amerikaner stöberten die Besucher zwischen den Kisten und Kartons, Koffern und Verschalungen herum, rissen Bretter heraus, schlitzten Kartons auf, wühlten zwischen den Ikonen und Gemälden, den Silbergeschirren und Steinskulpturen, den Exponaten der ostasiatischen Sammlungen und ägyptischen Ausgrabungen. Nie ist darüber gesprochen worden und nie hat man gegen irgendwelche Personen ermittelt, aber als am 14. April auf Befehl von General Patton die erste schwere Truck-Kolonne mit den Kunstschätzen des Bergwerks Kaiseroda II/III von Merkers beladen wurde, waren eine Menge Kisten aufgebrochen und unersetzliche Kunstwerke einfach verschwunden. Es war nicht anders als bei dem anderen ungeheueren Kunstfund im Bergwerk Grasleben, das am 12. April von den Amerikanern erobert und später am 1. Juni 1945 an die Engländer übergeben wurde. In einem Top-Secret-Bericht der Engländer hieß es:»In allen aufgesuchten Lagerstätten sind verschiedene Kisten von den Investigators des CIC zu Anfang der Besetzung aufgebrochen und mit halb herausgezerrtem Inhalt zurückgelassen worden. In Grasleben waren von den 6800 Kisten mehr als die Hälfte offen, als sie später herausgeholt wurden…«

Am 14. April fuhr der erste Truck-Konvoi aus Merkers weg in Richtung Frankfurt. Patton hatte sein Versprechen gehalten: Der Transport war gesichert wie noch nie ein Konvoi vorher. Die 29 riesigen Lastwagen waren bewacht von fünf Zügen Infanterie, zehn mobilen Flakgeschützen und zwei MG-Trupps. Über der Kolonne kreisten drei Beobachtungsflugzeuge, und zwei Mustang-Bomber überflogen immer wieder die Trucks, um einzugreifen, wenn der» Werwolf«, die von den Amerikanern so gefürchtete deutsche Partisanenbewegung, den Transport überfallen sollte.

Die letzten drei Wagen wurden von Larry, Joe und einem farbigen GI gefahren, der, wie viele Schwarze, den biblischen Vornamen Noah trug. Es war eine langweilige Fahrt durch das zerstörte deutsche Land, durch Felder und Wälder und Dörfer, durch Städte, in deren Fenstern noch die weißen Fahnen hingen und wo lange Menschenschlangen an den Lebensmittelausgaben standen. Um Schokolade bettelnde Kinder rannten neben den Lastwagen her, und abends, bei der Rast an Stadträndern vor allem, strichen deutsche Mädchen um die Kolonne herum, um sich für Butter, Zucker, Mehl, gebratene Hähnchen oder eine Stange Zigaretten anzubieten. Zwar hieß Eisenhowers Befehclass="underline" No fraternization — aber wer konnte den deutschen» Fräuleins «widerstehen? Mary, June und Anny waren weit weg, tausend Meilen übern großen Teich…

Larry und Joe waren mit sich zufrieden. Unter den Sitzen ihrer Trucks und den stählernen Ersatzteilkisten an den Seiten lagen bei Larry sieben Ikonen, vier alte, aus purem Silber getriebene, einzigartige russische Leuchter und ein aus dem Rahmen geschnittenes, zusammengerolltes Gemälde, das mit van Dyck signiert war. Joe transportierte in seinem Wagen zwei altrussische dreiflügelige Altar-Ikonen, zwei assyrische Steinmasken, ein Gemälde von Caravaggio, ein Gemälde von Tizian, einen kleinen Koffer voll altägyptischem Goldschmuck und die von Alexander von Humboldt dem Berliner Museum für Völkerkunde geschenkte, in der gesamten Kunstwelt berühmte Serpentinscheibe mit dem Sonnengott der Inkas. Noah, der den dritten Wagen am Ende fuhr, hatte nichts in den Kästen oder unter dem Sitz. Ihn interessierte nicht, was er da durch die Gegend fuhr… für ihn war wichtig, daß ein deutsches» Fräulein«, ein wonderful weißes Mädchen, nur eine Stange Chesterfield oder ein halbes Pfund Butter zusätzlich einem halben Hähnchen kostete.