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Sie fuhren durch das Land, stellten Noahs Truck hinter einer einsam am Feldrand stehenden, leeren, verfallenen Scheune ab und kehrten dann zum Taufstein zurück.

Zwei Monate später, im Juni, als der Krieg schon sechs Wochen zu Ende war, meldeten Einwohner von Kronberg im Taunus, daß auf einer Waldschneise seit etwa drei Wochen zwei amerikanische Lastwagen parkten. Ohne Fahrer. Das wäre doch merkwürdig. Ein Jeep mit vier MPs raste zur Fundstelle, sie untersuchten die Trucks, stellten erstaunt fest, daß die Tanks noch halb voll waren, und fuhren sie nach Frankfurt zum Hauptquartier. Dort stellte man anhand der Nummern sehr schnell fest, daß sie zu einer Transportstaffel der 3. Armee gehört hatten und in der Liste der Verluste am 16. April als vermißt eingetragen waren. Bemerkung: Voraussichtlich Überfall des» Werwolfs«. Die Sache deckte sich mit der Meldung über den erschossenen GI Noah Rawlings und dessen später aufgefundenen Wagen.

Der Fall wurde abgehakt und mit einer Randbemerkung geschlossen. Joe Williams und Larry Brooks waren zwar verschwunden, aber nach Lage der Dinge konnten sie nicht mehr leben. Der zuständige Offizier in der 3. Armee erklärte sie für tot und ließ die Angehörigen verständigen.

Larrys Eltern weinten, obgleich sich Larry in den letzten Jahren kaum bei ihnen hatte sehen lassen. Der alte Williams ließ auf dem Friedhof von Whitesands eine große Marmorsäule zum Gedächtnis an seinen Sohn errichten und mit militärischen Ehren und Salutschüssen einweihen. Sein Ansehen als Vater eines Helden stieg noch mehr. Nur Mrs. Williams, die zeit ihres Lebens glaubte, ihr Mann handele wirklich mit Baumwolle und Erdnüssen, nur ihr Sohn sei das große Sorgenkind, sagte tapfer:

«Wer weiß, wofür es gut ist. Joe war ein so ganz anderer Mensch als wir…«

Um diese Zeit lebten Larry und Joe mit gekauften gefälschten Pässen sorglos in Frankfurt, bauten in der Moselstraße ein vormals halbzerstörtes Haus auf und gründeten ein StripteaseLokal mit Bar und drei Etagen Einzelzimmer. Es war ein Edelbordell, eines der ersten nach Kriegsende und deshalb eine Goldgrube. Vor allem die GIs standen Schlange, die Deutschen hatten kaum Geld dafür, denn ein anständiger Fick hatte den Gegenwert von einem Pfund Kaffee, und das kostete 1947 pure 500 Reichsmark. Dafür kauften sich die Deutschen lieber Butter, Speck, einen Braten oder eben Kaffee. Die Dollars aber, welche die GIs den Mädchen zwischen die Titten drückten, waren hartes, gutes Geld.

Ende 1947 funktionierte der Postverkehr mit den USA wieder reibungslos. Die besiegten» Krauts «erwiesen sich nach einer Entnazifizierungswelle als durchaus ernstzunehmende Mitmenschen, während man die ehemaligen Kriegsverbündeten, die Russen, nur noch mit der Zange anpacken wollte, was den Mitsiegern schweres Kopfzerbrechen bescherte und Churchill zu der Bemerkung hinreißen ließ:»Wir haben die falsche Kuh geschlachtet«. Genau am 10. November schickte Joe Williams einen kleinen Brief an seinen Daddy mit der lapidaren Mittei-lung:

Lieber Dad,

Dein Joe lebt. Für heute nicht mehr. Du hörst bald von mir Genaueres. Warte und frage nicht. Dein Jonnyboy.

In Whitesands schlug der Brief wie eine Bombe ein, aber man verhielt sich still. Der alte Williams sprach nicht darüber. Mrs. Williams begann in der von ihnen gestifteten Kirche jeden Tag zu beten, die Marmorsäule blieb stehen und wurde wie bisher mit frischen Blumen geschmückt. Aber sonst hielt sich der Alte einen Teufel an die Bitte seines Sohnes. Er machte einen umfangreichen Apparat von Privatdetektiven und Agenten mobil, ließ seine Beziehungen spielen und kurbelte eine Suchaktion ohne Beispiel an.

Umsonst. Joe, der seinen Vater genau kannte, hatte den Brief natürlich nicht in Frankfurt zur Post gegeben, sondern war extra dafür nach Hamburg gefahren und hatte ihn dort in den Kasten der Bahnpost gesteckt. Hamburg aber war englisch besetztes Gebiet… die Suche des alten Williams lief sich tot. Larry verzichtete auf Nachricht. Die wäre auch nie angekommen — sein Vater, der Leichenwäscher, starb an Kehlkopfkrebs, ihm folgte Anfang 1947 Larrys Mutter an Herzversagen. Seit Larrys Todesnachricht war sie immer weniger geworden, wie eine abbrennende Kerze. Der Tod ihres Mannes blies die Kerze aus.

Die verschüttete Höhle im Vogelsberg-Gebiet war bis jetzt nicht entdeckt worden. Der Eingang war in den beiden Jahren zugewachsen, die Höhle lag sowieso an einer Stelle, an die kaum ein Wanderer kam und die auch für das Forstamt uninteressant war. Die krüppeligen Bäume lohnten keinen Holzeinschlag.

Das Bordell in Frankfurt blühte. Brooks und Williams waren zufrieden. Sie hatten Zeit, und die Zeit half ihnen. Das Bernsteinzimmer geriet in Vergessenheit. Wichtigere Probleme bestimmten das Geschehen: der Aufbau Europas.

Das Bernsteinzimmer nahm ihnen keiner mehr weg.

Kleine Irrtümer merkt man gleich, große Irrtümer bedürfen der Reifung.

Vieles hatte sich geändert seit dem Tag im Jahre 1945, an dem Michael Wachter und Jana Petrowna am Eingang von Reinhardsbrunn standen und dann mit einem vom Ortskommandanten geliehenen Jeep resignierend zurückgefahren waren. Die letzte Spur hatte ihnen eine alte Köchin des Schlosses gegeben: In den Bogengängen unter dem Ahnensaal des Schlosses hätten Anfang 1945 zwanzig große Kisten gelagert. Im Schloß erzählte man sich, daß sie aus Königsberg stammten, wie es ja auch auf den Deckeln stand: Wasserbaubehörde Königsberg, aber daß sie nichts mit einer Behörde zu tun hatten, sondern das berühmte Bernsteinzimmer enthielten. Und weiter erfuhr Wachter von der Köchin, daß die Kisten später in das weitverzweigte unterirdische Bunkersystem des neuen Führerhauptquartiers» Wolfsturm «gebracht werden sollten oder nach Saalfeld. Dort hatte Gauleiter Koch nach seiner Flucht aus Königsberg über Pillau sein neues eigenes Hauptquartier aufschlagen wollen… einerseits, um in der Nähe seines Führers zu sein und damit in Bormanns Nähe, andererseits, um» sein «Bernsteinzimmer nicht aus den Augen zu verlieren. Hitlers und Kochs Pläne wurden durch den schnellen Vormarsch der Amerikaner und der Russen vereitelt — die unterirdischen Anlagen wurden nie bezogen. Aber die zwanzig Kisten, so erzählte die Köchin, waren noch da gewesen, im Bogengang. Dann kamen zwei große Lastwagen mit dem Roten Kreuz und der Rote-Kreuz-Fahne, luden die Kisten auf und fuhren davon. Wohin, das wußte sie nicht, das wußte niemand. Auffällig war nur, daß die Rote-Kreuz-Wagen von SS-Offizieren gefahren wurden. Hohen Offizieren, sagte die Köchin. Sie habe gehört, wie ein Soldat, stramm stehend, gerufen hatte:»Jawoll, Herr Standartenführer. «Wachter und Jana waren sofort nach Saalfeld gefahren, aber in Saalfeld waren die Kisten nie angekommen. Die Spur verrann wie ein Wassertropfen in der Wüste.

«Es ist in der Nähe«, hatte Wachter zu dem Ortskommandanten von Friedrichroda, zu dem Schloß Reinhardsbrunn gehörte, gesagt.»Ich wittere es wie ein Wolf! Es ist hier… im weiten Umkreis… aber es ist da! Irgendwo haben sie es versteckt.«

Der Kommandant, ein Oberstleutnant der 3. US-Armee, sah an Wachter und Jana vorbei an die Wand, an der ein Bild des seit kurzem zum US-Präsidenten gewählten Harry S. Truman hing. Jana, die ihn aufmerksam beobachtete und in seinem Gesicht zu lesen schien, sagte plötzlich:

«Sie wissen mehr, als Sie uns sagen. Was wissen Sie mehr?«Sie sprachen deutsch miteinander, und trotz der zwölf Jahre, die zwischen der Auswanderung und der Rückkehr des Oberstleutnants lagen, hörte man noch den schwäbischen Zungenschlag heraus.»Ich habe Ihnen nichts zu sagen…«

«Das mag sein… aber Sie wissen mehr. «Wachter griff in seine Rocktasche. Der viel zu weite Anzug schlotterte um seinen Körper. Ein Papier holte er heraus, das in vier Sprachen abgefaßt war… in deutsch, englisch, französisch und russisch. Es bat alle Besatzungsmächte, dem Michail Wachterowskij bei der Suche nach dem Bernsteinzimmer mit allen Mitteln behilflich zu sein. Dann folgte eine Beschreibung, was das Bernsteinzimmer überhaupt war und daß es die Nazis aus Puschkin gestohlen hatten. Der US-Oberstleutnant winkte ab und nahm das Schreiben gar nicht in die Hand.