Spalko schob seine Hand weg.»Behalten Sie’s noch, Peter, zumindest für eine kleine Weile.«
Dr. Sidos Brillengläser blitzten.»Aber Sie haben gesagt, dass Sie’s jetzt brauchen — sofort. Wie ich Ihnen erklärt habe, lebt das Material nur achtundvierzig Stunden lang, nachdem es im Transportbehälter verpackt ist.«
«Darüber bin ich mir im Klaren.«
«Stepan, das verstehe ich nicht. Ich habe viel riskiert, indem ich’s Ihnen während der Arbeitszeit aus der Klinik gebracht habe. Jetzt muss ich dringend zurück, sonst.«
Spalko lächelte und packte Sidos Ellbogen zugleich noch fester.»Sie gehen nicht zurück, Peter.«
«Was?«
«Entschuldigung, dass ich das noch nicht früher erwähnt habe, aber… nun, für das Geld, das ich Ihnen zahle, will ich mehr als nur das Produkt. Ich will Sie.«
Der Wissenschaftler schüttelte den Kopf.»Aber das ist unmöglich. Das wissen Sie!«
«Nichts ist unmöglich, Peter.«
«Nun, das schon«, sagte Dr. Sido unnachgiebig.
Mit charmantem Lächeln zog Spalko ein Foto aus der Innentasche seines Mantels.»Wie lautet die Redensart über den Wert eines Bildes gleich wieder?«, fragte er, indem er ihm das Foto in die Hand drückte.
Dr. Sido starrte es zwanghaft schluckend an.»Woher haben Sie diese Aufnahme von meiner Tochter?«
Spalkos Lächeln blieb unverändert.»Einer meiner Leute hat sie gemacht, Peter. Sehen Sie sich das Datum an.«
«Das war gestern. «Ein plötzlicher Krampf erfasste ihn, und er zerriss das Bild in kleine Schnitzel.»Digitalfotos kann man heutzutage raffiniert bearbeiten«, sagte er mit versteinerter Miene.
«Wie wahr«, sagte Spalko.»Aber ich versichere Ihnen, dass dieses nicht bearbeitet ist.«
«Lügner! Ich gehe jetzt!«, sagte Dr. Sido.»Lassen Sie mich los.«
Spalko befolgte seine Aufforderung, aber als Sido sich entfernen wollte, fragte er:»Sie sollten mit Rosa sprechen, Peter. «Er hielt ihm ein Handy hin.»Gleich jetzt, meine ich.«
Dr. Sido blieb wie angenagelt stehen. Dann drehte er sich langsam nach Spalko um. Sein Gesicht war dunkel vor Zorn und kaum unterdrückter Angst.»Sie haben gesagt, Sie seien ein Freund von Felix. Ich dachte, Sie wären mein Freund.«
Spalko hielt ihm weiter das Handy hin.»Rosa möchte Sie dringend sprechen. Wenn Sie jetzt weggehen…«Er zuckte mit den Schultern. Sein Schweigen war eine offene Drohung.
Sido kam langsam, mit schwerem Schritt zurück. Er nahm das Telefon mit der freien Hand entgegen, hielt es an sein Ohr. Sein Herz hämmerte so laut, dass er kaum einen klaren Gedanken fassen konnte.»Rosa?«
«Vati? Vati! Wo bin ich? Was ist passiert?«
Die Panik in der Stimme seiner Tochter durchbohrte Sido wie eine glühende Klinge. Er konnte sich nicht entsinnen, jemals solche Angst empfunden zu haben.
«Liebling, was ist mit dir?«
«Männer sind in mein Zimmer gekommen, sie haben mich verschleppt, ich weiß nicht, wohin, sie haben mir eine Kapuze über den Kopf gestülpt, sie.«
«Das reicht«, entschied Spalko und nahm dem Wissenschaftler das Handy aus den kraftlosen Fingern. Er trennte die Verbindung und steckte das Handy ein.
«Was haben Sie ihr angetan?«Dr. Sidos Stimme zitterte von der Gewalt der Emotionen, die ihn durchfluteten.
«Noch nichts«, sagte Spalko leichthin.»Und ihr passiert auch nichts, Peter, solange Sie mir gehorchen.«
Dr. Sido schluckte, als Spalko wieder von ihm Besitz ergriff.»Wohin… wohin bringen Sie mich?«
«Wir machen eine kleine Reise«, sagte Spalko, während er ihn zu der wartenden Limousine führte.»Stellen Sie sich einfach vor, Sie machten Urlaub, Peter. Einen wohl verdienten Urlaub.«
Kapitel vierundzwanzig
Die Klinik Eurocenter Bio-I befand sich in einem modernen Gebäude mit bleigrauer Steinfassade. Bourne betrat sie mit dem flotten, selbstbewussten Schritt eines Mannes, der weiß, wohin er unterwegs ist und warum.
Das Innere der Klinik sprach von Geld, von viel Geld. Das Foyer war in Marmor gehalten. Zwischen klassizistischen Säulen standen Bronzestatuen. In die Wände waren bogenförmige Nischen eingelassen, in denen Büsten von historischen Halbgöttern aus Biologie, Chemie, Mikrobiologie und Epidemiologie aufgestellt waren. In dieser friedlichen, luxuriösen Umgebung fiel der hässliche Metalldetektor besonders störend auf. Hinter der skelettartigen Struktur stand die hohe Theke der Rezeption, die mit drei gestresst wirkenden Empfangsdamen besetzt war.
Bourne passierte den Metalldetektor ohne Zwischenfall, weil das Gerät seine Keramikpistole nicht erfasste. An der Rezeption kam er sofort zur Sache.
«Alexander Conklin. Ich möchte zu Dr. Peter Sido«, sagte er so forsch, dass es fast wie ein Befehl klang.
«Ihren Ausweis bitte, Mr. Conklin«, sagte eine der Empfangsdamen, die unwillkürlich auf seinen Tonfall reagierte und sich etwas aufrechter hinsetzte.
Bourne legte ihr seinen falschen Pass hin, dessen Foto die Empfangsdame kurz mit seinem Gesicht verglich, um seine Identität zu prüfen, bevor sie ihn Bourne zurück-reichte. Dann gab sie ihm einen weißen Besucherausweis.»Den tragen Sie bitte ständig, Mr. Conklin. «Bournes Tonfall und Benehmen waren so selbstsicher, dass sie gar nicht fragte, ob Sido ihn erwartete, sondern voraussetzte,»Mr. Conklin «habe einen Termin bei Dr. Sido. Sie erklärte dem neuen Besucher, wohin er gehen musste, und Bourne machte sich auf den Weg.
«Für seine Abteilung sind spezielle Ausweise vorgeschrieben: weiße für Besucher, grüne für angestellte Arzte, blaue für Assistenten und sonstige Mitarbeiter«, hatte Eszti Sido ihm erzählt, deshalb musste er nun als Erstes versuchen, einen geeigneten Angestellten zu finden.
Auf dem Weg zur Abteilung Epidemiologie begegnete er vier Männern, von denen jedoch keiner dem richtigen Typus entsprach. Er brauchte jemanden ungefähr in seiner Größe.
Unterwegs öffnete er jede Tür, die nicht in ein Büro oder Labor führte, und hielt Ausschau nach einem Lagerraum oder dergleichen, in den das Klinikpersonal nicht oft kommen würde. Das Reinigungspersonal machte ihm keine Sorgen, weil es vermutlich erst abends anrücken würde.
Endlich sah er einen Mann in der richtigen Größe und mit dem richtigen Gewicht auf sich zukommen. An seinem weißen Labormantel trug er einen grünen Dienstausweis, der ihn als Dr. Lenz Morintz identifizierte.
«Entschuldigung, Dr. Morintz«, sagte Bourne verlegen lächelnd.»Könnten Sie mir erklären, wie ich zur Abteilung Mikrobiologie komme? Ich habe mich verlaufen, fürchte ich.«
«Das haben Sie allerdings«, sagte Dr. Morintz.»Hier kommen Sie geradewegs zur Abteilung Epidemiologie.«
«Du liebe Güte«, sagte Bourne.»Da habe ich mich wirklich verlaufen.«
«Keine Sorge«, sagte Dr. Morintz.»Ich erkläre Ihnen, wie Sie gehen müssen.«
Als der Bakteriologe sich umdrehte, um Bourne den Weg zu zeigen, traf ihn ein Handkantenschlag, der ihn zusammenklappen ließ. Bourne fing ihn auf, bevor er den Boden berührte. Indem er ihn mehr oder weniger aufrichtete und halb trug, schleppte er Dr. Morintz in den nächsten Lagerraum zurück und ignorierte dabei den brennenden Schmerz in seinen gebrochenen Rippen.
Drinnen machte Bourne Licht, schlüpfte aus seiner Lederjacke und stopfte sie in ein Regal. Dann zog er Dr. Morintz den Labormantel mitsamt dem daran befestigten Dienstausweis aus. Mit dem hier lagernden Verbandmaterial fesselte er dem Doktor die Beine, band ihm die Hände auf dem Rücken zusammen und klebte ihm den Mund mit einem Streifen Heftpflaster zu. Dann schleppte er den Bewusstlosen in eine Ecke und verstaute ihn hinter einigen großen Kartons. Nach einem abschließenden Blick in die Runde ging er zur Tür zurück, machte das Licht aus und trat auf den Korridor hinaus.