«Darüber habe ich schon nachgedacht«, sagte Bourne.»Es wird Zeit, dass wir meinen Zustand zu unserem Vorteil ausnützen.«
Sie durchquerten den Haupttrakt des Hotels, ohne aufgehalten zu werden und überquerten einen dekorativen Innenhof mit streng geometrischen Kieswegen, sorgfältig getrimmten immergrünen Pflanzen und futuristisch aussehenden Steinbänken. Auf der anderen Seite lag das Kongressforum. Drinnen stiegen sie drei Treppen hinunter. Chan schaltete das Notebook ein und rief die Pläne der Klimaanlage auf, damit sie sich gemeinsam davon überzeugen konnten, dass sie auf der richtigen Ebene waren.
«Nach links«, sagte Chan und klappte das Notebook zu, bevor sie weitergingen.
Aber sie waren kaum dreißig Meter vom Treppenhaus entfernt, als eine scharfe Stimme sagte:»Keinen Schritt weiter, sonst seid ihr beide tot.«
Die tschetschenischen Aufständischen warteten auf dem Boden des senkrechten Lüftungsschachts: zusammengekauert, sorgenvoll, ihre Nerven bis zum Zerreißen angespannt. Auf diesen Augenblick hatten sie seit Monaten gewartet. Sie waren gut vorbereitet und fieberten danach, ihren Auftrag auszuführen. Die fast unerträgliche Spannung ließ sie ebenso zittern wie die kalte Luft, die mehr und mehr abgekühlt war, je tiefer sie unter das Hotel gelangt waren. Um den zentralen Verteiler der Klimaanlage zu erreichen, brauchten sie nur noch durch einen kurzen waagrechten Schacht zu kriechen — aber zwischen ihnen und ihrem Ziel hielten Sicherheitsbeamte auf dem Korridor vor den Lüftungsgittern Wache. Solange sie ihren Posten nicht zu einem Streifengang verließen, konnten die Tschetschenen nicht weiter.
Achmed sah auf seine Uhr und stellte fest, dass ihnen nur noch vierzehn Minuten blieben, um ihren Auftrag auszuführen und zu dem Wagen zurückzukehren. Schweiß stand ihm auf der Stirn, sammelte sich unter seinen Armen, lief ihm über die Puppen und ließ seine Haut brennen. Sein Mund war trocken, seine Atmung flach. So war’s auf dem Höhepunkt eines Einsatzes immer. Sein Herz jagte, sein ganzer Körper vibrierte. Er kochte noch immer vor Wut über Arsenows Zurechtweisung, die doppelt kränkend gewesen war, weil alle sie gehört hatten. Während er angestrengt nach draußen horchte, starrte er Arsenow mit Verachtung im Herzen an. Seit jener Nacht in Nairobi hatte er jegliche Achtung vor Arsenow eingebüßt — nicht nur, weil Sina ihm Hörner aufsetzte, sondern weil er nichts davon ahnte. Achmeds wulstige Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Er genoss es, diese Macht über Arsenow zu besitzen.
Endlich hörte Achmed, wie die Stimmen sich entfernten. Er schnellte hoch, hatte es nun eilig, seinen Auftrag zu erfüllen, aber Arsenows kräftiger Arm hielt ihn schmerzhaft zurück.
«Noch nicht. «Arsenow funkelte ihn an.
«Sie sind weg«, sagte Achmed.»Wir vergeuden Zeit.«
«Wir gehen, wenn ich es befehle.«
Dieser weitere Affront war zu viel für Achmed. Er spuckte mit verächtlicher Miene vor Arsenow aus.»Warum sollte ich dir gehorchen? Warum sollte das irgendjemand von uns tun? Du kannst nicht mal dafür sorgen, dass deine Frau sich anständig benimmt.«
Arsenow stürzte sich auf Achmed, und die beiden rangen kurz miteinander. Die anderen sahen schreckensstarr zu, wagten aber nicht, einzugreifen.
«Ich lasse mir deine Unverschämtheiten nicht länger gefallen«, sagte Arsenow schwer atmend.»Du führst meine Befehle aus, sonst lege ich dich um.«
«Mir egal«, sagte Achmed trotzig.»Aber zuvor sollst du noch etwas erfahren: In Nairobi, in der Nacht vor der
Erprobung, hat Sina sich ins Zimmer des Scheichs geschlichen, als du geschlafen hast.«
«Lügner!«Arsenow dachte an das feierliche Versprechen, das Sina und er sich in der Bucht gegeben hatten.»Sina würde mich nie betrügen.«
«Denk daran, welches Zimmer ich hatte, Arsenow. Du hast sie selbst verteilt. Ich hab Sina mit eigenen Augen gesehen.«
Arsenows Blick glühte feindselig, aber er ließ Achmed los.»Ich hätte gute Lust, dich umzulegen, aber jeder von uns wird im Einsatz gebraucht. «Er nickte den anderen zu.»Los, wir müssen weiter.«
Karim, der Elektronikfachmann, übernahm die Führung, dann kamen die Frau und Achmed, und Arsenow bildete die Nachhut. Schon nach kurzer Zeit hob Karim eine Hand, brachte sie damit zum Anhalten.
Seine leise Stimme drang nach hinten bis an Arsenows Ohr.»Bewegungsmelder.«
Arsenow sah Karim niederkauern, um vorzubereiten, was er für seine Arbeit brauchte. Er war dem Schicksal für diesen Mann dankbar. Wie viele Bomben hatte Karim im Lauf der Jahre für sie gebaut? Alle hatten einwandfrei funktioniert; er hatte niemals einen Fehler gemacht.
Wie zuvor zog Karim einen Draht mit zwei Krokodilklemmen an den Enden aus seinem Overall. Mit der Kombizange in einer Hand suchte er aus dem Kabelstrang die richtigen Leitungen heraus, knipste eine durch und befestigte die Klemme an ihrer blanken Kupferseele. Dann trennte er wie zuvor die Isolierung der zweiten Leitung auf und legte die Krokodilklemme an, um den Bewegungsmelder auszuschalten.
«Alles klar«, sagte Karim, und sie rückten in den Erfassungsbereich des Bewegungsmelders vor.
Die Alarmanlage sprach an, schrillte durch den Korridor und brachte die Sicherheitsbeamten zurück, die mit schussbereiten Maschinenpistolen angerannt kamen.
«Karim!«, rief Arsenow erschrocken.
«Eine Falle!«, jammerte Karim.»Jemand hat die Leitungen vertauscht!«
Wenige Minuten zuvor drehten Bourne und Chan sich langsam nach dem amerikanischen Sicherheitsbeamten um. Er trug einen Arbeitsanzug der U.S. Army und war mit einer Maschinenpistole bewaffnet. Er trat einen Schritt näher, um ihre Dienstausweise zu kontrollieren. Seine Haltung entspannte sich etwas, und er nahm den Lauf der Waffe hoch, aber sein Blick blieb finster.
«Was macht ihr hier unten, Jungs?«
«Wartungsarbeiten«, sagte Bourne. Er erinnerte sich an das Fahrzeug von Reykjavik Energy, das sie ins Hotel hatten fahren sehen, und einen der Pläne in Oszkars Notebook.»Die Fernwärmeversorgung ist ausgefallen. Wir sollen den Leuten helfen, die Reykjavik Energy hergeschickt hat.«
«Ihr seid im falschen Bereich gelandet«, sagte der Wachmann. Er zeigte in die entgegengesetzte Richtung.»Ihr müsst zurückgehen und zweimal links abbiegen.«
«Danke«, sagte Chan.»Wir haben uns wohl verlaufen. Dies ist normalerweise nicht unser Bereich.«
Als sie sich abwandten, um wegzugehen, gaben Bournes Beine unter ihm nach. Er brach laut aufstöhnend zusammen.
«He, was hat er?«, fragte der Sicherheitsbeamte.
Chan kniete neben Bourne nieder und knöpfte ihm das Hemd auf.
«Jesus«, sagte der Wachmann und beugte sich nach vorn, um Bournes mit Wunden übersäten Oberkörper zu begutachten,»was zum Teufel ist mit dem passiert?«
Chans Hand schoss hoch, bekam ihn vorn an seiner Arbeitsjacke zu fassen und riss ihn zu sich herunter, so-dass er mit dem Kopf auf den Betonboden schlug. Als Bourne sich aufrappelte, war Chan schon dabei, dem Sicherheitsbeamten die Uniform auszuziehen.
«Er hat eher deine Größe«, sagte Chan und hielt Bourne den Arbeitsanzug hin.
Während Bourne sich umzog, schleifte Chan den Bewusstlosen in eine dunkle Kellerecke.
In diesem Augenblick schrillte die Alarmanlage los, und sie rannten in Richtung Unterstation weiter.
Die Sicherheitsbeamten waren gut ausgebildet, und die Amerikaner und Araber, die in dieser Schicht gemeinsam Dienst taten, arbeiteten erfreulich gut zusammen. Da jeder Sensortyp einen bestimmten Alarm auslöste, wussten sie sofort, dass ein Bewegungsmelder angesprochen hatte, und kannten seinen genauen Standort. Sie befanden sich in höchster Alarmbereitschaft und hatten so kurz vor Beginn des Gipfeltreffens Befehl, erst zu schießen und dann Fragen zu stellen.
Sie begannen schon im Laufen zu schießen und durchsiebten die Lüftungsgitter mit Feuerstößen. Die Hälfte von ihnen schossen ihre Magazine in den verdächtigen Bereich leer. Die andere Hälfte stand als Reserve in Bereitschaft, während die Schützen mit vereinten Kräften die demolierten Lüftungsgitter aufrissen. Im Schacht dahinter fanden sie drei Tote: zwei Männer und eine Frau. Einer der Amerikaner benachrichtigte Jamie Hull, einer der Araber verständigte Fahd al-Sa’ud.