Выбрать главу

Spalko lächelte. Seine Kenntnis der Geschichte Kenias und der dortigen Stammessitten machte es ihm unmöglich, den Präsidenten so wenig ernst zu nehmen, wie es andere vielleicht getan hätten. Jomo steckte zweifellos in einer Notlage, aber man durfte trotzdem nicht versuchen, ihn zu übervorteilen. Die Kikuju waren ein stolzes Volk, und ihr Stolz war ihnen umso wichtiger, weil er so ziemlich das einzig Wertvolle war, was sie besaßen.

Spalko beugte sich nach links, öffnete einen Humidor, bot Jomo eine kubanische Cohiba an und nahm sich selbst eine. Als ihre Zigarren brannten, standen die beiden Männer auf und gingen über den Teppich ans Fenster, um auf die stille Donau hinabzusehen, die in der Sonne glänzte.

«Ein herrliches Bild«, sagte Spalko im Plauderton.

«In der Tat«, bestätigte Jomo.

«Und so friedlich. «Spalko blies eine duftende bläuliche Rauchwolke in Richtung Decke.»Da fällt’s schwer, sich den richtigen Begriff von dem vielen Leid in anderen Teilen der Welt zu machen. «Er wandte sich an Jomo.»Mr. President, Sie täten mir einen großen persönlichen Gefallen, wenn Sie mir für sieben Tage unbeschränkten Zugang zum kenianischen Luftraum gewähren würden.«

«Unbeschränkt?«

«Ein- und Ausflüge, Landungen und dergleichen. Keine Zollabfertigung, keine Passkontrollen, keine Inspektionen. Nichts, was uns hinderlich sein würde.«

Der Präsident überlegte demonstrativ. Er paffte seine Cohiba, aber Spalko merkte ihm an, dass er sie nicht genoss.»Ich kann Ihnen nur drei Tage gewähren«, sagte

Jomo schließlich.»Sonst würden die Leute anfangen zu tratschen.«

«Dann werden drei reichen müssen, Mr. President. «Spalko hatte ohnehin nur drei gewollt. Er hätte auf den sieben Tagen bestehen können, aber damit hätte er Jo-mos Stolz verletzt. Angesichts der kommenden Ereignisse wäre das ein dummer und wohl auch kostspieliger Fehler gewesen. Außerdem war Humanistas, Ltd. nicht dazu da, Ressentiments zu schüren, sondern Goodwill zu verbreiten. Er streckte die Hand aus, und Jomo legte seine trockene, sehr schwielige Rechte hinein. Diese Hand gefiel Spalko; es war die Hand eines Arbeiters, die Hand eines Mannes, der sich nicht davor scheute, sich die Hände schmutzig zu machen.

Nachdem Jomo und sein Gefolge abgefahren waren, wurde es Zeit für einen Orientierungsrundgang mit Ethan Hearn, dem neuen Mitarbeiter. Diese Aufgabe hätte Spalko an einen seiner vielen Assistenten delegieren können, aber er setzte seinen Stolz darein, jeden neuen Angestellten persönlich einzuweisen. Hearn war ein aufgeweckter junger Mann, der bisher in der Klinik Eurocenter Bio-I am anderen Ende der Stadt gearbeitet hatte. Dank guter Verbindungen zum europäischen Geldadel war er ein überaus erfolgreicher Geldbeschaffer. Spalko hatte ihn als redegewandt, liebenswürdig und empathisch kennen gelernt — kurz gesagt als geborenen Menschenfreund von der Art, wie er sie brauchte, um den überragenden Ruf von Humanistas, Ltd. zu erhalten. Außerdem mochte er den Neuen wirklich. Hearns erinnerte ihn an den jungen Mann, der er vor dem Unfall gewesen war, bei dem er sich das halbe Gesicht verbrannt hatte.

Er führte Hearn durch die sieben Geschosse der Zentrale mit Labors, der Abteilung Statistik, deren Zahlen die Entwicklungsabteilung nutzte, um Spenden zu beschaffen — der Lebenssaft von Organisationen wie Humanistas, Ltd. -, der Buchhaltung, der Einkaufsabteilung, der Personalabteilung, der Reisestelle und der Abteilung Wartung, die für die gesamte Firmenflotte von Passagierflugzeugen, Frachtmaschinen, Hubschraubern und Schiffen zuständig war. Die letzte Station war die Entwicklungsabteilung, in der Hearns neues Büro auf ihn wartete. Vorläufig war es noch leer bis auf Schreibtisch, Drehstuhl, Computer und Telefonkonsole.

«Ihre restlichen Möbel«, erklärte Spalko ihm,»kommen in ein paar Tagen.«

«Kein Problem, Sir. Ich brauche eigentlich nur einen Computer und Telefone.«

«Eine Warnung«, fügte Spalko hinzu.»Unsere Bürostunden sind lang, und es kann vorkommen, dass Sie die Nacht durcharbeiten müssen. Aber wir sind keine Unmenschen. Das Sofa, das Sie bekommen, ist ein Klappbett.«

Hearn lächelte.»Keine Sorge, Mr. Spalko. Ich bin solche Arbeitszeiten gewöhnt.«

«Nennen Sie mich Stepan. «Spalko drückte dem jungen Mann die Hand.»Das tut hier jeder.«

Der CIA-Direktor lötete einem bemalten Zinnsoldaten — einem britischen Rotrock aus dem Unabhängigkeitskrieg den Arm an, als der Anruf kam. Zuerst spielte er mit dem Gedanken, ihn zu ignorieren, und ließ bockig das Telefon klingeln, obwohl er wusste, wer der Anrufer sein würde. Vielleicht tat er das, weil er nicht hören wollte, was sein Stellvertreter zu berichten hatte. Lindros glaubte, der Direktor habe ihn wegen der Wichtigkeit der Ermordeten für die Agency an den Tatort entsandt. In gewisser Weise stimmte das sogar. Der wahre Grund war jedoch, dass der CIA-Direktor es nicht ertragen konnte, selbst hinauszufahren. Die Vorstellung, in Alex Conklins totes Gesicht blicken zu müssen, war zu viel für ihn. Er hockte auf einem Schemel in seiner Kellerwerkstatt: ein winziges, abgeschlossenes, pedantisch ordentliches Reich aus sorgfältig gestapelten Schubladen und exakt ausgerichteten Ablagefächern, eine eigene Welt, die für seine Frau — und für die Kinder, als sie noch zu Hause gewohnt hatten — tabu war.

Madeleine, seine Frau, steckte den Kopf durch die offene Kellertür.»Kurt, das Telefon«, sagte sie unnötigerweise.

Der Direktor nahm einen Arm aus der Holzkiste mit Soldatenteilen, studierte ihn. Seine weiße Mähne, die er aus der breiten, gewölbten Stirn zurückgekämmt trug, verlieh ihm das Aussehen eines Weisen, wenn nicht sogar eines Propheten. Die kalten blauen Augen wirkten so berechnend wie früher, aber die Falten an den Mundwinkeln waren tiefer geworden, sodass er ständig griesgrämig zu schmollen schien.

«Kurt, hast du gehört?«

«Ich bin nicht taub. «Die Finger am Ende des Arms waren leicht gekrümmt, als wolle die Hand nach etwas Unbekanntem greifen, das sich nicht genau benennen ließ.

«Also, gehst du jetzt ans Telefon oder nicht?«, rief Madeleine nach unten.

«Was ich tue, geht dich einen Dreck an!«, schrie er aufgebracht.»Geh endlich ins Bett!«Einen Augenblick später hörte er das befriedigende leise Scharren, mit dem die Kellertür sich schloss. Warum kann sie mich in solchen Zeiten nicht in Ruhe lassen? fragte er sich erbost. Nach dreißig Ehejahren müsste sie’s doch besser wissen.

Er machte sich wieder an die Arbeit, passte den Arm mit der gekrümmten Hand an die Schulter des Torsos an, Rot zu Rot, entschied sich für die endgültige Position. So ging der CIA-Direktor mit Situationen um, die sich seiner Kontrolle entzogen. Er spielte mit seinen Zinnsoldaten Gott, er kaufte sie, schnitt sie in Stücke und erweckte sie später zu neuem Leben, indem er sie in Stellungen zusammenlötete, die ihm gefielen. Hier, in seiner selbst geschaffenen Welt, hatte er alles und jeden unter Kontrolle.

Das Telefon klingelte in seiner mechanischen, monotonen Art weiter, und der CIA-Direktor biss die Zähne zusammen, als sei das Geräusch ätzend. Was für Ruhmestaten waren in der Zeit, in der Alex und er noch jung gewesen waren, vollbracht worden! Der Einsatz in Russland, bei dem sie fast in der Lubjanka gelandet wären; die Vorstöße über die Berliner Mauer, um an Stasi-Geheimnisse heranzukommen; die Überprüfung eines KGB-Überläu-fers in einem sicheren Haus in Wien, bei der sie entdeckt hatten, dass er ein Double war. Die Ermordung Bernds, ihres langjährigen Kontaktmanns; das Mitgefühl, aus dem sie seiner Frau versprochen hatten, sich um seinen Sohn Dieter zu kümmern, ihn nach Amerika mitzunehmen und ihm ein Studium zu finanzieren. Genau das hatten sie getan — und waren für ihre Großzügigkeit belohnt worden. Dieter war nie zu seiner Mutter zurückgekehrt. Stattdessen war er zur Agency gegangen und dort viele Jahre — bis zu seinem tödlichen Motorradunfall — Leiter der Hauptabteilung Wissenschaft & Technologie gewesen.