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Die beiden Männer, die schussbereite Maschinenpistolen an breiten Schultergurten trugen, bildeten die Vorhut. In dem schmalen Engpass mussten sie hintereinander hergehen. Wenig später verschwand der Himmel jedoch unter einem Felsendach, und sie befanden sich in einer Höhle. Sie war feucht und moderig, roch nach Verwesung.

«Sie stinkt wie ein geöffnetes Grab«, sagte einer der Männer.

«Seht euch das an!«, rief der andere.»Knochen!«

Sie blieben stehen, und der Lichtschein ihrer Stablampen konzentrierte sich auf die verstreuten Knochen eines kleinen Säugetiers, aber keine hundert Meter weiter stießen sie auf den Schenkelknochen eines weit größeren Warmblüters.

Sina ging in die Hocke, um den Knochen in die Hand zu nehmen.

«Nicht!«, sagte der erste Mann warnend.»Menschenknochen anzufassen bringt Unglück.«

«Was soll der Unsinn? Archäologen tun das dauernd. «Sina lachte.»Außerdem muss der nicht von einem Menschen stammen. «Trotzdem ließ sie den Knochen wieder in den Staub fallen.

Fünf Minuten später waren sie alle um ein Objekt versammelt, das unverkennbar ein Menschenschädel war. Der Lichtschein ihrer Stablampen ließ die Augenwülste hervortreten und tauchte die Augenhöhlen in tiefen Schatten.

«Woran mag er gestorben sein?«, fragte Sina.

«Unterkühlung, nehme ich an«, sagte Spalko.»Oder er ist verdurstet.«

«Armer Teufel.«

Sie gingen weiter, drangen tiefer in den gewachsenen Fels ein, auf dem das Kloster erbaut war. Je weiter sie vorankamen, desto häufiger wurden die Knochen. Jetzt waren es ausschließlich Menschenknochen, von denen viele gebrochen oder zersplittert waren.

«Ich glaube nicht, dass diese Leute an Durst oder Unterkühlung gestorben sind«, sagte Sina.

«Woran sonst?«, fragte einer der Männer, aber niemand wusste eine Antwort.

«Weiter!«, befahl Spalko knapp. Nach seiner Einschätzung mussten sie sich jetzt ziemlich genau unter der Stelle befinden, wo die von Zinnen gekrönten äußeren Mauern des Klosters aufragten. Im Licht ihrer Stablampen wurde vor ihnen eine merkwürdige Felsformation sichtbar.

«Hier teilt sich die Höhle«, sagte einer der Männer, indem er erst in den linken, dann in den rechten Gang hineinleuchtete.

«Höhlen teilen sich nicht«, sagte Spalko. Er trat nach vorn, steckte den Kopf in die linke Abzweigung.»Dieser Gang ist eine Sackgasse. «Er ließ seine Hand über den Rand der Öffnungen gleiten.»Der Fels ist bearbeitet worden«, sagte er.»Vor langer Zeit, vielleicht damals, als das Kloster erbaut wurde. «Seine Stimme klang merkwürdig hallend, als er den rechten Gang betrat.»Ja, der hier geht weiter, aber er knickt ab und verzweigt sich wieder.«

Als er zurückkam, trug sein Gesicht einen seltsamen Ausdruck.»Ich glaube nicht, dass dieser Gang nur ein Fluchtweg ist«, sagte er.»Kein Wunder, dass Molnar sich dafür entschieden hat, Dr. Schiffer hier zu verstecken. Ich glaube, dass wir im Begriff sind, ein Labyrinth zu betreten.«

Seine Männer wechselten einen besorgten Blick.

«Wie sollen wir jemals wieder herausfinden?«, fragte Sina.

«Was uns dort drinnen erwartet, weiß kein Mensch. «Spalko zog einen kleinen rechteckigen Gegenstand, kaum größer als eine Zigarettenschachtel, aus der Tasche. Er grinste, während er ihr zeigte, wie das Gerät funktionierte.»Das ist ein GPS-Empfänger. Ich habe gerade unseren Ausgangspunkt gespeichert. «Er nickte den Männern zu.»Auf geht’s!«

Aber sie brauchten nicht lange, um zu erkennen, dass sie hier unten orientierungslos waren. Keine fünf Minuten später waren sie wieder am Eingang des Labyrinths versammelt.

«Was ist passiert?«, fragte Sina.

Spalko runzelte die Stirn.»Das GPS hat dort drinnen nicht funktioniert.«

Sie schüttelte den Kopf.»Wie ist das möglich?«

«Anscheinend blockiert der Fels das Satellitensignal«, vermutete Spalko. Er konnte es sich nicht leisten, einzugestehen, dass er keine Ahnung hatte, weshalb der GPS-Empfänger hier unten nicht funktionierte. Stattdessen machte er seinen Rucksack auf, holte eine dicke Zwirnspule heraus.»Wir machen’s wie Theseus und rollen den Zwirn als Ariadnefaden ab.«

Sina betrachtete die Spule zweifelnd.»Was ist, wenn uns der Faden ausgeht?«

«Theseus ist das nicht passiert«, sagte Spalko.»Und da wir praktisch schon unter dem Kloster sind, können wir hoffen, dass er uns auch nicht ausgeht.«

Dr. Felix Schiffer langweilte sich. Seit Tagen hatte er nun schon nichts anderes getan, als Anweisungen auszuführen, während sein Team aus Beschützern ihn im Schutz der Nacht nach Kreta flog und dort in regelmäßigen Abständen von einem Versteck zum anderen brachte. Sie blieben nirgends länger als drei Tage. Das Haus in Iraklion hatte ihm gefallen, aber letztlich hatte er sich auch dort gelangweilt. Er hatte absolut nichts zu tun. Sie weigerten sich, ihm eine Zeitung zu bringen oder ihn Radio hören zu lassen. Einen Fernseher gab es dort nicht, und wenn es einen gegeben hätte, wäre er bestimmt davon fern gehalten worden. Trotzdem, überlegte er sich trübselig, war das Haus verdammt viel behaglicher gewesen als dieses schimmelige Gemäuer, in dem ein Feldbett und ein Kaminfeuer den einzigen Komfort darstellten. Schwere Schränke und Kommoden waren buchstäblich die einzigen Einrichtungsgegenstände, sodass die Männer Klappstühle, Feldbetten und Schlafsäcke hatten mitbringen müssen. Da es hier anscheinend keine Toilette gab, hatten sie auf dem Innenhof eine Latrine gegraben, deren Gestank bis ins Innere des Klosters drang. Selbst mittags- und nach Einbruch der Dunkelheit erst recht — war der alte Bau feucht und düster. Es gab nicht einmal Licht, bei dessen Schein man hätte lesen können, wenn es denn eine Lektüre gegeben hätte.

Er dürstete nach Freiheit. Wäre er ein gottesfürchtiger Mann gewesen, hätte er um Erlösung gebetet. Es war schrecklich lange her, dass er Laszlo Molnar gesehen oder mit Alex Conklin gesprochen hatte. Als er seine Beschützer nach ihnen gefragt hatte, hatten sie sich auf das ihnen heiligste Wort berufen: Sicherheit. Telefonate waren einfach nicht sicher genug. Sie beeilten sich, ihm zu versichern, er werde bald mit seinem Freund und seinem Wohltäter wieder vereint sein. Aber als er fragte, was» bald «heiße, zuckten sie lediglich mit den Schultern und setzten ihr endloses Kartenspiel fort. Er spürte, dass sie sich ebenfalls langweilten — zumindest die Männer, die gerade nicht Wache stehen mussten.

Sie waren zu siebt. Ursprünglich waren es mehr gewesen, aber die anderen waren in Iraklion zurückgeblieben. Wie er mitbekommen hatte, hätten sie längst eintreffen sollen. Deshalb gab’s heute kein Kartenspiel — alle sieben Männer des Teams waren auf Patrouille. In der Luft hing deutlich wahrnehmbare Spannung, die auch ihn nervös machte.

Schiffer war ein ziemlich großer Mann mit durchdringend blauen Augen und einer kräftigen Nase unter einer grau melierten Mähne. Bevor er zur DARPA gegangen war, hatte es eine Zeit gegeben, in der er sich mehr in der Öffentlichkeit bewegt hatte und oft mit Burt Bacharach verwechselt worden war. Da er nicht sehr gut mit Leuten umgehen konnte, hatte er immer hilflos auf die Verwechslung reagiert. Er hatte nur etwas Unverständliches gemurmelt und sich abgewandt, aber seine offenkundige Verlegenheit hatte die Leute nur in ihrer Fehleinschätzung bestärkt.

Er stand auf und schlenderte durch den Raum zum Fenster, wurde aber von einem Mann des Teams abgefangen und zurückdirigiert.

«Sicherheit«, sagte der Söldner mit deutlicher Nervosität in der Stimme, wenn auch nicht im Blick.

«Sicherheit! Sicherheit! Wie ich dieses Wort satt habe!«, rief Dr. Schiffer aus.

Trotzdem wurde er zu dem Stuhl zurückbegleitet, auf dem er sitzen sollte. Auf seinen von allen Türen und Fenstern entfernten Platz. Er zitterte in der feuchten Kälte.

«Mir fehlt mein Labor — mir fehlt meine Arbeit!«Schiffer sah in die dunklen Augen des Söldners.»Ich komme mir wie im Gefängnis vor, verstehen Sie das nicht?«