Читать онлайн "Das Buch der Unruhe" автора Pessoa Fernando - RuLit - Страница 114

 
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Was ist all das, wenn nicht eine Suche nach Glück? Und wer sucht schon nach etwas anderem?

Haben beständiges Träumen und ununterbrochenes Analysieren mir etwas wesentlich anderes gegeben, als das Leben mir hätte geben können?

Ich habe mich von den Menschen getrennt und mich dennoch nicht gefunden noch […]

Dieses Buch ist ein einziger Seelenzustand, von allen Seiten analysiert, in alle Richtungen durchforstet.

Hat mir dieses Verhalten wenigstens etwas Neues gebracht? Nicht einmal diesen Trost habe ich, nicht im geringsten. All dies findet sich bereits bei Heraklit und im Ecclesiastes: Das Leben ist ein Kinderspielzeug, vergessen im Sand … Eitelkeit und Ärgernis des Geistes … Und bei dem armen Hiob in nur einem Satz: Meine Seele ist meines Lebens müde.

Ich höre mich träumen. Wiege mich ein mit dem Klang meiner Bilder … Unbekannte Melodien, die sich mir entschlüsseln […]

Der Klang eines bilderreichen Satzes wiegt so viele Gesten auf! Eine Metapher tröstet über so vieles hinweg!

Ich höre mich … In mir sind Feierlichkeiten … Festzüge … Es glitzert in meinem Überdruß … Maskenbälle … Ich bin geblendet von meiner Seele …

Kaleidoskop bruchstückhafter Bildfolgen […]

Pomp zu intensiv gelebter Empfindungen … Königliche Lager in verlassenen Schlössern, Geschmeide toter Prinzessinnen, durch Schießscharten erspähte Buchten; Ehre und Macht werden ohne Zweifel kommen, die Glücklichsten werden im Exil ein Ehrengeleit haben … Schlafende Orchester, Fäden aus […] Seiden säumend …

Bei Pascaclass="underline"

Bei Vigny: In dir […]

Bei Amiel, so vollständig bei Amieclass="underline"

… (einige Sätze) …

Bei Verlaine und den Symbolisten:

Ich bin so krank in mir … Sie ist nicht einmal ansatzweise originell, diese Krankheit … Ich halte es wie viele vor mir … Ich leide auf eine schon so [?] alte Art des Leidens … Wozu nur denke ich all diese Dinge, wenn schon so viele sie gedacht und durchlitten haben? …

Und dennoch, aber ja, etwas Neues habe ich gebracht. Auch wenn ich nicht verantwortlich dafür bin. Es kam aus der Nacht und glänzt in mir wie ein Stern … All mein Bemühen hat es weder entstehen noch vergehen lassen können … Ich bin eine Brücke zwischen zwei Geheimnissen, wie entstanden, weiß ich nicht …

Der See des Besitzens I

Besitz ist für mich ein absurder See – sehr groß, sehr dunkel, sehr seicht. Er wirkt nur tief, da sein Wasser schmutzig ist.

Der Tod? Aber der Tod ist mitten im Leben. Sterbe ich ganz und gar? Ich weiß nichts vom Leben. Überlebe ich mich? Ich bin noch am Leben.

Der Traum? Aber der Traum ist mitten im Leben. Leben wir den Traum? Wir leben. Träumen wir ihn nur? Wir sterben. Und der Tod ist mitten im Leben.

Das Leben verfolgt uns wie unser eigener Schatten. Nur wenn alles Schatten ist, ist kein Schatten. Das Leben verfolgt uns nur dann nicht, wenn wir uns ihm ausliefern.

Das Schmerzhafteste am Traum ist das Nicht-Existieren. Man kann also wirklich nicht träumen.

Was heißt besitzen? Wir wissen es nicht. Wie ist es dann möglich, etwas besitzen zu wollen? Ihr werdet sagen, daß wir nicht wissen, was Leben ist, und leben … Aber leben wir wirklich? Leben, ohne zu wissen, was Leben ist, ist das leben?

Der See des Besitzens II

Nichts dringt in etwas anderes ein, weder Atome noch Seelen. Daher ist Besitz unmöglich. Von der Wahrheit bis zum Taschentuch – nichts ist besitzbar. Eigentum ist kein Diebstahclass="underline" es ist nichts.

Kaiserliche Legende

Meine Phantasie ist eine Stadt im Orient. Ihre gesamte räumliche Wirklichkeit erfreut die Sinne wie ein kostbarer, weicher Teppich. Die Zelte und Buden, die den Straßen einen bunten Anstrich verleihen, heben sich von einem, ich weiß nicht welchem Hintergrund ab, der nicht der ihre ist, wie gelbe oder rote Stickereien von leuchtend blauem Atlas. Die gesamte Geschichte dieser Stadt umschwirrt das Licht meines Traumes wie eine im Halbdunkel meines Zimmers kaum hörbare Motte. Meine Phantasie lebte einst inmitten von Pracht und empfing aus den Händen von Königinnen Juwelen, denen die Zeit ihren Glanz genommen hatte. Tief innere Trägheit bedeckte die Strände meiner Nicht-Existenz mit Teppichen, und Algen trieben auffällig wie schattiger Atem auf meinen Flüssen. Und so war ich Säulenhallen in vergangenen Zivilisationen, fiebrige Arabesken auf leblosen Friesen, die Schwärze der Ewigkeit im Geflecht zerbrochener Säulen, Masten untergegangener Schiffe, Stufen gestürzter Throne, Schleier, die nichts verhüllten und doch Schatten zu umhüllen schienen, Trugbilder, die aufstiegen wie Rauch aus umgestürzten Räucherfässern. Finster war meine Herrschaft und getrübt von Kriegen an fernen Grenzen der kaiserliche Friede in meinem Palast. Immer nah der unbestimmte Lärm ferner Feste; immer feierliche Umzüge unter meinen Fenstern; doch nicht ein rotgoldener Fisch in meinen Brunnenbecken, nicht ein Apfel im stillen Grün meiner Gärten, und hinter den Bäumen wiegte nicht ein Rauchfaden aus den Kaminen jener armseligen Hütten, in denen andere glücklich sind, mit schlichten Balladen das ängstliche Geheimnis meines Bewußtseins von mir in den Schlaf.

Von der Kunst des rechten Träumens I

Grundvoraussetzung hierfür ist, daß du nichts achtest, an nichts glaubst, nichts […]. Doch bekundest du Mißachtung, halte fest an dem Wunsch nach Achtung; zeigst du Mißfallen gegenüber Ungeliebtem, halte fest an dem schmerzlichen Verlangen nach einem geliebten Wesen; verachtest du das Leben, vergiß nicht, daß es schön sein muß, es leben und lieben zu können. Damit legst du die Fundamente für dein Traumgebäude.

Und merke: Was du anstrebst, ist höher als alles andere. Träumen heißt sich finden. Du wirst der Kolumbus deiner Seele sein. Du wirst ihre Landschaften erkunden. Versichere dich also, daß du den richtigen Kurs eingeschlagen hast und deine Instrumente dich nicht in die Irre führen.

Die Kunst des Träumens ist schwer, denn sie ist eine Kunst der Passivität, in der wir unser Bemühen darauf konzentrieren, uns nicht zu bemühen. Die Kunst des Schlafens, sofern es sie gäbe, wäre gewiß nicht wesentlich anders.

Und wisse: Die Kunst des Träumens ist nicht die Kunst, unseren Träumen eine bestimmte Richtung zu geben; denn Richtung geben hieße handeln. Der wahre Träumer überläßt sich sich selbst, läßt sich von sich selbst in Besitz nehmen.

Meide alle materiellen Anreize. Anfangs wirst du versucht sein zu masturbieren, Alkohol zu trinken, Opium zu rauchen, […]. All dies heißt sich bemühen und suchen. Willst du ein rechter Träumer sein, darfst du nur träumen, und nichts sonst. Opium und Morphium kauft man in Apotheken – wie also willst du durch sie träumen können? Masturbation ist etwas Physisches – wie also willst du […]

Träume meinethalben vom Masturbieren, wenn es denn sein muß. Wenn du aber vom Opiumrauchen träumst oder von Morphium, dann laß dich von der Vorstellung an das Opium, […] an das Morphium deiner Träume berauschen – dafür verdienst du Lob: Denn du spielst die ruhmreiche Rolle des vollkommenen Träumers.

Halte dich stets für trauriger und unglücklicher als du bist. Das schadet nicht. Die Einbildung ist ein wenig wie eine Leiter zum Traum.

Von der Kunst des rechten Träumens II

Schiebe alles auf. Tue niemals heute, was du auf morgen verschieben kannst. Alles Tun ist müßig, heute wie morgen.

     

 

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