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Ach, kämen Tag und Glück doch tatsächlich nie! Dann bliebe der Hoffnung zumindest die Enttäuschung der Erfüllung erspart!

Das unerwartete Geräusch eines späten, hart über das Pflaster holpernden Wagens stieg vom einen Ende der Straße her an, wurde unter meinem Fenster zu Geknatter, erstarb allmählich hin zum anderen Ende der Straße, hin zum Ende meines Schlafes, der sich nie richtig einstellte. Ab und an schlug eine Tür im Treppenhaus. Mitunter planschten Schritte, raschelten nasse Kleider. Hin und wieder, wenn die Schritte zunahmen, klangen sie lauter, aggressiver. Verhallten sie, kehrte die Stille zurück, und es regnete weiter, ohne Ende.

Öffnete ich die Augen aus meinem Scheinschlaf, huschten über die dunkel sichtbaren Wände meines Zimmers Traumfetzen, matte Lichter, schwarze Striche, fast nichts, wandauf, wandab. Die Möbel, größer als bei Tag, fleckten undeutlich das absurde Dunkel. Die Tür deutete sich durch etwas an, das weder weißer war noch schwärzer als die Nacht, und dennoch anders. Das Fenster hingegen hörte ich nur.

Frisch, fließend, unbestimmt klang der Regen. Die Zeit verlangsamte sich bei seinem Geräusch. Meine seelische Einsamkeit wuchs, breitete sich aus, ergriff Besitz von dem, was ich fühlte, herbeisehnte, zu träumen begann. Die undeutlichen Gegenstände, die im Dunkel meine Schlaflosigkeit teilten, fanden Platz und Schmerz in meiner Untröstlichkeit.

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Dreieckiger Traum

Das Licht hatte ein übertrieben langsames Gelb angenommen, schmutzig und fahl. Die Abstände zwischen den Dingen waren größer geworden, die Geräusche seltener, anders, unzusammenhängend. Kaum hatte man sie vernommen, erstarben sie unvermittelt, als hätte man sie kurzerhand unterbrochen. Die Hitze, die scheinbar zugenommen hatte, schien kalt, obgleich sie Hitze war. Durch den schmalen Spalt der angelehnten Fensterläden zeigte sich der einzig sichtbare Baum übertrieben erwartungsvoll. Sein Grün war anders, durch und durch Stille. Die Atmosphäre hatte sich geschlossen wie Blütenblätter. Und in der Struktur des Raumes selbst hatte eine andere Wechselbeziehung zwischen Flächen ähnlichen Dingen die Art verändert und gebrochen, mit der Geräusche, Licht und Farben den Raum nutzen.

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Neben unseren profanen Träumen – dieser tagtäglichen Schande der Hinterhöfe unserer Seele, die niemand einzugestehen wagt und die durch unsere schlaflosen Nächte spuken wie widerwärtige Gespenster, klebriger, schmieriger Aussatz unserer unterdrückten Empfindsamkeit – welch lächerliche, erschreckende und unsagbare Dinge vermag unsere Seele neben diesen Träumen mit ein wenig Mühe auf ihrem Grund zu erkennen!

Die menschliche Seele ist ein Irrenhaus des Grotesken. Könnte eine Seele sich wahrhaft offenbaren, wäre ihre Scham nicht größer als alle bekannte und benannte Schamhaftigkeit, und sie wäre, wie es von der Wahrheit heißt, ein Brunnen, doch ein finsterer Brunnen voll unbestimmter Echos, bevölkert von abscheulichen Existenzen, schleimigen Wesen ohne Leben, Schnecken ohne Sein, Rotz unserer Subjektivität.

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Wer immer einen Katalog von Ungeheuern erstellen wollte, müßte nur in Worten jene Dinge photographieren, die die Nacht schläfrig schlaflosen Seelen zuträgt. Diese Dinge sind zusammenhanglos wie Träume ohne das Alibi, man habe geschlafen. Sie schweben wie Fledermäuse über der Passivität der Seele oder wie Vampire, die das Blut der Unterwürfigkeit saugen.

Es sind Larven im Müll an den Abhängen, Schatten, die das Tal bevölkern, Spuren, zurückgelassen vom Schicksal. Manchmal sind es Würmer, ekelerregend selbst für die Seele, die sie hegt und aufzieht; ein andermal sind es Gespenster und umkreisen düster ein Nichts; dann wieder schnellen sie wie Schlangen aus den absurden Schlupfwinkeln verlorener Gefühle.

Ballast des Trugs, besteht ihr Nutzen einzig darin, uns unnütz zu machen. Es sind in die Seele gestreute Zweifel des Abgrunds, schläfrig kalte Falten im Gefolge. Sie vergehen wie Rauch und verwehen wie Spuren und waren nie mehr als der sterile Stoff unseres Bewußtseins von ihnen. Bisweilen sind sie wie ein inneres Feuerwerk: Es steigt eine Zeitlang glitzernd auf zwischen Träumen, und alles übrige ist, was unser unbewußtes Bewußtsein von ihnen wahrgenommen hat.

Ein gelöstes Band, existiert die Seele nicht in sich selbst. Die großen Landschaften gehören dem Morgen an, und wir haben bereits gelebt. Das Gespräch wurde unterbrochen und ist gescheitert. Wer hätte geahnt, daß dies das Leben sein sollte?

Ich verliere mich, wenn ich mich finde, ich zweifle, wenn ich glaube, ich habe nicht, was ich erlangt habe. Ich schlafe, als ginge ich spazieren, und doch bin ich wach. Ich erwache, als hätte ich geschlafen, und ich gehöre mir nicht. Das Leben ist letztlich eine lange Schlaflosigkeit, und alles, was wir denken oder tun, geschieht in einem Zustand luzider Benommenheit. Ich wäre glücklich, wenn ich schlafen könnte. Das denke ich in diesem Augenblick, weil ich nicht schlafen kann. Die Nacht ist eine bleierne Last, die mich darüber hinaus unter der stummen Decke meiner Träume erstickt. Mir ist unwohl in der Seele.

Ist mir wieder wohl, wird es wie immer Tag werden, und wie immer zu spät. Alles schläft und ist glücklich, nur ich nicht. Ich ruhe ein wenig, wage nicht einmal den Versuch zu schlafen. Und die großen Köpfe wesenloser Ungeheuer steigen vom Grund meines Wesens auf. Fernöstliche Drachen des Abgrunds, mit roten Zungen, bar jeder Logik, mit Augen, die leblos auf mein totes Leben starren, das sie nicht anstarrt.

Eine Grabplatte, in Gottes Namen, eine Grabplatte! Legt mir Unbewußtheit und Leben unter Verschluß! Zum Glück zieht durch die offenen Läden des kalten Fensters ein trauriger Streif blassen Lichts allmählich den Schatten vom Horizont. Zum Glück ist es der Tag, der jetzt anbricht. Ich ruhe beinahe in der Unruhe, die mich so ermüdet. Ein Hahn kräht mitten in der Stadt, absurd. Der fahle Tag beginnt in meinem vagen Schlaf. Irgendwann einmal werde ich einschlafen. Rädergeräusch läßt ein Fuhrwerk erahnen. Meine Lider schlafen, ich nicht. Alles ist letztlich Schicksal.

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Ein Major außer Dienst – ich könnte mir nichts Besseres vorstellen. Zu schade, daß man nicht für alle Zeit schlicht Major außer Dienst hat sein können!

Mein Durst nach Ganz-Sein hat mich in diesen Zustand unnützer Trauer versetzt.

Die tragische Belanglosigkeit des Lebens.

Meine Neugier – Schwester der Lerchen.

Die verräterische Angst vor Sonnenuntergängen, scheues Takelwerk der Morgenröte.

Setzen wir uns! Von hier sieht man mehr Himmel. Die Unermeßlichkeit dieser gestirnten Höhen ist tröstlich. Bei ihrem Anblick schmerzt das Leben weniger; der zarte Hauch eines feinen Fächers streift unser vom Leben erhitztes Gesicht.

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Die menschliche Seele ist so unumgänglich Opfer des Schmerzes, daß sie der Schmerz der schmerzhaften Überraschung auch dann ereilt, wenn sie auf ihn hätte gefaßt sein müssen. Ein Mann, der sein Leben lang von Treulosigkeit und Wankelmut als einem typisch weiblichen Verhalten gesprochen hat, wird alle Qual einer traurigen Überraschung erleiden, wenn er sich in der Liebe betrogen sieht – ganz als seien weibliche Treue und Beständigkeit für ihn stets etwas Dogmatisches oder zu Erwartendes gewesen. Denjenigen aber, für den alles hohl und leer ist, wird es wie ein Blitz aus heiterem Himmel treffen, wenn er entdeckt, daß sein Schreiben für nichtig befunden wird und sein Bemühen um Unterweisung ebenso fruchtlos ist wie das Vermitteln seiner Emotionen unmöglich.