Читать онлайн "Das Buch der Unruhe" автора Pessoa Fernando - RuLit - Страница 91

 
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Seit die letzten Regenfälle den Himmel Richtung Erde verließen – der Himmel rein, die Erde feucht und spiegelnd –, hat die größere Klarheit des Lebens, die zugleich mit der Bläue in der Höhe zurückkehrte und sich hier unten an der frischen Nachregenstimmung freute, ihren Himmel in den Seelen, ihre Frische in den Herzen zurückgelassen.

Ob wir wollen oder nicht, wir sind Sklaven der Stunde, ihrer Farben und Formen, Untertanen des Himmels und der Erde. Selbst wer ein eher in sich zurückgezogenes Leben führt und verachtet, was ihn umgibt, lebt bei Regen anders als bei heiterem Himmel. Dunkle Wandlungen, empfunden vielleicht nur im Innersten abstrakter Gefühle, vollziehen sich, weil es regnet oder weil es aufgehört hat zu regnen, werden fühlbar, ohne daß man sie fühlen könnte, denn ohne es eigentlich zu fühlen, war man doch wetterfühlig.

Jeder von uns ist mehrere, ist viele, ist ein Übermaß an Selbsten. Deshalb ist, wer seine Umgebung verachtet, nicht derselbe, der sich an ihr erfreut oder unter ihr leidet. In der weitläufigen Kolonie unseres Seins gibt es Leute verschiedenster Art, die auf unterschiedliche Weise denken und fühlen. In diesem Augenblick, in dem ich während einer vertretbaren Pause bei meiner heute spärlichen Arbeit diese wenigen Eindrücke niederschreibe, bin ich der Mann, der sie aufmerksam niederschreibt, der zufrieden ist, daß er jetzt nicht arbeiten muß, der den von hier aus unsichtbaren Himmel sieht, der dies alles denkt, der seinen Körper zufrieden und seine Hände noch etwas klamm spürt. Und diese meine ganze Welt aus einander fremden Leuten wirft wie eine vielfältige, aber dichtgedrängte Menschenmenge einen einzigen Schatten – diesen stillen, schreibenden Körper, mit dem ich mich stehend an das hohe Schreibpult des Herrn Borges lehne, wo ich nach meinem Radiergummi gesucht habe, den ich ihm geliehen hatte.

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Zwischen dem Häusermeer bricht abwechselnd mit Licht und Schatten – oder genauer mit Licht und weniger Licht – der Morgen über der Stadt an. Es scheint nicht von der Sonne auszugehen, sondern von der Stadt selbst, ja, als löse es sich von den hohen Mauern und Dächern – nicht physisch, sondern weil es sie dort gibt.

Während ich dies wahrnehme, verspüre ich eine große Hoffnung, doch ich muß gestehen, sie ist literarischer Natur. Morgen, Frühling, Hoffnung – sie sind in der Musik durch die gleiche melodische Absicht verbunden und in der Seele durch die gleiche Erinnerung an eine gleiche Absicht. Nein: Beobachte ich mich selbst, wie ich die Stadt beobachte, so erkenne ich, als einzige Hoffnung bleibt mir, daß dieser Tag endet wie alle Tage. Meine Vernunft sieht auch die Morgenröte. Welche Hoffnung ich auch immer in sie setzte, sie war nicht die meine, sondern die Hoffnung all derer, die den Augenblick leben und dessen äußeres Verständnis ich für sie in diesem Augenblick ungewollt verkörperte.

Hoffen? Was sollte ich schon erhoffen? Der Tag verspricht mir nicht mehr als den Tag, und ich weiß, er nimmt seinen Lauf und nimmt sein Ende. Das Licht belebt mich, aber macht es mir nicht leichter, denn ich gehe von hier fort, wie ich hierhergekommen bin – um Stunden älter, eine Wahrnehmung heiterer, einen Gedanken trauriger. In allem, was entsteht, können wir ebensogut das Entstehende wie das Vergehende wahrnehmen. Jetzt, im weiten hohen Licht, wirkt die Stadtlandschaft wie ein Häusermeer – naturhaft, weit und harmonisch. Doch kann ich bei diesem Anblick vergessen, daß ich existiere? Mein Bewußtsein von dieser Stadt ist im Innersten mein Bewußtsein von mir selbst.

Mit einem Mal erinnere ich mich an meine Kindheit, als ich den Morgen über der Stadt aufgehen sah, wie ich ihn heute nicht mehr sehen kann. Damals ging er nicht für mich auf, sondern für das Leben, denn damals war ich, da ich nicht bewußt lebte, das Leben. Ich sah den Morgen und freute mich; heute sehe ich den Morgen, freue mich und werde traurig. Das Kind ist geblieben, aber es ist verstummt. Ich sehe noch immer, wie ich gesehen habe, aber hinter den Augen sehe ich mich sehen; das allein genügt, und die Sonne verschattet sich mir, das Grün der Bäume altert, und die Blumen welken, noch bevor sie erblühen. Ja, früher einmal war ich hier zu Hause; heute stehe ich vor jeder Landschaft, so neu sie für mich auch sein mag, als Fremdling, als Gast und Pilger, allem fremd, was ich höre und sehe, alt an mir selbst.

Ich habe alles gesehen, auch wenn ich es nie gesehen habe noch je sehen werde. In meinem Blut fließt selbst die geringste aller künftigen Landschaften, und die Angst vor dem, was ich erneut sehen muß, hat bereits etwas Monotones für mich.

Und aus dem Fenster gelehnt und den Tag genießend, beherrscht über dem vielfältigen Raum der Stadt nur ein einziger Gedanke meine Seele – der innere Wille zu sterben, zu enden, nicht mehr das Licht über irgendeiner Stadt zu erblicken, nicht zu denken, nicht zu fühlen, den Lauf der Sonne und der Tage wie Einwickelpapier hinter mir zu lassen und wie einen schweren Anzug neben dem großen Bett die unfreiwillige Anstrengung des Seins abzulegen.

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Ich glaube intuitiv, daß für Menschen wie mich kein materieller Umstand glückbringend sein, keine Lebenssituation eine günstige Wendung nehmen kann. Ziehe ich mich bereits aus anderen Gründen vom Leben zurück, so ist dies ein Grund mehr. Jene Summen von Fakten, die für gewöhnliche Menschen unweigerlich zum Erfolg führen, führen in meinem Fall zu einem anderen, unerwarteten und ungünstigen Ergebnis.

Aus dieser Feststellung ergibt sich für mich zuweilen der schmerzliche Eindruck einer Feindschaft des Göttlichen. Mir scheint dann, als könnten mir einzig durch eine bewußte, mir schädliche Manipulation der Fakten fortwährend jene Mißgeschicke widerfahren, die mein Leben bestimmen.

Dies alles hat dazu geführt, daß ich mich niemals übermäßig um etwas bemühe. Wenn das Glück denn will, mag es zu mir kommen. Ich weiß nur zur Genüge, sosehr ich mich auch bemühe, ich erreiche nie, was andere mit ihren Bemühungen erreichen. Daher überlasse ich mich meinem Schicksal, ohne allzuviel von ihm zu erwarten. Wozu auch? Mein Stoizismus ist eine organische Notwendigkeit. Ich muß mich gegen das Leben panzern. Und da aller Stoizismus nicht mehr ist als ein strenger Epikureismus, möchte ich mich, so gut es geht, an meinem Unglück erfreuen. Ich weiß nicht, inwieweit mir dies gelingt. Ich weiß nicht, ob überhaupt etwas gelingen kann …

Wo ein anderer, weniger aufgrund seiner Bemühungen als aufgrund des unabänderlichen Laufs der Dinge, erfolgreich wäre, würde und könnte mir weder der unabänderliche Lauf der Dinge noch mein Bemühen zum Erfolg verhelfen.

Vielleicht bin ich, geistig gesehen, an einem kurzen Wintertag auf die Welt gekommen. Und früh schon trat das Dunkel in mein Sein. Einzig in Frustration und Verlassenheit vermag ich mein Leben zu leben.

     

 

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