Читать онлайн "Das Buch der Unruhe" автора Pessoa Fernando - RuLit - Страница 93

 
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Die Welt um unsere Finger wickeln, wie eine Frau spielerisch versonnen an ihrem Fenster einen Faden oder ein Band.

Alles läuft darauf hinaus, den Überdruß so zu empfinden, daß er nicht schmerzt.

Es wäre reizvoll, zwei Könige zugleich zu sein: nicht nur ein und dieselbe Seele beider, sondern zwei königliche Seelen.

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Das Leben ist für die meisten eine Plackerei, die man, ohne es zu bemerken, erträgt, etwas Trauriges mit heiteren Intermezzi, etwas Anekdotenhaftes, wie es die Geschichten haben, die man sich bei Totenwachen erzählt, um die langen stillen Stunden der Nacht wach zu durchstehen. Ich fand es immer müßig, das Leben als ein Tränental zu sehen; gewiß, es ist ein Tränental, doch weint man dort nur wenig. Heine sagte, nach den großen Tragödien müßten wir uns stets schneuzen.[61]   Als Jude und folglich universaler Geist hat er die universale Natur der Menschheit klar durchschaut.

Das Leben wäre unerträglich, wären wir uns seiner bewußt. Zum Glück sind wir es nicht. Wir leben unbewußt dahin, nichtig und unnütz wie Tiere, und wenn wir den Tod vorwegnehmen, was sie vermutlich nicht tun, Genaues aber weiß man nicht, nehmen wir ihn durch so viel Ablenkung, Vergessen und Verdrängen vorweg, daß wir kaum behaupten können, wir seien uns seiner eingedenk.

So leben wir, und das ist wenig, um sich Tieren überlegen zu fühlen. Wir unterscheiden uns von ihnen einzig durch das rein äußerliche Merkmal, sprechen und schreiben zu können, durch eine abstrakte Intelligenz, die uns von der konkreten ablenkt, und durch unsere Fähigkeit, uns Unmögliches vorzustellen. All dies gehört zufällig zu unserem organischen Wesen. Sprechen und Schreiben haben keinerlei Einfluß auf unseren natürlichen und unbewußten Lebenstrieb. Unsere abstrakte Intelligenz dient einzig dazu, Systeme oder Pseudosysteme zu ersinnen, was bei Tieren einem In-der-Sonne-Liegen entspräche. Doch sich das Unmögliche vorzustellen ist vielleicht nicht nur eine menschliche Eigenart, denn ich habe Katzen den Mond anschauen sehen, und wer weiß, vielleicht hätten sie ihn gern für sich gehabt.

Die ganze Welt, das ganze Leben ist ein weitläufiges System unbewußter Kräfte, die durch unser individuelles Bewußtsein hindurch wirken. So wie man aus zweierlei Gasen mittels elektrischen Stroms eine Flüssigkeit herstellen kann, kann man auch aus zweierlei Bewußtsein – dem unseres konkreten und dem unseres abstrakten Seins – vermittels des Lebens und der Welt ein höheres Bewußtsein bilden.

Glücklich, wer nicht denkt, da er instinktiv und dank seiner organischen Bestimmung verwirklicht, was wir anderen auf Umwegen und infolge einer nicht organischen oder gesellschaftlichen Bestimmung verwirklichen müssen. Glücklich, wer den Tieren am ähnlichsten kommt, denn er ist mühelos, was wir alle nur unter selbstauferlegten Mühen sind; er kennt den Weg nach Hause, den wir anderen nur auf imaginären Neben- und Umwegen finden; denn wie ein Baum in der Landschaft verwurzelt, ist er Teil der Landschaft und somit der Schönheit, während wir nur Mythen des Übergangs sind, Statisten des Unnützen und des Vergessens, im lebendigen Kostüm des Lebens.

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Ich glaube nicht sonderlich an das Glück der Tiere, es sei denn, ich möchte diese Vorstellung als Rahmen benutzen, um ein Gefühl besonders hervorzuheben. Um glücklich zu sein, muß man wissen, daß man glücklich ist. Das einzige Glück, das uns ein traumloser Schlaf beschert, ist, wenn wir beim Erwachen wissen, daß wir traumlos geschlafen haben. Das Glück liegt außerhalb des Glücks.

Es gibt kein Glück ohne Wissen. Aber das Wissen vom Glück bringt Unglück; denn sich glücklich wissen heißt wissen, daß Glück Zeit ist und daß Zeit unweigerlich vergeht. Wissen heißt töten, im Glück wie in allem anderen. Und doch, nicht wissen heißt nicht existieren.

Nur das Absolute Hegels hat es vermocht, zweierlei gleichzeitig zu sein – auf dem Papier. Sein und Nicht-Sein mischen sich weder, noch verschmelzen sie in den Empfindungen und Ursprüngen des Lebens: sie schließen einander durch eine umgekehrte Synthese aus.

Was tun? Den Augenblick isolieren wie ein Ding und jetzt glücklich sein, in dem Augenblick, in dem man das Glück empfindet, an nichts anderes denken als an das, was man empfindet, und alles andere vollständig ausschließen. Den Gedanken einsperren in die Empfindung […]

Dies glaube ich an diesem Nachmittag. Morgen früh wird es etwas anderes sein, denn morgen früh werde ich ein anderer sein. Was werde ich morgen glauben? Ich weiß es nicht, denn man müßte bereits im Morgen sein, um es zu wissen. Nicht einmal der ewige Gott, an den ich heute glaube, wird es heute oder morgen wissen, denn heute bin ich, und morgen hat er vielleicht nie existiert.

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Gott schuf mich als Kind und hat mich mein Leben lang Kind bleiben lassen. Warum aber erlaubte er dem Leben, mich zu schlagen, mir mein Spielzeug zu nehmen und mich allein zu lassen im Pausenhof, wo ich meine blaue, von vielen Tränen schmutzige Schürze mit hilflosen Händen zerknitterte? Wenn ich nur verzärtelt leben konnte, warum hat man dann diese Zärtlichkeit mit Füßen getreten? Ach, jedesmal, wenn ich auf der Straße ein Kind weinen sehe, von den anderen verstoßen, schmerzt mich mehr noch als der Kummer des Kindes der furchtbare Schock, den mein müdes Herz bei diesem Anblick erleidet. Ich selbst tue mir weh von Kopf bis Fuß mit dem gefühlten Leben, meine Hände zerknittern den Schürzensaum, mein Mund verzieht sich wirklich weinend, mein ist die Schwäche und mein die Einsamkeit, und das Lachen des erwachsenen Lebens, das an mir vorübergeht, wirkt auf mich wie die Flamme eines Streichholzes, das man am empfindsamen Stoff meines Herzens entzündet.

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Er sang mit samtweicher Stimme ein Lied aus einem fernen Land. Die Musik ließ die unbekannten Worte vertraut erscheinen. Sie wirkte wie ein Fado auf die Seele, hatte jedoch keinerlei Ähnlichkeit mit ihm.

Mit seinen verhüllten Worten und seiner menschlichen Melodie erzählte das Lied von Dingen, die in den Herzen aller sind und die keiner kennt. Er sang wie traumverloren, der Straße entrückt, sein Blick nahm die Zuhörer nicht wahr.

Das versammelte Volk hörte ihm ohne sichtbare Spötteleien zu. Das Lied war das Lied aller, und seine Worte sprachen bisweilen zu uns – orientalisches Geheimnis einer untergegangenen Rasse. Wir hörten den Straßenlärm nicht mehr, wenngleich wir ihn hörten, und die Fuhrwerke rasselten so nah vorüber; daß eines leicht mein Jackett streifte. Doch ich spürte es nur und hörte es nicht. Es lag eine Hingabe in dem Gesang des Unbekannten, die dem, was in uns träumt oder scheitert, wohltat. Ein Menschenauflauf hatte sich gebildet, und alle bemerkten wir den Polizisten, der langsam um die Ecke gebogen und nun ebenso langsam näher kam. Er blieb eine Zeitlang hinter dem Regenschirmverkäufer stehen wie einer, dem etwas unangenehm ins Auge sticht. Der Sänger verstummte. Niemand sprach ein Wort. Da griff der Polizist ein.

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Ich weiß nicht warum, aber mit einem Mal fällt mir auf, daß ich allein im Büro bin. Ich hatte es schon vage geahnt. Irgendwo in meinem Bewußtsein empfand ich große Erleichterung, die Lungen waren anders, atmeten tiefer.

Eine der sonderbarsten Empfindungen, die uns zufällige Begegnungen und Abwesenheiten vermitteln können, ist die des Alleinseins in einem für gewöhnlich belebten, geräuschvollen oder fremden Haus. Plötzlich überkommt uns ein Gefühl absoluten Besitzes, mühelos gewonnener Macht und Weite- und, wie bereits gesagt, ein Gefühl der Erleichterung und Ruhe.

     

 

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